Die Regierung bemüht Ausreden für den Wegzug der Bank. Wenn Zürich die Schweizer Wirtschaftshauptstadt bleiben will, muss es möglich sein, Firmenareale für 1500 Angestellte zu bauen.
Die Ankündigung der Bank Vontobel, ihren Hauptsitz von Zürich abzuziehen und mit 1500 Arbeitsplätzen nach Baar zu verlegen, ist ein Paukenschlag. Und dies aus mehreren Gründen. Natürlich spielten beim Wechsel vom Hochsteuerkanton Zürich in den Tiefsteuerkanton Zug die Unternehmenssteuern eine Rolle. Das Gegenteil zu behaupten, wäre entweder naiv – oder schlicht gelogen.
Die instinktiv folgende Debatte in der Lokalpolitik war denn auch absehbar: Hier die Forderungen, Zürich möge endlich die rekordhohen Steuersätze senken, da die Beschwichtigungen, solche Steuergeschenke seien weder zweckdienlich noch nötig. Tatsächlich wechseln jeden Tag Firmen in der Schweiz den Sitz. Das ist auch gut so.
Und doch ist der Fall Vontobel speziell. Nicht nur, weil es in der Geschichte der Schweizer Banken wenige solche Sitzverlegungen gibt. Die UBS hält bei seinem Stammhaus sogar noch am durch die Fusion von 1998 zustande gekommenen Doppelsitz Zürich-Basel fest. Sondern vor allem auch, weil der Schritt viel über Zürich als Finanzplatz und Wirtschaftsstandort aussagt.
«Die Stadt ist gebaut», Version 2.0
Da wäre einmal die Tatsache, dass es angeblich «fast nicht mehr möglich» ist, in der Wirtschaftshauptstadt der Schweiz einen Campus für 1500 Angestellte zu bauen. So zumindest sieht das der Stadtzürcher Finanzdirektor Daniel Leupi in einem bemerkenswerten Interview mit der NZZ. Sollte das wirklich stimmen, wäre das ein erbärmliches Zeugnis für die grösste Stadt der Schweiz. Leupis Aussage erinnert an das legendäre «Die Stadt ist gebaut» der damaligen Baudirektorin Ursula Koch im Jahr 1988.
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Zum Vergleich: Das in seinen Flächen deutlich eingeschränktere Basel hat es dem Steuer-VIP Roche ermöglicht, mitten im Stadtgebiet zwei Hochhäuser hochzuziehen, in denen rund 5000 Angestellte einen Arbeitsplatz fanden. Das Ziel der Roche lautete – wie bei Vontobel –, über die Stadt verstreute Büros zusammenzuziehen.
Natürlich gaben diese Bauprojekte auch im sozialdemokratisch geprägten Basel zu reden. Doch letztlich wurden die Baubewilligungen mit wenig Widerstand durchgewunken. Heute sind die Türme nicht nur neue Wahrzeichen der Stadt, sondern auch Symbol dessen, dass Veränderung weiterhin möglich ist. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum das nicht auch in Zürich so sein sollte.
«Finanzplatz Zürich» ist offenbar keinen Aufpreis mehr wert
Interessant ist der Wegzug Vontobels aber auch mit Blick auf das Label «Finanzplatz Zürich». Einst bedeutete es fürs Renommee einer Bank viel, an der Bahnhofstrasse – oder zumindest im weiteren Umkreis des Paradeplatzes – ihren Sitz zu haben und als «Zürcher Bank» zu gelten. Doch heute scheint das Prädikat Zürich keinen Aufpreis mehr wert zu sein. Für die Vontobels ist auch Baar noch zürcherisch genug.
Und vielleicht ist das auch die wahre Botschaft des Umzugs: Die Schweiz ist längst zu einer einzigen grossen Stadt geworden. Wenn in einem Quartier dieser Stadt nicht mehr gebaut werden kann, dann halt in einem anderen. Lokalregierungen, die sich dessen nicht bewusst sind, werden mittelfristig verlieren. Sich auf dem Status quo auszuruhen, kann keine Strategie sein.