Baute man Autos wie Uhren, sie würden noch immer mit guten alten Trommelbremsen entschleunigen. Und mit klassischen Vergasern das Benzin-Luft-Gemisch in die Zylinder zerstäuben. Denn Uhrwerke sehen heute im Wesentlichen aus wie in den 1970er-Jahren – ihr Grundprinzip hat sich konstruktiv kaum verändert. Wahr ist aber ebenso: Bezüglich Fertigung und Materialien wurden gewaltige Fortschritte gemacht – man hat die alten Werke gedopt. Motoristen, wie die Hersteller von Uhrwerken heissen, veredeln sozusagen Steinzeit-Technik mit Avantgarde-Engineering. Und erreichen erstaunliche Ergebnisse.
Ein aktuelles Beispiel ist Ronda in Lausen BL. Das Unternehmen in Familienhand beschäftigt rund tausend Mitarbeitende, blickt auf eine achtzigjährige Geschichte zurück und wird vom vierzigjährigen Chef Fabien Schirmer geführt. «Wir sind bei unserem Projekt einen eigenen Weg gegangen», sagt er zu einem brandneuen mechanischen Werk, das kürzlich präsentiert wurde. «Wir gingen von einer zentralen Frage aus: Wie muss im Jahr 2026 ein Werk aussehen?»
Die Antwort trägt den Namen R01.
Es ist ein Automatikkaliber, welches 80 Stunden Gangreserve bietet, lediglich 4,2 Millimeter hoch baut und in seiner höchsten Qualitätsstufe eine Ganggenauigkeit von –2/+4 Sekunden pro Tag erreicht. Hinzu kommen Ankerrad, Anker und Spirale aus Silizium – modernste Komponenten mithin, die das Werk weitgehend unempfindlich gegenüber Magnetfeldern machen. «Sie können die Uhr auf einen Induktionsherd legen, und es wird ihr nichts anhaben», sagt Schirmer: «Dieses Werk bringt uns zurück in die mechanische Uhrmacherei.»
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Innovation einer Familienfirma: Mit dem ganz neuen Uhrwerk R01 will die Familienfirma Ronda, bekannt für Quarzwerke, in die Produktion mechanischer Uhrwerke einsteigen.PD
Innovation einer Familienfirma: Mit dem ganz neuen Uhrwerk R01 will die Familienfirma Ronda, bekannt für Quarzwerke, in die Produktion mechanischer Uhrwerke einsteigen.PD
Tatsächlich baute Ronda in der jüngeren Vergangenheit fast ausschliesslich Quarzwerke, als Motorist für mechanische Uhren ist man noch ein Zwerg. Die grossen Platzhirsche sind ETA, der Werkebauer für die Swatch Group, sowie – unter den unabhängigen Akteuren – Sellita, der Kaliberlieferant aus La Chaux-de-Fonds.
Dahinter steckt eine aussergewöhnliche Aufstiegsgeschichte. 1987 begann ein gewisser Miguel Garcia als einfacher Lagermitarbeiter bei Sellita. Damals war das Unternehmen noch kein Motorist, sondern baute im Auftrag anderer Hersteller Uhrwerke zusammen. Garcia stieg rasch die Karriereleiter hoch, als 2001 – er war bereits Generaldirektor – plötzlich eine Nachricht die Branche erbeben liess: Swatch-Group-Chef Nicolas G. Hayek kündigte an, die Lieferung von Rohwerken und Komponenten an Fremdmarken etappenweise einzuschränken.
Grosse Chance im grossen Schock
Für viele Marken war das ein Schock, Miguel Garcia machte es zur Chance seines Lebens. Er entschied, Sellita zum Uhrwerkhersteller umzubauen – mit Erfolg. Heute gehört ihm die Firma. Auf dem Höhepunkt produzierte Sellita jährlich bis zu 1,5 Millionen Werke. Aktuell sind es – trotz der Abkühlung des Marktes – noch immer rund 800’000 Stück. Was ihre Kunden angeht, ist die Branche zwar generell sehr diskret, klar ist aber, dass die Liste von Sellita endlos lang ist: Bestellt werden oder wurden die Werke etwa von Oris, Maurice Lacroix, Baume & Mercier, Victorinox, Doxa, Sinn, Frédérique Constant und vielen anderen.
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Doch hätte er geahnt, sagt Miguel Garcia heute lachend, was alles auf ihn zukommt, hätte er es vielleicht sein lassen. «Ich wusste, dass es keine Alternative gab: aufgeben oder ins kalte Wasser springen», sagt er. «Also sprang ich – obwohl ich noch nicht schwimmen konnte.» Er lernte es. Treffend analysierte er, dass die Uhrenmarken vor allem und dringend Ersatz für ein ganz bestimmtes Werk nötig hatten: das 1971 vorgestellte ETA 2824. Dieses Kaliber war der heimliche Star der Branche – der wohl meistverbaute Motor für mechanische Dreizeigeruhren.
Miguel Garcia: Der einstige Lagerist ist heute Chef von Sellita und beliefert die halbe Welt mit Uhrwerken.PD
Miguel Garcia: Der einstige Lagerist ist heute Chef von Sellita und beliefert die halbe Welt mit Uhrwerken.PD
Reverse Engineering nennt man das, was Miguel Garcia tat: Er zerlegte das Werk, dessen Patente abgelaufen waren, vermass alles und baute es nach. Ein Klon. Das war die Geburt des Kalibers Sellita SW-200. Sein Vorteil: Uhrenmarken konnten unterbruchlos vom ETA-Werk auf die Alternative springen – es passte nahtlos in ihre Uhren. Und das war nicht sein einziger Vorteil, wie Garcia betont: «Ein Uhrmacher, der das ETA 2824 reparieren kann, kann das mit geschlossenen Augen auch mit einem SW-200 tun.» Überdies könne man problemlos 2824-Komponenten für die Sellita-Werke einsetzen. Und umgekehrt.
Es blieb nicht dabei: Sellita hat heute über ein Dutzend Kaliber. Und mit der Manufacture AMT auch noch ein Tochterunternehmen im High-End-Bereich.
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Doch der 2824-Klon bleibt der Bestseller. Kein Wunder. Das ETA 2824 ist der Traktor der Uhrenindustrie: robust, pflegeleicht, ausreichend präzise und erstaunlich langlebig. Entsprechend viele Kopien gibt es – bis hin zum chinesischen Seagull ST2130, das als eines der besseren China-Werke gilt – auch wenn es nicht ans Original herankommt.
An seiner Wiege, bei der Swatch-Group-Tochter ETA, wurde der Originaltraktor ständig weiterentwickelt und bildlich gesprochen mit Turboladern sowie modernster Renntechnik zum Formel-1-Boliden aufgemöbelt. Paradebeispiel ist der Powermatic-80-Motor – ein modernisierter 2824-Enkel, der dank diversen Verbesserungen eine Gangreserve von bis zu 80 Stunden erreicht. Erhältlich ist das Werk auch mit einer Siliziumspirale, eingesetzt wird es von diversen Swatch-Group-Marken wie Tissot und Certina.
Die vier Kriterien für ein gutes Uhrwerk
Doch worauf kommt es bei einem Werk an? Die Frage geht an Jean-Claude Eggen, der die Motoristenzunft wie kaum ein Zweiter kennt. Eggen, der unter anderem bei der ETA tätig war, später als Chef zu La Joux-Perret wechselte und dort seit seiner kürzlichen Pensionierung als Verwaltungsrat amtet, nennt vier Kriterien. Erstens eine hohe Gangautonomie, möglichst 65 Stunden oder mehr. Zweitens Präzision, von jeher die grösste Obsession der Uhrmacherei. Drittens eine gute Resistenz gegen Magnetfelder. Und viertens eine flache Bauweise. «Vor allem jetzt, da der Trend Richtung kleinerer Uhren geht, ist das wichtig geworden», sagt Eggen. Eine Uhr mit dickem Werk sei einfach nicht schön, pflichtet Ronda-Chef Schirmer bei: «Das sieht dann aus wie eine Hochzeitstorte.» Die Citizen-Tochter La Joux-Perret dürfte im Reigen der Schweizer Motoristen von der Grösse her die Nummer vier sein. 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bauen in La Chaux-de-Fonds 200’000 Kaliber pro Jahr, für die nächsten zwei Jahre prognostiziert Eggen aufgrund der Bestellungen ein weiteres Wachstum von 70 Prozent.
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Vollautomatisiert: Die Swatch Group baut ihr Automatikwerk Sistem 51 für die gleichnamigen Uhren der Marke Swatch in einer automatischen Produktion. Das ist Innovation auf höchstem Niveau.PD/Swatch Group
Vollautomatisiert: Die Swatch Group baut ihr Automatikwerk Sistem 51 für die gleichnamigen Uhren der Marke Swatch in einer automatischen Produktion. Das ist Innovation auf höchstem Niveau.PD/Swatch Group
Die Welt der Motoristen ist klein, diskret und selbst vielen Uhrenfans kaum bekannt. Nach ETA und Sellita dürfte heute Kenissi der wichtigste Akteur sein. Das Unternehmen aus dem Rolex-Universum baut Werke für Tudor, Breitling, Norqain, Chanel und andere. Hinzu kommen Soprod, ein bedeutender Produzent von Standardkalibern, Vaucher Manufacture Fleurier, der Edelmotorenbauer der Haute Horlogerie, STP mit ETA-kompatiblen Werken, sowie Agenhor, die Genfer Ideenschmiede für raffinierte Komplikationen. Und dann ist da noch Horage: Das Bieler Unternehmen verfolgt einen konsequent industriellen Ansatz und präsentierte für die Marke Formex kürzlich das nur 2,9 Millimeter hohe Kaliber FX01, das laut Hersteller 28 Prozent weniger Energie verbraucht als vergleichbare Standardwerke.
Jedem seine Spezialität – und ein besonders spannender Akteur ist Concepto. Der Motorist aus La Chaux-de-Fonds produziert laut Patron Valérien Jaquet jährlich rund 30’000 Werke und beschäftigt 190 Mitarbeitende. Zu den Kunden zählen unter anderem die Marken Jacob & Co., Bulgari, Louis Moinet, Porsche Design, Corum, Bell & Ross sowie neuerdings Ressence für das kürzlich vorgestellte Modell Typ 11. Dabei fährt Concepto zweigleisig: Einerseits entstehen rund 25’000 Werke für Dreizeigeruhren und Chronographen in grösseren Serien, anderseits Atelierspezialitäten wie jährlich rund tausend Tourbillons. Einen Trend beobachtet Jaquet dabei: «Die Kunden bestellen zwar weniger Werke, dafür komplexere.» Gleichzeitig steige die Nachfrage nach exklusiven Kalibern, die nur einer einzigen Marke vorbehalten bleiben.
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Zum Schluss eine überraschende Zahl: 506585. So viele mechanische Uhrwerke exportierte die Schweiz letztes Jahr. Mit anderen Worten: Schweizer Kaliber ticken längst nicht nur in Schweizer Zeitmessern – sie sind auch das Herz von Uhren aus aller Welt.