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Zehn Jahre Aldi Schweiz: Was die Chefs jetzt vorhaben

Seit zehn Jahren wildert Aldi in der Schweiz, jetzt stellen sich die Chefs erstmals zum Gespräch. Was Aldi und Konkurrent Lidl planen – und warum sich Coop und Migros nicht in Sicherheit wiegen dürfen

Dirk-Ruschmann

Vor zehn Jahren startete der deutsche Lebensmitteldiscounter Aldi in der Schweiz. Per Ende 2014 zählt er hierzulande 175 Filialen mit 2566 Mitarbeitenden und einen Umsatz von 1,79 Milliarden Franken.
Die beiden Aldi-Chefs der Schweiz: Verwaltungsratspräsident Günther Helm (l.) und Landesgeschäftsführer Timo Schuster. Helm tritt erstmals öffentlich in der Schweiz auf, der 36-Jährige ist CEO der Muttergesellschaft Hofer KG, die von Österreich aus mehrere Länder im Reiche Aldis führt. Gian Marco Castelberg
Vier Jahre nach Aldi, im Jahr 2009, folgte Lidl. Als Aldi-Klon gestartet, zählt der Discounter per Ende 2014 98 Filialen mit 2600 Mitarbeitenden und einem Umsatz von 800 Millionen Franken in der Schweiz.
Der Markteintritt der deutschen Discounter löste Gewaltiges aus. Die Preispolitik etablierter Detailhändler wurde angeregt, die Grossverteiler überprüften ihre Logistik und Sortimente, zum Teil wurden auch die Anzahl der Artikel in kleinen Verkaufstellen gekappt.
Philippe Gaydoul sah in Aldi und Lidl «Giganten ins Land kommen». Er rüstete seine Denner-Kette im Bereich Frischwaren und im wichtigen Weinsortiment hoch und stiess sie 2007 schliesslich zum Höchstpreis an die nun discount- und alkoholversorgte Migros ab.
Coop-Präsident Hansueli Loosli (l.) und Migros-Chef Herbert Bolliger lancierten eigene Billiglinien und senkten die Preise, bevor Aldi in der Schweiz startete.
Aldis Kennzeichen: Karg ausgestattete Märkte, die wenig farbenfroh sind und seltener Impulskäufe auslösen, weil die Markenartikel nicht so dicht verteilt sind. Zwar legt Aldi hier zu, doch der Anteil an Eigenmarken soll bei 90 Prozent bleiben.
Lidl verkauft immerhin 25 Prozent Markenanteil.
Überhaupt kommen Aldi und Lidl inzwischen gut in der Bevölkerung an. Ihre Botschaft «Value for Money» setzt sich nach und nach in den Köpfen fest. Insbesondere Aldi betont ununterbrochen die Qualität der Eigenmarken.
Die Discounter entwickeln sich stetig weiter: Lidl backt in der Abteilung «Direkt aus dem Ofen» im Laden Brot frisch auf und verkauft heute rund 120 Obst- und Gemüseartikel.
Aldi zog mit der «Panetteria» nach. Mit frischem Brot sowie einer breiteren Auswahl an Obst und Gemüse folgt Aldi den Kundenwünschen, hält aber an einem schmaleren Sortiment und mehr Eigenmarken als die Wettbewerber fest.
Wie geht es weiter im Schweizer Detailhandel? Als langfristiges Ziel gibt Aldi-Landeschef Timo Schuster 300 Verkaufsstellen an. Allein die Stadt Zürich habe Potenzial für rund 20 Filialen, und entlang des Zürichsees wäre in praktisch jedem Ort eine Filiale denkbar.Bilder: Keystone/PR
Billiglandschaft Schweiz: Die Karte zeigt, wo die Discounter in der Schweiz zu finden sind.
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RMS

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Vor zehn Jahren startete der deutsche Lebensmitteldiscounter Aldi in der Schweiz – und mischte damit den Schweizer Detailhandel ordentlich auf. In puncto Wachstum haben die Aldi-Bosse, Landesgeschäftsführer Timo Schuster und Verwaltungsratspräsident Günther Helm, noch immer viel vor. Zum allerersten Mal haben die beiden Chefs sich zum Gespräch gestellt. Helm tritt erstmals öffentlich in der Schweiz auf, der 36-Jährige ist CEO der Muttergesellschaft Hofer KG, die von Österreich aus mehrere Länder im Reiche Aldis führt.
Was in der Schweiz noch möglich ist, deutet Schuster an: «Allein die Stadt Zürich etwa hätte Potenzial für rund 20 Filialen, und entlang des Zürichsees wäre in praktisch jedem Ort eine  Filiale denkbar.» Als langfristiges Ziel gibt Schuster 300 Verkaufsstellen an, aber ein Blick nach Österreich zeigt, dass mehr möglich wäre. Dort strebt Hofer, bei vergleichbarer Einwohnerzahl, von aktuell 450 Filialen stramm Richtung 500. Schuster fügt hinzu, man liege auf Kurs, Aldi habe die internen Prognosen «sogar übertroffen».

Coop und Migros reagierten

Als Aldi 2005 und Lidl vier Jahre später den Schritt in die Schweiz wagten, stellten sie den Schweizer Detailhandel auf den Kopf. Die deutschen Discounter haben eine «lange Preisspirale nach unten» ausgelöst, so ein Schweizer Retail-Kadermann. Coop hatte schon vorab via CoopForte die Reihen geschlossen, die Supercard lanciert und startete, noch bevor der erste Schweizer Aldi-Markt die Türen öffnete, im Januar 2005 die Billiglinie Prix Garantie mit 150 Artikeln. Im Herbst schlich sich zudem Fine Food mit einigen Produkten in die Regale.

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Migros verpasste ihrer schon 1990 gegründeten Billiglinie M-Budget im Jahr 1996 einen zweiten Schub und konterte Coops Fine Food fast zeitgleich mit Migros Sélection, Coop gründete zudem die  internationale Einkaufsgemeinschaft Coopernic. Unter Schmähungen senkten  die Grossverteiler mehrfach auf breiter  Front die Preise; Pick Pay, Usego, Hofer & Curti und diverse Kleinhändler hatten sich bereits in die Geschichtsbücher verabschiedet.
Als im März 2009 auch Lidl hereindrängte, wiederholte sich das Muster, wenn auch in abgemildeter Form.

«Haben der Schweiz gutgetan»

Aldi und Lidl, bestätigt der St. Galler Handelsprofessor Thomas Rudolph, hätten «die Preispolitik der etablierten Detailhändler, sagen wir, angeregt», formuliert er ironisch – er sitzt auch im Migros-Verwaltungsrat. Die Grossverteiler hätten ihre Logistik und ihre Sortimente überprüft, bisweilen die Anzahl der Artikel in kleinen Verkaufsstellen gekappt, und wer in der Champions League spielen wolle, sagt Rudolph, «der braucht entsprechende Gegner, um fit zu bleiben».
Sein eindeutiges Fazit: «Die deutschen Discounter haben der Schweiz gutgetan.» Sie waren schon die dritte Kraft im Land, als sie die Schweiz noch gar nicht betreten hatten.

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Zehn Jahre nach dem Start sind Aldi und Lidl im Schweizer Detailhandel etabliert, aber noch nicht am Ziel ihrer Wünsche. Erstmals sprechen die beiden Aldi-Chefs über ihre Anstrengungen bei Nachhaltigkeit und Umweltschutz, über die Wertschätzung der Mitarbeiter, die hohen Löhne und über das Wachstum ihrer Filialnetze. Die ehrgeizigen Pläne der Deutschen lesen Sie in der neuen «BILANZ», ab Freitag am Kiosk oder mit Abo jeweils bequem im Briefkasten.
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