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Aldi vs. Lidl: Deutsche Invasoren

Aldi und Lidl haben den Schweizer Detailhandel aus dem Schlaf geholt und Migros und Coop zur Modernisierung getrieben. Wie die beiden grundverschiedenen Discounter vorgehen.

Dirk-Ruschmann

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Wer die Schlacht im Detailhandel studieren will, braucht lediglich ein Stadtzรผrcher Tram zu besteigen: Rund um den Bahnhof Oerlikon haben die Konzerne ihre Krรคfte massiert. An der Frontseite des Bahnhofs bekriegen Migros und Denner eine Lidl-Filiale, die sich im Untergeschoss eines Geschรคftshauses niedergelassen hat. Auf der Rรผckseite, zwischen Durchgangsstrassen und Bรผrogebรคuden, macht am Max-Bill-Platz ein Aldi dem gegenรผberliegenden Coop-Supermarkt Kunden abspenstig. Samstags ist es schon am frรผhen Morgen schwierig, bei Aldi freie Einkaufswagen zu finden.
Die Totengrรคber sind da โ€“ aber beerdigt haben sie noch keinen. Als Aldi und Lidl vor den Toren der Schweiz standen, machten Untergangsszenarien fรผr den heimischen Detailhandel die Runde. Die Grossverteiler Migros und Coop warnten, deutschstรคmmige Discounter erpressten ihre tieferen Preise, indem sie Mitarbeitern Dumpinglรถhne zahlten, Lieferanten ausquetschten und so am Ende die Volkswirtschaft schรคdigten.
Nichts davon ist eingetreten. Wรคhrend die neuen Konkurrenten Laden um Laden erรถffnen, wachsen Denner und Coop ungerรผhrt weiter, die Migros stagniert auf hohem Niveau. Dass Migros-Chef Herbert Bolliger kรผrzlich trotzdem wieder mit den alten Argumenten auf die beiden Discounter losging, bewerten nicht nur Migros-Manager intern als ยซunsouverรคn und idiotischยป, auch in den Leserbriefspalten avancierte Bolliger zum Buhmann. Umso mehr, als die Discounter ยซsehr gute Lรถhneยป bezahlen, wie der Luzerner Detailhandelsberater Gotthard Wangler resรผmiert: ยซBolligers Rundumschlag war fernab der Realitรคt.ยป

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Ruhe an der Oberflรคche. Vom Ausrutscher des Migros-Vorstehers abgesehen, ist nach aussen hin Ruhe eingekehrt. Echte Gefahr geht von den Harddiscountern nur schon aufgrund ihrer vergleichsweise geringen Grรถsse noch keine aus: Aldi, seit Oktober 2005 aktiv, betreibt derzeit 113 Filialen in der Schweiz, Lidl hat seit ihrem Marktstart im Mรคrz 2009 gerade in Basel die schweizweit 30.โ€‰โ€‰Verkaufsstelle erรถffnet. Allein Denner verfรผgt รผber 750 Mรคrkte und den dreifachen Umsatz von Aldi, die Grossverteiler liegen ohnehin ein Vielfaches hรถher.
Die Wirkung von Aldi und Lidl hat sich vielmehr im Vorfeld entfaltet: Wie beim Selbstmord aus Angst vor dem Tod haben Migros und Coop ihre Sortimente diversifiziert, Billiglinien eingefรผhrt und den Preis als Werbemittel entdeckt. Anfang 2009 verbilligte Coop-Chef Hansueli Loosli ohne Not โ€“ Lidl hatte noch keinen Markt erรถffnet โ€“ 600 Markenartikel dauerhaft. Und allein der ยซKlingen-Kriegยป vor wenigen Monaten, als die Grossverteiler die Preise fรผr Gillette-Rasierklingen rasierten, soll Migros nahezu zwei, Coop sogar vier Millionen Franken Gewinnmarge gekostet haben.
Vor allem die Migros wird zur Geisel ihrer erfolgreichen Billiglinie M-Budget, welche die Migros-Eigenmarken mit deren hรถheren Margen kannibalisiert. Coop arbeitet kassenschonender, hรคlt ihre Prix-Garantie-Reihe schmaler und senkt ihre Preise selektiver als die Migros; Loosli greift Aldi und Lidl gezielt auf Produktebene an, bis hinunter zum einzelnen Erdbeerjoghurt.

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Verglichen mit den Discounterschlachten in Deutschland, wo das Wort ยซPreissenkungswelleยป mittlerweile zur Umgangssprache gehรถrt, geht es hierzulande allerdings behaglich zu. Lidl Schweiz kappt die Preise allenfalls in homรถopathischen Dosierungen, Aldi hรคlt sich noch stรคrker zurรผck. Die Grรผnde liegen auf der Hand: Beide verdienen vor allem in Deutschland ihr Geld. Bei Aldi ist die Produktivitรคt im Heimatmarkt mit Abstand am grรถssten, Lidl soll sogar den Konzerngewinn praktisch ausschliesslich dort erwirtschaften. Seit einigen Jahren stockt allerdings das Wachstum im Land der Discountpioniere, und 2009 war fรผr beide ein unschรถnes Jahr. Warum sich also zusรคtzlich im Ausland die Ertrรคge zerbrรถseln? Vor allem Aldi ยซachtet grundsรคtzlich sehr darauf, den Ertrag stabil zu haltenยป, sagt der deutsche Handelsexperte Professor Thomas Roeb. Daher trete Aldi ยซnormalerweise nicht sehr preisaggressiv aufยป. Da in der Schweiz weitere Provokateure fehlen, wie in Deutschland die Handelsketten Penny, Netto oder Norma, haben sich die Detaillisten bequem eingerichtet. Auch Aldi und Lidl geniessen die Hochpreisinsel Schweiz.
Ihr haben sich die Discounter, zum Erstaunen vieler Beobachter, ungewรถhnlich stark angepasst. Aldi verkauft nicht wie รผblich 700 Artikel auf gut 800 Quadratmetern, sondern hat fรผr die Schweizer Kundschaft Flรคche und Sortiment vergrรถssert (siehe ยซSchweizer Discounterยป im Anhang). Lidl fรผhrt eine fast so breite Warenpalette wie Denner. Und ein Schweizer Detailhandelsmanager gesteht, ยซwas fรผr uns alle รผberraschend gewesen istยป: Die beiden Deutschen zeigen Stรคrke im Frischwarensegment mit Obst, Gemรผse und Fleisch, zudem bei Tiefkรผhlkost und Backwaren. Das bedeutet mehr Arbeit und Abschreiber auf die schnell verderblichen Waren, und das sind bemerkenswerte Zugestรคndnisse an die anspruchsvollen Schweizer Kunden. Insbesondere die Aldi-Suisse-Muttergesellschaft Aldi Sรผd scheut jede Komplizierung ihres puristischen Discountmodells wie der Teufel das Weihwasser. ยซEinige hartgesottene Aldi-Leute kotzen regelrecht deswegenยป, grinst ein Branchenmann. Denner konterte und hat ihren Fokus ebenfalls erweitert. Neben den traditionell wichtigsten Umsatzbringern, der bekannt guten Weinabteilung und den Rauchwaren, stockte die Migros-Tochter ihr Frischsortiment auf โ€“ es soll gemรคss Insidern inzwischen fast so viel Geschรคft bringen wie die Zigaretten.

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Der Kunde goutiert das breitere Angebot: Aldi dรผrfte in der Schweiz pro Verkaufsstelle rund zehn Millionen Franken umsetzen โ€“ รคhnlich viel wie in Sรผddeutschland, der stรคrksten Heimatregion.
Auch Lidl soll gemรคss Branchenschรคtzungen etwa auf diesem Niveau liegen. Zwar verkauft Lidl in Deutschland deutlich weniger pro Filiale als Aldi Sรผd, das breitere Sortiment mit einem Drittel Markenartikeln kommt dem Schweizer Geschmack jedoch stรคrker entgegen. Aldi fรผhrt fast ausschliesslich Eigenmarken. Dass Lidl allerdings pro Verkaufsstelle 15 bis 20 Millionen umsetzt, wie jรผngst die ยซNZZ am Sonntagยป schrieb, halten die meisten Branchenleute fรผr weit รผbertrieben: Schon 15 Millionen wรคren doppelt so viel Geschรคft pro Verkaufsstelle wie im Heimatmarkt Deutschland. In der Schweiz kรคmpft Lidl zudem mit diversen schwachen Standorten, die den Durchschnitt drรผcken dรผrften. Etwa an der Grubenstrasse im Zรผrcher Industriegebiet Binz. Versteckt zwischen Schreinereien und Lagerhรคusern, trรคumt hier eine Lidl-Filiale vor sich hin โ€“ der kleine Kundenparkplatz, berichten Angestellte umliegender Firmen, sei meistens verwaist, und der Weg hierhin wird von zwei Denner-Mรคrkten gesรคumt. Und bei der zentral gelegenen Filiale Kloten scheint der Parkplatz beliebter zu sein als der oft schwach besuchte Laden.

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Zwar hat auch Aldi suboptimale Standorte โ€“ zum Beispiel im Talgut-Zentrum in Ittigen bei Bern. Mittags sei es hier ยซmeistens gรคhnend leerยป, รคtzt ein Wettbewerber. Dafรผr hat Aldi, im Gegensatz zu Lidl, lรคngst das Tessin, die Romandie und sogar das Migros-freie Engadin erobert. Hier sorgen die zahlreichen Gastarbeiter und Einwanderer fรผr satte Umsรคtze.
Kein Werbeslogan. Nicht nur in der Schweiz spielt Aldi die Rolle des Vorreiters, sondern grundsรคtzlich. Lidl ist der Nachzรผgler, getrieben von einem verbissenen Willen zum รœberholen. Die hoch betagten Aldi-Grรผnder Karl und Theo Albrecht erlebten den Zweiten Weltkrieg und die folgende Not. Das modellierte die Brรผder zu spitz kalkulierenden Kaufleuten, die auch privat wie Eichhรถrnchen leben. Sie verzichten auf Marktforschung und Konzernstรคbe. Aldi hat nicht einmal einen Slogan, sondern รผbertitelt die Werbung schlicht mit ยซAldi aktuellยป. Hier investiert Aldi allerdings gewaltig: 2009 soll Aldi nahezu 40 Millionen Franken in Werbung gesteckt haben. Das wรคre ein Viertel des Coop-Budgets, gut das Doppelte des Lidl-Etats und weit รผber Denner-Niveau. Geld ist genug da. Albrechts schrecken vor Kreditfinanzierung zurรผck, also hat Aldi-Sรผd-Patron Karl den Schweizer Ableger mit gut einer Milliarde Franken Aktienkapital ausgestattet. Das wรคre einem SMI-Konzern wรผrdig.

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Lidl Schweiz muss mit 25โ€‰โ€‰000 Euro Kapital auskommen. Getreu dem alten Werbespruch ยซLidl ist billigยป hat Grรผnder Dieter Schwarz seine Aufholjagd auf Aldi vor 40 Jahren gestartet: mit viel Fremdkapital. Zu den Geldgebern gehรถrt Drogerie-Kaiser Anton Schlecker, berรผchtigt fรผr seine farbenfrohen Versace-Hemden.
Lidl, heute mit der Parole ยซLidl lohnt sichยป unterwegs, war schon immer etwas schriller als Aldi. Aus Norwegen zog sich Lidl mit hohen Verlusten zurรผck. Im Baltikum hatte der Konzern bereits 50 Grundstรผcke gekauft, wagte den Markteintritt aber schliesslich doch nicht. Und in Rumรคnien fuhr Lidl einen Schlingerkurs: rein in den Markt, raus, doch wieder rein. Im Frรผhjahr 2008, ein volles Jahr vor dem Marktstart, kursierten Berichte, Lidl habe sich in der Schweiz bereits ยซ62 Lรคden gesichertยป. Heute, zwei Jahre spรคter, sind gerade einmal 30 Verkaufsstellen an der Arbeit. Die gesamte Detailhandelsbranche lรคstert รผber Lidls Werbekampagne, in der die eigenen Mitarbeiter ihren Arbeitgeber loben dรผrfen: ยซWer so etwas machen muss, hat ein Problemยป, sagt ein Handelsmanager. Tatsรคchlich deuten zahlreiche Stelleninserate darauf hin, dass es Lidl schwerfรคllt, Personal zu rekrutieren.
Solche Dinge erlaubt sich Aldi nicht. Der Erfinder des Discountmodells ist zugeknรถpfter, aber verfolgt seine Linie ungerรผhrt. Eine Milliarde Grundkapital erlaubt, falls nรถtig, einen langen รœberlebenskampf. Frรผhere Mitarbeiter berichten, Aldi Suisse habe fรผr die ersten zehn Jahre keinen Gewinn kalkuliert. Schwierige Mรคrkte wie England verlรคsst Aldi nicht, sondern wartet ab, bis die Akzeptanz der Kunden wรคchst. Das heikle Thema, ob mit den Zulieferanten fair umgegangen wird, thematisierte Aldi Suisse in einer Plakataktion โ€“ offensichtlich mit Erfolg: ยซAldi verhรคlt sich schweizerischer als mancher Schweizer Detailhรคndlerยป, urteilt Handelsberater Gotthard Wangler. Allerdings gibt es auch รผber Lidls Einkรคufertruppe keine Klagen. Beide haben erkannt: Zu viel Druck auf die heimischen Lieferanten brรคchte Gefahren fรผrs Image.

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Vorbild ร–sterreich. Gefรผhrt wird Aldi Suisse offensichtlich von der Lรคndergesellschaft ร–sterreich. Nicht nur, weil ร–sterreicher mit ihrem weichen Idiom als bekรถmmlichere Gesprรคchspartner fรผr Schweizer Lokalpolitiker galten, als es Deutsche hรคtten sein kรถnnen โ€“ die dortige Aldi-Tochter Hofer gilt auch als glรคnzende Ertragsperle. Poliert hat sie Lรคnderchef Armin Burger, dem die Schweiz unterstellt war, bevor er dann nach einem internen Streit Aldi Sรผd verliess. Die heutigen Chefs, Geschรคftsfรผhrer Gรผnther Helm und Prรคsident Johann Mรถrwald, sind beide ร–sterreicher und haben auch ihren Wohnsitz dort. Lidl-Chef Andreas Pohl ist schweizerisch-deutscher Doppelbรผrger, er stammt aus Muttenz BL.
Aldi und Lidl schielen nun als Zwischenziel auf die magische 200: Mit so vielen Filialen wรคren die jeweils drei teuren Verteilzentren ausgelastet, welche die Billiganbieter planen. Inhaltlich geht die Reise Richtung Sortimentsausbau: In Deutschland fรผhrt Aldi Sรผd Backautomaten ein, um auch abends warmes Brot im Regal zu haben, und Hofer in ร–sterreich verkauft neuerdings Discountbenzin: Vor den ersten Tankstellen stauten sich die Autos kilometerlang, Ende des Jahres sollen 30 Hofer-Mรคrkte ihre eigenen Zapfsรคulen haben.

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In der Schweiz stehen Aldi und Lidl am Anfang. Falls nicht die steinreiche Migros irgendwann den Preiskampf lostritt, werden Aldi und Lidl die Initiative ergreifen. In jedem Fall wird der Druck auf die Grossverteiler zunehmen.
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