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Centralway: Der Online-Zar in Osteuropa

In aller Stille hat sich der Zuger Unternehmer Martin Saidler in Osteuropa ein Internetimperium aufgebaut. Jetzt kommt dort Bewegung in den Markt.

Marc Kowalsky

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Es war eine AnkΓΌndigung mit Pauken und Trompeten: Von Β«fΓΌhrenden TitelnΒ» und Β«starken MarkenΒ» war die Rede, von Β«klarer MarktfΓΌhrerschaftΒ» und Β«zusΓ€tzlichen EntwicklungsperspektivenΒ», als der grΓΆsste Schweizer Verlag Ringier und der deutsche Medienriese Axel Springer (u.a. Herausgeber der BILANZ) Ende MΓ€rz die Zusammenlegung des OsteuropageschΓ€fts bekanntgaben. Einen dreistelligen Millionenbetrag wollen die beiden in nΓ€chster Zeit investieren. Besonders im Fokus steht das Online-GeschΓ€ft. Β«Ein Bereich, den beide VerlagshΓ€user vernachlΓ€ssigt habenΒ», schrieb der Β«Tages-AnzeigerΒ».
Martin Saidler hat das, worauf die beiden Grossverlage erst noch hinarbeiten: ein Online-Imperium in Osteuropa. Der Zuger Unternehmer hat sich – von der Γ–ffentlichkeit unbemerkt – in den letzten elf Jahren an 20 Internetunternehmen mit insgesamt mehr als 1000 Mitarbeitenden beteiligt. Zusammen machen sie knapp 100 Millionen Euro Umsatz, alle sind Cashflow-positiv, alle bis auf eines sind profitabel. 12 Millionen Unique Visitors ziehen sie monatlich an. Eine Viertelmilliarde Euro soll Saidlers Centralway Holding wert sein. Seit der GrΓΌndung hat sich der 42-JΓ€hrige an ΓΌber 30 Gesellschaften beteiligt und ein Dutzend davon erfolgreich wieder verkauft. Β«Ich bin wie ein TrΓΌffelschwein stΓ€ndig auf der Suche nach etwas PassendemΒ», sagt Martin Saidler.

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Kreativ, ambitiΓΆs. Martin wer? Das ist die hΓ€ufigste Reaktion, wenn man sich in der Schweizer Internetszene nach dem Unternehmer umhΓΆrt. Im hiesigen Markt ist er weitgehend unbekannt. BranchenanlΓ€sse meidet er, wer nicht schon mit ihm geschΓ€ftlich zu tun hatte, kennt ihn kaum. Β«Ein sehr kreativer Internetunternehmer, mit PlΓ€nen, die sehr ambitiΓΆs und nicht immer realistisch sindΒ», wenigstens zu dieser EinschΓ€tzung kommt Thomas TrΓΌb, Leiter Digital Media bei Ringier.
Saidler ist gebΓΌrtiger Γ–sterreicher (Β«sein ΓΆsterreichischer Charme drΓΌckt immer durchΒ», sagt ein GeschΓ€ftspartner), wohnt in Zug, der Vater stammt aus Lausanne, die Mutter aus der ehemaligen Tschechoslowakei. Deshalb fΓΌhlt er sich im slawischen Kulturkreis wohl, spricht die dortigen Sprachen und investierte schon wΓ€hrend des Politologiestudiums in Osteuropa, etwa in das Stellenportal Jobinteractive.com. 1999 ΓΌbernahm die Beisheim Holding Schweiz (BHS), die Beteiligungsgesellschaft von Metro-GrΓΌnder Otto Beisheim, das Start-up und machte Saidler zum ChefvisionΓ€r fΓΌr die mehreren Dutzend Beteiligungen. Eine beruflich durchwachsene Zeit: Β«Saidler kannte die aktuelle Entwicklung im digitalen Bereich und hatte – nicht zuletzt dank seinen Sprachkenntnissen – gute Kontakte zu den aufstrebenden MΓ€rkten ZentraleuropasΒ», erinnert sich sein damaliger Chef Joachim Schoss, der GrΓΌnder der Scout24-Gruppe. Β«Leider ist es damals bei unterschiedlichen Projekten nicht gelungen, diese FΓ€higkeiten in messbaren Nutzen fΓΌr seinen Arbeitgeber umzusetzenΒ», so Schoss. Saidler wertet es als Erfolg, das Platzen der Dotcom-Blase ΓΌberstanden zu haben, ohne Schaden zu nehmen.

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Bereits nach zwei Jahren trennten sich die Wege. Saidlers Anteile an der Scout-Gruppe, die er kurz vor dem Crash zurΓΌckgegeben hatte, waren das Startkapital fΓΌr die Centralway. Zum ersten Mal wurde man hierzulande auf ihn aufmerksam, als er 2003 bei der E-Commerce-Seite Preisinsel einstieg. Saidler brachte sein Wissen aus anderen Firmen und MΓ€rkten ein. Β«Er kennt den Markt, die Mechanismen im Internet, die Treiber und GeschΓ€ftsmodelle sehr gutΒ», sagt Thomas Egli von der Investmentbank Altium, die Saidler bei mehreren Exits beriet.
Damit hebt er Start-ups auf eine neue Stufe. Β«Er hat uns ein breiteres Denken beigebracht. Danach haben wir uns nicht mehr mit Schweizer E-Commerce-Anbietern verglichen, sondern mit AmazonΒ», erinnert sich Lukas Thoma, GrΓΌnder von Preisinsel und damaliger WeggefΓ€hrte. 2006 verΓ€usserte Saidler Preisinsel an Jelmoli. Als Β«starken und cleveren VerhandlungspartnerΒ» hat ihn Thoma beim Verkaufspoker erlebt. Β«Er kennt das Konzerndenken aus seiner Zeit bei BHS, das setzt er sehr geschickt bei Verhandlungen ein.Β» Ein anderer GeschΓ€ftspartner sagt: Β«Er spielt die Interessenten gegeneinander aus, um den Preis zu steigern.Β»
Rund ein Dutzend anderer Exits tΓ€tigte Saidler seither. Die Exits stehen bei ihm von Anfang an im Zentrum: Β«Wenn ich wo einsteige, sagt mir mein Instinkt schon genau, wer der KΓ€ufer sein dΓΌrfte und weshalbΒ», so Saidler. Β«Wie die meisten Venture Capitalists ist er ein Cowboy, der nur ein Ziel hat: die Wertsteigerung seiner BeteiligungΒ», sagt einer, der mit ihm geschΓ€ftet. Β«Man weiss nicht, wie sich Cowboys morgen oder ΓΌbermorgen verhalten.Β» Die einen nennen das unstet, andere flexibel. Saidler denkt blitzschnell, spricht ruhig und klar, ist kommunikativ und fokussiert. GeschΓ€ftspartner beschreiben ihn als offen, kooperativ und umgΓ€nglich. Unterlagen hat er nie dabei, alle Informationen holt er aus dem Handy.

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Kein Fremdgeld. Bei seinen Beteiligungen verfolgt der Vater dreier Kinder eine klare Strategie: Er investiert hauptsΓ€chlich in Firmen in Osteuropa, die in GrΓΌnderhand sind. (Β«Die Unternehmer dort arbeiten hart und kostenbewusst, weil sie ihr Startkapital hΓ€ufig bei Opas und Tanten zusammenbetteln mΓΌssen.Β») Ihn interessieren nur die Nummer eins oder zwei einer Branche und Firmen, die einen positiven Cashflow und ein klares Wachstums- sowie Gewinnpotenzial aufzeigen. Meist ΓΌbernimmt er 25 bis 40 Prozent, hΓ€lt aber – ausser in der Schweiz – immer eine Call-Option auf die Mehrheit. Drei bis vier Jahre lang entwickelt Saidler die Firma, dann steigt er aus. Dabei investiert er nur Eigenkapital. Β«Der Druck ist zu hoch, wenn man Fremdmittel investiert und darauf stΓ€ndig Performance liefern mussΒ», so seine Erfahrung aus der BHS-Zeit.
Entsprechend zurΓΌckhaltend ist er bei Investitionen: Β«Er macht nur sichere GeschΓ€fteΒ», sagt Lukas Thoma. Β«Er sollte sich mehr committen, auch finanziell.Β» Saidler hat den Ruf, seine Investments gΓΌnstig zu tΓ€tigen: Β«Er zieht die Leute ΓΌber den TischΒ», nennt es ein GeschΓ€ftspartner. Noch lieber als Geld setzt Saidler sein Know-how und seine Arbeitskraft ein. Β«Ich kann beurteilen, ob die Software sauber programmiert ist, ob das User Interface gut genug ist, ob die Verweildauer auf einer Website ausreichtΒ», sagt er. Β«Saidler hat ProSeller von einer One-Man-Show zu einer Firma gemachtΒ», bestΓ€tigt Alfred Rossi, GrΓΌnder der ProSeller AG. Er half, die GeschΓ€ftsfelder zu definieren, die Visionen umzusetzen und mit der Tamedia einen weiteren Investor zu finden.

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Eine halbe Milliarde Euro Shareholder Value habe seine Centralway bislang erzielt, sagt Saidler. Stimmt die Zahl, dΓΌrften bei ihm – bei einer Beteiligung von im Schnitt 33 Prozent – rund 170 Millionen Euro hΓ€ngen geblieben sein. Geld, das er sofort wieder reinvestiert hat. Am erfolgreichsten in die B2B-Suchmaschine Jigsaw, die er 2006 erwarb und zwei Jahre spΓ€ter fΓΌrs 100fache an CME verkaufte. Einziger Ausfall war das Start-up Mujmobil, das Werbung per SMS verschickte. Β«Die Idee war von Anfang an dumm. Wer will schon belΓ€stigt werden auf seinem Handy?Β», bilanziert Saidler. Und er verstiess gegen eines seiner Prinzipien. Er redete ins TagesgeschΓ€ft drein. Β«Da bin ich eine totale Fehlbesetzung.Β» Weil er sich sonst aufs Strategische beschrΓ€nkt, kommt seine Centralway mit vier Mitarbeitern aus. Wichtigster Mann Saidlers ist der deutsche CEO David Dostal, der acht Prozent an der Hoding hΓ€lt. Saidler hat den 29-JΓ€hrigen zur VerjΓΌngung ins Team geholt: Β«Ich selber verstehe die Sprache der Internetjugend gar nicht mehr.Β»
Gut im Markt. Osteuropas Markt unterscheidet sich vom hiesigen dadurch, dass die grossen US-Player wie Google, Facebook oder eBay deutlich weniger prΓ€sent sind – bei den ersten Internationalisierungswellen liessen sie diese eher kleinen MΓ€rkte links liegen. So sind starke lokale Player entstanden, die bei der jetzigen Konsolidierung sehr teuer bezahlt werden. Centralway hat sich Β«eine sehr gute MarktpositionΒ» geschaffen, sagt Investment Banker Egli. In den KernmΓ€rkten ist man etwa dreimal so gross wie die kombinierten Online-AktivitΓ€ten von Ringier und Springer. Β«Die sind viel weiter als wirΒ», konzediert Ringier-Mann TrΓΌb. FΓΌr wachstumshungrige US-Player und europΓ€ische Medienkonzerne hat Centralway damit eine strategische GrΓΆsse: Β«An uns kommt man nicht vorbeiΒ», sagt Saidler. Letzten Herbst hΓ€tten gleich drei internationale Konzerne Interesse an Centralway angemeldet. Im Schnitt hΓ€tten sie 250 Millionen Euro geboten, sagt Saidler. NachprΓΌfen freilich lΓ€sst sich das nicht.

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Momentan steht Saidler «kurz vor der Übernahme des grâssten Werbenetzwerks in Osteuropa». Doch sonst hÀlt er sich wegen der Fusion von Ringier und Springer zurück. «Die Preise für Firmen in Zentraleuropa werden steigen. Die Expansion wird für alle teurer», sagt Saidler, Letzteres freilich nicht ohne Eigeninteresse. Stattdessen will er nun mit der Logistikfirma Forwardo in den USA expandieren und in der Schweiz mit einer neuen Firma namens Kosmetik.ch Schânheitsartikel «zum Sensationspreis» (Saidler) via Parallelimport aus den USA und Deutschland vertreiben. Und noch einen weiteren Internationalisierungsschritt hat er heuer vor: Er beantragt den Schweizer Pass. Ein weitgehend risikoloses Investment.

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