Klar, Swisscom-Chef Carsten Schloter geniesst einen Startvorteil. Der Konzern ist ein Fastmonopolist, die Marge fett, die Kundschaft zahlungskrΓ€ftig. Auch Swiss-Re-Chef Stefan Lippe geht aus einer Spitzenposition ins Rennen. Das GeschΓ€ftsmodell des RΓΌckversicherers richtet sich auf die Folgen des Klimawandels und auf Risikominimierung aus. Die beiden, Swisscom und Swiss Re, sind die Sieger im BILANZ-Nachhaltigkeits-Rating 2011.
Inrate, eine international anerkannte Nachhaltigkeits-Rating-Agentur, zeichnet den Berner und den ZΓΌrcher Grosskonzern je mit der Bestnote +6 aus. Keine andere der 20 Firmen, die im SMI erfasst sind, erreicht eine gleich hohe Bewertung.
Zum dritten Mal liess BILANZ die Nachhaltigkeit von Firmen bewerten. Inrate errechnete aus 100 Kriterien eine Gesamtnote von β6 bis +6 (siehe Β«100 Kriterien β eine NoteΒ» unter 'Nebenartikel'). Nachhaltigkeits-Ratings sind relevant: Sie zeichnen aus und leiten Investoren bei ihren Anlageentscheiden. Das Fazit von Tobias Jung, Leiter der Inrate-Researchabteilung: Β«Im Vergleich zu frΓΌher machen wir 2011 eine generelle Zunahme des Nachhaltigkeitsreportings aus.Β»
Siegerin Swisscom kein Newcomer
Es gibt 2011 auch Verlierer: Schlecht fΓ€llt die Bilanz der ΓlfΓΆrderfirma Transocean aus, die seit gut einem Jahr im SMI gelistet ist. Die Firma war ins Deepwater-Horizon-Debakel im Golf von Mexiko verwickelt, zudem sorgten die Superboni des Topmanagements fΓΌr negative Schlagzeilen.
Siegerin Swisscom ist kein Newcomer: Die Firma steht seit Beginn des BILANZ-Ratings auf den SpitzenplΓ€tzen. Zu Recht: In den letzten zehn Jahren hat man den CO2-Ausstoss der Fahrzeugflotte und der Immobilien um 44 Prozent reduziert. Auch international setzt Schloters Firma Standards: Die britische Agentur Verdantix kΓΌrte Swisscom kΓΌrzlich zu einem der fΓΌnf europΓ€ischen Branchenleader, vor Vodafone und der Deutschen Telekom.
Der Klimawandel und die damit verbundenen Herausforderungen sind zentral fΓΌr das KerngeschΓ€ft von Lippes Swiss Re. Stefan Lippe: Β«Wir haben zahlreiche Initiativen und LΓΆsungen entwickelt, die ΓΆkologische und soziale Herausforderungen nachhaltig angehen.Β» WΓ€hrend Swisscom und Swiss Re unter den SMI-Firmen Klassenprimi sind, erreichen nur noch ein paar ausgewΓ€hlte Small and Mid Caps, klein und mittel kapitalisierte Firmen, eine +6: Geberit, Georg Fischer, Bank Sarasin.
FΓΌr den Geberit-Chef Albert Baehny geht es nicht nur um einen Trend. Β«Weniger Energie und Wasser verbrauchen oder sparsam mit Rohmaterial umgehen hat einen positiven Einfluss auf die Kostenstruktur.Β» Konkret: Im Geberit-Forschungslabor in Jona SG gurgeln 200β000 Kubikmeter Wasser durch AbflΓΌsse, 95 Prozent davon aus dem geschlossenen Wassersystem.
Holcim ist ein heikler Fall
Auch die Bank Sarasin, die traditionell auf nachhaltiges Geldanlegen setzt, gehΓΆrt zu den Siegern: Die detaillierte Nachhaltigkeits-Berichterstattung ist vorbildlich, die SensibilitΓ€t beim Personal hoch. Letztes Jahr wurde der Abfall pro Kopf von 215 auf 179 Kilo reduziert.
FΓΌr Experten sind die Namen dieser Β«Class of +6Β» nicht ΓΌberraschend: Bereits in den BILANZ-Ranglisten 2009 und 2010 gehΓΆrten sie zur Spitzengruppe.
Weitere Schweizer SMI-Firmen holen sich bei Inrate einen Kranz, darunter ABB, Adecco und β ja β Holcim. ABB (Note +5) setzt auf effiziente Produkte und Produktion, bloss wegen Kontroversen um KorruptionsfΓ€lle und WettbewerbsverstΓΆsse schafft der Technologiekonzern keine +6. Inrate-Analystin Judith Reutimann: Β«ABB legt Wert auf die ΓΆkologische Optimierung ihrer Produkte, indem sie Kennzahlen zur Umweltperformance einzelner Produkte ermittelt.Β»
Holcim ist ein heikler Fall. Die Firma ist in der Zementindustrie tΓ€tig und konsumiert gigantische Summen von Energie. Gleichwohl gilt die Schmidheiny-Firma gemΓ€ss diversen internationalen Γko-Ratings als weltweiter Branchenleader. Von 2008 bis 2010 hat Holcim den weltweiten Schwefeldioxydausstoss auf 24,9 Tonnen halbiert.
Das Handicap der Schweizer
Komplex ist das Bild bei den Finanzkonzernen. WΓ€hrend Sarasin obenaus schwingt, liegen Credit Suisse und Β«ZΓΌrichΒ» bei +3, UBS bei +2, Julius BΓ€r bei 0. Judith Reutimann: Β«Die CS ist seit 2006 CO2-neutral, die UBS hat sich ein quantitatives Reduktionsziel gesetzt.Β»
Ein Vergleich mit der globalen Konkurrenz, die besser abschneidet, zeigt das Handicap der Schweizer. Die Nachhaltigsten, die australische Bank Westpac (+6) und der niederlΓ€ndische Versicherungskonzern Aegon (+6), profitieren vom engen GeschΓ€ftsmodell: Sie sind weniger global und nicht im Investment Banking tΓ€tig. Globale Universalbanken aber bieten AngriffsflΓ€chen. Denn bei Corporate Finance lauern Risiken, etwa bei der Finanzierung von Kohlekonzernen, die mit der Abbaumethode Mountain Top Removal (MTR) arbeiten. Die UBS kennt das MTR-Risiko. Bei GeschΓ€ften mit dieser Branche sei Β«die EinschΓ€tzung des UBS-Senior-Managements nΓΆtig, und der Bewilligungsprozess wird auf eine hΓΆhere Stufe ausgedehntΒ».
Immerhin, im Vergleich zu anderen globalen Banken schneiden die Schweizer ansprechend ab: Bank of America und Citigroup bringen es gemΓ€ss Inrate auf eine Note 0, die Deutsche Bank von Josef Ackermann bloss auf eine β1.