Am Anfang war ein schwarzes Loch. Und ein Designer. Thierry Fischer hiess er, und als Abschluss-Diplomprojekt in Form eines Konzeptvideos nahm er sich ein hochkomplexes Thema vor: die Verzerrung von Raum und Zeit. Oder eben: das schwarze Loch. Wer nicht Astrophysiker ist, würde angesichts der anspruchsvollen Theorie dahinter wohl am liebsten Reissaus nehmen, Fischer aber inszenierte die Sache höchst attraktiv.
Nämlich ungefähr so: Mehrere konzentrische Scheiben sollten sich um ein Zentrum drehen, die gesamte Architektur den Blick immer weiter nach innen ziehen. Und mittendrin sollte ein fliegendes Tourbillon schweben. Das war im Jahr 2011. Thierry Fischer ahnte damals wohl kaum, dass er den Startschuss zur Schaffung einer neuen Uhrenmarke setzte: Vanguart. Der Name ist Programm; ein Zusammenzug der Worte Vanguard, also Avantgarde, und Art, also Kunst.
Fischer, so muss man wissen, bewegte sich bereits an guten Adressen der Uhrenwelt. Als Designer arbeitete er bei der Schweizer Agentur Etude de Style an Projekten für verschiedene Marken, darunter Audemars Piguet, HYT und Fabergé. Über seine Arbeit kam er dann mit zwei Männern zusammen, die später Mitgründer der neuen Marke werden sollten: Axel Leuenberger und Jérémy Freléchox.
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Das Vanguart-Team: Jérémy Freléchox, Axel Leuenberger, Thierry Fischer (v.l.) und Mehmet Koruturk (vorne).Emilien Itim
Das Vanguart-Team: Jérémy Freléchox, Axel Leuenberger, Thierry Fischer (v.l.) und Mehmet Koruturk (vorne).Emilien Itim
Die beiden arbeiteten bei der Talentschmiede Audemars Piguet Renaud & Papi und kannten sich in der komplizierten Uhrmacherei mithin bestens aus. Der Vierte im Bunde war Mehmet Koruturk – ein Unternehmer und Investor, der nicht aus der Uhrmacherei kam, dafür aber das kaufmännische Gegenstück zu den Designern und Technikern mitbrachte. Man sei, so erklärte Koruturk später, von der Kraft der Idee des schwarzen Lochs derart beeindruckt gewesen, dass man sich sagte: Eines Tages bauen wir diese Uhr tatsächlich.
So kam es auch. Rund zehn Jahre nach dem Konzeptvideo erblickte das Modell «Black Hole» als erste Uhr von Vanguart das Licht der Welt. Aus einer virtuellen Vision war eine reale mechanische Uhr geworden. Sie ist noch heute die Raison d’être von Vanguart, um die herum die Marke gebaut wurde.
Ihre Merkmale: Wo bei einer gewöhnlichen Uhr ein Zifferblatt liegt, tut sich bei der «Black Hole» eine Art Trichter auf. Drei konzentrische Scheiben drehen sich um das Zentrum und zeigen Stunden und Minuten auf ungewohnte Weise an. Der Blick wird dabei unweigerlich nach innen gezogen, dorthin, wo das fliegende Tourbillon zu schweben scheint. Zifferblatt und Uhrwerk mutieren so zu einer mechanischen Architektur – und zur erstaunlich konkreten Umsetzung von Fischers ursprünglicher Idee des schwarzen Lochs.
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Technisch war das alles andere als ein Spaziergang. Für die ungewöhnliche Anzeige existierte kein fertiger Mechanismus, auf den Vanguart hätte zurückgreifen können, das Werk musste von Grund auf neu konstruiert werden: Die drei Scheiben wollten bewegt, ihr Energiebedarf beherrscht und zugleich das fliegende Tourbillon angetrieben werden. Rund drei Jahre Entwicklungsarbeit und vier Prototypen waren nötig, bis aus dem Entwurf eine Uhr wurde. Solcher Aufwand hat seinen Preis: Um die 300’000 Franken werden für eine «Black Hole» aufgerufen.
Sie fand dennoch rasch ihre Fangemeinde. Und mit der Zeit schaffte es die junge Marke auch an Handgelenke, die weit über die überschaubare Welt der Haute Horlogerie hinaus Beachtung finden. Basketball-Star Michael Jordan etwa trug bei einem seltenen Fernsehauftritt 2025 eine Vanguart – worauf die Marke nicht ohne Stolz hinwies. Allerdings entschied sich die Basketball-Legende nicht für die «Black Hole», sondern für das zweite Modell der Manufaktur, die «Orb».
Wahlweise Handaufzug oder Automat: das Modell «Orb».zVg
Wahlweise Handaufzug oder Automat: das Modell «Orb».zVg
Dieses Modell zeichnet sich durch eine kaum weniger aufwendige Konstruktion aus. Wieder gibt ein fliegendes Tourbillon den Takt vor, wieder liegt die Mechanik weitgehend offen. Die Besonderheit: Hier kann zwischen Hand- und Automatikaufzug umgeschaltet werden. Und der Automatikaufzug erfolgt über eine orbitale Schwungmasse, die den äusseren Rand des Werks umläuft.
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Solche Ideen kommen an. Jedenfalls gelang es dem Vanguart-Quartett, auch eine Partnerschaft mit Warner Music aufzugleisen, einem der grossen Musikkonzerne der Welt. Konkret: Anlässlich der BRIT Awards 2026 lud Warner Music gemeinsam mit Hennessy zu einem Wochenende nach Manchester. Die Reise begann standesgemäss im Londoner Bahnhof Euston, von wo aus die Gäste im historischen British Pullman Richtung Norden rollten. Vanguart nutzte den Anlass, um sich dort zu positionieren, wo die junge Marke offenbar hinwill: an der Schnittstelle von Luxus, Musik und Popkultur.
Für Mehmet Koruturk liegt die Verbindung auf der Hand: Grosse Musik und Haute Horlogerie, meint er, beruhten auf denselben Werten – Disziplin, Kreativität und dem kompromisslosen Streben nach Perfektion.
Dieses Jahr will die Marke etwa 150 Uhren bauen, so CEO Axel Leuenberger. Und um dieses Ziel zu erreichen, setzt man nicht nur auf Haute Horlogerie, sondern neuerdings auch auf poppige Materialien. Eben erst wurden die Modelle «Orb Pink Ceramic Titanium» und «Orb Blue Ceramic Rose Gold» präsentiert: Uhren, die alles haben, was man von Vanguart kennt – fliegendes Tourbillon, offene Mechanik und die eigenwillige dreidimensionale Architektur –, dazu aber neu kräftige Farbtupfer aus Keramik. Bei der einen trifft Titan auf Rosa, bei der anderen Roségold auf Blau. Die Keramik sitzt an den Flanken des Gehäuses und am Drücker der Krone. So bekommt die technisch ziemlich ernsthafte Uhr einen beinahe verspielten Auftritt.
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Das ist zwar noch kein Paradigmenwechsel. Aber immerhin der Beweis dafür, dass ein schwarzes Loch in der Haute Horlogerie durchaus mit etwas Farbe glänzen kann.
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