Auf den ersten Blick las er seiner Branche die Leviten. Auf den zweiten Blick rief er flehentlich um Hilfe.
Sergio Marchionne, Chef und Verwaltungsrat des Automobilkonzerns Fiat Chrysler (FCA), hielt Ende April eine seiner berรผchtigten, viel zu langen Prรคsentationen โ hatte allerdings eine dramatische Botschaft zu verkรผnden: Die gesamte Autoindustrie sei ein Club von Wertvernichtern und Kapitalverschwendern, die bei Renditekennziffern wie Ebit-Marge oder Return aufs eingesetzte Kapital anderen Branchen hoffnungslos hinterherhinkten. Denn zu viele Hersteller entwickelten technische Lรถsungen fรผr dieselben Probleme parallel nebeneinanderher โ kostspielige Anstrengungen, in vielen Fรคllen sinnlos, weil sie beim Kunden nicht den berรผhmten Unterschied ausmachen, also nichts zum speziellen Markenerlebnis beitragen. Im kleinen Kreis soll Marchionne auch schon รผber die ยซdรผmmste Industrie, die es gibtยป, gelรคstert haben.
In seinem programmatischen Vortrag, den er mit ยซConfessions of a Capital Junkieยป รผberschrieben hatte, zeigte Marchionne angebliche รberschneidungen zwischen dem geplanten Motoren- und Getriebeprogramm der Fiat-Gruppe und anderen Herstellern auf, die bis zu 90 Prozent betragen wรผrden. Alles in allem, rechnete er vor, brรคchte eine ยซKombinationยป der Fiat-Chrysler-Gruppe mit einem Konkurrenten bis zu 4,5 Milliarden Euro Synergien pro Jahr.
Und jetzt? ยซKonsolidierung der Industrieยป, forderte Marchionne โ mit dem Hinweis, das alles sei selbstverstรคndlich nicht so zu verstehen, als biete sich Fiat zum Verkauf an, und schon gar nicht als Plan zu ยซSMโs final big dealยป, dass sich Marchionne mit einem Paukenschlag-Geschรคft bei Fiat verabschieden wolle.
Das war natรผrlich gelogen. Wobei: ยซVerkaufsofferteยป wรคre tatsรคchlich das falsche Wort. ยซBetteleiยป trifft es schon eher.
Geteilte Marke
Zwar spricht Marchionne schon seit Monaten von seiner Hoffnung, Fiat bei einem globalen Autoriesen unterzubringen, er hat sich bislang aber nur Kรถrbe geholt โ von General-Motors-Chefin Mary Barra, von Ford-Amerika-Chef Joe Hinrichs; die erfolgreichen Deutschen haben sowieso kein Interesse. Und die letzte Hoffnung, dass sich ein chinesischer Autobauer via Fiat in Europa einkaufen will, wie es Geely mit Volvo vorgemacht hat, dรผrfte an der stolzen Bรถrsenbewertung von FCA scheitern: ยซIch sehe zurzeit keinen chinesischen Autobauer, der eine รbernahme dieser Grรถsse stemmen kรถnnte und auch den dafรผr notwendigen Rรผckhalt der Regierung hรคtteยป, sagt Gregor Matthies, Autoexperte der Beratungsfirma Bain & Company. Marchionne will heiraten, findet aber kein Date.
Kein Wunder: Die Mitgift ist vergiftet. Fiat schleppt Schulden mit sich, verbrennt Cash und hat auf der Habenseite nicht viel anzubieten. Lancia ist tot, Alfa Romeo komatรถs, und die Kernmarke Fiat ยซist ein geteilter Brand, in Europa, Brasilien und China sind die Markenpositionierung und die Produktpalette jeweils verschiedenยป, sagt Luca Ciferri, Fiat-Experte beim Branchenblatt ยซAutomotive Newsยป โ wรคhrend Konkurrenten wie Ford ihre Autos kostensparend auf global einheitlichen Plattformen bauen.
Schwรคche im Konzernportfolio
Willi Diez, Professor fรผr Automobilwirtschaft im deutschen Nรผrtingen, sieht zudem das Fehlen von SUV-Modellen als grรถsste Schwรคche im Konzernportfolio, und im Grossmarkt China, wo sich bereits das Wachstum abflacht, ยซist Fiat viel zu spรคtยป. Maserati hat zwar derzeit ein positives Momentum, wird aber nie grosse Stรผckzahlen bringen, und Ferrari wird immer ein Nischenhersteller bleiben. Das eintrรคgliche US-Geschรคft der Konzerntochter Chrysler lรคuft zwar gut, doch Marktbeobachter wissen: Chrysler, Nummer vier im US-Markt, erkauft sich den Absatz รผber hohe Rabatte โ hรถhere, als die Marktfรผhrer GM, Ford und Toyota gewรคhren. Einzig die Marke Jeep lรคuft rund und verspricht Zukunftspotenzial.
Die Misere schlรคgt sich auch im eigentlich Italien-affinen Schweizer Automarkt nieder. Bei den Modellen Panda und Punto gehen die Verkaufszahlen zurรผck, Fiats Marktanteil, einst bei fรผnf Prozent, liegt deutlich unter der Bedeutsamkeitsmarke von drei Prozent. Von den noch 9029 Autos, die Fiat 2014 an den Schweizer und die Schweizerin gebracht hat, entfallen 4150 auf den Fiat 500. Ohne die kleine Knutschkugel wรคre die gesamte Marke Fiat auf das Niveau der BMW-Tochter Mini abgerutscht. Und Alfa Romeo erzielt nicht einmal mehr ein halbes Prozent Marktanteil.
Wie Marchionne es schafft, dass Fiat dennoch an der Bรถrse in aktionรคrsbeglรผckenden Hรถhen rangiert, zeigt das Beispiel Alfa Romeo. 2007 verkรผndete er, die Verkaufszahlen bis 2010 auf 300โ000 Neuwagen zu verdoppeln. Der Absatz ging jedoch auf rund 100โ000 zurรผck, bis er 2010 versprach, im Jahr 2014 werde Alfa fรผr 500โ000 Autos Kunden finden. Marchionnes neueste Prophezeiung: Von zuletzt 74โ000 verkauften Einheiten soll es bis 2018 auf 400โ000 aufwรคrtsgehen. 2016 bis 2018 werde Alfa sage und schreibe sieben neue Modelle auf den Markt bringen, darunter einen neuen Top-Sportwagen โ ein geplatztes Luftschloss wird einfach durch ein nรคchstes ersetzt. Solche Ankรผndigungen ยซvermindern die Glaubwรผrdigkeitยป, urteilt Willi Diez.
Von den Franzosen abgehรคngt
Als Marchionne 2004 bei Fiat startete, waren die Italiener mit Wettbewerbern wie Renault und Peugeot punkto Modellpalette und Technik auf Augenhรถhe. Heute sind die Franzosen enteilt, Fiat hinkt weit hinterher. Marchionne hat zudem klassische Automanager aus Turin vertrieben โ so den frรผheren Audi-Boss Herbert Demel, der die Marke Fiat aufrichten sollte, oder den Alfa-Chef Luca de Meo, einst Teil der ยซMarchionne-Boysยป, eines eingeschworenen Trupps von Jungmanagern, welche die rechte und die linke Hand des Allmรคchtigen sind.
De Meo und Demel wollten gute Autos bauen, ins Produkt investieren. Doch Marchionne, sagt ein Insider, wolle kein Geld ausgeben โ er habe immer ยซunterinvestiertยป und schlicht gehofft, dass die Ergebnisse dennoch stimmen. ยซMilking the businessยป, nennt ein Konzernmann dieses Vorgehen, das den Begriff Strategie kaum verdient: Geringe Investitionen und wenige neue Produkte โ das steigert kurzfristig den Profit. Langfristig zehrt es ein Unternehmen aus.
Man kann es auch ins Positive wenden: Marchionne ยซsieht einfach zu, dass er jeweils die Zeit รผberlebt, die vor ihm liegt, da zeigt sich ein Investment-Banker-Stilยป, sagt der deutsche Autoexperte Ferdinand Dudenhรถffer. Ohne den Italo-Kanadier ยซwรผrden wir Fiat nur noch aus den Geschichtsbรผchern kennenยป.
Das mag รผberzeichnet sein. Aber an diesem Punkt der Geschichte lohnt sich ein Blick zurรผck โ auf Marchionnes eigentlichen Arbeitsauftrag in Turin. Und das, was er an Erfahrungen mitbrachte.