Es war das Signal fΓΌr den Neustart. Die internationale Presse war geladen, als Philippe Gaydoul den umgebauten Flagship Store im ehrwΓΌrdigen NZZ-GebΓ€ude bei der Oper vorfΓΌhrte. Schuhe, Taschen und Accessoires in einem Ambiente von Pastellfarben und edlem Leder β ein Ensemble, das die Schweizer Marke Navyboot fΓΌr den neuen EigentΓΌmer Gaydoul ins Ausland tragen soll.
Entsprechend zeigte auch die GΓ€steliste internationales Flair. Neben Swiss-PrΓ€sident Rolf Jetzer und Migros-Boss Herbert Bolliger hatten sich Bond-Regisseur Marc Forster, Bandleader Pepe Lienhard oder der deutsche Schauspieler Hannes Jaenicke angemeldet, dazwischen blitzte Starfotograf Michel Comte Promis mit Navyboot-Schuhen an den FΓΌssen.
Der Store im NZZ-Haus war noch unter FΓΌhrung des Navyboot-GrΓΌnders Bruno Bencivenga geplant worden. Im Oktober schwangen zum ersten Mal die TΓΌren auf, drei Monate zuvor hatte Gaydoul Navyboot ΓΌbernommen β zu wenig Zeit, um das Ganze noch zu stoppen, obwohl Gaydouls Strategie bereits stand. Also liess er es geschehen. Dass er die Irritationen in Kauf nahm, als er das GeschΓ€ft nach sechs Monaten bereits wieder umbauen liess, zeigt: Hier ist mehr vorgefallen als ein Wechsel des EigentΓΌmers. Vielmehr wird Navyboot auf den Kopf gestellt.
Bencivenga sagt, ihm sei seit lΓ€ngerer Zeit klar gewesen, dass die Firma an eine Grenze gestossen war β zu gross und komplex war Navyboot fΓΌr seine Arbeitsweise geworden. Β«Aber ich wollte unsere Struktur als familiΓ€r gefΓΌhrtes Unternehmen nicht aufgeben.Β» Also ging er auf die Suche nach Partnern, auch ein BΓΆrsengang stand zur Diskussion. Gaydoul hatte davon gehΓΆrt und sprach Bencivenga an.
Die Verkaufsverhandlungen gingen im Eiltempo ΓΌber die BΓΌhne. Am 19.ββMai des vergangenen Jahres setzten sich die beiden zum ersten Mal zusammen; es gab Kaffee in einem ruhigen StΓΌbli des Hotels Widder. Zum zweiten Treffen, zwei Tage spΓ€ter, brachte Bencivenga Frau und Bruder mit. Ein paar Tage ΓΌberlegten sie, sechs Wochen spΓ€ter stand der Vertrag.
KnochensΓ€ge. Von Gaydouls Β«DynamikΒ» war Bencivenga begeistert. Β«Der hat die gleichen Visionen und Ziele fΓΌr die Marke wie wirΒ», man sehe, dass Navyboot ihm Spass machen werde. Und: Β«Ich unterstΓΌtze voll die VerΓ€nderungen, die Philippe Gaydoul plant.Β»
Β«VerΓ€nderungenΒ» ist allerdings ein zu kleines Wort. Gaydoul belΓ€sst es nicht bei minimalinvasiven Korrekturen, sondern setzt rabiat die KnochensΓ€ge an β Navyboot Γ la Bencivenga wird regelrecht demontiert. Und dann soll sich die rundum erneuerte Marke im Ausland beweisen: Erste Expansionsziele sind Deutschland und Italien.
Der Erfolg des GrΓΌnders ist unbestritten. Aus dem Nichts baute er eine neue Schuhmarke auf, fΓΌgte eine eigene Ladenkette hinzu, verbreiterte das Sortiment und positionierte Navyboot in den Anfangsjahren Β«vital und unkonventionell β die Marke stand fΓΌr Opposition zum EtabliertenΒ», sagt Nik Stucky, Global Practice Leader Brand Valuation bei der Markenberatung Interbrand. Navyboot ist eine der wenigen Β«vertikal integriertenΒ» Schuhmarken β von Design ΓΌber Produktion bis zu Vermarktung und LadengeschΓ€ften hat das Unternehmen alles in der eigenen Hand.
Der schnelle Erfolg mag Bencivenga etwas ΓΌbermΓΌtig gemacht haben, wie Handelsexperten unterstellen. Im Jahr 2002 sagte er in einem Interview, er habe anfangs Β«experimentiert, wir sind auf fast jede Anfrage eingestiegenΒ», wenn jemand Produkte unter Navyboot-Lizenz an den Markt bringen wollte. Β«Es hat uns natΓΌrlich geehrt, dass unsere Marke ein so grosses Interesse auslΓΆste.Β» Im MΓ€rz 2003 sinnierte er gegenΓΌber der Werbezeitschrift Β«PersΓΆnlichΒ» sogar ΓΌber Navyboot-Toilettenpapier.
Und so gibt es Herrenkleidung bei Schild, DamenunterwΓ€sche bei Beldona, eine Vespa, LederfussbΓ€lle β alles mit Navyboot-Logo. Einem Freund, der MassanzΓΌge anbot, gab Bencivenga eine Lizenz. Vier verschiedene Ladenketten verkaufen Navyboot: die eigenen Stores, dazu Divarese, Varesino und Bagatt, zudem gibt es Shop-in-Shop-FlΓ€chen bei KaufhΓ€usern wie Jelmoli oder Globus. In ZΓΌrich ist die Marke, mit je nach ZΓ€hlweise zwΓΆlf oder mehr GeschΓ€ften, omniprΓ€sent.
Damit ist Navyboot zum Β«AllgemeingutΒ» geworden; stets verfΓΌgbar, wie ein Beobachter kritisiert β zumal Ausverkaufsaktionen immer wieder das hochwertige Ambiente brechen. Markenpflege sieht anders aus: sich rar machen, das Angebot verknappen und kΓΌnstlich Nachfragedruck schaffen β ein Spiel, wie es Rolex oder HermΓ¨s perfekt beherrschen. Stuckys Fazit: Β«Die Strahlkraft der Marke Navyboot ist in den vergangenen Jahren stark verblichen.Β»
Essenz. Bencivenga ist kein zahlenlastiger und strategiefester Unternehmer, sondern einer, der vor Ideen sprΓΌht, sich schnell fΓΌr Neues begeistern kann. Mit BusinessplΓ€nen hat er nie hantiert. MessgrΓΆsse der Entwicklung war der Bekanntheitsgrad der Marke. Dass der GrΓΌnder von Anfang an Gewinn β Β«wir sind eine ErtragsperleΒ» β erwirtschaftet hat, bestΓ€rkte ihn, dass seine Methode so falsch nicht sein konnte. Gleichwohl war ihm klar, dass weiteres Wachstum den Aufbau einer professionellen Organisation erfordert hΓ€tte. Β«Man muss sich anpassen β und wir als Familie waren dazu nur beschrΓ€nkt in der Lage.Β» GeschΓ€tzte 80 Millionen Franken dΓΌrften geflossen sein; vier FΓΌnftel des Umsatzes β kein schlechter Preis, zumal keine Immobilien dabei sind. Gaydoul sagt zum Thema Geld nur, er strebe an, Β«dass ich in zehn Jahren schmunzeln werde, wenn ich an den Kaufpreis zurΓΌckdenkeΒ».
Investor ist formal die Gaydoul Group, die Philippe und seine Mutter Denise Gaydoul-Schweri halten. Mit dem Verkauf von 70 Prozent der Denner-Anteile an Migros, der geschΓ€tzte 700 Millionen eingebracht hat, zahlten sie die verbliebenen Familieneigner, RenΓ© Schweri und Eliane Borzatta-Schweri, aus β es blieb genug ΓΌbrig, um neben Navyboot bei weiteren Firmen einzusteigen.
Nun dezimiert Philippe Gaydoul die Marke bis zur Essenz; Β«back to the rootsΒ» heisst die Marschroute. Navyboot wird sich auf Schuhe und Lederwaren konzentrieren, edler im Auftritt daherkommen und die PrΓ€senz verringern. Allein in ZΓΌrich dΓΌrften sieben oder acht GeschΓ€fte schliessen, die verbleibenden werden unter der einheitlichen Marke Navyboot auftreten. Kleidung werden sie nicht mehr fΓΌhren. Die Produkte sollen aufgewertet, die LΓ€den mit neuer Innenarchitektur Β«weiblicherΒ» werden. Der eigene Anteil am Design, bisher rund ein Drittel, soll auf deutlich ΓΌber die HΓ€lfte steigen. Das GeschΓ€ft mit rahmengenΓ€hten Luxusschuhen, die durchaus 700 Franken und mehr kosten kΓΆnnen, will der neue EigentΓΌmer ausbauen, als Referenz betrachtet er Nobeltreter von Alden oder John Lobb. Β«Den Sexappeal der MarkeΒ», sagt Gaydoul, mΓΆchte er herausarbeiten.
MassanzΓΌge unter dem Navyboot-Label gibt es bereits nicht mehr, auch die WΓ€schelinie bei Beldona ist ausgelaufen. Der ModehΓ€ndler Schild dagegen hat noch einen mehrjΓ€hrigen Lizenzvertrag und kann daher sozusagen exklusiv Kleidung der Marke Navyboot anbieten. Gaydoul hofft hier einfach auf das Beste, Schild strebe schliesslich, wie Navyboot, eine HΓΆherpositionierung an. Vielleicht werde die Kooperation sogar verlΓ€ngert. Und vielleicht trΓ€gt er irgendwann selbst einmal Navyboot-AnzΓΌge.
Auch personell greift Gaydoul, dem Navyboot seit einiger Zeit zu 100 Prozent gehΓΆrt, tief in die Strukturen ein. Schon seit Januar amtiert Hendrik Gottschlich als GeschΓ€ftsfΓΌhrer, ein ehemaliger Partner der Beratungsfirma Roland Berger. Gaydoul hat Gottschlich als SpΓΌrhund fΓΌr die Gaydoul Group geholt. Migros-Mann Dieter Berninghaus, den Gaydoul in die Schweiz gelotst hat, soll Gottschlich empfohlen haben; die beiden Handelsexperten gelten als Duzfreunde.
Gezielt holt er Fachwissen im Schuh- und ModegeschΓ€ft in den Verwaltungsrat: GrΓΌnder Bruno Bencivenga bleibt, hinzu stossen Gucci-Manager Karl Heinz Hofer, der Erfahrung mit Logistik und Lieferketten mitbringt, und Iris Epple, Retail-Chefin bei Tommy Hilfiger Europe. Als Schuhdesigner holt Gaydoul zudem Angelo Trentin von der italienischen Nobelmarke Fratelli Rossetti; Juan-Carlos Perez, der Accessoires gestalten wird, war bei Todβs und Aigner. Flaviano Bencivenga wird als Head of Collection amten.
Eine vordringliche Aufgabe dΓΌrfte die QualitΓ€tssicherung werden. Zwar bestreitet Bencivenga, dass es punkto Verarbeitung MΓ€ngel gebe; die Reklamationsquoten lΓ€gen nur Β«bei etwa einem ProzentΒ». Gaydoul hat jede Menge Schuhe auseinandernehmen und einen Vergleichstest mit anderen Marken machen lassen. Er erklΓ€rt die QualitΓ€t fΓΌr Β«in der breiten FlΓ€che gutΒ» β gibt aber immerhin zu, dass Β«wir da den Hebel ansetzen mΓΌssenΒ».
TatsΓ€chlich ist das Problem massiv. Umfragen bei Kollegen (Β«zweimal hab ich Navyboot-Schuhe gekauft, zweimal ist vorne die Sohle gesplittetΒ») oder ZΓΌrcher Schuhmachern (Β«sehen Sie, der Schuh ist praktisch neu, und der Absatz hΓ€ngt schon wegΒ») bestΓ€tigen das. Viele Kunden gingen gar nicht erst zur Reklamation in die GeschΓ€fte, sagt ein Schuhmacher β Β«die bringen ihren Frust zu mirΒ». Bei einem Test des Β«K-TippsΒ» vor vier Jahren landete der Navyboot auf Platz fΓΌnf von zehn Schuhen, beim Kapitel Β«RobustheitΒ» allerdings auf dem vorletzten Rang, und das als zweitteuerster Schuh.
Markenstores. Anderseits schwΓΆren insbesondere Frauen auf Navyboot-Schuhe. Eine Kundin eines alteingesessenen Schuhmachers in ZΓΌrich sagt, sie sei Β«super zufrieden β meinen hΓ€tte ich gern noch mal gehabtΒ». Und der Schuhmacher relativiert, Β«bei MΓ€nnerschuhen sind viele andere Marken genauso schlechtΒ». Immerhin gilt Navyboot beim Umtausch als kulant.
Dass Gaydoul die Zahl der Lieferanten von derzeit ΓΌber 60 auf Β«10 bis maximal 15Β» reduzieren will, deutet darauf hin, dass der John-Lobb-Herausforderer den Handlungsbedarf erkannt hat. Die verbleibenden Zulieferer will er dafΓΌr umso enger an die Hand nehmen.
Lieferanten knechten, das sollte der Discount-KΓΆnig kΓΆnnen. Und die beherzten Einschnitte bei Navyboot zeigen: Gaydoul ist bewusst, dass die Firma kein SelbstlΓ€ufer ist. Β«Strikte Kostenkontrolle, das Achten auf Details, da kann man eine Menge Discount-Prinzipien ΓΌbernehmenΒ», ist er ΓΌberzeugt.
Dennoch: Designer sind oft KΓΌnstler und Diven β das Gegenteil also von Denner-Filialleitern, die Gaydoul an der kurzen Leine fΓΌhrt. Kann er mit Kreativen umgehen? Β«Das ΓΌberlasse ich dem Management, ich fΓΌhre nicht operativΒ», wiegelt er ab. Er bringe sich nur ein, Β«wo ich helfen kann und etwas vom Sujet versteheΒ».
VΓΆlliges Neuland fΓΌr ihn sind jedenfalls die MΓ€rkte Deutschland und Italien, wohin sich Navyboot nun ausbreiten soll. Das Risiko, Geld zu verbrennen, ist immens, die Gefahr einer Blamage gibt es gratis dazu. Zwei schwierige SchuhmΓ€rkte, insbesondere Deutschland: Der sei Β«grundsΓ€tzlich gesΓ€ttigtΒ», sagt Kerstin Lehmann, Partnerin bei der Beratungsfirma OC&C. Gaydouls Ziel muss also VerdrΓ€ngung der Konkurrenz lauten β und das in einem Markt, der wenig MarkenprΓ€gung kennt und wo das gehobene Preissegment bereits dicht besetzt ist. HΓ€ndler wie KΓ€mpgen und GΓΆrtz haben Eigenmarken lanciert, die etablierte Herrenschuhmarke Lloyd hat eigene Stores erΓΆffnet, und Boss verkauft lΓ€ngst selbst die passenden Schuhe zum Anzug.
Der klassische Weg fΓΌr einen Neuling wie Navyboot wΓ€re, einen Grosshandelspartner zu suchen wie den grΓΆssten hochkarΓ€tigen Schuhfilialisten im Nachbarland, GΓΆrtz. Der bietet neuerdings auch Shop-in-Shop-Konzepte an. Doch Gaydoul geht einen anderen, viel teureren Weg: eigene Markenstores. Bis zum Jahresende sollen es bereits sieben sein, an Toplagen wie DΓΌsseldorfs Β«KΓΆΒ», Hamburgs Neuer Wall oder der Stuttgarter KΓΆnigstrasse. SpΓ€ter sollen Italiens Metropolen Rom, Mailand und Florenz folgen, zudem WeltstΓ€dte wie New York, Hongkong, Tokio und London. Eine halbe Million Franken dΓΌrfte die Erstausstattung einer Filiale kosten, die Mieten liegen bei 200 bis 300 Franken pro Quadratmeter, hinzu kommen Personalkosten und bisweilen Β«SchlΓΌsselgelderΒ». Gaydouls Vorgabe: Navyboot soll das Wachstum selbst finanzieren, die LΓ€den sollen Β«idealerweise nach einem Jahr rentabel seinΒ». Und das mit einer Marke, von der mehrere deutsche Branchenkenner auf Anfrage sagten, sie hΓ€tten Β«davon so gut wie nichts gehΓΆrtΒ». KonsumgΓΌterhersteller rechnen in Deutschland mit Investitionen von mindestens zehn Millionen Euro, um eine neue Marke bekannt zu machen β eine Summe, die Navyboot ohne Finanzspritze der Gaydoul Group kaum aufbringen kΓΆnnte. Auf die Marketingstrategie darf man also gespannt sein. Ein Branchenexperte sagt, er glaube nicht, Β«dass das eine Erfolgsgeschichte wirdΒ».
Was treibt Gaydoul zu dem Abenteuer an? Thomas Roeb, Handelsexperte der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, sagt: Β«Man sieht, dass Gaydoul nach Herausforderungen sucht: Schuhe statt Lebensmittel, Premium statt Discount.Β» Das werde Β«spannendΒ». Der Luzerner Handelsberater Gotthard Wangler argwΓΆhnt, der Denner-Erbe Β«ist erfolgsverwΓΆhnt und hat bisher alles sehr gut gemacht β das macht ihn vielleicht zu selbstsicherΒ».
Was sagt Gattin Radmila, die Gaydoul ein Β«gutes PendantΒ» nennt β Β«ich eher offensiv, sie mehr defensiv und vorsichtigΒ» β zu seinem Antritt im SchuhgeschΓ€ft? Da muss Gaydoul lachen: Seine Frau hΓ€tte wohl Β«bei meinen sΓ€mtlichen Investments anders entschiedenΒ».
Die Gefahr besteht, dass sie dieses Mal recht behΓ€lt.