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Giorgio Behr: Ungeliebter Geldgeber

Wo der Unternehmer und einstige Universitätsprofessor Giorgio Behr auch investiert: Immer ist Feuer unterm Dach. Psychogramm eines Einzelkämpfers, der das Establishment aufs Korn nimmt.

Von Dirk Ruschmann
09.10.2009
«Der Umstand, dass wir Feinde haben, beweist klar genug, dass wir Verdienste besitzen.» Ludwig Börne Es ist der 29.  März 2008, sieben Uhr früh, ein kühler Morgen an der Autobahnraststätte Thurau in der Ostschweiz. Giorgio Behr und Peter Schifferle, Präsident der Sia Abrasives, treffen sich, um Behrs Einstieg bei Sia zu besprechen. Am 28., Schifferles Geburtstag, hat Behr ihn telefonisch über seine Aktienkäufe informiert. An der Raststätte erklärt Behr, Sia gefalle ihm und er wolle stärkster Anteilseigner werden. Schifferle freut sich über den neuen Anker­aktionär, die beiden verabschieden sich per Handschlag. Darüber, was genau besprochen wurde, existieren zwei Versionen. Giorgio Behr: «Es gab eine mündliche Absprache, dass mein Anteil mit der vollen Stimmkraft ­eingetragen werden sollte und ich später das Präsidium übernehmen würde.» Er strebte demnach zwei von fünf Sitzen im Verwaltungsrat und einen Aktienanteil von 30 bis 32 Prozent an, Sia wollte er an der Börse belassen. Peter Schifferle: «Eine mündliche Vereinbarung, wonach seine Aktien voll eingetragen werden sollten, gab es nicht.» Und: «Wir haben ihn im ­Gegenteil deutlich auf die Stimmrechts­beschränkung von fünf Prozent hinge­wiesen.» Haben sich die beiden tatsächlich missverstanden? Jedenfalls muss in den Folgemonaten etwas passiert sein, das die neue Freundschaft erkalten liess. Ende August lanciert Grossaktionär Behr ein Übernahmeangebot: «Ich musste dann mein Investment schützen.» Am Ende flüchtet Sia ­Abrasives in die Arme des deutschen Grosskonzerns Bosch. Feinde Schaffen. «Das war eine grosse menschliche Enttäuschung für mich», sagt Peter Schifferle. Behr gibt keine persönlichen Kommentare ab. Wer herumfragt, erfährt dafür umso mehr über ihn. Adrian Niggli, Präsident des Kunststoff­lieferanten Quadrant, kann zwar «über Professor Behr nichts Nachteiliges sagen», erlaubt sich aber die süffisante Ergänzung: «Behr mag vielleicht mit seiner direkten und bisweilen forschen Art nicht überall gut ankommen.» Andere, die nicht den Mut haben, offen zu ihrer Abneigung zu stehen, formulieren schonungsloser: «Er weiss immer alles besser», sagt ein Topmanager; «er hat einen begrenzten Leistungsausweis als Unternehmer», ein zweiter; er halte sich «für intelligenter als andere und kann diese in schlimmster Weise als Schulbuben und Idioten abkanzeln», fügt ein dritter hinzu. Jener Giorgio Behr, der Besucher durch seine Werkhallen führt, muss ein anderer Mensch sein. Wie alle mit Kittel und Stoffhäubchen ausgestattet, grüsst er jeden ­Arbeiter freundlich, kann jede Maschine erklären. Fragen beantwortet er locker und zuvorkommend. Will er keine Stellung nehmen, reagiert er ausweichend, gleitet aber nie in eine belehrende Tonalität ab. Optische Barrieren durch formale Kleidung hat er auch keine aufgebaut, Schlips und Kragen «bedeuten mir nichts», sagt er. Selbst Kritiker bescheinigen, Behr könne «sehr charmant» sein. Hat der Mann zwei Gesichter? Professor Giorgio und Mister Behr? Giorgio Behr war Berater und Firmen­sanierer, hat einen Handballverein aus der Ostschweiz an die europäische Spitze geführt, das Schweizer Sportfernsehen (SSF) aufgebaut und die Gratiszeitung «Schaffhauser Bock» gerettet. Er ist emeritierter Universitätsprofessor, Rechtsanwalt, Wirtschaftsprüfer, Inhaber eines Mischkonzerns sowie Vater von vier Kindern. Zu sagen, der Mann könne viele Dinge, wäre eine Untertreibung. Aber wo immer er investiert – zuverlässig kommt es überall zum Streit. Eines kann das Multitalent Behr offensichtlich am besten: sich Feinde schaffen. Schon der Name deutet an, dass bei ­Giorgio Behr einiges zusammenkommt. Sein Vater, ein Land­arbeiter, war Sohn eines Bayern und einer Westschweizerin, die Wurzeln in den Niederlanden hatte, und war eines von sechs Kindern. Behrs Mutter war eine Tessinerin namens Snozzi. In Zürich lernten sich die beiden kennen, in Schaffhausen kam Sohn Giorgio zur Welt. Eine ältere Schwester starb jung, seine zweite Schwester lebt heute im Wallis. Neben der Schule spielte Giorgio Behr Trompete in einer Dixieband, die allerdings nie in die Verlegenheit geriet, sich einen Namen geben zu müssen – es kam zu keinen Auftritten. Zudem übte er Handharmonika («Den Schneewalzer würde ich heute gerade noch hinbringen»). Mit 23 hatte er «Jus abgeschlossen, aber eigentlich Ökonomie studiert» und den Militärdienst nebenbei geleistet. Mit 24 reichte er seine Doktorarbeit ein. Dann der Einstieg bei Fides, heute bekannt unter dem Namen KPMG. Bewaffnet mit ­Doppelstudium und Zulassungen als ­Anwalt und Wirtschaftsprüfer, wurde Behr bald auf komplizierte Sanierungsmandate wie die Hesta-Gruppe (Schiesser) oder die Credit-Suisse-Vorgängerin SKA im ­«Chiasso-Skandal» angesetzt. An der Sängerchilbi in Stein am Rhein 1977 lernte Behr seine Frau Anne-Marie Deflandre kennen. Sie wuchs zwischen Metz und Luxemburg auf. Ihr Vater war im Zweiten Weltkrieg im Widerstand gegen die Deutschen engagiert. Tochter Anne-Marie kam zu ihrer Grossmutter in die Schweiz und hier ins Lehrerseminar. «Wir sind beide in zwei Kulturen aufgewachsen», sagt Giorgio Behr. Und beide hatten zu kämpfen, als sie jung waren. Im Sturm der Kadetten Schaffhausen, von Behrs Handballverein seit Jahrzehnten, war er gefürchtet für die Seitfallwürfe Richtung Wurfarm: das Härteste, was sich ein ­Stürmer antun kann. Damals spielten die Kadetten auf einem Filzbelag, auf dem man sich bei Stürzen von Schürfwunden bis zu Verbrennungen alles holen konnte. «Giorgio hat sich nie geschont», sagt ein früherer Mitspieler. Einzelkämpfer. Am 1.  Juli 1984 gründete er seine Beratungsfirma BDS (Behr, Deflandre & Snozzi) – bei Fides hatte er genug gelernt über Restrukturierungen. Bald lernte er Oerlikon-Konzernchef Hans Widmer und dessen Stellvertreter Heinrich Fischer kennen. Später sollten Behr als ­Präsident und Fischer als CEO des Textilmaschinenbauers Saurer vereint gegen den Hedge Fund Laxey fechten – heute gilt ­Fischer als einer der wenigen Vertrauten Behrs. Auf «Heini» Fischer, sagen Leute, die nahe dran sind, hört Behr am ehesten. Behr gilt als Einzelkämpfer, «ein Netzwerker ist er sicher nicht». «Freunde kann man nicht wahnsinnig viele haben», bestätigt dieser. Wichtiger ist ihm seine Familie. Sein ältester Sohn, Thierry, der an einer geistigen Behinderung leidet, ist ein begeisterter Bahnfahrer. Mit ihm fährt Behr jeden zweiten Samstag im Zug durch die Schweiz. 1990 übernahm Behr eine Professur für Betriebswirtschaft an der Universität St.  Gallen. Sie brachte ihm den Beinamen «Schweizer Rechnungslegungs-Papst» ein. Jahr für Jahr liess er seine Studenten den Jahresabschluss des Schaffhauser Autozulieferers Georg Fischer sezieren, er leitete nationale Kommissionen zur Weiterentwicklung der Rechnungslegung und sass in internationalen Fachgremien, zwei Jahre amtierte er als Präsident der Treuhandkammer. Wo Behr dabei ist, will er vorne sein. Doppelmandat. Bei Fides erkannte er: «Ich will selber gestalten und nicht nur beraten.» Die Chance kam 1991 mit dem Auftrag, den Schaltanlagenbauer Bircher zu sanieren. Anschliessend fand sich kein Käufer für die Firma – Behr hätte 250 Leute auf die Strasse stellen müssen. Also «habe ich mit meinem Angesparten 25 Prozent übernommen», und auch Anton Bucher-Bechtler aus der gleichnamigen Industriellendynastie sowie das Bircher-Management stiegen ein. Diszipliniert bearbeitete Behr in der Folge die zwei Fronten Unternehmen und Universität. Beteiligte berichten von Telefonkonferenzen, bei denen Behr hörbar das Protokoll in seinen Laptop tippte und zwei Minuten später bereits E-Mails mit detaillierten Handlungsanweisungen verteilte. Den Overhead hält er bis heute «extrem klein»; am Hauptsitz Villmergen AG gibt es nur noch Betriebsleiter, die Informatik leitet ein Bereichschef im Nebenamt, Behrs Chefbüro besteht lediglich aus seiner persönlichen Mitarbeiterin. Bircher entwickelte sich bestens. Behr kaufte nach und nach die Investoren heraus, zuletzt auch Anton Bucher-Bechtler. 2001 übernahm er die Cellpack in Villmergen und fügte alles zur BBC-Gruppe zusammen. Schon 1993 waren die Gründer der Bank am Bellevue um Martin Bisang auf ihn zugekommen, um einen industrie­erfahrenen Verwaltungsrat an Bord zu ­holen. Er stieg ein und erst im Zuge der Fusion mit Thomas Matters Swissfirst wieder aus, als das Private Banking dazukam: «Da wollte ich nicht mehr mitmachen.» Einige Aktien hält Behr immer noch, das Investment an sich «war äusserst erfolgreich». 2005 folgte der harte Schnitt. Behr stieg aus seiner Beratungsgesellschaft aus, zugleich liess er sich von der Uni emeritieren; der Aufwand wurde ihm zu gross. «Man ist irgendwann nicht mehr ganz vorne dabei, und das wollte ich nie gesagt bekommen» – oben sein oder raus, dazwischen gibt es nichts. Seither konzentriert sich Behr auf den Ausbau seiner BBC Group (siehe 'Weitere Artikel'). Die Gewinnmargen dürften in den meisten Divisionen deutlich zweistellig sein, Eigenkapital ist im Überfluss vorhanden. Das Geld benötigt eine gewinnbringende Unterkunft. Bisher ist Giorgio Behr alles gelungen. Selbst nach dem verlorenen Saurer-Abwehrkampf gegen Laxey konnte er die Kampfzone erhobenen Hauptes verlassen. Die Westschweizer Groupe Baumgartner lieferte einen Abwehrkampf, fiel ihm aber letztlich in die Hände. Doch dann fing er an, sich mit dem heimischen Establishment anzulegen. Sia Abrasives kennt Behr, seit er im Verwaltungsrat des Baumaschinenmultis Hilti sitzt. Sein Übernahmeversuch misslang, und die Art, wie er zuvor geräuschlos Aktien des illiquiden Titels einsammeln konnte, hat Fragen aufgeworfen. Hat Behr lediglich Pakete leidgeprüfter Aktionäre übernehmen müssen, die heilfroh waren, dass endlich jemand kaufen wollte, und die ihn umgehend kontaktierten – oder hat Behr, wie Sia unter Hinweis auf Auffälligkeiten im Aktienbuch unterstellt, über Monate «sternförmig» Pakete bei Personen aus dem Umfeld der Bank am Bellevue geparkt und dann en bloc auf sich übertragen lassen? Letzteres wäre eine Gruppenbildung, die Behr der Börsenaufsicht hätte melden müssen. Er gibt sich gelassen: Meldepflichtverletzung, das werde «grundsätzlich jedes Mal» behauptet; er wisse, dass er sich nichts vorzuwerfen habe. Ohnehin «beginnt jede Übernahme feindlich, ansonsten würde es Vorwürfe hageln, der Preis sei zu tief». Letztlich haben bei Sia alle gewonnen: Bosch hat ihre Wertschöpfungskette verlängert und bietet Sia Zugang zu Auslandsmärkten, die diese kaum hätte erschliessen können. Peter Schifferle, der Sia seit 1991 führte, hat sein Baby sicher untergebracht und berät Bosch noch bis 2011, Behr hat sich mit sattem Gewinn verabschiedet. Die Frage, was er mit Sia eigentlich vorhatte, soll er dem Verwaltungsrat nie beantwortet haben. Auch im Nachhinein verschweigt Behr dazu Konkretes. Gleiches gilt für Quadrant. Die von ihm gewitterten «interessanten Möglichkeiten» für BBC und Quadrant will er selbst heute nicht offenlegen – obwohl Mannschaftssportler, pflegt Behr sein Einzelkämpferdasein und eine gewisse Verschlossenheit. Das trägt ihm in seiner Heimatstadt auch Skepsis ein: «Der hat überall die Finger drin, ist aber einfach nicht transparent», sagt eine Frau vor dem Rathaus in Schaffhausen. Ihr Begleiter nickt beipflichtend. Zwar schätzen die beiden Behrs karitatives Engagement – über das er selbst kein Wort verliert – und seinen Einsatz für die Kadetten. Aber Behr ist kaum ins Ostschweizer Establishment integriert; Partys und Empfänge meidet er wenn möglich. Zwar zeigt er sich bei Handballspielen – doch ein Firmenchef zum Anfassen ist ­Giorgio Behr nicht. Ausgerechnet zu Hause hat Behr nun den Machtkampf angezettelt. Er, der einzige Schaffhauser in der Reichstenliste der BILANZ, Selfmademan mit einer halben Milliarde Vermögen, legt sich mit Martin Huber an, dem Präsidenten der Georg Fischer AG, dem grössten Industriekonzern und Arbeitgeber der Region. Hier hat sich Behr eingekauft und sein Talent als Analyst wieder unter Beweis gestellt. Strategisch Begabt. Bei Quadrant muss Behr erkannt haben, dass ein umfangreicher Betriebsmittelkredit fällig wurde und die Firma angreifbar machte. Und ­Georg Fischer war deutlich unterbewertet. Behr bestätigt, er habe «günstig investiert». Er wäre der Letzte, der behaupten würde, es gehe nicht immer auch um Geld. Klar ist, dass er in den Verwaltungsrat gebeten werden möchte, Präsident Huber ihn aber derzeit vor der Tür stehen lässt und den Industriellen Behr öffentlich in ­eine Reihe mit Finanzhaien wie Martin Ebner oder Tito Tettamanti stellt. Eine riskante Taktik, denn Behr fungiert als Aufsichtsratschef des Autozulieferers ZF – eines Grosskunden von Georg Fischer. Der mächtige ZF-Chef Hans-­Georg Härter sass mit Behr im VR von Saurer. «Er ist ein Praktiker, gleichzeitig strategisch sehr begabt», sagt Härter. Er empfahl Behr für den Chairman-Posten. Warum Behr bei Georg Fischer freiwillig gegen eine Mauer rennt – dieser Frage weicht er aus. Heinrich Fischer attestiert ihm «viel Herzblut» in seinen Projekten und einen «sehr langfristigen Blick». Durchaus möglich, dass Behr gerade bei Georg Fischer dem Wirtschafts-Establishment zeigen will, dass er auch die Disziplin «Grosskonzern und Strategie» beherrscht. Oder ist es wirklich nur die Lust am Kämpfen und Sichdurchbeissen, wie beim Sport? Von seinen Handballern verlangt er «Eigenverantwortung und Engagement – wenn das da ist, dann kann man auch mal verlieren». Und von seinen Managern in der BBC verlangt er, unangenehme Dinge sofort anzusprechen: «Sobald jemand den Mund aufmacht, ist das Problem schon halb gelöst.» Womöglich ist es diese Schonungslosigkeit, die dafür sorgt, dass Behr immer mal wieder Leute verprellt. Und wenn er die enormen eigenen Ansprüche auf andere überträgt. Nicht jeder möchte vorwärtsgepeitscht werden wie ein Kadett. Ein Beobachter mutmasst, Behr sei «vielleicht in der Phase, wo er sich ein Denkmal setzen will». Allerdings dürfte es ihm eher um Dynastie als Denkmäler gehen: Die drei jüngeren Söhne, alle Ingenieure, sind alle unternehmerisch interessiert. Behr nimmt sie in den Verwaltungsrat der BBC, «sobald sie zwei Jahre ihren Master-Abschluss haben». Später «könnte man die Gruppe aufteilen». Aber noch ist es nicht so weit. Giorgio Behr, gerade 61 geworden, hat jede Menge Pläne. Die BBC soll ihren Umsatz auf 700 Millionen Franken verdoppeln, Cash für Zukäufe ist genügend da. Auf dem Radar hat Behr «vor allem deutsche Mittelständler mit Umsätzen zwischen 30 und 300 Millionen Franken». Die Shortlist umfasst sieben Firmen. Und neben Italienisch, Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch will Behr künftig auch auf Russisch verhandeln können. Seit Jahresbeginn nimmt er Privatunterricht. Seine Dozentin berichtet, Schüler Behr habe bereits nach kurzer Zeit einen Vortrag auf Russisch halten können: die Präsentation seiner BBC-Gruppe.
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