Sogar das gute alte Valium musste dran glauben. 45 Jahre lang wurde das Beruhigungsmittel mit dem Herstellernamen Roche verkauft. Es begrΓΌndete den Aufstieg der Basler Pharmafirma zum Weltkonzern. Nun ist der Name Roche von der Packung verschwunden. Er wurde durch Genentech ersetzt. Dabei hat Valium mit der jΓΌngst einverleibten US-Tochter Genentech etwa so viel zu tun wie eine Chemotherapie mit Lebertran.
Der neue Pharmachef von Roche, Pascal Soriot, verpasste allen in den USA verkauften Medikamenten ein Rebranding. Von der herkΓΆmmlich hergestellten Grippearznei Tamiflu bis zum biotechnologisch erzeugten Krebsmedikament Avastin β im wichtigsten Pharmamarkt der Welt lΓ€uft nun die ganze Konzernapotheke unter dem Namen des amerikanischen Partners. Einen IdentitΓ€tswechsel erlebten auch die 25ββ000 Mitarbeiter von Roche jenseits des Atlantiks: Wer noch keine Genentech-Visitenkarte besass, erhielt eine.
Der Imagetransfer zeigt, dass die vollstΓ€ndige Γbernahme des kalifornischen Biotechunternehmens fΓΌr die Basler Konzernherren mehr ist als eine FormalitΓ€t. Der Genentech-Deal war fΓΌr Roche derart wegweisend, dass die Schweizer im wichtigsten Pharmamarkt der Welt sogar ihren Namen aufgaben. Roche, beileibe kein MauerblΓΌmchen, soll durch Genentech an Strahlkraft gewinnen. FΓΌr einmal drΓΌckte nicht der mΓ€chtige KΓ€ufer der ΓΌbernommenen Firma seinen Brand auf, sondern umgekehrt. Entsprechend sind die SprΓΌche der Genentech-Mitarbeiter verstummt, mit denen sie die aus Basel eingeflogenen Roche-Manager als Β«Swiss Army KnivesΒ» verhΓΆhnten.
Durch Genentech hat sich Roche weit vom althergebrachten GeschΓ€ft mit Pulvern und Pillen entfernt. 65 Prozent des Pharmaumsatzes von 39 Milliarden Franken entfallen auf biotechnologisch erzeugte Substanzen, womit das Unternehmen die unbestrittene Nummer eins in der Disziplin ist. Die Konkurrenz kommt nicht ΓΌber 20 Prozent hinaus. Biotechprodukte wirken spezifischer, bringen hΓΆhere Margen und sind schwieriger zu kopieren als herkΓΆmmliche PrΓ€parate. Der grosse Rest von Β«Big PharmaΒ» setzt dagegen auf einfachere Dinge wie die Herstellung von Nachahmerprodukten, rezeptfreien Heilmitteln oder MedizinalgerΓ€ten β was in der Industrie unter Massenware lΓ€uft.
Auf getrennten Wegen. Aufs MassengeschΓ€ft setzt auch Novartis. Wer die beiden Lokalrivalen vergleicht, stellt fest, dass das Basler Domizil bald die einzige Gemeinsamkeit ist. Β«Roche und Novartis haben sich in der vergangenen Dekade vΓΆllig unterschiedlich entwickeltΒ», sagt Oliver Kubli, Mitglied der GeschΓ€ftsleitung von Adamant Biomedical Investments. Die Unterschiede lassen sich an profanen Γusserlichkeiten ablesen. Roche wird seit zwei Jahren von Severin Schwan geleitet, einem mit 43 Jahren zwar relativ jungen, aber professoral und gesetzt wirkenden Doktor der Jurisprudenz aus Innsbruck, der sich in der gleichen Firma vom Praktikanten in der Finanzabteilung bis zum CEO hochgearbeitet hat. Bei Novartis steht seit zwei Wochen der 50-jΓ€hrige Joe Jimenez an der Spitze, ein Marketingmann aus Kalifornien mit spitzem Antlitz und athletischem Habitus, der seine Karriere in zahlreichen Branchen und Unternehmen absolviert hat. Die beiden CEO verkΓΆrpern die Strategie der beiden Konzerne: hier der etwas abgehobene Intellektuelle Schwan, dort der bodenstΓ€ndige Macher Jimenez. Symptomatisch ist auch die Architektur der Hauptquartiere: WΓ€hrend es Roche mit dem geplanten Tower in hΓΆhere SphΓ€ren zieht, dehnt sich Novartis mit dem Campus in der Breite aus.
Verschieden sind auch die Sortimente: Roche verkauft ausschliesslich rezeptpflichtige Medikamente sowie DiagnosegerΓ€te und stellt bei beiden Divisionen die Innovation in den Mittelpunkt. Das Novartis-Angebot erstreckt sich von Nasentropfen ΓΌber Grippeimpfungen, Krebsmedikamente und Blutdrucksenker bis zu Kontaktlinsen und Anti-Floh-Programmen fΓΌr Hunde β ein ziemlicher Gemischtwarenladen. Mit der geplanten Γbernahme des Augenheilmittelkonzerns Alcon wird das Novartis-Sortiment abermals vergrΓΆssert: Mit fΓΌnf Standbeinen ist der Multi kΓΌnftig breiter aufgestellt als der US-Pharma- und KonsumgΓΌterkonzern Johnson & Johnson, der gemeinhin als diversifiziertes Unternehmen gilt. Novartis-PrΓ€sident Daniel Vasella bezeichnet sein Modell als Β«fokussierte DiversifikationΒ». Die findige WortschΓΆpfung soll wohl betonen, dass man trotz Verbreiterung nicht uferlos werden will.
Genauso wie Roche mit dem Genentech-Kauf an einem Wendepunkt angelangt ist, ist bei Novartis die Γbernahme des Augenheilmittelkonzerns Alcon wegweisend. Mit einem Anteil von rund einem FΓΌnftel am Umsatz soll die Sparte eine tragende SΓ€ule des Konzerns werden. Die neue Tochter soll schnell in den Konzern integriert und schrittweise mit der Tochter Ciba Vision verschmolzen werden. Doch bereits regen sich WiderstΓ€nde. Beim Kauf von Alcon offerierte Novartis dem bisherigen Mehrheitsbesitzer NestlΓ© einen hΓΆheren Preis pro Aktie als den MinderheitsaktionΓ€ren, die 23 Prozent an Alcon halten. Seither ist Feuer im Dach: Die MinderheitsaktionΓ€re fΓΌhlen sich ΓΌbervorteilt und machen Druck auf Vasella, sein Angebot zu erhΓΆhen. Viele MinderheitsaktionΓ€re sind Alcon-Mitarbeiter, und Vasella riskiert mit dem harten Kurs, SchlΓΌsselfiguren bei der neuen Tochter von Anfang an zu verΓ€rgern. Β«Es erstaunt mich, wie Novartis ihre zukΓΌnftigen Mitarbeiter behandeltΒ», sagt Thomas Plaskett, Leiter des Ausschusses der unabhΓ€ngigen Alcon-VerwaltungsrΓ€te, Β«ich denke, der Konzern ist auf loyale Mitarbeiter angewiesen.Β»
Auslaufende Patente. Mit gut sechs Milliarden Dollar liegt der Umsatz von Alcon exakt auf der HΓΆhe des Novartis-Spitzenprodukts Diovan. Β«Das ist kein ZufallΒ», ist ein Branchenkenner ΓΌberzeugt. Der Patentschutz des Blutdrucksenkers lΓ€uft 2011 respektive 2012 aus, wie auch bei anderen Produkten. Novartis muss eine der grΓΆssten LΓΌcken der Industrie gewΓ€rtigen.
PatentablΓ€ufe gehΓΆren zu den AlbtrΓ€umen der Pharmamanager. Kommen die billigeren Nachahmerprodukte auf den Markt, drohen beim OriginalprΓ€parat UmsatzeinbrΓΌche von bis zu 80 Prozent. Der weltgrΓΆsste Pharmakonzern, Pfizer, musste sich vergangenes Jahr in die Γbernahme von Wyeth flΓΌchten, nachdem die UmsΓ€tze mit dem Cholesterinsenker Lipitor, dem meistverkauften Medikament der Welt, nach Ablauf des Patentschutzes eingebrochen waren. Bei Novartis erinnert die Lage an die Zeit vor zehn Jahren, als die Pharmasparte lahmte, weil wichtige Produkte wie Voltaren und Sandimmun den Patentschutz verloren. Damals gelang es Konzernchef Daniel Vasella, die LΓΌcken mit neuen Blockbustern wie Glivec oder Diovan zu schliessen. Die LΓΌcken zu fΓΌllen, ist seither nicht einfacher geworden. ZulassungebehΓΆrden winken nur noch Arzneien durch, die einen neuen Nutzen versprechen. Um die AbhΓ€ngigkeit von Forschungserfolgen zu verringern, hat Novartis diversifiziert. Grosse Konkurrenten wie GlaxoSmithKline und Sanofi-Aventis tun das auch.
Vasella bleibt Taktgeber. Mit dem neuen CEO Joe Jimenez steht seit Anfang Februar ein Mann an der Novartis-Spitze, der jedes Problem als Challenge sieht. In seinem ersten Blogeintrag als Pharmachef nannte er den Olympia-MedaillenabrΓ€umer im Schwimmen, Michael Phelps, als Inspirationsquelle. Β«Jimenez ist ein guter Manger, das PharmageschΓ€ft hat sich unter ihm gut entwickeltΒ», sagt ein Kollege aus der Konzernleitung, Β«in den wichtigen Fragen wird sich aber wenig Γ€ndern β Vasella ist so dominant, er ist und bleibt der Taktgeber.Β»
Sicher ist der KonsumgΓΌterspezialist Jimenez eine gute ErgΓ€nzung zum Mediziner Vasella. Er sei getrieben von der Idee, Β«die Konsumenten auf der GefΓΌhlsebene zu verstehenΒ», sagte Jimenez einmal in einem Interview. Als Chef des Ketchupfabrikanten Heinz musste er vor zehn Jahren dem MarktfΓΌhrer neuen Schub verleihen. Mit der Pressflasche lancierte er die Alternative zur Glasflasche, aus der die Sauce in Fladen auf den Teller klatschte. Eine andere Neuheit, Green Ketchup, geriet zum Flop. Als Novartis-Pharmachef richtete Jimenez die Verkaufsorganisation in den USA stΓ€rker auf die Kunden aus. Statt dass Heerscharen von VerkΓ€ufern mehrmals pro Woche den Γrzten Besuche abstatten, bearbeiten heute wenige qualifizierte Key Account Manager klar definierte Gebiete und Grosskunden.
Wie Novartis verzeichnete auch Roche schmerzliche EinbrΓΌche wegen PatentablΓ€ufen und ProdukterΓΌckzΓΌgen, schlug aber eine ganz andere Richtung ein: Roche kehrte dem Massenmarkt den RΓΌcken und konzentrierte sich fortan auf rezeptpflichtige SpezialitΓ€ten. In dieser Phase rΓΌckten die von Genentech entwickelten Krebsmittel ins Zentrum. Krebstherapien sind das spannendste und am stΓ€rksten wachsende Therapiegebiet der Branche. Vom weltweiten Pharmamarkt von 730 Milliarden Dollar entfallen 50 Milliarden auf Krebsmittel, und die VerkΓ€ufe nehmen im zweistelligen Prozentbereich zu. GemΓ€ss einer Studie der International Agency for Research on Cancer (IARC) werden Krebsleiden dieses Jahr die Herz-Kreislauf-Krankheiten als weltweit hΓ€ufigste Todesursache ablΓΆsen.
ZukunftsgeschΓ€ft Krebs. Roche erzielt mehr als die HΓ€lfte des Pharmaumsatzes mit Krebstherapien, bei Novartis betrΓ€gt der Anteil rund 30 Prozent. HoffnungstrΓ€ger von Novartis ist das neue Mittel Afinitor gegen Nierenkrebs, das derzeit auch fΓΌr den Einsatz gegen andere bΓΆsartige Tumore getestet wird. Roche hat mit dem Bestseller Avastin grosse PlΓ€ne: Derzeit lΓ€uft ein Entwicklungsprogramm mit 450 Studien zu 30 verschiedenen Tumorarten, das 40ββ000 Patienten involviert. Die AbhΓ€ngigkeit von einem Therapiegebiet birgt auch Gefahren. Das Flaggschiff kΓΆnnte dort in Schwierigkeiten geraten, wo die Gesundheitskosten gesenkt werden sollen. Darum forciert Roche heute wieder die Erforschung von anderen Krankheiten wie Diabetes.
Roche will die Medizin von morgen entscheidend prΓ€gen. GemΓ€ss Severin Schwan steht die Pharmaindustrie am Anfang einer revolutionΓ€ren Entwicklung, bei der die Erfolgsquote von Behandlungen markant steigen wird. Das Zauberwort heisst personalisierte Medizin. Forscher finden immer ΓΆfter ZusammenhΓ€nge zwischen der Wirksamkeit eines Medikaments und bestimmten Genen der Patienten. Mit dem Brustkrebsmittel Herceptin hat Roche bereits das erste Programm auf dem Markt: Ein Test zeigt an, welche Patientinnen auf die Therapie ansprechen werden. Β«Wir werden kΓΌnftig alle Medikamente auf solche Therapien hin entwickelnΒ», sagt Pharmachef Pascal Soriot. Bis zum Jahr 2015 soll die HΓ€lfte aller PrΓ€parate mit solchen Tests auf dem Markt sein. Bis diese Spitzeninnovationen Geld in die Kassen spΓΌlen, wird es allerdings noch zehn bis zwanzig Jahre dauern.
Roches Versprechen, die Medizin von morgen zu liefern, ist spektakulΓ€r, aber eine Wette auf die Zukunft. Β«Ob Roche oder Novartis, ist eine Frage des RisikoprofilsΒ», sagt Oliver Kubli, Fondsmanager von Adamant Biomedical Investments. Β«Beide Unternehmen sind Weltklasse, beide Modelle sind erfolgversprechend.Β» Das Modell von Roche verspreche hΓΆhere Margen und hΓΆheres Wachstum, berge aber auch grΓΆssere Risiken, Forschungserfolge seien zwingend. Β«Novartis wird sich wegen der breiteren AbstΓΌtzung stabiler entwickelnΒ», prognostiziert Kubli, Β«dafΓΌr sind Margen und Wachstum moderater.Β»
Weil die Unternehmen sich heute so stark unterscheiden, wird eine Fusion unwahrscheinlich. Der Β«kleine NachbarΒ» Roche hat den Lokalrivalen eingeholt und bewiesen, dass Erfolg auch ohne Fusionen mΓΆglich ist. Novartis-Lenker Vasella flirtete mehrfach mit Megadeals (Aventis, Wyeth) und baute sogar eine Beteiligung an Roche auf, aber der Zugriff auf den Nachbarn blieb ihm verwehrt. Die Roche-EigentΓΌmer, so heisst es, lassen sich die ZurΓΌckweisung Vasellas mit einer jΓ€hrlichen DividendenerhΓΆhung belohnen. FΓΌr das vergangene GeschΓ€ftsjahr zahlte Roche zum 23. Mal in Folge eine hΓΆhere Dividende. Von den fΓΌnf Milliarden Franken fliessen demnΓ€chst 500 Millionen zu den Roche-Erben und 350 zu Novartis β auch eine Win-win-Situation.