Die Epstein-Verbindungen des CEO drücken die WEF-Führung an die Wand: Thomas Buberl, Børge Brende, Larry Fink, André Hoffmann (v.l.). Bloomberg, Philippe Rossier, Paolo Dutto für BILANZ, Mark Henley / Panos Pictures; Montage: BILANZ
Es war eine ungewöhnliche Begrüssung. In den letzten Jahren erhielten die mehr als 2500 akkreditierten WEF-Teilnehmer an der Réception im Davoser Eisstadium stets einen Rucksack, versehen mit einem Notizbuch und Schuh-Spikes für die nicht ganz winterfesten Forumsgänger. Die Farben variierten von Mausgrau bis Hellblau, doch der Aufdruck unter dem Logo war stets der gleiche: «Commited to improving the state of the world.»
In diesem Jahr fehlte der Zusatz auf dem dunkelblauen Exemplar – und das signalisierte einen neuen Realismus: Angesichts der epischen Schlammschlacht, die sich die Führung im letzten Jahr mit dem Gründer Klaus Schwab geleistet hatte, hätte zu viel Weltverbessertum eher schal gewirkt. Doch vielleicht war der Verzicht auch eine Vorahnung: Bot das Jahr 2025 schon unerhörtes Drama, so sollte es nur eine Woche nach Ende des grossen Davoser Schaulaufens nahtlos weitergehen.
Finks Interessenkonflikt
Dass ein CEO prominent in den Epstein-Files auftaucht, detailliert nachlesbar in den mehr als drei Millionen Seiten, die das US-Justizministerium am 30. Januar freigeschaltet hat, wäre für jede Organisation eine riesige Belastung. Für das moralisch hochtrabende WEF mit seinem CEO Børge Brende ist es eine Katastrophe – und sie wird durch seinen dilettantischen Umgang mit den Einschlägen noch massiv verschlimmert.
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Doch damit nicht genug: Die neue Krise beschädigt auch die Führung des Stiftungsrats massiv. Das Führungstrio mit den beiden interimistischen Co-Präsidenten Larry Fink (Blackrock) und André Hoffmann (Roche) sowie Audit-und-Risk-Komitee-Chef Thomas Buberl (Axa) lancierte auch in diesem Fall eine externe Untersuchung, finanziert mit Stiftungsgeldern, obwohl de facto nichts zu untersuchen ist: Alle Informationen sind öffentlich verfügbar, inklusive Brendes Vertuschungsversuchen. Wieder erhielten die Anwälte von Homburger das Mandat – das dritte Mal innerhalb von 18 Monaten. So verfestigt sich der Eindruck: Untersuchungen dienen nicht primär der Wahrheitsfindung, sondern entpuppen sich als taktische Instrumente zur Bekämpfung von Gegnern (Schwab) – oder zum Schutz von Verbündeten (Brende).
Und schliesslich hängt über dem Drama die ungelöste Führungsfrage: Hoffmann und Fink haben Spass an dem Präsidentenposten mit Maximal-Prestige gefunden und wollen auch beim nächsten Davos im Januar 2027 von der Spitze grüssen. Doch jetzt steht mit Christine Lagarde eine Persönlichkeit zur Verfügung, die das vom WEF selbst als interimistisch deklarierte Führungsduo glaubwürdig ablösen kann – ihren vorzeitigen Abschied als Präsidentin der Europäischen Zentralbank hat die langjährige WEF-Stiftungsrätin Mitte Februar in die Kanäle einspeisen lassen. Die Wahl der 70-jährigen Französin wäre gerade angesichts des Anspruchs des WEF die richtige Lösung: Dass der 73-jährige Fink weiterhin CEO und Chairman von Blackrock ist, bleibt ein Interessenkonflikt erster Güte. Wenn er heute nach Tokio, Mexiko oder Manila fliegt, bekommt der Amerikaner als WEF-Präsident neu stets auch eine Audienz beim Regierungschef. Das hilft beim Anlegen staatlicher Pensionskassengelder. Sollte er permanent Interesse an dem WEF-Präsidium haben, müsste er alle Ämter bei dem weltgrössten Vermögensverwalter niederlegen. Sonst versinkt das WEF noch tiefer im moralischen Sumpf.
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Christine Lagarde signalisiert ihren vorzeitigen Abschied als Präsidentin der Europäischen Zentralbank und wäre offen für das WEF-Präsidium – Gründer Klaus Schwab setzt sich seit Längerem für diese Lösung ein.imago/Hannelore Förster
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Doch noch versetzt vor allem der Fall Brende die Organisation in den Krisenmodus. Besonders verheerend: Die erste Untersuchung, lanciert nach einem kritischen Artikel vom Juni 2024 im «Wall Street Journal» über die angeblich vergiftete Arbeitskultur («Behind Davos, claims of a toxic workplace»), ging vor allem Vorwürfen zu Frauendiskriminierung und ungemessenem Vorgesetztenverhalten nach, und es war Brende selbst, der sich nach Abschluss des Verfahrens, das Schwab voll entlastete, in einem internen Schreiben reumütig zeigte und eine Überprüfung der Kultur versprach: Das WEF wolle eine Arbeitsatmosphäre schaffen, in der sich alle Mitarbeiter «wertgeschätzt und respektiert fühlen».
Der Artikel hatte eine lange Vorgeschichte, sie begann im Jahr 2019. Die Quellen stammten vor allen aus den USA. Es war die einstige hochrangige amerikanische WEF-Mitarbeiterin Cheryl Martin, in dem Bericht prominent aufgeführt, die nach einem Zerwürfnis mit Schwab als gewichtige Kritikerin auftrat. Die MeToo-Bewegung liess auch das «Wall Street Journal» besonders akribisch nach möglichen Missbrauchsfällen fahnden, es meldeten sich mehrere Mitarbeiterinnen aus dem New Yorker Büro, die Wege zu der Redaktion waren kurz.
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Buddy Talk
Und ausgerechnet zu der Zeit, als die Journalistinnen in New York ihre Recherchen zu mutmasslicher Frauendiskrimierung begannen, pflegte der operative WEF-Chef in derselben Stadt enge Beziehungen zu einem Mann, den er mehrfach «meinen Freund» nannte und mit dem er abschätzige Bemerkungen über Frauen austauschte: einem Mann, der Hunderte von Minderjährigen gefügig gemacht, ein grosses Netzwerk an illegaler Prostitution aufgebaut und bereits eine – hinlänglich dokumentierte – Haftstrafe wegen Sexualstrafdelikten abgesessen hatte.
«Hilarious» nennt Brende eine Bemerkung von Epstein, die sich auf eine blonde Locke bezog, offenbar von Sara Netanjahu, die die Buddies unter sich «Miss Piggy» getauft hatten. In einem SMS-Chat beziehen sich der damalige slowakische Aussenminister Miroslav Lajcak, auf Dienstreise in Irland, und Epstein auf ein Gespräch mit Brende: «I’ll check the asses while here», schreibt Lajcak. «If I send this message to Borge, I think he would grin», antwortet Epstein. «Horrible asses» gebe es in Irland, genetisch liege es an der Kartoffel-Hungersnot, schreibt Epstein weiter: «Borge would be disspointed». Lajcak war zuletzt Sicherheitsberater des rechtsnationalen Premiers Robert Fico und trat sofort nach Veröffentlichung der neuen Epstein-Files am 1. Februar zurück – anders als Brende.
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Nervöse Geldgeber
Die Nähe zum rechtsnationalen Lager demonstrierte Brende auch auf andere Weise: Dass bei einem Treffen in Epsteins Villa in Manhattan ausgerechnet der MAGA-Chefideologe Steve Bannon dabei war, verleiht dem Kontakt auch eine politische Note. Bannon war der globale Vormann der Woke-Kritiker, das WEF stand auf seiner Hassliste ganz weit oben, er galt auch WEF-intern als Schwabs Erzfeind.
Besonders interessant sind die Abläufe des letzten Treffens, rekonstruiert von der norwegischen Zeitung «Aftenposten»: Am 13. Juni 2019, drei Wochen vor Epsteins Verhaftung, unterzeichnete Brende zusammen mit Schwab in New York eine Vereinbarung mit der UN, vertreten vom damaligen Führungsduo António Guterres und Amina Mohammed. Dann ging es zu einem Grillfest für die etwa 100 New Yorker WEF-Mitarbeitenden. Brende fragte, ob er schon früher zu Epstein kommen könne, und so ging er direkt vom Grillfest mit seinen laut «Wall Street Journal» diskriminierten Mitarbeiterinnen – zum Sushi-Essen bei einem Sexualstraftäter.
Treffen in New York: Børge Brende (v.l.) signierte im Juni 2019 mit Klaus Schwab (h.l.) ein UN-Abkommen mit dem Führungsduo António Guterres und Amina Mohammed. Dann ging es zu Epstein.zVg
zVg
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Doch es sind nicht nur seine Aussagen, sondern auch seine Reaktionen auf die Affäre, die Brende als WEF-Chef untragbar machen (bei BILANZ-Redaktionsschluss war er noch im Amt). Er habe mit Epstein «nie etwas zu tun gehabt», hatte er «Aftenposten» im November diktiert – eine glatte Lüge, wie der Austausch von mehr als 130 Mails innerhalb von 15 Monaten belegt.Dass er behauptet, er habe nichts von den Machenschaften des verurteilten Sexualstraftäters gewusst, wirkt wenig überzeugend. Nachdem der «Miami Herald» Ende 2018 einen grossen Artikel über Epsteins Missbrauch minderjähriger Mädchen veröffentlicht hatte, berichteten renommierte Medien wie «New York Times», CNN oder der «Guardian» ausführlich über den Fall, wie schon bei Epsteins Verurteilung zehn Jahre zuvor wegen Sex mit einer Minderjährigen. Die «Washington Post» nannte ihn im Dezember 2018 ein «sexbesessenes Monster».
Hätte Brende da wirklich nichts von Epsteins Machenschaften gewusst, hätte er sich allein schon mit diesem Nichtwissen als Chef der wichtigsten Wirtschaftsplattform der Welt disqualifiziert – sein letzter Kontakt mit Epstein fand kurz vor dessen Inhaftierung 2019 statt. Ein Schlüsselpartner des WEF ist seit Jahren Microsoft. Dessen Gründer Bill Gates hatte bereits Ende 2014 den Kontakt mit Epstein komplett abgebrochen – wie viele andere Wirtschaftsführer auch.
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Noch heikler dürfte für ihn werden, dass er auch in seinem Statement an den Stiftungsrat vom 2. Februar, drei Tage nach der Veröffentlichung der neuen Epstein-Datenladung, mehrfach nicht die Wahrheit sagte. Er habe nur ein paar («a few») E-Mails und SMS ausgetauscht – 130 sind mehr als ein paar. Dreimal habe er Epstein in dessen Townhouse in Manhattan zum Abendessen getroffen, stets «mit anderen Wirtschaftsführern (alles Männer) präsent». In Epsteins Terminkalender ist Brende bei dem Treffen am 13. Juni 2019 aber als einziger Gast aufgeführt. Aus den E-Mails zwischen Brende und Epsteins Assistent geht nicht hervor, dass andere eingeladen waren. Auch in den E-Mails zwischen Epstein und seinem Assistenten werden keine weiteren Gäste erwähnt. Epstein fragte sogar extra nach der Adresse, weil der norwegische Verbindungsmann Terje Rød-Larsen, der ihn bei Epstein eingeführt hatte, nicht dabei war.
Die Frage ist auch, ob es wirklich nur drei Treffen gab bei Epstein. Es war auffällig, wie stark Epstein den Kontakt zum norwegischen Establishment suchte, etwa auch zum einstigen Aussenminister Thorbjørn Jagland, der eine Zeit lang auch die Kommission zur Vergabe des Friedensnobelpreises leitete. Brendes Verbindungsmann Rød-Larsen, der mit der Politikerin Mona Juul das Star-Ehepaar der norwegischen Diplomatie bildete, wurde in Epsteins Testament sogar mit Millionengaben an die Kinder bedacht. Dass in diesem Kreis nie über Epsteins Sextaten geredet wurde, scheint realitätsfremd. Juul wurde nach der Veröffentlichung der Epstein-Datenladung als Botschafterin von Jordanien suspendiert.
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Ihr Ehemann schrieb Epstein im September 2017, dass er noch «einen Norweger» mitbringen wolle – wenn das Brende gewesen wäre, hätte es mehr als drei Treffen gegeben. Dass er nichts über Epsteins Sexualstraftaten gewusst habe, wiederholte Brende in dem Schreiben an den Stiftungsrat. Doch er versah einen Link, den Epstein über einen beschwichtigenden Kommentar zu seinen Taten geteilt hatte, mit einem Daumen-hoch-Emoji. Und dass er das «Senior Forum Leadership» – den damaligen Chairman Schwab – über seine Treffen mit Epstein informiert hat, wirkt ebenfalls wenig überzeugend. Schwab bestreitet vehement, von Brende jemals über diese Treffen informiert worden zu sein, und angesichts der strikten Regeln des WEF mit Partnerschaftsverbindungen klingt das glaubwürdig. Schwab droht sogar mit einer Klage wegen Ehrverletzung. Einen BILANZ-Fragenkatalog beantwortete das WEF nicht.
Das zögerliche Vorgehen lässt den Stiftungsrat handlungsschwach dastehen. Das WEF ist eine Stiftung und keine börsenkotierte Firma mit klaren Transparenzvorgaben. Da waren schon die ersten beiden Untersuchungen nicht zwingend: Die Vorwürfe des «Wall Street Journal» waren dünn, die Anschuldigungen gegen Schwab hanebüchen. Aber immerhin gab es hier Material, das abgeklärt werden konnte.
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Jetzt gibt es öffentlich vorliegende Informationen, und niemand behauptet, dass die Anschuldigungen gegen Brende strafrechtliche Relevanz haben. So verschleppt der überdimensionierte Rat mit seinen 27 Mitgliedern nur die Krise, und das wird zunehmend gefährlich – öffentliche Figuren wie Ajay Banga (Weltbank), Kristalina Georgieva (IWF), Ngozi Okonjo-Iweala (WTO) oder Singapurs Präsident Tharman Shanmugaratnam leben auch von ihrem intakten Ruf. Schon bei dem erfolglosen Putsch gegen den Gründer Schwab im letzten Jahr waren sie nur Mitläufer der Rädelsführer um Interimspräsident Peter Brabeck (ex Nestlé), Buberl und Brende. Den richtigen Moment haben sie bereits verpasst: Nach dem Bekanntwerden der Epstein-Files und einer ersten detaillierten Prüfung der Brende-Involvierung hätte der Rat mit der Absetzung Brendes schnell und entschieden handeln müssen. Mit jedem Tag und immer weiteren Rücktritten in dem Epstein-Drama rund um den Globus verliert die Führungsspitze um Fink, Hoffmann und Buberl weiter an moralischer Autorität – eine Währung, die für das WEF so wichtig ist wie für nur wenige Organisationen. Es ist auch nur eine Frage der Zeit, bis die Geldgeber nervös werden.
Warum konnte Brende die ersten Wochen überstehen? Der Stiftungsrat schätze «seine Verpflichtung gegenüber der Organisation», liess er verlauten. Fink sitzt in New York, Buberl in Paris, Hoffmann in Morges, mit Sicht auf die WEF-Zentrale in Cologny auf der anderen Seite des Genfersees. Dort ist Brende ihr Vertrauensmann vor Ort. Neu nennt er sich auch CEO, obwohl dieser Titel in den WEF-Statuten nicht vorgesehen ist. In dem Konstrukt mit zwei Interims-Chairmen ist der 60-Jährige ein Stabilitätsfaktor, zumal intern nur wenig Nachfolgekandidaten zur Verfügung stehen. Neu-Stiftungsratsmitglied Philipp Hildebrand fällt als Feuerwehr-CEO schon deshalb aus, weil er wie Co-Präsident Fink bei Blackrock arbeitet. Die erfahrene Saadia Zahidi hätte am meisten WEF-Wissen, gilt aber als Schwab-nah. Mögliche Optionen: der verdiente Alois Zwinggi, seit 15 Jahren Mitglied der Geschäftsleitung und Vertreter der Schweizer Seite, eventuell in Kombination mit dem tschechischen Brende-Anhänger und COO Mirek Dusek. Doch es wären nur Interimslösungen.
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Mitglieder der sechsköpfigen WEF-Geschäftsführung: Mirek Dusek (l.), ...Keystone... Saadia Zahidi und ...Keystone... Alois Zwinggi – eine dauerhafte Nachfolgelösung ist schwierig.Keystone
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Und es kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: Weil Brende zusammen mit Brabeck und Buberl die treibende Kraft bei dem Putsch gegen Schwab war, kennt er alle Interna. Schwab wollte gegen die anonymen Beschuldiger, die das WEF mit grotesken Anschuldigungen gegen den Gründer paralysierten und erpressten, Anzeige gegen unbekannt erstatten. Doch die drei starken Männer, intern die «drei Bs» genannt, setzten auf die Untersuchung. Nach seinem Rücktritt im letzten April reichte Schwab diese Anzeige dann auch beim Genfer Staatsanwalt ein. Als sich im August die Anschuldigungen nach der zweiten Homburger-Untersuchung allesamt als unfundiert herausstellten, war es auffällig, wie stark der Stiftungsrat Schwab bedrängte, die Anzeige zurückzuziehen, was dieser im Sinne einer gütlichen Einigung auch tat.
So spricht vieles dafür, dass die anonymen Beschuldiger Support von ganz oben hatten – manche Details in den Anschuldigungen, etwa zur angeblichen Manipulation des «Competitiveness Report», kannten nur wenige Führungskräfte. Brende könnte drohen, das mögliche Komplott auffliegen zu lassen, etwa wenn man ihn zu hart anfasst, zum Beispiel bei Verhandlungen zum Abgangspaket. Bleibt auch die Frage, wann der Stiftungsrat erstmals von Brendes Epstein-Kontakten erfahren hat. Acht Monate hat Homburger zusammen mit der US-Kanzlei Covington & Burling in der ersten Untersuchung angeblich akribisch die WEF-Mail-Accounts durchforstet. Dass Brende mit Epstein über das reguläre WEF-Mailkonto kommunizierte, belegen die Epstein-Files. Wenn die Untersucher diese Verbindung nicht gesehen haben, spricht das nicht für ihre Arbeit. Haben sie sie gesehen, hätten sie sicher den Stiftungsrat informiert. Hätte das Gremium schon länger von der Verbindung gewusst und keine Abklärungen bei Brende getroffen, wäre es komplett diskreditiert.
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Zu nah an Klaus
Und das zeigt: Die Untersuchung ist vor allem ein taktisches Instrument zur Machtsicherung der Führungsriege, Larry Fink hat sichtlich Geschmack an dem Posten gefunden, der weltweit so viel Türen öffnet wie kein Posten ausserhalb der institutionellen Politik. Seine Wendigkeit ist legendär: Vor sechs Jahren noch gerierte er sich als Hohepriester der klimaneutralen Investments und prägende Figur bei der Kreation des Begriffs ESG. Jetzt hat er nicht nur bei Environment, sondern auch bei Social und Governance abgedankt: Die Aussagen von Brende sind klar frauenfeindlich und damit unsozial, und einen überführten Lügner an der Spitze zu behalten, spricht kaum für gute Governance.
Auch Buberl glänzt vor allem bei Machtpolitik. Liesse sich die erste Untersuchung aufgrund des «Wall Street Journal»-Artikels noch aus Reputationsgründen als notwendig gegenüber den zentralen amerikanischen Geldgebern darstellen, so war schon die zweite Untersuchung vor allem ein Attacke-Instrument gegen den Gründer: Die Vorwürfe kamen nicht über die reguläre Whistleblower-Hotline, sondern anonym von aussen, und sie waren so grotesk, dass eine Abklärung innerhalb des Forums und mit dem Gründer sie an einem Nachmittag hätte widerlegen können. Doch Buberl informierte gerade 33 Stunden nach Eingang der anonymen Mail der ominösen Rebecca-Gruppe den Stiftungsrat über die Lancierung einer neuen Untersuchung, von der er wissen musste, dass sie das WEF massiv destabilisiert.
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Jetzt nutzt er die Untersuchung zu einem gegenteiligen Zweck: dem Schutz Brendes. Jedoch: Beide Male konnte die Strategie nicht aufgehen. Dass die Vorwürfe gegen Schwab unfundiert waren, war genauso offensichtlich wie die Tatsache, dass Brende nicht zu halten war. Dass Buberl dennoch weiterhin eine starke Position hat, dürfte vor allem an seiner geschickten Einbindung des gesamten Stiftungsrates liegen. Denn er liess die Untersuchung gegen Schwab nach dessen Rücktritt formal noch vom Stiftungsrat absegnen und nahm damit jedes Mitglied in die Verantwortung. Und jetzt waren es Fink und Hoffmann, die den Entscheid der Brende-Untersuchung verkündeten.
Dazu baute der Axa-Chef geschickt eine Wagenburg-Mentalität gegenüber Schwab auf: Dass die zweite Untersuchung so heftige Wellen in der Öffentlichkeit schlug, schob er intern der öffentlichen Gegenwehr Schwabs zu, der angeblich die Medien fütterte. Dabei war das Gegenteil der Fall: Die Chronologie zeigt eindeutig, dass das «Drei Bs»-Lager die Medien deutlich häufiger und aggressiver mit Munition gegen Schwab belieferte, mit dem «Wall Street Journal» an erster Stelle. Das Blatt, das die Destabilisierung des WEF mit seinem ersten Artikel ausgelöst hatte, bekam stets die besten Informationen. Auch Brabeck schloss die Reihen im Stiftungsrat. So behauptete er noch Ende Dezember in der «NZZ», Schwab habe eine Anzeige gegen den Stiftungsrat eingereicht, was schlicht nicht stimmte und hinterher von der «NZZ» auch mit einer Richtigstellung versehen wurde – Schwab hatte eine Anzeige gegen unbekannt eingereicht, um die anonymen Beschuldiger zu enttarnen.
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Wie zerrüttet das Verhältnis zum Gründer ist, zeigte das letzte WEF. Kein Wort des Dankes an den Mann, der das Forum als wichtigstes globales Wirtschaftstreffen etabliert hatte. Bei der Eröffnung flimmerten Bilder aus der WEF-Geschichte über die Leinwand des Kongresssaals, sie zeigten auch den langjährigen WEF-Gänger Larry Summers, der jüngst wegen seiner Kontakte zu Epstein von seinen Ämtern zurücktrat. Der Sexualstraftäter hatte ihm gegenüber mit seinen Kontakten zu Brende geprahlt.
Das Bemühen, den Gründer vergessen zu machen, wirkte nicht nur unsouverän, sondern auch taktisch unklug: «Friends of Klaus» wurden nicht mehr eingeladen, als zu kritisch empfundenen Journalisten wurde erst nach Drohung über das Bekanntmachen der Ausladung die Akkreditierung gewährt. «Ich war too close to Klaus», sagte der Investor und langjährige Schwab-Begleiter Peter Friedli im «Blick». Die Veteranen sind wichtige Multiplikatoren, wie auch viele CEOs, mit denen Schwab noch in Kontakt stehen dürfte und die sich über den respektlosen Umgang mit dem Gründer wunderten.
Und das führt zu André Hoffmann. Der Roche-Erbe, aufgewachsen im Naturschutzreservat der Camargue und Sohn des WWF-Gründers, besetzte Nachhaltigkeitsthemen schon, als sie noch im grünen Randspektrum waberten. Er ist der Inbegriff des Gutmenschen, für den schnödes Maximieren seines Kontostands (der allerdings milliardenhoch ist) immer zu wenig war. Doch auch er, der stets einen engen Draht zu Schwab pflegte, hat sich der neuen Führung unterworfen und den Kontakt zu dem Gründer abgebrochen. Ein Bewerbungsschreiben in eigener Sache bot sein Davos-Auftritt nicht: Er vergass bei seiner Einführungsrede ein Blatt auf seinem Stuhl und war sonst eher spärlich präsent. Dass Trump in der würdelosesten Zeremonie der WEF-Geschichte das Kongresszentrum für den Gründungsakt seines grotesken «Board of Peace» kaperte, liess er genauso geschehen wie die De-facto-Übernahme des WEF durch die Amerikaner mit ihrem Vormann Larry Fink.Hoffmanns Risiko steigt: Dass die Führung Brende nicht sofort geschasst hat, ist ein moralisches Versagen, das auch der 67-Jährige verantwortet. Dass sein Präsident Severin Schwan als Vizepräsident im CS-Drama versagte, kostete diesen Roche-intern viel Ansehen und fast die Karriere. Es war Hoffmann, der den Druck der Familie weitergab. Jetzt lastet der Druck auf ihm.
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Dass Schwab Lagarde als seine Nachfolgerin sieht, ist innerhalb des WEF bekannt – er informierte noch als Chairman im April 2025 die Entscheidungsträger im Stiftungsrat über diese Lösung, und gemäss den Statuten wäre diese Nachfolgeregelung rechtsgültig. Doch ob die Eidgenössische Stiftungsaufsicht (ESA) diese Lösung anerkennt, will die Aufsichtsbehörde nicht kommentieren. Sicher ist: Die Lösung Lagarde hätte den Charme, dass jegliche Rechtsauseinandersetzungen mit dem Gründer ausfallen würden.
Entscheid per Abstimmung
Nach Schwabs Rücktritt, so präzisiert die ESA aber punkto Nachfolge gegenüber BILANZ, «entscheidet der Stiftungsrat in dieser Frage in einer Abstimmung». Die grossen Entscheidungen fallen beim WEF stets Ende August, wenn sich der Stiftungsrat zwei Tage physisch in Genf trifft. Bis dahin hat Hoffmann genug Zeit, um die Lösung Lagarde vorzuspuren. Sollte Fink an seinen Blackrock-Posten festhalten, wäre er als dauerhafter Präsident aufgrund seines Interessenkonflikts unvermittelbar, das muss allen Stiftungsräten bewusst sein. Zudem hat er mit seiner Trump-Anbiederung den Ruf des WEF geschädigt, auch wenn er sein Wirken intern laut lobpreist. Dass Lagarde bei der MAGA-Cowboy-Rede des US-Wirtschaftsministers Howard Lutnick in Davos den Saal verliess, wirkt da wie ein wohlkalkulierter Protestakt.
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Eine Mehrheit für die weltgewandte Französin sollte zu organisieren sein. Selbst amerikanische Stiftungsräte stehen nicht automatisch auf Finks Seite: Ex-Vizepräsident Al Gore hat Finks Trump-Show genauso wenig goutiert wie der einflussreiche Private-Equity-Veteran David Rubenstein, dem Trump den Vorsitz des Kennedy Center genommen hat.
Hoffmann hat stets moralisches Handeln gepredigt, aber es nie in der ersten Reihe durchsetzen müssen. Jetzt bietet sich ihm eine historische Chance für Davos, für die Schweiz, für Europa: Retter des WEF.