Auktionen

Wie eine Uhr unter den Hammer kommt

Eine Rolex als Pfand, heftige Bietergefechte und coole Raritäten: So tickt das Ostschweizer Auktionshaus Rapp.

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Das Auktionshaus Rapp wurde vor 55 Jahren gegründet – und erzielte zu Spitzenzeiten mehrere Millionen Franken Umsatz in wenigen Tagen. KURT ZUBERBUEHLER InspirationBild.ch

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Wie gut der Mann – von Beruf Pilot – im Südtiroler Gasthof am Ritten geschlafen hat, ist nicht überliefert. Fest steht hingegen, dass er sich beim Bezahlen eines peinlichen Malheurs gewahr wurde: Er hatte zu wenig Geld dabei. Doch rasch fand man aus der Bredouille: Der Pilot zog seine Rolex vom Handgelenk und hinterliess sie dem Wirt. Als Pfand.
Das war, in den 1960er-Jahren, der Start zu einer überraschenden Geschichte. Denn die Uhr – eine GMT-Master «Bakelite», Referenz 6542 mit der begehrten Pepsi-Lünette aus Bakelit – wurde nie mehr abgeholt. Stattdessen blieb sie über Jahrzehnte im Besitz der Wirtsfamilie, avancierte zum Erbstück – und kam jüngst beim Ostschweizer Auktionshaus Rapp unter den Hammer. Rund 30’000 Franken erzielte das Modell von 1959 mit feinem rotem GMT-Zeiger. Kein schlechter Preis für eine Übernachtung.
Die GMT-Master «Bakelite».
Die GMT-Master «Bakelite».zVg
Die GMT-Master «Bakelite».
Die GMT-Master «Bakelite».zVg
Die Geschichte erzählt der gut gelaunte Martin Ohmann Rapp im Rapp-Hauptsitz in Wil SG aus den frühen 1980er-Jahren. Ohmann Rapp gehört zur Besitzerfamilie, ist Auktionator, Uhrenkenner – und jemand, der weiss, dass fast jede Vintage-Uhr ihre eigene Biografie mitbringt. Nicht selten spielen dabei die klassischen drei «D» eine Rolle: debt, death, divorce – Schulden, Tod oder Scheidung. Doch längst nicht immer.

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Und schon gar nicht fliegen die raren Stücke von allein auf den Auktionstisch – harte Arbeit vom Versteigerungshaus steckt dahinter. Konkret: Über 2000 Gespräche im Jahr führen Martin Ohmann Rapp und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um ihre Exponate zu akquirieren; Uhren werden an Expertentagen in Bern, Basel, Luzern, Lugano, Zürich, Kitzbühel, Wien, Baden-Baden, Luxemburg und auf Mallorca kritisch begutachtet und bewertet. Als Experte mit dabei: René Clémençon, gelernter Uhrmacher und versierter Patek-Philippe-Kenner, einst bei der Zürcher Chronometrie Beyer angestellt.
Martin Ohmann Rapp führt Tausende Gespräche, bevor Uhren auf seinem Auktionstisch landen.
Martin Ohmann Rapp führt Tausende Gespräche, bevor Uhren auf seinem Auktionstisch landen.zVg
Martin Ohmann Rapp führt Tausende Gespräche, bevor Uhren auf seinem Auktionstisch landen.
Martin Ohmann Rapp führt Tausende Gespräche, bevor Uhren auf seinem Auktionstisch landen.zVg
«Es kommt nichts ins Haus, von dem wir nicht wissen, dass es einwandfrei ist und bestens funktioniert», sagt Martin Ohmann Rapp. Kürzlich zum Beispiel habe er fünf Rolex-Uhren refüsiert, weil ihr Zustand den Anforderungen des Hauses nicht entsprach. «Man muss vorsichtig sein und seriös prüfen», sagt er, «Fälschungen und Frankenstein-Uhren sind verbreiteter, als man denkt.» Frankenstein-Uhren, dies nebenbei, nennt man Modelle, die aus echten Teilen verschiedener Modelle oder Jahrgänge zusammengesetzt wurden – meist mit dem Ziel, sie wertvoller oder seltener erscheinen zu lassen.

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Neben den Expertentagen finden regelmässig auch Themenevents statt. Kürzlich waren auf Mallorca als Referenten einer Uhren-Soirée etwa die deutsche Kunsthistorikerin Heide Rezepa-Zabel – bekannt aus der TV-Sendung «Bares für Rares» – sowie ein renommierter Sammler zu Gast. Das Publikum war begeistert.
Ursprünglich ist das vor 55 Jahren von Peter Rapp gegründete Auktionshaus Rapp im Geschäft mit Briefmarken sowie Münzen gross geworden, zu den guten Zeiten erzielte man damit in zehn Tagen mitunter 30 Millionen Umsatz. Heute ist es um die kleinen Papier-Preziosen sowie Numismatik eine Spur ruhiger geworden. Rapp hat als Folge diversifiziert, agiert auch als Auktionshaus für Schmuck sowie Handtaschen – und etabliert sich als ernst zu nehmender Akteur im Uhrenbereich.
Das Auktionshaus Rapp hat sich in den letzten Jahren zur Top-Adresse für Vintage-Uhren entwickelt.
Das Auktionshaus Rapp hat sich in den letzten Jahren zur Top-Adresse für Vintage-Uhren entwickelt.KURT ZUBERBUEHLER InspirationBild.ch
Das Auktionshaus Rapp hat sich in den letzten Jahren zur Top-Adresse für Vintage-Uhren entwickelt.
Das Auktionshaus Rapp hat sich in den letzten Jahren zur Top-Adresse für Vintage-Uhren entwickelt.KURT ZUBERBUEHLER InspirationBild.ch
Das Besondere dabei: Wie bei den grossen Mitbewerbern – Christie’s, Sotheby’s, Phillips etc. – bietet Rapp immer wieder erlesene Preziosen an, teuerste und seltenste Stücke von Patek Philippe, Rolex, Audemars Piguet und den üblichen Verdächtigen. Doch auch für normal verdienende Uhrenfans hat es Begehrenswertes; im aktuellen Katalog finden sich etwa eine Jaeger-LeCoultre Powermatic aus den frühen 1950er-Jahren mit der charakteristischen weiss-roten Gangreserveanzeige (Schätzpreis 900 bis 1400 Franken), eine elegante IWC-Dresswatch mit Kaliber 89 im Gelbgoldgehäuse (1200 bis 1800 Franken) oder eine Omega Seamaster «Bumper» mit Hammerautomat (500 bis 800 Franken).

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«Keine sterile Perfektion, sondern lebendige Uhrmacherei», heisst es dazu im Katalog. Martin Ohmann Rapp und sein Sohn Nicolas, der ebenfalls ins Unternehmen eingestiegen ist, sehen es ähnlich: «Wir mögen Details, ehrliche Qualität und Stücke mit Geschichte. Und wir glauben, dass echte Sammelleidenschaft dort beginnt, wo man nicht einfach dem Markt folgt, sondern dem eigenen Auge.»
Die Bamboo Day-Date Moonphase von Audemars Piguet.
Die Bamboo Day-Date Moonphase von Audemars Piguet.zVg
Die Bamboo Day-Date Moonphase von Audemars Piguet.
Die Bamboo Day-Date Moonphase von Audemars Piguet.zVg
Zu entdecken hat dieses allerlei – unter den Stücken für die nächste Auktion vom 4. Juni führt der 160 Seiten starke Katalog etwa eine recht spezielle, über 70 Jahre alte Audemars Piguet Bamboo Day-Date Moonphase auf, die ihren Namen vom Gold-Armband mit einem ungewöhnliche Bambus-Muster hat. Oder eine Patek Philippe Nautilus Referenz 5712G in Weissgold. Ebenfalls bemerkenswert: Die Movado Andy Warhol «Times/5» – fünf Gehäuse, fünf Zifferblätter, stets mit einem Fotomotiv des Pop-Art-Künstlers.
Besonders spannend wird es für den Auktionator, wenn sich um ein Stück ein echtes Bietergefecht entwickelt. Erst kürzlich lieferten sich zwei Frauen ein Duell um eine Uhr, die ursprünglich auf 90’000 Franken geschätzt worden war. Am Ende, es war still geworden im Saal, fiel der Hammer bei 280’000 Franken.

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Solche Momente verleihen Auktionen ihre eigene Dynamik – irgendwo zwischen Theater und Spitzensport. Und sie befeuern das Geschehen. Rund 150 Personen sitzen jeweils im Saal, immer mehr verfolgen das Geschehen jedoch online. Damit alles reibungslos funktioniert, beschäftigt Rapp 15 feste Mitarbeitende; an Auktionstagen stehen bis zu 50 Personen im Einsatz.
Sie sorgen für das Wohl der Kunden. Aber auch für die Sicherheit. Man kann ja eine Rolex durchaus als Pfand einsetzen. Man sollte sich aber eine coole Vintage-Uhr nicht stehlen lassen.

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