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Verkaufsnetz

In der Uhrenbranche ist ein Kahlschlag im Gang

Die Uhrenmarken gehen über die Bücher 
und streichen ihre Verkaufspunkte zusammen. Viele Händler werden das nicht überleben.

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Uhren: Grosse Marken streichen das Verkaufsnetz zusammen. Keystone RMS

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François-Henry Bennahmias, CEO der Uhrenmarke Audemars Piguet, war am Genfer Uhrensalon SIHH in permanenter Champagnerlaune. Der Grund: Wo die Branche sonst generell auf ein hartes Jahr zurückblickt, konnte Bennahmias Rekordzahlen ankündigen – man habe zugelegt und punkto Umsatz die 900-Millionen-Grenze überschritten, frohlockte er.
Ein Erfolgsrezept von Audemars Piguet war unter anderem die rigorose Streichung von Verkaufspunkten. Im Jahr 2011 wurden weltweit in 540 Läden Audemars-Piguet-Uhren angeboten, heute gibt es nur noch 320 Verkaufsstellen mit den Uhren aus Le Brassus – und das seien immer noch zu viele. «Unser Ziel», betont Bennahmias, «sind 250 Verkaufspunkte.» Ähnlich tönt es überall, ein Kahlschlag ist im Gang: Viele Händler, so glaubt Bennahmias, werden verschwinden.

Weniger Händler, dafür mit massgeschneidertem Produktemix

Ähnlich tönt es bei Girard-Perregaux. Die Marke, die zum französischen Kering-Konzern gehört, hat derzeit 400 Points of Sale. 100 davon, so schätzt CEO Antonio Calce, werden in naher Zukunft verschwinden müssen. «Man hat in den letzten Jahren zum Teil zu stark gepusht und die Lager bei den Händlern aufgeblasen», sagt Calce. Er wolle das Gegenteil: weniger Händler, dafür mit einem massgeschneiderten Produktemix, der lokal Sinn macht.

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So klang es an der Uhrenmesse SIHH quer durch alle Ausstellungsräume. Und nicht nur dort: Der LVMH-Konzern, der auf einem Schiff gleich neben der Montblanc-Brücke Neuheiten zeigte, ist ebenfalls am Rechnen. Für Hublot, so schätzt CEO Ricardo Guadalupe, seien von den 850 aktuellen Verkaufspunkten rund 50 überflüssig. Verabschieden wird man sich natürlich nicht von den eigenen Boutiquen – heute sind es 81 –, sondern von schwach performenden Multimarken-Läden. Wer nur wenige Hublot-Uhren ans Lager nehmen könne, sei zu wenig interessant, sagt Guadalupe, 30 Uhren müssten es schon sein.

«Der Kunde wird seine Uhr kaufen, wo er will und wann er will»

Distribution ist in der Branche Thema der Stunde. Dies machte auch Georges Kern deutlich. Der scheidende CEO von IWC ist neuer Patron der Uhrendivision im Richemont-Konzern und mithin 
ein Schwergewicht der Branche. E-Commerce werde in Zukunft sicher eine Rolle spielen, sagte er an der Messe. Und die Behauptung, man könne online Uhren nur mit Discount verkaufen, sei purer Unsinn. Viel wichtiger: «Der Kunde wird seine Uhr kaufen, wo er will und wann er will.»
Der Mann mit der Champagnerlaune, François-Henry Bennahmias, führt mit Audemars Piguet übrigens eines der heute erfolreicheren und umsatzstarken Unternehmen, vergleichbar mit Patek Philippe, IWC oder TAG Heuer. Wachsen möchte er weiterhin, mehr Uhren werde er in den kommenden fünf Jahren aber nicht produzieren, es bleibe bei 40'000 Stück pro Jahr.

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Das Wachstum will Bennahmias vorab mit einer intelligenten Distribution erreichen. Erstens mit eigenen Boutiquen; derzeit sind es 19, die ihm die ganze Marge in die Kasse spülen. Und zweitens mit einem smarten Produktemix – mehr teurere Uhren am richtigen als billigere am falschen Ort. «Die Uhrenbranche», glaubt er, «hat eine gute Zukunft vor sich.»
Sehen Sie in der Bildergalerie unten, welche Uhren die mächtigen Politiker tragen:
Das sind die Uhren der mächtigen Politiker: US-Präsident Donald Trump  bekam zur Amtseinführung eine Uhr der Schweizer Marke Vulcain. Die Tradition gilt seit Harry Truman für alle US-Präsidenten. Ob er die Vulcain Cricket auch tragen wird, ist aber noch offen. Der Milliardär besitzt zahlreiche weitere Luxusuhren.
Der damalige US-Präsident Barack Obama geht – was die Uhr betrifft – fremd. Er wurde schon mit vielen Modellen gesehen. In den letzten Jahren trug Obama meistens eine Smartwatch von Fitbit für rund 250 Dollar.
Noch bescheidener ist die mächtigste Frau der Welt. Angela Merkel trägt eine Uhr der deutschen Lifestyle-Marke Boccia. Die Boccia Titanium gibt es für 89 Euro zu kaufen.
Kein Prasser ist auch der griechische Premier Alexis Tsipras. Seine Gc Watch hat ein Schweizer Uhrwerk und gleicht äusserlich einer Omega, ist aber für einige hundert Franken zu haben.
Präsident von Venezuela: Nicolas Maduro
Wladimir Putin soll einen Uhrensammlung im Wert von mehreren hunderttausend Franken besitzen. Die Stücke stammen von Patek Philippe, Breguet oder wie hier auf dem Bild von Blancpain. Dafür musste sich der Präsident mit einem offiziellen Jahreslohn von rund 150'000 Franken schon kritische Fragen anhören.
Auch der philippinische Staatschef Rodrigo Duterte gibt sich gern als Mann des Volkes. Seine Uhrensammlung spricht indes eine andere Sprache. Zu seiner Sammlung gehören die Luxusuhr links, wahrscheinlich von Jaeger-LeCoultre, sowie die Pilotenuhr von IWC (r.).
Israels Benjamin Netanjahu hat einen klare Linie – auch was die Armbanduhr betrifft. Die zwei Luminor-Modelle von Panerai sehen beide sehr ähnlich aus.
Südafrikas Präsident Jacob Zuma ist in der Heimat unter anderem wegen seiner Verschwendungssucht unter Beschuss. Die Ulysse Nardin hilft sicher nicht den Ruf loszuwerden.
Eher politisch motiviert ist die Wahl von Japans Premier Shinzo Abe. Er trägt immer Modelle der japanischen Firma Seiko.
Die Jahre in der Schweiz haben Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un geprägt. Kein Wunder trägt er eine Schweizer Uhr. Überraschend ist indes die Wahl der billigen Movado, die er auf vielen Fotos trägt. Die Movado Moderna kostet nur rund 400 Franken.
Die Identifizierung der Politikeruhren ist nicht immer leicht. Die Armbanduhr von Chinas Präsident Xi Jinping ist beispielsweise nur auf sehr wenigen Fotos zu sehen und deshalb kaum zu bestimmen. Ausserdem besteht immer die Möglichkeit, dass es sich um Fälschungen oder billige Lookalikes handelt, solange die Politiker nicht selbst offenlegen, welche Uhr sie tragen. (Disclaimer: Diese Bildergalerie entstand Ende 2016, aktualisiert: 5. Februar 2018.)
Auch der französische Staatspräsident Emmanuel Macron, ist im Besitz einer teuren Uhr: Er trägt eine Longines Dolce Vita.
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RMS
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