Wie schlimm es um den Ruf seines neuen Arbeitgebers stand, wurde Eric Tveter erst bei Amtsantritt richtig klar: Im Mai 2009 war er an einer Cocktailparty eingeladen. Β«Ich bin der neue Chef von CablecomΒ», stellte sich der Amerikaner einem anderen Gast vor. Β«Das zu hΓΆren, tut mir leidΒ», kam die Antwort.
FΓΌr viele Kunden war die Cablecom schon lange die meistgehasste Firma der Schweiz. Die Abschaltung von FernsehkanΓ€len brachte die KonsumentenschΓΌtzer auf die Barrikaden und die Politiker zum Einschreiten. Mehrfache Stellenabbaurunden trugen schlechte Stimmung nach aussen. Dass die Muttergesellschaft NTL ein paar Jahre zuvor bankrottgegangen war, hatte der Reputation auch nicht geholfen.
Am schlimmsten aber war der katastrophale Kundendienst: keine Woche, in der die Cablecom nicht wegen neuer Fehlleistungen an den Medienpranger gestellt wurde. Auf dem Reputationsindex des Marktforschungsinstituts GfK, das jΓ€hrlich die Wahrnehmung von 50 Schweizer Top-Unternehmen anhand von 3500 Befragungen misst, rangierte die Cablecom 2009 auf dem vorletzten Platz. Nur die von Milliardenverlusten geschΓΌttelte UBS hatte ein noch tieferes Ansehen. Die Marke Cablecom schien hoffnungslos verloren. Auch intern. Β«Jeder Einzelne im Unternehmen war sehr skeptischΒ», sagt Tveter. Nicht wenige rieten ihm, den Brand komplett fallen zu lassen und so rasch wie mΓΆglich einen neuen Markenauftritt zu finden.
Doch das hΓ€tte die Probleme nicht gelΓΆst. Im Gegenteil, die neue Marke wΓ€re ebenfalls sofort beschΓ€digt gewesen β ein Β«pig with lipstickΒ», ein Schwein mit Lippenstift, wΓ€re die Cablecom geworden, drΓΌckt es Tveter aus. Stattdessen ging er an die Basics, um das Vertrauen in die Firma wiederherzustellen: Er schuf klare Verantwortlichkeiten, vereinfachte die internen AblΓ€ufe, stockte den Kundendienst auf und blΓ€ute den Mitarbeitern ein amerikanisches ServiceverstΓ€ndnis ein. Β«Branding stand damals nicht auf meiner PrioritΓ€tenlisteΒ», sagt Tveter. So beliess er es bei der AnkΓΌndigung, dass sich Cablecom einst umbenennen wΓΌrde, um zu demonstrieren, dass er es ernst meinte mit dem Wandel. Der neue Name stand schon fest: UPC (United Pan-Europe Communications) sollte er lauten, so wie die zehn anderen europΓ€ischen Tochterfirmen der US-Muttergesellschaft Liberty Global.
DNA
Gleichzeitig setzte Tveter eine Taskforce zur Repositionierung ein. 30 Mitarbeiter sassen wΓ€hrend dreier Monate mehrmals zusammen, um die DNA der Firma zu identifizieren. Β«Nicht wer wir waren oder wer wir sein wollten, sondern wer wir tatsΓ€chlich sindΒ», darum ging es laut Marketingchef Koen Verwee. Auch Kunden befragte man dazu. Vier Kernwerte der Cablecom arbeitete die Taskforce schliesslich heraus: erstens wegweisend (wegen der innovativen Dienste), zweitens mΓ€chtig (wegen der internationalen VerknΓΌpfung und der Zukunftsorientierung), drittens tatkrΓ€ftig (wegen der zu lΓΆsenden Probleme) und viertens leistungsstark (wegen der Mitarbeiter und des Netzwerks).
Daraus wurde letzten Dezember der neue Claim destilliert: Β«Mehr Leistung, mehr FreudeΒ» β ein Produktversprechen, das auf die Kerndifferenzierung des leistungsfΓ€higsten Netzwerkes zurΓΌckgeht. Bei Tveters Amtsantritt hatte der Claim noch bedeutungsfrei Β«Touch a worldΒ» gelautet, wΓ€hrend des Umbaus wechselte man auf Β«Changing for youΒ», um zu signalisieren, dass der Handlungsbedarf erkannt war.
Auch in der Werbung schlug man neue TΓΆne an. Bislang arbeitete Cablecom mit der Agentur Advico, ihre Kampagnen waren technologieorientiert und unemotional, nicht konsumentennah, dafΓΌr etwas aggressiv im Auftritt. Nun wollte man einen komplett neuen Look. Aus dem Pitch 2009 ging Euro RSCG als Gewinner hervor. Agenturchef Frank Bodin setzte auf den SympathietrΓ€ger Massimo Rocchi als Markenbotschafter und verpasste der Firma damit ein humorvolleres Image. Auch die weiteren Kampagnen (etwa mit einem Geparden, der den Antilopen freundlicherweise einen Vorsprung lΓ€sst) positionieren die Firma heute als softer im Vergleich zu frΓΌher.
Unterdessen kamen Tveter Zweifel an der Richtigkeit seiner Entscheidung, die Firma umzubenennen. Die Marke Cablecom war in der Schweiz verankert β und hatte allen Problemen zum Trotz immer noch positive Restattribute. Die Kunden bemerkten langsam die Verbesserung in der ServicequalitΓ€t. Β«Wir bekamen viele Aufforderungen, den Namen zu belassenΒ», sagt Tveter. So entschied er sich fΓΌr eine schrittweise Dualstrategie: Im Oktober 2009 erschien der Schriftzug Β«Ein Unternehmen von UPCΒ» unter dem Cablecom-Logo, einem stilisierten SchraubenschlΓΌssel (bΓΆse Zungen sagen: Hundeknochen). Im April 2010 tauchte daneben das neue Logo auf, eine stilisierte BlΓΌte (bΓΆse Zungen sagen: Artischocke).
Seit April dieses Jahres verwendet man nur noch das neue Logo und den kombinierten Namen UPC Cablecom. Eine gΓ€ngige Methode, die hierzulande etwa auch die Axa Winterthur praktiziert, um alte Markenwerte zu transferieren (fΓΌr zufriedene Kunden) und neue zu schaffen (fΓΌr potenzielle Kunden). Und hΓ€ufig eine ΓbergangslΓΆsung: Β«Die Wahrscheinlichkeit, dass Cablecom in ein paar Jahren wegfΓ€llt und die Marke dann wie im Rest von Europa nur noch UPC heisst, ist enorm hochΒ», sagt RenΓ© Allemann, GrΓΌnder der Markenagentur Branders.
GΓΌnstig
Am neuen Logo musste Tveters Team nichts Γ€ndern, es ist in den anderen europΓ€ischen MΓ€rkten bei 18 Millionen Kunden etabliert. Die Londoner Agentur Venturethree hatte es 2007 entwickelt. Auch das dazugehΓΆrige Marketingmaterial stand schon bereit. Auf eine eigentliche Rebranding-Kampagne verzichtete Tveter. So blieben die Kosten fΓΌr den neuen Markenauftritt gering: Ein einstelliger Millionenbetrag reichte aus. Β«Wir haben das aus dem normalen Kommunikationsbudget bezahltΒ», sagt Marketingchef Verwee.
Es hat sich gelohnt, das Ansehen der Firma bessert sich: Β«Cablecom ist auf guten WegenΒ», sagt JΓΆrg Halter von der Telekomberatung Ocha, die jedes Jahr das BILANZ-Telekom-Rating erstellt. Β«Bis vor einem Jahr war Cablecom die Firma, ΓΌber die am meisten Klagen eingingenΒ», sagt auch AndrΓ© BΓ€hler von der Stiftung Konsumentenschutz. Β«Seither hat die Anzahl Klagen abgenommen, besonders was den Kundenservice betrifft.Β» Allerdings sei Cablecom noch immer unter den Top 5 der Schweizer Kummerfirmen. Beim GfK-Reputationsindex hat Cablecom ebenfalls deutlich Boden gutgemacht (siehe Β«ImagekorrekturΒ» unter 'Downloads'). Das honoriert auch der Markt: Seit Anfang Jahr wΓ€chst die Firma im Digitalfernsehen wieder schneller als Rivale Swisscom, Β«weil die Markenfrage nicht mehr im Vordergrund steht, sondern wieder die Leistung verglichen wirdΒ», so Halter.
Wie die Marke UPC Cablecom heute wahrgenommen wird, welche Werte sie verkΓΆrpert, darΓΌber kann man noch keine Aussagen machen. Es gibt sie ja erst seit ein paar Wochen. Als Β«verpasste ChanceΒ» wertet Branders-Chef Allemann den Neuauftritt: Β«Man hΓ€tte die neue Marke von Anfang an mit einer Kernaussage aufladen und eine Erlebniswelt kreieren mΓΌssen. Das hΓ€tte dem Neuauftritt Profil und Charakter verliehen.Β» Das zu Γ€ndern, ist Tveters nΓ€chste Aufgabe. Eines aber ist klar: Beileidsbekundungen fΓΌr seinen Job muss er sich auf Partys schon heute nicht mehr anhΓΆren.