Einer der reichsten Deutschen ist tot:
Klaus-Michael Kühne (†89) ist in der Nacht auf Montag in seiner Wahlheimat Schindellegi SZ verstorben. In Deutschland spielte der
Logistik-Doyen vermögensmässig in einer Liga mit Würth-Patron Reinhold Würth (91) und Lidl-Gründer Dieter Schwarz (86). Auch in der Schweiz war Kühne einer der ganz Grossen: Im jüngsten «Bilanz»-Ranking der 300 Reichsten schaffte er es auf den sechsten Platz. Sein Vermögen wird auf
21,5 Milliarden Franken beziffert. Sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz gehörte Kühne zu den einflussreichsten Wirtschaftsführern – und sorgte immer wieder für Schlagzeilen.
Wieso lebte der Hamburger Milliardär ausgerechnet in Schindellegi SZ?
Das hat mit Kühnes Verbindung zum Logistikkonzern Kühne+Nagel zu tun. Klaus-Michael war Unternehmer in dritter Generation: 1890 gründete sein Grossvater August Kühne zusammen mit seinem Geschäftspartner die Firma Kühne+Nagel, damals ein kleines Speditionsunternehmen. Nach seinem Tod führte Klaus-Michaels Vater Alfred Kühne das Unternehmen weiter. Klaus-Michael übernahm 1966 das Kommando. 1969 verlegten Vater und Sohn den Holdingsitz der Firma offiziell in die 3700-Seelen-Gemeinde.
Dies hatte politische wie auch steuerliche Gründe: Alfred Kühne stand der damaligen sozialliberalen Regierung in Deutschland äusserst skeptisch gegenüber und fürchtete um seine unternehmerische Freiheit. Gleichzeitig lockte die Schweiz, insbesondere der Kanton Schwyz, mit deutlich günstigeren Steuerbedingungen.
Wer erbt seine Milliarden?
Kühne und seine Gattin Christine haben keine Kinder. Seine Nachfolge hatte der Unternehmer bereits zu Lebzeiten geregelt: Die Anteile seiner Beteiligungsgesellschaft Kühne Holding AG, die mit 55,4 Prozent die Mehrheit an Kühne+Nagel hält, werden in seine persönliche gemeinnützige Stiftung übergehen. Neu würde damit die Kühne-Stiftung die Holding kontrollieren – und damit indirekt auch Kühnes Mehrheit am Logistikkonzern. Die Kühne-Stiftung wird von einem Stiftungsrat kontrolliert. Aktuell besteht er aus elf Mitgliedern.
Was bedeutet Kühnes Tod für Schindellegi?
Durch sein Ableben verliert Schindellegi zwar nicht den Konzern Kühne+Nagel, aber einen sehr vermögenden privaten Steuerzahler. Der Multimilliardär war in der Gemeinde Feusisberg SZ, zu der Schindellegi gehört, als Privatperson steuerpflichtig und sagte einst selbst, er zahle der Gemeinde eine «extrem hohe Vermögenssteuer». Wie viel Geld der Gemeinde nun künftig entgeht, ist nicht bekannt. Aber: Auch die Kühne Holding und die Kühne-Stiftung haben ihren Sitz in Schindellegi. Der Ort bleibt also weiterhin das Zentrum seines Firmen- und Stiftungsimperiums.
Wie ging Kühne mit der Nazi-Vergangenheit seines Familienunternehmens um?
Die Geschichte von Kühne+Nagel hat auch ein dunkles Kapitel. Ab 1933 profitierte das Unternehmen von der Auswanderung und Flucht vermögender Juden nach Übersee – und übernahm die Spedition ganzer Haushalte. Während des Zweiten Weltkriegs war das Unternehmen zudem an der sogenannten «M-Aktion» beteiligt: Im Auftrag der Nationalsozialisten transportierte Kühne+Nagel Möbel und Hausrat aus den Wohnungen geflohener und deportierter Jüdinnen und Juden in den besetzten Gebieten Westeuropas ins Deutsche Reich. Während der NS-Zeit wurde die Firma als «Nationalsozialistischer Musterbetrieb» ausgezeichnet. Zeit seines Lebens lehnte Klaus-Michael Kühne eine öffentliche Aufarbeitung der Rolle seines Familienunternehmens während des NS-Regimes ab.
An welchen Firmen war Kühne noch beteiligt?
Über seine Beteiligungsgesellschaft investierte Kühne auch in den Logistikriesen Hapag-Lloyd und war grösster Einzelaktionär der Swiss-Mutter Lufthansa. Bei Letzterer hatte er trotz Verzicht auf einen Aufsichtsratssitz viel Einfluss. Er kritisierte etwa mit der Partner-Airline Air Baltic durchgeführte Swiss-Flüge öffentlich als «Etikettenschwindel». Es sei irreführend, wenn Passagiere ein Swiss-Ticket buchen, aber tatsächlich mit einer anderen Airline fliegen. Seinen Unmut nahm man bei der Schweizer Airline ernst: Bei Kühnes Reisen soll Swiss peinlichst genau darauf geachtet haben, ihn nur in eigenen Flugzeugen zu befördern – dafür wurde sogar kurzfristig der Flugplan angepasst.
Wofür setzte Kühne seine Milliarden ein?
Neben seinen unternehmerischen Aktivitäten machte sich Kühne vor allem in seiner Heimatstadt Hamburg als Mäzen für Sport und Kultur einen Namen. Dem Fussballklub HSV griff er wiederholt mit Darlehen unter die Arme und erwarb Transferrechte an Spielern. Zudem sorgte er mit seinem finanziellen Engagement dafür, dass das Heimstadion wieder seinen traditionellen Namen «Volksparkstadion» erhielt.
Auch für die Elbphilharmonie war Kühne ein wichtiger Unterstützer. Nicht nur finanziell, sondern auch mit seinem Einfluss in der Hansestadt, um das Prestigeprojekt voranzutreiben. Über die Kühne-Stiftung förderte er zudem Konzerte, Festivals und weitere Musikprojekte im Prestigebau an der Elbe.