Jerusalem, ein Co-Working-Space im Stadtzentrum: Die Schreibtische sind zusammengerückt und mit Tischtüchern bedeckt, aus den Lautsprechern dröhnt Musik, farbige Lichter zucken. Es gibt Falafeln, Hummus, Tabouleh, an einer Bar wird Bier ausgeschenkt, später spielt eine Jazz-Band.

Wo sonst konzentriert an Excel-Tabellen und Programmiercode gearbeitet wird, tummeln sich heute Abend Jungunternehmer, Geldgeber, Vertreter von Grosskonzernen, Journalisten in ausgelassener Stimmung. Der Kontrast könnte kaum grösser sein. Nur einen Steinwurf entfernt liegen die Wahrzeichen des jahrtausendealten Israel: Tempelberg mit Felsendom, Grabeskirche, Klagemauer. J Hier aber trifft sich die Zukunft des Landes.

Auch Marija Plodinec ist mit dabei. Die Baslerin mit kroatischen Wurzeln hat 2014 ein Start-up gegründet: Artidis, ein Spin-off der Uni Basel, entwickelt eine digitale Plattform, um Krebs schneller diagnostizieren und individuell behandeln zu können. «Ich habe viel über die Gründerszene hier gehört», sagt Plodinec, «vielleicht gibt es Anknüpfungspunkte für uns.» Um hier mit dabei sein zu dürfen, musste sie gegen zwölf andere Schweizer Jungunternehmer vor einer Jury pitchen. Fünf Tage wird sie nun Israels Startup-Szene kennenlernen, zusammen mit 20 anderen Teilnehmern aus 18 Ländern, eingeladen vom israelischen Aussenministerium.

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Grösste Start-up-Dichte der Welt

«Wir wollen als Innovationsleader unser Wissen austauschen», sagt Ran Natanzon, der die Veranstaltung namens StartJLM organisiert. «Und wir wollen der Welt zeigen, wie Israelfunktioniert.» Ähnliche Programme führt er in Tel Aviv, Haifa und Be’er Sheva durch. Immer mit einem Ziel: dadurch die lokale Start-up-Szene zu pushen.

Und die ist bereits riesig. Israel hat die grösste Start-up-Dichte der Welt: eines auf 1300 Einwohner. Insgesamt 6500 Jungfirmen gibt es, dreimal so viele wie in der Schweiz. Mehr findet man nur in den USA. Pro Jahr kommen etwa 1500 dazu, in der Schweiz sind es nur rund 300. Beide Länder haben die gleichen Spielkarten: Sie sind etwa gleich gross, zählen etwa gleich viele Einwohner, haben einen kleinen Heimmarkt und keine Bodenschätze. Warum ist Israel so viel erfolgreicher, wenn es um Zukunftsfirmen geht?

Innovationsspace JLM

Der israelische Innovations-Space Start JLM. 

Quelle: Corinna Kern für BILANZ

Klar, weil das Land von Feinden umzingelt ist, nutzt man Technologie viel schneller als woanders, um mit dem Rest der Welt in Kontakt zu treten. Die Smartphone-Dichte (1,3 Geräte pro Einwohner) ist bis heute die höchste der Welt, zusammen mit Südkorea, ein PC im Kinderzimmer ist selbstverständlich. Aber das allein kann es nicht sein. Viel hat mit dem Selbstverständnis zu tun.

Das Land Israel ist selbst ein Start-up

Das Land ist erst vor rund 70 Jahren aus dem Nichts entstanden und begreift sich daher selbst als Start-up-Nation. Israel hat keine nennenswerte Finanzbranche, kaum Maschinenbau oder eine traditionelle Pharmaindustrie. Wer Karriere und Geld machen will, geht in eine Hightech-Firma. Besser noch: Er macht selber eine auf. Israelische Kinder träumen davon, Jungunternehmer zu werden. «Erfolgreiche Gründer kommen auf die Frontseite der Zeitungen», sagt Natanzon, «sie sind hier Rockstars.»

So wie Ziv Aviram. Der 59-Jährige ist der erfolgreichste Gründer Israels. 1999 startete er Mobileye, zusammen mit Amnon Shashua, Professor an der Hebräischem Universität Jerusalem. Avirams kühne Vision damals: Kameras und Software für selbstfahrende Autos zu entwickeln, zu einer Zeit, als es in Israel keine nennenswerte Autozulieferindustrie gab. Heute beliefert die Firma aus einem fünfstöckigen hellen Sandsteinbau im Norden Jerusalems fast jeden grossen Autohersteller mit Sensorik. «Die Technologie von Mobileye verhindert heute Dutzende Millionen Todesfälle und Hunderte Millionen Verletzte auf den Strassen», schwärmt Aviram. Positiver Nebeneffekt: Heute gibt es rund 800 Automobil-Start-ups in Israel. Die Gründung von Mobileye war gleichzeitig der Startschuss für künstliche Intelligenz – zehn Jahre bevor man sich in der Schweiz ernsthaft mit dem Thema befasste.

MyEy

Ziv Aviram, Geschäftsführer von dem Elektronikhersteller Orcam, spricht bei einem Pressegespräch. Das fingergroße Gerät MyEye vereint Kamera, Lautsprecher und künstliche Intelligenz.

Quelle: Keystone .

Mobileye war das erste Einhorn der israelischen Wirtschaftsgeschichte, also das erste Start-up mit einer Bewertung jenseits der Milliardengrenze. 2014 kann Mobileye an die Nasdaq – mit 4,2 Milliarden Dollar der grösste Börsengang der israelischen Wirtschaftsgeschichte. Im März letzten Jahres wurde die Firma für 15,3 Milliarden Dollar vom US-Chipgiganten Intel gekauft – der grösste Deal der israelischen Wirtschaftsgeschichte.

Hohe Loyalität

Jetzt züchtet Aviram – wiederum zusammen mit Professor Shashua – sein zweites Einhorn, eines von derzeit zwölf in Israel (die Schweiz zählt fünf ). Mit OrCam hat er ein Gerät entwickelt, das blinden Menschen ins Ohr flüstert, was sie nicht sehen – wer ihnen gegenübersteht, welches Produkt sie in der Hand halten, was auf dem Beipackzettel des Medikamentes steht.

«Das wird das Leben von fast zwei Milliarden Menschen ändern!», sagt Aviram und zählt die Zielgruppen auf: Blinde, Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen oder Leseschwäche, Analphabeten. Bereits in 37 Länder verkauft er sein Produkt «MyEye», einen feuerzeuggrossen Brillenaufsatz mit Kamera zum Stückpreis von rund 5000 Franken, auch in die Schweiz. Häufig übernimmt die Krankenkasse die Kosten. Or-Cams Umsatz verdoppelt sich jedes Jahr.

Mit seinen Verbindungen hätte Aviram sein zweites Start-up überall auf der Welt aufbauen können. Bewusst hat er die Entwicklung in Israel konzentriert. Denn wegen der langen Entwicklungszeit ist er auf loyale Mitarbeiter angewiesen: «Hier verlässt kaum jemand die Firma und gründet eine Konkurrenz», sagt er – anders als etwa im Silicon Valley.

Die Steuergesetze nennt er als weiteren wichtigen Grund: Aktienoptionen sind bei allen Start-ups ein wichtiger Lohnbestandteil. In Israel werden sie nicht einkommensbesteuert, sondern es fällt bei Ausübung nur eine – deutlich niedrigere – Kapitalertragssteuer an.

Auch Lightricks mit Hauptsitz in den Hügeln des Botanischen Gartens von Jerusalem ist auf dem besten Weg zum Einhorn: Gerade hat das sechsjährige Unternehmen eine Finanzierungsrunde über 60 Millionen Dollar abgeschlossen, bei der es mit 330 Millionen Dollar bewertet wurde. Lightricks stellt Apps her, die die Selfies der Generation Instagram besser aussehen lassen.

Seitdem Prominente wie Kim Kardashian oder Katy Perry in ihren YouTube-Videos über die Software sprechen, explodieren die Zahlen: Über 100 Millionen Benutzer haben die Apps mit Namen wie Facetune, Videoleap oder Pixaloop heruntergeladen.

Der Umsatz hat sich letztes Jahr auf 50 Millionen Dollar verdreifacht und wird sich dieses Jahr noch einmal mehr als verdoppeln auf 120 Millionen. Diverse Übernahmeangebote hat die hochprofitable Firma abgelehnt, auch einen Börsengang hat man derzeit nicht nötig: «Es gibt spannendere Optionen», sagt CEO Zeev Farbman, ein 39-jähriger Informatikprofessor.

Researchers Shachar Honig (left), 35, and Sarel Duanis (right), 29, look at videos and effects in an office at Lightricks, a startup that creates applications for photo and video editing, in Jerusalem, February 28, 2019.

Shachar Honig und and Sarel Duanis betrachten Video-Effekte bei Lightricks, einem Photo und Video-Start-up in Jerusalem.

Quelle: Corinna Kern für BILANZ

Rasantes Wachstum

«Ich hätte nicht gedacht, dass es mit der Firma so schnell geht», sagt Ehud Jeselsohn. Der Schweizer wurde in Tel Aviv geboren, wuchs in Zürich auf, kehrte mit 16 mit seinen sechs Geschwistern aus religiösen Gründen nach Israel zurück, wurde Buchprüfer. Als Director of Finance rapportiert er seit knapp zwei Jahren an den CFO, einen der Mitgründer. Wäre Lightricks auch in der Schweiz so erfolgreich? «Prinzipiell ja, die Voraussetzungen sind die gleichen», sagt Jeselsohn. «Was anders ist, ist die Rolle des Staates.»

So hat Lightricks vom Wirtschaftsministerium einen Kredit über sechs Millionen Franken erhalten, um auch in der schwierigen Anfangsphase hohe Löhne an Spezialisten zahlen zu können. «In unserem Fall hat das geholfen», sagt Jeselsohn.

In den nächsten zwei Jahren soll Lightricks von 200 auf 500 Mitarbeiter wachsen. «Jerusalem beginnt dem Silicon Valley zu ähneln, was den Wettbewerb um Entwickler angeht», sagt CEO Farbman. Jeden Tag lässt er mit zwei Minibussen Angestellte aus Tel Aviv hierherbringen, was je nach Verkehr ein bis zwei Stunden pro Weg dauert – ähnlich wie dies Google, Apple & Co. zwischen San Francisco und dem Silicon Valley tun. Dass die Büros von Lightricks direkt neben der Informatikfakultät der Universität Jerusalem liegen, dass man dort im Beirat sitzt und dass auch die Bezalel Academy of Arts and Design nicht weit ist, erleichtert die Rekrutierung: «Wir haben den ersten Zugriff auf Programmierer und Gestalter», sagt Farbman.

Vier der fünf Lightricks-Gründer haben sich in der Armee kennengelernt. Ein gängiges Muster. Denn das Militär ist der Kit, der die israelische Gesellschaft zusammenhält. Mit 18 Jahren rückt jeder Israeli ein, Männer für drei, Frauen für zwei Jahre. Und weil jeder danach 25 Jahre lang in der Reserve dient, kann er ein lebenslanges Kontaktnetz pflegen.

Vor allem aber: «Das Militär lässt unsere jungen Menschen erwachsen werden und macht sie zu Decision Makers», sagt Jeselsohn. In der Schweizer Armee ist es wichtig, dass der Soldat im Gleichschritt marschiert, seine Effektentasche bei der Zimmerinspektion richtig ausgerichtet ist und unbedingter Gehorsam gegenüber Höherrangigen herrscht.

Die Armee ist echten Bedingungen ausgesetzt

In der israelischen Armee ist es wichtig, dass der Auftrag erfüllt wird – egal wie. «Wir wollen nicht, dass Soldaten durch Formalitäten abgelenkt werden von der Mission», sagt Ilan Regenbaum, Leiter Strategische Innovation der israelischen Armee. Vorgesetzte werden mit dem Vornamen angesprochen und nicht mit dem Rang; Befehle zu hinterfragen, ist legitim, wenn es dem Auftrag dient. Ein israelischer Offizier von 22 Jahren führt 50 bis 100 Soldaten, ist verantwortlich für ein Dutzend Fahrzeuge und millionenteure Waffen.

Und anders als in der Schweiz, die den letzten Krieg zu Zeiten Napoleons erlebte, tut er dies jeden Tag unter Kampfbedingungen in zum Teil lebensgefährlichen Situationen, ohne die Möglichkeit, sich bei Vorgesetzten rückzuversichern. «Wir verlangen von unseren Soldaten, Verantwortung zu übernehmen, sich eine Taktik auszudenken und im Feld anzuwenden», sagt Regenbaum. Auch, weil die obersten Ränge gezielt unterbesetzt sind – das erlaubt mehr Freiheiten und mehr Eigeninitiative auf den niedrigeren Ebenen. «Die Führungserfahrung, die man dabei gewinnt, ist unbezahlbar fürs Geschäftsleben», sagt Ziv Aviram.

Israel_Armee

Adi Chernitsky beaufsichtigt die Arbeit ihrer Kollegen bei einem Hackathon in den Büros von We Work in Beer’ Sheva in Israel.

Quelle: Corinna Kern für BILANZ

Entsprechend wichtig ist es, wo man in der Armee dient: Wer einen Platz bei den Kommandotruppen ergattern will, muss sich einem harten Auswahlwettbewerb stellen. Ein Platz bei den Eliteeinheiten 8200 oder Talpiot gar zählt bei Arbeitgebern oft mehr als der Abschluss an einer Elite-Uni.

Hinzu kommen die geheimen Spezialeinheiten, die Hochtechnologien im Bereich Cybersicherheit, Drohnen oder Satelliten entwickeln. Weil die Armee die Rechte daran nicht für sich behält, gründen viele Soldaten damit nach ihrer Dienstzeit ein eigenes Start-up und passen die Entwicklungen an die Bedürfnisse der zivilen Welt an. So entstanden die Navigations-App Waze (von Google gekauft), der erste Messaging-Dienst ICQ (von AOL gekauft) oder das Cloud-Sicherheitsunternehmen Adallom (von Microsoft gekauft) in der Elite-Einheit 8200, der grössten Aufklärungsabteilung der israelischen Armee.

Stark in Cybersecurity

Auch Gil Shwed diente Anfang der neunziger Jahre dort. Als sich seine Einheit erstmals mit dem Internet verband, wurde sie dort angegriffen. Shwed entwickelte daraufhin die Idee der Firewall, brachte sie zur Marktreife und gründete mit zwei Kameraden die Firma Check Point.

Heute macht sie zwei Milliarden Dollar Umsatz, fast jedes Fortune-500-Unternehmen und fast jede Regierung der Welt zählen zu den Kunden, und ihr Hauptsitz mit seiner geschwungenen Architektur und den vertikalen Gärten prägt das Stadtbild von Tel Aviv. Seither gilt Israel als weltweit führend beim Thema Internetsicherheit. Diese Vorrangstellung will der Staat nun ausbauen mit CyberSpark, einem Innovationszentrum bei Be’er Sheva in der Negev-Wüste. 25 000 IT-Spezialisten aus Armee, den Universitäten und privaten Unternehmen finden in diesem Ödland zusammen. Es ist der vierte Start-up-Cluster in dem kleinen Land, nach Tel Aviv (IT), Jerusalem (Biotech, E-Health) und Haifa (Technion-Spin-offs).

Sehr hohe Dichte an Wissenschaftlern

Das Ausbildungs- und Forschungssystem spielt eine Schlüsselrolle beim Erfolg der israelischen Gründerszene. Es umfasst 8 Universitäten, 30 Hochschulen, 320 Forschungs- und Entwicklungszentren sowie 19 Technologie-Inkubatoren. Kein Land der Welt verfügt über eine höhere Dichte an Wissenschaftlern oder investiert pro Kopf einen grösseren Anteil am Bruttosozialprodukt in die Forschung.

Israelis haben am meisten Turing Awards gewonnen – er gilt als Nobelpreis für Computerwissenschaften. Auch das Schulsystem hat Israel in den Dienst der Hightech-Industrie gestellt: Englisch wird vielerorts ab der zweiten, spätestens der dritten Klasse gelehrt, Mathematik stark gefördert, Informatik steht an allen Schulen im Lehrplan. Ab der 10. Klasse kommen Vertiefungskurse wie Cybersecurity hinzu. Begabte Schüler dürfen zweimal die Woche für einen halben Tag an die Uni zur Mathematik- und Physikausbildung. «Der Staat investiert konsequent in zukünftige Wissenschaftler», sagt Jeselsohn. «Das ist in Israel schon anders als in anderen Ländern.»

Professor Ester Segal (right) und student Lia Baumann (left) cut out a piece of film for the NanoPack project, in a laboratory in the Faculty of Biotechnology and Food Engineering at the Technion in Haifa, March 03, 2019.

Professor Ester Segal und Studentin Lia Baumann arbeiten am NanoPack-Projekt in der Biotechnologie-Fakultät an der Technion in Haifa.

Quelle: Corinna Kern für BILANZ

Wichtigstes Ausbildungszentrum ist das Technion, gelegen auf einem Hügel der Hafenstadt Haifa ganz im Norden des Landes. Es gilt als Brutstätte für Start-ups, hat zudem drei Nobelpreisträger hervorgebracht. Auch die Schweizer Lebensmittelwissenschaftlerin Lia Baumann studiert hier. «Ich war auf der Suche nach einer Masterarbeit und habe gesehen, dass das Technion genau meine Themen abdeckt», sagt die ETH-Absolventin.

Mit ihrer Professorin Ester Segal arbeitet sie an einer neuartigen Lebensmittelverpackung: In die Umhüllung eingelassene Nanoröhrchen geben über die Zeit ätherische Öle ab, die antibakteriell wirken und Joghurt oder Brot deutlich länger frisch halten. «Viele Nahrungsmittelhersteller sind daran sehr interessiert», sagt Segal.

Anschubfinanzierung hat sie von der Israel Innovation Authority (IIA) bekommen. Sie verfügt über ein jährliches Budget von 1,6 Milliarden Dollar (das Schweizer Gegenstück Innosuisse hat 200 Millionen zur Verfügung) und konzentriert sich auf Wachstumsmärkte wie Life Sciences, Digital Health oder Agrotech. Die IIA finanziert während der ersten zwei Jahre 85 Prozent der Projektkosten. Hat das Start-up Erfolg – und nur dann –, zahlt es das zinslose Darlehen in kleinen Raten zurück, mit jährlich drei Prozent seines Umsatzes.

Risikokapital en masse

Segal wird mit der Verpackungstechnologie ein Start-up gründen, nicht ihr erstes. Sie selber wird im VR sitzen, die Vermarktung sollen andere machen: «Es ist, wie wenn man den Sohn oder die Tochter zur Adoption freigibt», sagt sie. Lia Baumann kann sich vorstellen, das Produkt dann in der Schweiz zu vertreiben.

Das Technion, bei dem die Technologierechte liegen, wird ein Drittel an der Firma bekommen, Segal ein Drittel, auch die Forscher, die am Patent mitgearbeitet haben, bekommen ein Drittel: «Ich habe meinen Studenten versprochen: Wenn wir erfolgreich sind, können sie vermutlich das Haus kaufen, das sie nun mieten.» 14 000 Studenten haben letztes Jahr das Technion mit einem akademischen Titel verlassen. Im Schnitt (co-)gründet danach jeder vierte ein Startup. An der ETH Zürich mit ihren 5000 Absolventen entstanden letztes Jahr gerade mal 27 Unternehmen als Spin-off.

Das nötige Geld für die nächste Finanzierungsrunde zu bekommen, dürfte für Segal kein Problem sein. Denn Israel hat eine äusserst aktive VC-Szene. Den Anfang macht der Staat, der zwischen 1992 und 1997 insgesamt 100 Millionen Dollar in zehn Venture Funds investierte sowie 20 Millionen direkt in Techunternehmen.

Yozma, hebräisch für «Initiative», hiess das Programm, und es war für Privatinvestoren aussergewöhnlich lukrativ. Denn die 40 Prozent der Mittel, die die Regierung zu den Fonds beisteuerte, konnten die Anleger im Erfolgsfall später zu einem günstigen Preis übernehmen. Der Staat beteiligte sich also am Risiko, überliess den Investoren jedoch den gesamten Ertrag. Das Programm wurde ein riesiger Erfolg, führte zu Hunderten Neugründungen und wurde schnell rund um die Welt kopiert. Die Eidgenossenschaft brauchte bis dieses Jahr, um mit dem Swiss Entrepreneurs Fund überhaupt ein Förderprogramm aufzugleisen. Aber ein deutlich weniger lukratives, sollen doch die Einlagen von einer halben Milliarde Franken vollständig aus der Privatwirtschaft kommen.

Heute ist Israels Risikokapitalszene nach dem Silicon Valley die zweitgrösste der Welt. «Silicon Wadi» wird sie daher auch genannt. Vergangenes Jahr wurde Risikokapital von 6,5 Milliarden Dollar in 623 Firmen investiert – eine Milliarde mehr als im Vorjahr und mehr Geld als in der Schweiz, Deutschland und Österreich zusammen!

Über 12,6 Milliarden Dollar bei Exits

Die Rendite stimmt: 103 Start-ups konnten letztes Jahr einen Exit (Verkauf oder Börsengang) vermelden. Das spülte 12,6 Milliarden Dollar in die Taschen der Investoren. Insgesamt hat Israel über 150 Firmen an den US-Börsen kotiert – die Schweiz kommt auf 14. Kein Wunder, zieht Israel Investoren aus der ganzen Welt an: Neben den rund 70 nationalen sind auch 220 internationale Venture Funds im Land aktiv, darunter alles, was in der globalen VC-Szene Rang und Namen hat. 86 Prozent des Kapitals stammen aus dem Ausland.

Etwa von Daniel Gutenberg. Der gebürtige Zürcher war mit seiner Beteiligungsgesellschaft VI Partners früh bei Netscape dabei, bei Facebook und bei Mobileye. Auch in Or-Cam ist er investiert. Als Präsident der Schweizer Technion Gesellschaft begleitete er 2018 die Wirtschaftsdelegation um Bundesrat Johann Schneider-Ammann nach Jerusalem. «Es ist lukrativer, in Israel zu investieren als in der Schweiz, weil die Start-ups sehr viel ehrgeiziger sind», sagt er. «Sie gehen meist direkt auf den Weltmarkt, ohne sich mit dem lokalen Markt aufzuhalten – anders als Schweizer Jungfirmen.»

 System engineer Roman Dvorkin, 32, simulates a drone delivery in the control room at Flytrex, a startup working on an on-demand drone delivery service, in Tel Aviv, February 27, 2019.

Systementwickeler Roman Dvorkin, 32 demonstriert eine Drohne bei Flytrex, einem Start-up in für On-demand-Drohnen. 

Quelle: Corinna Kern für BILANZ

Uber für Drohnen

Flytrex heisst eine der Firmen, in die er investiert hat (auch Unternehmer Daniel Aegerter ist beteiligt). Sie sitzt in einem kleinen Büro im 5. Stock eines grauen Bürogebäudes in Jaffa, einem Vorort von Tel Aviv. 2013 hat Yariv Bash sie gegründet. «Damals wussten die Investoren nicht, wovon wir sprachen, als es um Drohnen ging», erinnert er sich.

In den ersten Jahren produzierte er GPS-Tracker für die Flugkörper, nun baut er ein ganzes Logistiksystem: «Wir werden das Uber für Drohnen», sagt er. Seine Cloudsoftware soll Drohnen in Privat- oder Firmenbesitz zu einer Auslieferungsflotte vereinen. Ein Onlinehändler oder ein Pizzaservice, der eine Ware zu versenden hat, ordert einen Flug, lädt die Nutzlast in die Drohne und drückt einen Knopf, so die Vision von Bash.

Dann fliegt die Bestellung binnen Minuten automatisch zum Abnehmer. «Ein Velokurier kann in Grossstädten maximal drei Bestellungen pro Stunde ausliefern, in den Vorstädten die Hälfte», sagt er. «Wir kommen auf 15 und haben noch Optimierungspotenzial.»

Grosse Kunden wie FedEx

Seit er vor vier Jahren in den Schweizer Bergen einen Skiunfall erlitt, sitzt Bash im Rollstuhl. Seinem Optimismus und seiner Energie tut das keinen Abbruch: «Wir sind hochinteressant für eine Menge von Firmen wie FedEx oder die grossen Retailer.» Ein Einkaufszentrum in North Carolina experimentiert bereits mit seiner Technologie, jetzt träumt er von einer US-weiten Expansion. 15 Mitarbeiter hat Flytrex, die meisten sind Programmierer, für die Zukunft ist – natürlich – Wachstum angesagt: «Ich erwarte, dass Flytrex ein Unicorn wird», sagt Gutenberg. «Die grösste Drohnenlogistik-Firma nach Amazon.»

Heilung aus dem Weltall

Noch einige Kilometer höher als Flytrex fliegt SpacePharma. Das schweizerisch-israelische Unternehmen entwickelt im Weltall Medikamente. Dazu hat es ein Minilabor in der Grösse einer Schuhschachtel entwickelt, das an Bord von Satelliten oder der Raumstation ISS arbeitet. Kunden sind Universitäten, aber auch grosse Pharmakonzerne: In der Schwerelosigkeit erzeugte Moleküle sind gleichmässiger, zudem vermehren sich Bakterien im Weltall viel schneller, Stammzellen verhalten sich anders. «Die Medikamente sind daher von besserer Qualität, leichter zu dosieren und wirken stärker», sagt Yossi Yamin, Chairman und Forschungschef von SpacePharma. Ein Dutzend Auszeichnungen hat die Firma eingesammelt: Das US-Magazin «Fast Company» etwa hat SpacePharma zum zweitinnovativsten Weltraumunternehmen nach SpaceX von Elon Musk ernannt.

Das Weltall-Know-how für SpacePharma steuert Israel bei: Das Land war die weltweit siebte Nation, die einen Flugkörper ins All geschossen hat, und investierte gerade 100 Millionen Dollar in eine unbemannte Mondlandung (sie schlug fehl); Yossi Yamin kommandierte die Satelliten-Einheit der israelischen Armee. Aus politischen Gründen steht die Bodenstation von SpacePharma dennoch in der Schweiz, im jurassischen Courgenay.

Aus der Schweiz kommt auch das Pharmawissen: «Wir können unser Verfahren auf jedes flüssigkeitsbasierte Medikament anwenden», sagt CEO Martin Aebi. Vor sechs Jahren hat der ETH-Ingenieur die Firma zusammen mit Yossi Yamin gegründet. Fünf Millionen Dollar Umsatz macht SpacePharma mit ihren 24 Mitarbeitern heute, nun steht eine grosse Finanzierungsrunde von 20 bis 50 Millionen an. «Solche Checks kann nicht jeder schreiben», sagt der Israeli. «Aber unsere Investoren können es.» Es ist die Familie Chou, Gründer des taiwanesischen Smartphone-Herstellers HTC.

Director of Research Yair Glick adjusts a 'Lab-on-a-Chip' onto a device that simulates microgravity, in the SpacePharma facilities in Herzliya near Tel Aviv, March 04, 2019.

SpacePharma-Forschungsleiter Yair Glick installiert ein Labor auf einem Chip, das Gravität simuliert.

Quelle: Corinna Kern für BILANZ

Das Unternehmen mit Sitzen in Herzliya bei Tel Aviv und Courgenay funktioniert. Dabei tut man sich als Westler mit der israelischen Mentalität nicht immer leicht. Einst prägte der Holocaust das Volk, heute ist es die ständige Kriegsgefahr: Wer seine Grosseltern im Konzentrationslager verloren hat, wer mit Selbstmordattentaten und im Raketenhagel aufwächst, dessen grösste Sorge ist es nicht, mit seinem Start-up zu scheitern.

Und natürlich scheitern auch in Israel die meisten Jungunternehmen. 96 Prozent, ähnlich wie in der Schweiz. Aber anders als hierzulande wird das nicht als negativ angesehen, im Gegenteil: «Ich würde eher jemanden anstellen, der schon in zwei Firmen gescheitert ist, als einen, der es noch nicht probiert hat», sagt Einhornzüchter Aviram. Viele israelische Investoren sind sogar überzeugt, dass wirkliche Innovation nur möglich ist, wenn eine grosse Anzahl Flops hingenommen wird.

Menschen aus Dutzenden von Nationen

Hinzu kommt: Israel ist ein Land der Immigranten. Die acht Millionen starke Bevölkerung setzt sich aus rund 70 Nationen zusammen. Wer in seiner neuen Heimat bei null anfängt, hat nichts zu verlieren und ist entsprechend risikofreudig – gerade als Unternehmer. Auch in der Schweiz haben auffallend viele Unternehmensgründer einen Migrationshintergrund.

Doch während die Schweiz sich mit der Masseneinwanderungsinitiative selbst behindert, hat Israelein Visa-Programm lanciert, mit dem ausländische Unternehmer zwei Jahre im Land ihr Glück probieren und von Förderprogrammen profitieren können. Im Erfolgsfall wird die Arbeitsund Aufenthaltsbewilligung verlängert.

Kulturschock

Auch im Zwischenmenschlichen unterscheidet sich die israelische Geschäftswelt von der westlichen. Es wird wenig Wert auf Titel gelegt, bisweilen werden sie eher willkürlich verteilt. Hierarchien sind deutlich weniger ausgeprägt als in europäischen oder gar in asiatischen Firmen. «Wir nehmen Autoritäten nicht zu ernst», nennt es Ziv Aviram. «Israelis sind viel direkter, professionelle Beziehungen sind sehr informell, ein Schweizer würde das Verhalten häufig sogar als frech ansehen», sagt der Israel-Schweizer Jeselsohn.

Man duzt sich, ist weniger pünktlich, weniger diszipliniert, weniger strukturiert als im Westen. Dafür improvisiert man mehr. Hitzige Debatten sind ganz normal – häufig schockierend für ausländische Geschäftspartner. Dafür weiss man relativ schnell, woran man ist mit allen Beteiligten. Hinzu kommt die hebräische «Chutzpah», mit dem deutschen Chuzpe nur unzureichend übersetzt: eine gewisse Unerschrockenheit, etwas Neues zu wagen, Vorgesetzte oder auch Kunden zu kritisieren oder wildfremde Menschen um einen Gefallen zu bitten. Cold Calls etwa sind vollkommen akzeptabel.

Intel ist einer der grössten privaten Arbeitgebern im Land

Fünf Israelis seien schwieriger zu führen als 50 Amerikaner, sagt ein Bonmot. Das dürfte ein wichtiger Grund sein, warum Israel zwar Zigtausende KMUs, aber ausser dem Generikariesen Teva (43 000 Mitarbeiter) keine wirklichen Grosskonzerne hervorbringt. Intel veranstaltet in den israelischen Niederlassungen sogar kulturübergreifende Seminare, um die Kluft zu überbrücken. Der Chipgigant ist seit den siebziger Jahren in Israel präsent und heute der grösste private Arbeitgeber im Land.

Hier entwickelte man den Prozessor für den ersten PC von IBM und später den Pentium-Chip. Heute haben rund 370 Techgiganten aus aller Welt in Israel Forschungsniederlassungen. Apple eröffnete in Herzliya vor den Toren Tel Avivs 2015 sein zweitgrösstes R&D-Zentrum, Amazon hat die Hälfte des 60-stöckigen Sarona Tower in Tel Aviv gemietet.

Intel und Google

Tech-Buden wie Google oder Intel beschäftigen zahlreiche Mitarbeiter in Israel. 

Quelle: Keystone .

Facebook, Microsoft oder Alibaba forschen im Land, aus der Schweiz ist unter anderem Novartis präsent. Die Grosskonzerne bringen nicht nur Geld, Technologie und Management-Know-how, sie verhelfen Israel auch auf die weltweite Techbühne: Wenn Jack Ma, Mark Zuckerberg oder Larry Page in Tel Aviv vorbeikommen, organisieren die israelischen Behörden Pitches für ihre Start-ups. Fast die Hälfte der israelischen Hightech-Spezialisten arbeiten für einen Multinational. Das ist auch eine Gefahr: «Ingenieure sind knapp geworden, besonders für Start-ups!», warnt Aviram.

Minderheiten-Problem

Auch deshalb will der Staat neue Bevölkerungsgruppen gewinnen für die Hightech-Industrie. Denn an zwei Minderheiten im Land geht der Start-up-Boom komplett vorbei. Zum einen an der arabischen Bevölkerung, die rund zehn Prozent der Israelis ausmacht. Zwar schliessen Tausende pro Jahr ein Studium an einer der technischen Hochschulen ab. Aber nur ein Bruchteil von ihnen bekommt einen ihren Fähigkeiten angemessenen Arbeitsplatz – weil die wenigsten Militärdienst machen und ihnen daher ein wichtiges Netzwerk und Führungserfahrung fehlen und weil ihnen häufig das Misstrauen ihrer jüdischen Landsleute entgegenschlägt.

Coworking-Space für Rabbis

Die Regierung hat das Problem erkannt und will die arabische Minderheit nun gezielt fördern. Ebenso wie die Haredim. Die ultraorthodoxen Juden machen ebenfalls ein Zehntel der Bevölkerung aus und bilden eine geschlossene Gesellschaft: Sie leisten keinen Militärdienst, müssen keine Steuern zahlen und gehen auf eigene Schulen, die sich grossteils auf religiöse Bildung beschränken. Nur die Hälfte der Ultraorthodoxen arbeitet, die wenigsten können Englisch oder mit dem PC umgehen – keine guten Voraussetzungen für eine Start-up-Karriere.

Bizmax, ein Co-Working-Space nahe der von Santiago Calatrava erbauten Chords Bridge, einem Architekturwahrzeichen des modernen Jerusalem: Am Garderobenhaken hängen drei Schtreimel, die schwarzen Pelzhüte der Haredim, in einer Nische sitzen zwei Männer mit Schläfenlocken über einem Laptop, in einem Besprechungszimmer wird eine Videokonferenz abgehalten.

Hier erhalten orthodoxe Männer Crashkurse in Excel, in Englisch, im Erstellen von Businessplänen und CVs. Nur Männer, wohlgemerkt, da sich orthodoxe Frauen traditionell um die Familie kümmern. «Wir versuchen nicht, die Gesellschaft zu ändern oder ihre Lebensweise», sagt Yitzik Crombie, CEO von Bizmax. «Wichtig ist, dass diese Menschen später Erfolg im Geschäftsleben haben.» Dennoch gibt es regelmässig Demonstrationen radikaler jüdischer Gruppen gegen dieses Weiterbildungsangebot.

Portrait of Yitzik Crombie, CEO of Bizmax, a coworking space for ultra-orthodox Jewish men, in Jerusalem, Israel, February 28, 2019.

Yitzik Crombie, Chef von Bizmax, einem Coworking-Space für ultraorthodoxe jüdische Männer in Jerusalem.

Quelle: Corinna Kern für BILANZ

Vom Erfolg solcher Reformen wird es abhängen, ob der Boom in Israel weitergeht. Und natürlich von den politischen Risiken, von den kriegerischen Auseinandersetzungen mit den palästinensischen Nachbarn, von den Spannungen mit dem Erzfeind Iran und seinem Atomprogramm, von der Unterstützung der Trump’schen Regierung. Der Erfolg der Start-up-Szene Israel ist so unplanbar wie jener der Startup-Nation Israel: rasant und beeindruckend, immer gefährdet, immer fragil, aber auch immer voller Optimismus und Energie.

Marija Plodinec stören die Risiken nicht. Die Basler Jungunternehmerin ist vom Standort angetan. Zwei Workshops hat sie in Jerusalem besucht und zahlreiche Firmen besichtigt: «Das war sehr interessant und hilfreich für mich.» Vor allem hat sie wertvolle Kontakte geknüpft, zu potenziellen Kooperationspartnern und Geldgebern. Mit einem israelischen VC sind die Verhandlungen bereits weit fortgeschritten, wenn alles gut geht, investiert er in ihre Firma. Sie könne sich gut vorstellen, mit ihrem Start-up in Israel aktiv zu werden, sagt die Schweizerin: «Für Digital Health ist das hier der richtige Ort.»

«Dieser Text erschien in der August-Ausgabe 07/2019 der BILANZ.»