General Charles de Gaulle hatte eine – wie fast jeder Mensch in Frankreich. Man finde, so jedenfalls geht das Bonmot, in jedem Haushalt der Grande Nation irgendwo in einem Schrank eine alte Uhr von Lip, der 1867 von Emmanuel Lipmann im französischen Besançon gegründeten Uhrenmarke.
Neuerdings findet man die Zeitmesser aber vermehrt auch am Handgelenk von oft jungen Uhrenliebhaberinnen und -liebhabern – und zwar neue Stücke: 2015 hatte der Unternehmer Philippe Bérard die Marke gekauft, in seine SMB-Gruppe integriert und ihr neues Leben eingehaucht. Das Kürzel SMB steht für Société des Montres Bisontines; Bisontines beziehungsweise Bisontins heissen die Bewohner von Besançon, der Heimat von Lip.
Damit rappelt sich eine Marke wieder auf, die glorreiche Zeiten als wohl grösste Uhrenmarke Frankreichs erlebt hat – aber mit der sogenannten Affäre Lip auch einen tiefen Absturz. In den Jahren 1973 bis 1976 war es, da besetzten im Sog der 68er-Unruhen die Arbeiterinnen und Arbeiter die Werkhallen und führten Lip als selbstverwaltete Kooperative weiter. Was Revolutions-Romantiker zwar schwärmen liess, der Marke aber nicht bekam – sie versank in Bedeutungslosigkeit.
Auferstehung aus Ruinen? Philippe Bérard war unsicher, ob er das Abenteuer der Wiederbelebung wagen sollte. Aber sein Sohn Pierre-Alain drängte ihn mit strotzender Zuversicht. Ein schlafender Schatz liege hier, meinte er sinngemäss, man müsse ihn nur richtig heben. Und als man vor etwas mehr als zehn Jahren erstmals an der Baselworld die neue Kollektion zeigte, begann aufgrund der Reaktionen auch Philippe Bérard an eine rosige Zukunft zu glauben: «Grosse Marken sterben nie», sagte ihm ein älterer Fachjournalist mit unverkennbar deutschschweizerisch gefärbtem Français-féderal-Akzent. Ein Satz, der sich in Bérards Gedächtnis eingrub.
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Aufgelegt wurde natürlich der grosse Klassiker der Marke, das Modell Mach 2000, gestaltet von Designer Roger Tallon (1929–2011). Der schwarze Chronograph hat ein ausgesprochen eigenständiges Design – vor allem dank seiner knallbunten Kügeli-Bedienelemente: blaue Krone, Drücker in Gelb und Rot. Die popartigen Details erinnern an das Industrie- und Produktdesign der 1970er-Jahre; sie machen die Mach 2000 unverkennbar und beliebt bei Fans von Uhren mit charakterstarker Vintage-Anmutung. Trotz ihrer Extravaganz bleibt sie erstaunlich tragbar – zugleich Designobjekt und Zeitmesser.
Weniger bekannt, aber technisch ein Meilenstein, ist die von de Gaulle getragene Uhr mit dem Kaliber R27. Der General hatte sie anlässlich seines Besuchs in der Uhrenmetropole Besançon im Jahr 1958 von der Marke geschenkt erhalten. Die Uhr ist von der Anmutung her sehr klassisch; auffallend sind die starken Kontraste bei den Indizes. Das machte die Uhr sehr gut ablesbar und war angeblich der leichten Sehschwäche des Generals geschuldet. Das Kaliber R27 ist eine Art Vorläuferin der Quarzuhr, nämlich ein elektromechanisches Werk: Eine Batterie liefert den Strom, ein Elektromagnet gibt der weiterhin mechanisch schwingenden Unruh ihre Impulse. Das machte die Uhr, wie die Werbung frohlockte, zur «ersten in Europa gebauten elektrischen Uhr».
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Als am 16. Dezember 2024 das Auktionshaus Artcurial die eine Uhr von de Gaulle versteigerte, sass auch Philippe Bérard unter den Interessenten und bot mit. Doch rasch musste er aufgeben, das Stück – geschätzt auf 6000 bis 10’000 Euro – kam am Ende für 537’920 Euro unter den Hammer, zu viel für den Entrepreneur.
Sinn für Sparsamkeit gehört zum Unternehmen, das beweist auch das Revival der De-Gaulle-Uhr. Die 35-Millimeter-Version mit einem Quarzwerk des Schweizer Kaliberbauers Ronda gibt es für 199 Euro, die kleinere 31-Millimeter-Version mit Stahlband und Miyota-Antrieb kostet 249 Euro. Wer es lieber mechanisch hat, wählt die Uhr mit Automatikwerk (wiederum von Miyota) für etwas über 400 Euro. Alle Modelle sind bis 50 oder auch 100 Meter Tiefe wasserdicht.
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