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74,8 Millionen Franken Umsatz

Das Auktionshaus Phillips bricht alle Rekorde

Die Auktion vergangene Woche stellte 43 neue Weltrekorde auf – und zeigt damit, dass Uhren endgültig in der Liga der High-End-Assets spielen.

Oliver Scharping

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Weltrekord: Die Patek Philippe 2523 in Gelbgold mit polychromem Cloisonné-Zifferblatt kam für 7’961’000 Franken unter den Hammer. zVg

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Die vergangene Woche war eine grosse Woche am Lac Léman. Beim Auktionshaus Phillips läutete Aurel Bacs nach zwei Tagen einen Gesamterlös von 74,8 Millionen Franken ab – die umsatzstärkste Uhrenauktion der Geschichte, 43 neue Weltrekorde, 14 Lose jenseits der Millionenschwelle. Der vorherige Bestwert, ebenfalls Phillips, war keine sechs Monate alt. Das Schaufenster strahlt.
Aus Sicht eines Investors lohnt es sich, einen Moment innezuhalten. Alle nachfolgend genannten Resultate sind Bruttozuschläge inklusive Buyer’s Premium, die bei Phillips zwischen 14,5 und 27 Prozent beträgt.
Oliver Scharping (38) ist Senior Portfolio Manager bei Europas ältester Privatbank, Honorarprofessor für Finanzen und Investments und Autor von «Investing in Watches» (2021).

Wo der Hammer fiel

Das Drehkreuz der Woche war Phillips im Hotel President Wilson. 225 Lose, sauber kuratiert entlang dreier Käuferkohorten: Trophäen-Vintage, unabhängige Uhrmacherei und eine 24-teilige Gruppe historischer Chronometrie. Headliner war Lot 27, eine gelbgoldene Patek Philippe Referenz 2523 mit polychromem Cloisonné-Emaillezifferblatt – eines von zwei bekannten Exemplaren mit Südamerika-Motiv. Schätzwert «in excess of CHF 5 Mio.», zugeschlagen bei 7’961’000 Franken – Weltrekord für die Referenz und die zweite Vintage-Patek überhaupt, die in einem öffentlichen Einzellos die Zehn-Millionen-Dollar-Marke überschreitet. Begleitet wurde sie von einer 2018er Sky Moon Tourbillon Ref. 6002G-010 mit schwarzem Emaillezifferblatt bei 3’242’000 Franken, in der oberen Hälfte ihrer Schätzung.

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Die Patek Philippe 2523 in Gelbgold wechselte für knapp 8 Millionen Franken den Besitzer.
Die Patek Philippe 2523 in Gelbgold wechselte für knapp 8 Millionen Franken den Besitzer.zVg
Die Patek Philippe 2523 in Gelbgold wechselte für knapp 8 Millionen Franken den Besitzer.
Die Patek Philippe 2523 in Gelbgold wechselte für knapp 8 Millionen Franken den Besitzer.zVg
Daneben lief eine Lehrstunde in zeitgenössischer Uhrmacherei. Eine Akrivia AK-06 in Stahl (Schätzung 350–700 Tsd.) hammerte bei 3’000’000 Franken, eine Greubel Forsey × Philippe Dufour × Michel Boulanger «Naissance d’Une Montre 1» bei 1’651’000 Franken. Das historisch bewegendste Stück war eine Agassiz «Victory Watch» – 1945 an Charles de Gaulle übergeben, mit Stundenzeiger in Form des Lothringer Kreuzes –, die gegen 300–600 Tsd. Schätzung 1’460’500 Franken erzielte. Daneben holte ein Louis Richard «Triple Detent Constant Force One Minute Tourbillon Chronometer» – Taschenuhr, einziges bekanntes Exemplar – 3’968’000 Franken als Weltrekord für einen Pocket-Chronometer, flankiert von einer Louis Audemars «La Royale» bei 2’516’000 Franken und einem Paul-Ditisheim-Tourbillon bei 1’270’000 Franken. Wer den Markt nur über Armbanduhren liest, hat hier eine Lektion verpasst.

Die Sache mit der Emotion

Auf keinem anderen Marktplatz wird «Emotion» so geschickt zelebriert wie an einer Uhrenauktion. Das gehört zum Handwerk: Ein Auktionator, der das Publikum daran erinnert, dass es nicht um Geld geht, sondern um ein Stück Geschichte, hat einen leicht volleren Saal und – das darf man nüchtern anerkennen – einen leicht höheren Zuschlag. Wer ohne festes Preistarget den Saal betritt, hebt die Hand im Eifer eine Inkrementstufe höher; und über die Käuferprämie schliesst sich der Kreis zwischen Romantik und Geschäftsmodell.

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Nur stimmt das Narrativ nicht. Die «pure Emotion» wird mit jeder Million unplausibler.
Beispiel gefällig? Patek Philippe Referenz 1518. Der heilige Gral. Der erste in Serie gefertigte ewige Kalender mit Chronograph, rund 281 Exemplare zwischen 1941 und 1954, die Mehrzahl in Gelbgold, knapp 60 in Rosé, vier bekannte in Stahl. Bei Phillips’ «Decade One» im November 2025 wurden mit Stahl und Roségold zwei Materialvarianten im selben Sale aufgerufen – ein Auftritt, den das Haus entsprechend gross zelebrierte. Die Realität: Gelbgold-1518er erscheinen mit beachtlicher Regelmässigkeit, fast jede grosse Saison eine. Das Stahl-Exemplar wechselte 2016 für rund 11 Millionen Franken den Besitzer, neun Jahre später für 14,2 Millionen Franken – eine perfekt dokumentierte Halteperiode mit perfekt dokumentierter Wertsteigerung.
Wer in dieser Frequenz dieselbe Referenz auf den Markt bringt, kauft nicht aus Liebe auf den ersten Blick. Er kauft mit Kalkül – Holding Period, Total Return, Käuferpool im nächsten Zyklus. Wer für eine 1518 zehn Jahre lang ein zweistelliges Millionenkapital bindet, ist nicht mehr primär Liebhaber. Er ist liebhabender Allokator.
Spekulation in Reinform: Die F.P. Journe Élégante 48 kostete im Retail 10’000 Franken. An der Auktion fiel der Hammer bei 82’550 Franken.
Spekulation in Reinform: Die F.P. Journe Élégante 48 kostete im Retail 10’000 Franken. An der Auktion fiel der Hammer bei 82’550 Franken.zVg
Spekulation in Reinform: Die F.P. Journe Élégante 48 kostete im Retail 10’000 Franken. An der Auktion fiel der Hammer bei 82’550 Franken.
Spekulation in Reinform: Die F.P. Journe Élégante 48 kostete im Retail 10’000 Franken. An der Auktion fiel der Hammer bei 82’550 Franken.zVg

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Vom Sammlerschrank ins Portfolio

Viele Privatbanken unterhalten bereits seit Jahren Art Advisory Teams für UHNW-Kunden – an der Schnittstelle zwischen Sammelleidenschaft, Bewertung, Versicherung und Liquiditätsplanung. Uhren sind der Kunst inzwischen näher als ferner: Marktgrösse, Datenqualität, Auktionsinfrastruktur, Halteperioden. Allein Phillips schloss 2025 mit 290 Millionen US-Dollar an Auktionsumsätzen ab – fünftes Jahr in Folge oberhalb der 200-Millionen-Dollar-Schwelle, plus rund 80 Millionen US-Dollar Private Sales. Aurel Bacs sagte es nach dem Hammer am Sonntag selbst: Vor dreissig Jahren war ein Departments-Jahresumsatz von 100 Millionen US-Dollar unvorstellbar; heute sässen die Uhren «auf dem Podium neben bildender Kunst, hochkarätigem Schmuck und historischen Automobilen».
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das erste Wealth-Management-Haus eine eigene Watch Advisory Practice betreibt – nicht als Concierge für Akquisitionen, sondern als Asset-Klassen-Coverage mit Pricing-Modellen, Liquiditätsbenchmarks und Performance-Reporting. Einige machen das bereits informell. Bis zur formalisierten Variante ist es noch etwas hin.
Aber wer beim nächsten Rekord-Hammer in Genf zuhört, sollte sich nicht täuschen lassen: Im Saal sitzt mitunter längst auch ein Allokator. Er klatscht nur leiser.

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