Als Ulrich Spiesshofer flog, ahnte er schon, dass er fliegen wΓΌrde: Sein bevorstehender Abgang als CEO von ABB hatte sich ΓΌber die letzten Wochen angekΓΌndigt. Zu gross war im Verwaltungsrat die EnttΓ€uschung ΓΌber die Aktienkurs-Performance des Unternehmens, zu gross die ErnΓΌchterung, dass der Verkauf der Sparte Stromnetze die Anleger kaltliess und die BΓΆrse auf die Vorstellung der Strategie am Capital Markets Day Ende Februar sogar mit einem satten Minus reagierte.
NatΓΌrlich setzte sich Spiesshofer am zweiten Aprilwochenende trotzdem ins Flugzeug nach Rom und wohnte dem Rennen der Formel E bei, deren Hauptsponsor ABB ist. Der 55-jΓ€hrige Deutsche liess sich nichts anmerken, traf sich mit Kunden und scherzte mit Dilbagh Gill, Chef des indischen Teams Mahindra Racing. Es war sein letzter offizieller Auftritt als ABB-CEO: Am Dienstagabend traf sich der Verwaltungsrat und formalisierte die Trennung.
Industriekenntnisse nicht zwingend
Jetzt muss das Nomination Committee, das VR-PrΓ€sident und Interims-CEO Peter Voser gleich selber leitet, einen Nachfolger finden. Den Kulturwandel vorantreiben, das GeschΓ€ftsmodell Γ€ndern und mehr als Portfoliomanager zu agieren, denn im TagesgeschΓ€ft mitzureden, sind die Aufgaben des neuen Chefs. CEO-Erfahrung sei dafΓΌr Voraussetzung, sagt Voser, aber nicht unbedingt Industriekenntnisse.
ABB: Endspiel fΓΌr Konzernchef Spiesshofer
Die Γra Spiesshofer geht nicht aus heiterem Himmel zu Ende, wie Β«BilanzΒ»-Redaktor
Marc Kowalsky bereits
hier aufzeigte.
Das mindert die Chancen der internen Kandidaten. Am grΓΆssten dΓΌrften sie noch beim Deutsch- Schweizer DoppelbΓΌrger Peter Terwiesch (52) sein, der als Chef der Automationssparte einen anerkannt guten Job macht, aber als eher sprΓΆder Techniker gilt. Auch der Amerikaner Tarak Mehta (52), Leiter der mit 13 Milliarden Dollar grΓΆssten ABB-Sparte Elektrifizierung, hΓ€tte das nΓΆtige Format fΓΌr den CEO-Job.
Gute Chancen ausrechnen kann sich Sulzer-CEO Greg Poux-Guillaume (48). Der Franzose hat in seinen dreieinhalb Jahren beim Winterthurer Traditionskonzern einen Kulturwandel durchgefΓΌhrt, alte Seilschaften gekappt und die Ergebnisse verbessert. Die Art, wie er den Konzern durch die Wirren der US-Sanktionen gegen HauptaktionΓ€r Viktor Vekselberg fΓΌhrte, hat ihm viel Lob eingebracht.
Schweden mit Chancen auf CEO-Posten
Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird GrossaktionΓ€r Investor AB mit seinen beiden Board-Vertretern Jacob Wallenberg (VizeprΓ€sident) und Gunnar Brock jedoch versuchen, wieder einen Schweden als CEO zu installieren. Am naheliegendsten wΓ€re BΓΆrje Ekholm, der in knapp zweieinhalb Jahren als CEO des NetzwerkausrΓΌsters Ericsson (einer Investor-Beteiligung) den Aktienkurs verdoppelt hat. Zuvor amtete er als CEO der Investor AB, hat also engste Verbindungen zu den Wallenbergs und Erfahrung im Portfoliomanagement. Auch Martin Lundstedt (51), erfolgreicher CEO von Volvo, gilt als Kandidat.
Keine Chance dΓΌrfte hingegen die in anderen Medienberichten portierte frΓΌhere Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin haben. Zwar setzt sich Voser stark fΓΌr Diversity ein β er ist unter anderem Chairman der FrauenfΓΆrderorganisation Catalyst, und in der Medienkonferenz zum Abgang Spiesshofers sprach er auch explizit von der MΓΆglichkeit einer Frau an der Spitze von ABB. Doch gegenΓΌber den Alphatieren in der ABB-Konzernleitung wΓΌrde ihr die GlaubwΓΌrdigkeit fehlen: 2012 gab sie nach sechs Jahren die Position der Schweiz-Chefin bei ABB auf, auch weil ihre Ergebnisse ungenΓΌgend waren.