Gregory Kissling wusste, worauf er sich einliess. Und wie gross die Aufgabe sein wΓΌrde.
Als er im Oktober 2024 den Posten des CEO bei Breguet antrat, ΓΌbernahm er nicht einfach eine Uhrenmarke mit viel Prestige, grosser technischer Substanz und einer Historie, die kaum ein Konkurrent bieten kann. Er ΓΌbernahm auch eine Marke, die sich seit einigen Jahren weit unter ihren MΓΆglichkeiten entwickelt hatte.
Doch Monumente neigen dazu, in Ehrfurcht zu erstarren. WΓ€hrend Konkurrenten wie Patek Philippe oder Vacheron Constantin in den letzten Jahren grΓΆsser und grΓΆsser wurden, entwickelte sich Breguet rΓΌckwΓ€rts. Mit geschΓ€tzten rund 15β000 produzierten Uhren pro Jahr und einem Umsatz von gegen 200 Millionen Franken gehΓΆrt Breguet heute zu den kleineren Playern der Haute Horlogerie. FΓΌr eine Marke mit diesem historischen Gewicht bemerkenswert klein.
Die erste Neuheit von Breguet 2026: Kissling schreibt die ikonische Tradition fort.PR
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Γhnlich klingt es von Sammlern: Β«Die Herausforderungen der jΓΌngeren Vergangenheit betreffen weniger die ProduktqualitΓ€t, wo Breguet nach wie vor hervorragend aufgestellt ist, sondern vielmehr die Positionierung und die WahrnehmungΒ», sagt Alexander Friedman, GrΓΌnder des Uhrensammler-Netzwerks CollectorSphere, Β«unter Sammlern gilt die Marke in vielerlei Hinsicht als schlafender RieseΒ».
Neuer Takt
Das umschreibt die Herausforderung von Kissling. Er muss bewahren und gleichzeitig erneuern, Erwartungen erfΓΌllen und neue Impulse setzen. Er muss zeigen, dass Breguet nicht nur eine grosse Vergangenheit hat, sondern auch eine Zukunft. Ein kolossaler Job. Kissling lacht und sagt: Β«Das Angebot war ein Traum fΓΌr mich.Β»
Erhalten hat er es 2024 an einem schΓΆnen Junitag von Nayla Hayek, PrΓ€sidentin der Swatch Group, und deren Sohn Marc Hayek, CEO von Blancpain und PrΓ€sident von Breguet. Es folgten ein paar Tage Bedenkzeit, RΓΌcksprache mit der Familie und schliesslich ein handgeschriebener Brief an die Hayeks mit seiner Zusage.
Dann legte er los. Er nahm Kontakt auf mit Emmanuel Breguet, einem Nachfahren des Uhrmachers in siebter Generation. Dieser ist Head of Patrimony, der lebendige HΓΌter des Erbes β und bekannt dafΓΌr, ein wandelndes Breguet-Lexikon zu sein. Β«Wir sind seither in intensivem AustauschΒ», sagt Kissling, der sich in dem Zusammenhang auch mal als Β«DysonΒ», also als kraftvoller Alleseinsauger, beschreibt. Die Sommermonate habe er dem Studium der Marke gewidmet, erzΓ€hlt er, ΓΌber den ein Interner sagt, er habe drei Gehirne. Hat er auch gebraucht, denn 2025 stand das 250-Jahr-JubilΓ€um an, die Zeit war also knapp. Sein erster Tag? Β«Am 4.β Oktober erklΓ€rte ich allen meine StrategieΒ», erzΓ€hlt er, Β«damit die rechte Hand weiss, was die linke macht.Β»
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Β«Ich war nie nur aufs Produkt fixiertΒ», sagt Gregory Kissling.Reto Albertalli fΓΌr BILANZ
Β«Ich war nie nur aufs Produkt fixiertΒ», sagt Gregory Kissling.Reto Albertalli fΓΌr BILANZ
Kissling kommt nicht aus dem Marketing, und er war auch noch nie CEO. Er ist Ingenieur, der vor rund 20β Jahren von Cartier zu Omega wechselte und dort bis zum Vice President Product Development aufstieg. Ihm werden Meilensteine zugerechnet, wie die Wiederbelebung des Kalibers 321 der Speedmaster, die bei der Mondlandung dabei war, Materialinnovationen wie die Omega-eigenen Goldlegierungen, und auch im Zusammenhang mit der MoonSwatch fΓ€llt sein Name. Er habe ein ausgesprochen gutes Sensorium fΓΌr Produkte, sagt einer, der bei Omega mit ihm zusammenarbeitete. Woher? Β«Offenheit, ich war nie nur aufs Produkt fixiertΒ», erklΓ€rt er, Β«ich war permanent in Kontakt mit den MΓ€rkten, den HΓ€ndlern, Sammlern. Schliesslich will man ja etwas verkaufen.Β»
So kam Breguet zum Breguet-Gold, es war Kisslings erster Akt und das Ergebnis seiner ausgefahrenen Antennen: In vielen MΓ€rkten, ganz besonders in Asien, wo man rund die HΓ€lfte des Umsatzes erziele, sei Gelbgold wieder am Kommen, sagt er. Β«Und wir hatten das nicht im Angebot.Β» Die Legierung war rasch gefunden β Gelbgold mit einer Prise Palladium. Kissling taufte sie Β«Breguet-GoldΒ» und erklΓ€rte sie zum Β«gemeinsamen NennerΒ» fΓΌr die Uhren, mit denen er im JubilΓ€umsjahr von Breguet reden machen wollte. Und zwar nicht nur einmal.
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Die Erste im JubilΓ€umsjahr 2025 war die Classique Souscription. Preis: 45β000 Franken.PR
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Sie kennen die Legende der Breguet Marie-Antoinette? Ein Verehrer der KΓΆnigin gab sie 1783 beim Uhrmacher in Auftrag. Er wollte fΓΌr sie eine Uhr, die alle damals bekannten uhrmacherischen Komplikationen enthalten sollte β ohne RΓΌcksicht auf Kosten oder Zeitaufwand. Der Zeitmesser wurde 1827 fertig. Weder Marie-Antoinette noch Breguet haben ihn je vollendet gesehen: Der Uhrmacher starb 1823, die KΓΆnigin wurde 1793 hingerichtet. Es war der Sohn des Uhrmachermeisters, der das Εuvre β Nr. 160 β vollendet hat.
Diese Taschenuhr hat seither fΓΌr einige Schlagzeilen gesorgt: als sie 1983 gestohlen wurde, als Nicolas Hayek 2004 eine originalgetreue Rekonstruktion anfertigen liess, um die Geschichte der Marke neu zu beleben. Und als das Original 2007 wieder auftauchte. Nr. 160 ist heute im L.A. Mayer Museum for Islamic Art in Jerusalem ausgestellt, die von Nicolas Hayek initiierte Rekonstruktion, Nr. 1160, im Breguet-Museum an der Place VendΓ΄me in Paris.Kaum ein Zeitmesser erzΓ€hlt besser, wofΓΌr Breguet eigentlich steht: das Nonplusultra. Und die Abschlussparty auf Schloss Versailles war ein Hinweis darauf, wohin Kissling mit der Marke steuert. ZurΓΌck in die Zeit vor 2010, in die Γra Nicolas Hayek.
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Das heisst: Breguet will wieder stΓ€rker ΓΌber ihre Substanz, ihre Geschichte und ihre uhrmacherische Kompetenz sprechen. Dass das mehr als Strategie ist, zeigt sich dort, wo bei Breguet alles beginnt: an den WerkbΓ€nken der Manufaktur in Le Chenit.
Der Geist β ohne RΓΌcksicht auf Kosten und Zeitaufwand β ist hier omniprΓ€sent. Ein Besuch lehrt: Um Breguet zu verstehen, reicht es nicht, die Uhren zu betrachten. Es steckt sehr vieles in ihnen, was das Auge nicht sieht, und manches, von dem man sich beim Anschauen keinen Begriff macht. Beispiel Guillochierung: Hier sitzen Spezialisten an grossen, mechanischen Apparaten, steuern mit einer Handkurbel einen Stichel und ritzen feinste Muster in ZifferblΓ€tter. Die Technik hat Abraham-Louis Breguet in der Uhrmacherei etabliert, um die Ablesbarkeit seiner Uhren zu verbessern, Funktionen optisch zu strukturieren und seine Werke zugleich vor FΓ€lschungen zu schΓΌtzen. FΓΌr ein Zifferblatt aus Gold braucht Swenja, die schon seit 15β Jahren guillochiert, im Schnitt eineinhalb Stunden, fΓΌr ein Zifferblatt aus Perlmutt lΓ€nger, da es so fragil ist. Moderne Maschinen kΓΆnnten diese Arbeit ungleich schneller erledigen. Β«KΓΆnntenΒ», sagt die junge Frau lachend, Β«aber nicht hier.Β»
Null effizient, sehr traditionell. Ist die Platine angliert, wird Nicolas sieben Tage an ihr gefeilt haben. Bei den Graveuren im selben Atelier ist es still. Unter dem Mikroskop schneiden sie mit Sticheln und Engelsgeduld Linien in das Metall, Ornament fΓΌr Ornament, arbeiten stunden-, zum Teil wochenlang an einem einzigen Bauteil. Vieles davon wird spΓ€ter kaum sichtbar sein, da es auf der Unterseite des Kalibers vollbracht ist, nur zu sehen, wenn die Uhr abgelegt wird.
Die andere hohe Disziplin: die Minutenrepetition. Der Uhrmachermeister, der darΓΌber wacht, ist eigentlich Biologe und Mathematikfan, landete aber vor 25β Jahren bei Breguet. Sein Stolz: sein Klang. Β«Ich fokussiere mich nur auf den TonΒ», sagt er, wΓ€hrend er eine Minutenrepetition auf einem ResonanzkΓΆrper aus Holz zum Klingen bringt. Der Sound ist voluminΓΆs, raumgreifend, berΓΌhrend. Β«Es gibt die Mechanik, und es gibt die EmotionΒ», kommentiert der Mann zufrieden. Seinen Namen darf er nicht verraten β Spezialisten wie er sind zu rar und kaum zu ersetzen.
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