Es war ein Ergebnis, das man selten sieht an einer Schweizer Generalversammlung: 42 Prozent der Aktionäre verweigerten der ABB-Führung um VR-Präsident Peter Voser und CEO Ulrich Spiesshofer die Entlastung für das letzte Geschäftsjahr. Von
einer «ziemlich starken Ohrfeige» sprach Aktionärsvertreter Hans-Jacob Heitz anschliessend.
Der Hauptgrund dafür dürfte Myung Se Oh sein. Der 57-jährige Treasurer der koreanischen ABB-Tochter war Ende Januar mit 103 Millionen Dollar durchgebrannt. Damit ist er einer der grössten Betrüger der Wirtschaftsgeschichte. 25 Jahre arbeitete Oh für ABB in Korea und galt als höchst vertrauenswürdiger und geschätzter Mitarbeiter. In dieser Position hatte er Zugriff auf Siegel und Stempel, auf denen das koreanische Bankensystem basiert.
Mit diesen eröffnete er bei mehreren lokalen Banken Konti im Namen von ABB und nahm Kredite in Millionenhöhe auf. Insgesamt 73 Mal leitete er von dort Gelder weiter auf das Konto einer Firma namens KW Industry, bei der er als CEO eingetragen ist, sowie auf Konti von Bekannten. Seine Vorgesetzten, Länderchef und Finanzchef, täuschte er mit gefälschten Bankauszügen und Jahresabschlüssen, ebenso die Auditoren.
Ausreise über Macao
Das Treiben währte zwei Jahre, was die hohe Deliktsumme bei einem Jahresumsatz von nur 800 Millionen Dollar besser erklärt. Mit der bevorstehenden Umstellung der ABB Shared Service Center wären die Unregelmässigkeiten wohl ans Licht gekommen, was Oh zur Flucht bewogen haben dürfte. Wegen des chinesischen Neujahrs dauerte es eine Woche, bis Ohs Verschwinden auffiel. Am 4. Februar reiste er über Macao aus. Dort wurde er in einem Casino gesehen. Ihm werden Kontakte zur chinesischen Wettmafia nachgesagt. Heute wird er in Qingdao oder Dalian vermutet, zwei chinesischen Millionenstädten mit hohem koreanischem Bevölkerungsanteil.
Ohs jüngere, zweite Ehefrau lebt in den USA. ABB hat am Middlesex County Court in Massachusetts eine «Temporary restraining order» veranlasst, um ihre Vermögenswerte sicherzustellen. Seine beiden Kinder sah Oh kaum, sie gehen in Malaysia ins Internat.
Internationale und lokale Privatermittler wurden angesetzt
Inzwischen ermitteln FBI und Interpol, zudem hat ABB mehrere internationale und lokale Privatermittler angesetzt. Oh drohen 30 Jahre Haft. Dass China Straftäter normalerweise nicht nach Korea ausliefert, könnte jedoch für ABB zu einem Problem werden. Kim Yang-ho, Superintendant der Polizei in Seoul und mit zehn Beamten verantwortlich für die Ermittlungen, will den Fall nicht kommentieren, ebenso wenig ABB-Kommunikationschef Christoph Sieder. «Die Raffinesse des Verbrechertums, kombiniert mit der Grössenordnung, war auch für mich zweifellos eine grosse Überraschung», sagte Spiesshofer kürzlich in einem Interview. Doch auch er muss sich Kritik gefallen lassen: «Das Management hat es unterlassen, für eine adäquate Aufsicht und Kontrolle der lokalen Treasuring-Aktivitäten zu sorgen», monierten die Revisoren im Jahresbericht von ABB, dessen Publikation wegen des Skandals verschoben werden musste.
Spiesshofers Position, bereits durch fehlendes Wachstum
und den Streit mit Cevian geschwächt, wird dadurch nicht besser. Nach Bekanntwerden ernannte er den Fall zur Chefsache. Länderchef M.K. Choi liess er austauschen, auch den lokalen Finanzchef. Die Richtlinien im Umgang mit den lokalen Banken wurden verschärft, ihre Einhaltung muss dokumentiert werden. Für alle wichtigen Geschäfte gilt inzwischen das Sechs-Augen-Prinzip.
Sehen Sie in der Bildergalerie unten, wer zum «Who is who» im Schweizer Industriegeschäft zählt:
«Bilanz» hat das «Who is who» der Schweizer Wirtschaft ermittelt. Die wichtigsten Personen in der Industrie:Anton Affentranger CEO Implenia Affentranger ist ein Mann mit Prinzipien. Er hat sich im Laufe seiner Karriere einen Ruf gemacht: zum einen als erfolgreicher Wirtschaftsführer, zum anderen als jemand, der keine Auseinandersetzung scheut. RMS Roland FischerCEO OC Oerlikon Seit März ist Fischer CEO bei OC Oerlikon. Doch die Sterne stehen nicht gut: Seit Jahren hat der Industriekonzern Schwierigkeiten und sich als Durchlauferhitzer für Chefs erwiesen. Dabei kauft und verkauft OC Oerlikon Geschäftsfelder, als wäre man eine Beteiligungsgesellschaft und kein produzierendes Gewerbe. Eine langfristige Strategie fehlt. RMS Greg Poux-Guillaume CEO Sulzer Grégoire (Greg) Poux-Guillaume hat einen der schwierigsten Jobs in der Schweizer Industrielandschaft: Er muss Sulzer wieder flottkriegen, scheut dabei aber nicht vor radikalen Massnahmen. Der Maschinenbauingenieur führt partizipativ, bindet die Leute ein und gibt ihnen viel Raum, ohne in Details dreinzureden. RMS Beat Hess VR-Präsident LafargeHolcim Seit dem 12.Mai ist es nun die Aufgabe von Beat Hess, die Fusion der schweizerischen Holcim mit der französischen Lafarge endlich zum Erfolg werden zu lassen. Eine Namensänderung für den Konzern steht zur Debatte. Sie wäre auch
nach aussen ein Zeichen, dass der Zusammenschluss vollzogen ist. Es wäre das Meisterstück in der ereignisreichen Karriere des Beat Hess. . Thomas OetterliCEO Schindler Die Ernennung zum CEO von Oetterli kam etwas überraschend, schliesslich war Vorgänger Silvio Napoli nur rund zwei Jahre im Amt. Doch der Luzerner ist ein Schindler-Gewächs durch und durch: Die Ehefrau arbeitete früher für das Unternehmen, die zwei Söhne haben ihre Lehre bei Schindler absolviert. Und er selber hat 22 Jahre für das Unternehmen gearbeitet, die letzten sechs in der Konzernleitung. RMS Ulf Schneider Designierter CEO Nestlé Er war die Überraschung des Wirtschaftsjahres 2016: Ulf Mark Schneider hatte niemand auf dem Zettel, als die Frage geklärt wurde, wer den grössten Nahrungsmittelkonzern der Welt ab 2017 führen werde. In seiner Amtszeit bei Fresenius hat sich der Umsatz vervierfacht, die Mitarbeiterzahl verdreifacht und der Gewinn verzwölffacht. RMS Ulrich SpiesshoferCEO ABB
Gab es in der Schweiz einen Manager, der 2016 stärker unter Druck stand als Ulrich Spiesshofer? Wohl kaum. Ein Highlight persönlicher Art hatte Spiesshofer immerhin im Dezember zu feiern: Nach über zweijährigem Verfahren ist er endlich eingebürgert worden. Oder anders gesagt: ABB hat wieder einen Schweizer CEO. RMS Peter SpuhlerEigentümer, CEO und VR-Präsident Stadler Rail Group2015 war ein gutes Jahr für Peter Spuhler und seine Firma: 113 Züge wird er ins Ausland liefern. Davon 16 nach Kalifornien, 22 nach Stockholm, 17 nach Glasgow und gar 58 nach Grossbritannien, das bislang Terra incognita war für seinen Bahnkonzern Stadler Rail. Es sind die Früchte seiner Strategieänderung. RMS Ernst Tanner VR-Präsident Lindt & Sprüngli Es gibt wohl kaum einen Manager in der Schweiz, der über Jahre so erfolgreich ist
wie Ernst Tanner. Als CEO und VR-Präsident von Lindt & Sprüngli machte er in 23 Jahren aus dem angeschlagenen Schokoladenfabrikanten einen Premiumkonzern von Weltformat. RMS Alexander von Witzleben CEO und VR-Präsident AFG, VR-Präsident FeintoolIn seinen sieben Jahren als Präsident von Feintool hat der 53-Jährige den Konzern in Lyss transformiert: Er hat ihn auf die Kernkompetenzen Feinschneiden und Umformen konzentriert, viele Akquisitionen durchgeführt und ihn zum Quasi Monopolisten in seiner Nische gemacht. Bilder: Keystone RMS