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BILANZ-Briefing

WEF: Horrible leadership

Die Themen der Woche: Brendes Abgang, WEF-Sumpf, Finks Wendigkeit, Schlegels Goldschaft.

Dirk Schütz

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«Die Führung schützte Brende so lange, bis es nicht mehr ging.» BILANZ

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Es bleibt eine – sehr milde formuliert – ausbaufähige Leistung, den WEF-Chef ganze vier Wochen nach Bekanntwerden der neuen Epstein-Files im Amt zu lassen. Der Norweger Brende war untragbar, das war nach dem Freischalten der neuen Datenladung sehr rasch unverrückbar: Alle Informationen zu seinen intensiven Epstein-Kontakten waren öffentlich zugänglich, inklusive seiner holprigen Vertuschungs-Versuche. Dennoch wollte der Stiftungsrat mit der dritten Homburger-Untersuchung in 18 Monaten Zeit kaufen. Wohl selten hat eine Organisation ihr Geld-Verschleudern selbst so entlarvend zugegeben: «Die unabhängige Untersuchung ist abgeschlossen. Sie ergab, dass es keine zusätzlichen Problemfelder gab, die über das bisher Veröffentlichte hinausgingen.» Für Homburger gilt da: Üppige Gage für Internet-Recherche - gross.
Wie unausweichlich der Abtritt Brendes war, zeichnen wir in unserer heute erscheinenden Titelstory nach. Wohlgemerkt: Bei den ersten beiden Untersuchungen ging es vor allem um angebliche Frauendiskriminierung. Und da schlenderte im Sommer 2019, als sich beim Wall Street Journal erste WEF-Mitarbeiterinnen über mutmassliches männliches Fehlverhalten meldeten, der operative Chef Brende nach einem Grillfest im New Yorker WEF-Office zum Sushi-Essen bei einem verurteilten Sexualstraftäter, der sich über sein Netzwerk systematisch Minderjährige zuführen liess und von der Washington Post zuvor zum «sex-obsessed monster» erklärt wurde.

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Bezeichnend: Der Chat zwischen Epstein und dem damaligen slowakischen Aussenminister Lajcak, der auf Dienstreise in Irland war. «I’ll check the asses while here», schreibt Lajcak. «If I send this message to Borge, I think he would grin», antwortet Epstein. «Horrible asses» gebe es in Irland, schreibt Epstein weiter: «Borge would be disspointed». All das war seit dem 30.Januar öffentlich, jeder Mitarbeitende im edlen WEF-Glasbau in Cologny konnte es mit einer Kurzrecherche finden. Nur die Führung schützte Brende so lange, bis es nicht mehr ging. Horrible leadership.

Maximale Unsicherheit

Doch die Führungskrise verschlimmert sich mit Brendes Rücktritt eher: Schon dass es zwei Co-Chairs gibt, André Hoffmann (Roche) und Larry Fink (Blackrock), symbolisiert fragmentierte Macht, und vor allem: Beide sind nur interimistisch eingesetzt. Und jetzt ist auch der neue CEO Alois Zwinggi, der schon seinen Abschied geplant hatte, nur interimistisch im Amt. Mehr Unsicherheit an der Spitze geht nicht.
Zudem offenbart sich ein weiteres Problem immer deutlicher: Fink hat sichtlich Gefallen an dem prestigeträchtigen Posten gefunden, und das könnte sich lohnen. Wenn der Blackrock-Lenker heute nach Tokio, Mexiko oder Manila fliegt, bekommt er als WEF-Präsident neu stets auch eine Audienz bei den Regierungsverantwortlichen – hilfreich beim Anlegen staatlicher Pensionskassengelder. Dass Fink weiterhin CEO und Chairman des weltgrössten Vermögensverwalters ist, bildet einen Interessenkonflikt erster Güte. Sollte er permanent Interesse an dem WEF-Präsidium haben, müsste er alle Ämter bei Blackrock abgeben. Sonst versinkt das WEF nach dem Epstein-Skandal weiter im moralischen Sumpf.

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Finks Biegsamkeit

Dabei ist Finks Wendigkeit rekordverdächtig. Vor sechs Jahren erklärte er vollmundig, nur noch klimaneutrale Investments tätigen zu wollen – er war der Hohepriester der ESG-Welle. Seit Trumps Wahl gilt: Net zero war gestern, fossile Brennstoffe sind heute. Auch in der Schweiz plustert sich der 73-jährige Amerikaner zum Zuchtmeister der Firmenwelt auf, seine Fondsmanager drohen mit Peitsche: Abwahl von Verwaltungsräten nach zehn Jahren, Vetos gegen Overboarding bei zu eifrigen Mandatesammlern, Diversität und Effizienz bei VR-Praktiken.
Bei der ewigen Debatte um das Doppelmandat ist die Sachlage zwar nicht eindeutig: Aus Aktionärssicht ist es nicht nachteilig, in den US-Firmen dominiert es weiterhin, und diese Freiheit nutzen auch die Schweizer Manager gern. Ex-Holcim-Chef Jan Jenisch führt die US-Abspaltung Amrize als Chairman und CEO und erspart sich leidige Debatten, diese Woche hat auch Aebi-Schmidt-CEO Barend Fruithof die Freiheit der Nasdaq-Kotierung für die zusätzliche Übernahme des Präsidentenposten genutzt, Grossaktionär Peter Spuhler steigt ins Ehrenpräsidium auf. Auch Fink hält das Doppelmandat – aber schon seit 28 Jahren. Bei anderen Firmen stimmt Blackrock nach zwölf Jahren gegen die Wiederwahl. Da verwundert es nicht, dass Fink statt Davos schon mal Dublin oder Detroit ins Spiel bringt. Maximale Biegsamkeit.

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Nächste Woche: Schweres SNB-Gold

Die Zahl hat sie schon veröffentlicht, vor allem, um die Kantone zu beruhigen: Die Ausschüttung kommt. 26 Milliarden Franken hat die Nationalbank im letzten Jahr an Gewinn eingefahren – eine wahnsinnige Summe, und dennoch weit vom Vorjahresresultat von 80,7 Milliarden entfernt.
Am Montag kommt die Präzisierung, und es wird vor allem interessant sein, wie gross der Anteil der heftigen Goldpreis-Steigung des letzten Jahres an dem Resultat ist. Nennen wir es den doppelten Hedge des SNB-Chefs Martin Schlegel: Anleger rund um die Welt suchen den Franken als sicheren Wert, und das führt zu Rekordständen gegenüber Dollar und Euro. Und die Nationalbank selbst sichert die Sicherheit mit ihrem mehr als 1000 Tonnen schweren Goldschatz ab. Kein bisschen biegsam, voll konstant.
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