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Anti-Hype-Manufaktur

Zeitwinkel baut im Stillen aussergewöhnliche Uhren

Die Uhrenmarke aus St-Imier kommt ohne Modellflut und Botschafter aus und setzt auf «ehrliche, richtige Uhren». Damit sichert sich Zeitwinkel ihre eingeschworene Fangemeinde.

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Mit Modellen wie der 173° begeistern die Zeitwinkel-Gründer Sammler weltweit.
Mit Modellen wie der 173° begeistern die Zeitwinkel-Gründer Sammler weltweit.zVg

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Entscheidend war der Geruch. Oder, wie es die drei Kumpel aus dem Saarland eher empfanden, der Duft: Kaum hatten sie die Tür zu den Räumlichkeiten an der Rue Pierre-Jolissaint 35 in St-Imier geöffnet, roch es nach Öl, Maschinenöl. «Da wussten wir», sagt Marken-Co-Gründer Peter Nikolaus noch heute begeistert, «wir sind am richtigen Ort!»
Im Gebäude fertigte einst der renommierte Zulieferbetrieb Flückiger seine feinen Zifferblätter für die besten Schweizer Uhrenmarken. Und diese Geschichte war sozusagen omnipräsent: «Da und dort lagen sogar noch Pläne herum», sagt Nikolaus.
Die Historie passte als Verpflichtung bestens in das Projekt der drei Männer. Neben Peter Nikolaus, Unternehmer und Kenner der Haute Horlogerie, gehören Albert Edelmann, Uhrmacher und Konstrukteur, sowie Ivica Maksimovic, Kommunikationsdesigner und kreativer Kopf, zum Gründertrio.
Die Zeitwinkel-Gründer: Albert Edelmann, Ivica Maksimovic, Peter Nikolaus (v.l.).
Die Zeitwinkel-Gründer: Albert Edelmann, Ivica Maksimovic, Peter Nikolaus (v.l.).zVg
Die Zeitwinkel-Gründer: Albert Edelmann, Ivica Maksimovic, Peter Nikolaus (v.l.).
Die Zeitwinkel-Gründer: Albert Edelmann, Ivica Maksimovic, Peter Nikolaus (v.l.).zVg
Alle drei sitzen Anfang Juli an einem Tisch im grossen Besprechungsraum – zwischen Atelier und Maschinenraum mit uraltem Gerät – und erinnern sich an die Anfänge. 2006 war es, als sie beschlossen, eine Uhrenmanufaktur zu gründen. «Und leider», so lachte Albert Edelmann später einmal in einem YouTube-Video, «war die Idee auch noch da, als wir wieder nüchtern waren.»

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Das Grundprinzip klingt einfach: «Wir wollten Uhren herstellen, die genau so sind, wie wir uns vorstellen, dass Uhren sein müssen», sagt Peter Nikolaus. Will heissen: «Ehrliche, richtige Uhren.» Glasklar habe sich daraus eine erste Schlussfolgerung ergeben: «Wir müssen unser eigenes Werk entwickeln.»
Man schaute sich also um. Reiste nach Deutschland ins sächsische Glashütte, zur Wiege der deutschen Qualitätsuhrmacherei. Und in die Schweiz. Dorthin, so wurde dem Trio rasch klar, musste man gehen – denn dort spiele die Musik. Oder, wie Peter Nikolaus es formuliert: «Hier sitzen die Zulieferer, die wir brauchen.»
Ein Uhrmacher bei Zeitwinkel.
Ein Uhrmacher bei Zeitwinkel.zVg
Ein Uhrmacher bei Zeitwinkel.
Ein Uhrmacher bei Zeitwinkel.zVg
Die Zulieferer müssten «erfahrbar» sein, hielten sie in einer Art Pflichtenheft fest: höchstens eine Autostunde vom künftigen Hauptsitz entfernt. Also in einem Umkreis von rund 50 Kilometern. Und da gab es einen Ort, der diese Bedingung perfekt erfüllte: St-Imier im Berner Jura.
Drei Jahre nach dem Start, 2009, lagen erste Prototypen auf dem Tisch, und 2010 präsentierten die drei Jungentrepreneure ihre ersten Uhren an der Uhrenmesse Baselworld. Dazu ihren Markennamen: Zeitwinkel.
Kennern fiel an den ersten Uhren sofort etwas auf. Es war kein spektakuläres Detail – und doch verriet es den Anspruch der Marke. Für Platinen und Brücken verwendeten die Gründer Neusilber. Und damit war der Ton gesetzt.

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Buchstäblich zunächst: Der Werkstoff Neusilber, französisch Maillechort, so muss man wissen, hat einen warmen, leicht gold- bis champagnerfarbenen Farbton, den viele Uhrenpuristen mehr als nur schätzen. Die Legierung aus Kupfer, Nickel und Zink ist zwar nicht einfach bearbeitbar, dafür formstabil und steifer sowie härter als das üblicherweise verwendete Uhrmacher-Messing. Zudem altert es mit wunderbarer Patina. Die übrigen Merkmale der Zeitwinkel-Werke passen dazu: aufwendige Handfinissierung, anglierte Brücken, Dreiviertel-Platine und eine traditionelle Dekoration.
Das Uhrwerk von Zeitwinkel.
Das Uhrwerk von Zeitwinkel.zVg
Das Uhrwerk von Zeitwinkel.
Das Uhrwerk von Zeitwinkel.zVg
Von Anfang an kam die Marke mit drei verschiedenen Kalibern auf den Markt: ein Werk mit zentralem Sekundenzeiger, eine Uhr mit kleiner Sekunde bei 6 Uhr sowie – das wichtigste Stück der Kollektion – eine Uhr mit Grossdatum. Letztgenannte gibt es auch mit einem durchsichtigen Zifferblatt, das den Blick auf das Werk freigibt.
Vielleicht, sinniert Peter Nikolaus, sei man etwas zu früh gestartet, nämlich bevor unabhängige Uhrenmarken wirklich trendig wurden. Zu früh kam man wohl auch mit dem Uhrendurchmesser von 39 Millimetern – «Mädchenuhr», spotteten ein paar Kritiker wegen der für damalige Verhältnisse eher kleinen Grösse. Heute, über zehn Jahre später, gelten 39 Millimeter als das königliche Mass. Zeitwinkel hat dazu die Durchmesser 40,5 und 42,5 Millimeter im Katalog.

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Schwurblige Modellnamen sucht man vergebens: Zeitwinkel bezeichnet ihre Uhren schlicht mit einer dreistelligen Zahl und einem Gradzeichen. 173° heisst zum Beispiel die Uhr mit Grossdatum und den durchsichtigen Zifferblatt-Varianten Saphir Bleu oder Saphir Fumé. Sie haben durchaus ihren Preis: 21’500 Franken kostet das gute Stück ohne Mehrwertsteuer. Die günstigsten Zeitwinkel-Modelle sind ab 14’900 Franken zu haben.
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Das Modell Zeitwinkel 173° Saphir Bleu.zVg
Gebaut werden nach Angaben der Marke jährlich rund 100 Exemplare – Zeitwinkel bleibt damit eine unterschätzte Nischenmarke für eine verschworene Fan-Gemeinschaft. Auf Botschafter als Kommunikations-Turbo verzichtet das Trio, ebenso auf prominiente «Freunde der Marke». «Vielleicht», so sinnieren sie auf ihrer Homepage, «liegt es daran, dass wir nicht verstehen, warum wir jemanden dafür bezahlen sollten, dass er uns mag.»
Das sollen die Uhren schaffen. Entworfen und gebaut in einem Atelier, das auch mal nach Maschinenöl riechen darf.

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