Abo
Panerai-CEO

«Wir müssen bei Panerai keine neuen Ikonen erfinden»

An der Watches and Wonders zeigte die Marke die ersten Uhren aus der Ära des neuen Chefs Emmanuel Perrin. Und eine neue Markenstrategie.

Pierre_Andre_Schmitt.jpg

file8583uwskimrnlzm0mri
CEO Emmanuel Perrin fokussiert auf die DNA der Marke – mit einem Blick nach vorn. Valeriano Di Domenico

Werbung

Es war für die Uhrenwelt ein Schock: Im Jahr 1998 präsentierte die damals noch weitgehend unbekannte Marke Panerai erstmals Uhren am Genfer Uhrensalon. Und startete dabei sozusagen mit einem Tabubruch. Das Spezielle an der Kollektion war nämlich die schiere Grösse der Zeitmesser: 44 Millimeter Durchmesser – gigantisch für die damalige Zeit. Dazu kamen ein kompromisslos funktionales Design sowie grosszügig mit Leuchtmasse belegte Sandwich-Zifferblätter. Die Ansage war klar: Diese Uhren waren nichts für Leute, die zartes Understatement suchen. Sie waren wuchtig, männlich, radikal – und ein klares Statement.
Genau an diese Legacy knüpft heute CEO Emmanuel Perrin wieder an, nachdem die Marke vor ihm ein paar Experimente in eine andere Richtung versucht hatte: «Big tough watches for big tough guys», lautet die Devise, wobei «guys» im englischen Sinn zu verstehen sei und Frauen mit einschliesse. «Panerai ist keine Marke für jeden, sondern ein Brand für Persönlichkeiten mit starkem Charakter», kommentiert Perrin.

Viel Erfahrung

Wer sich für die Uhrenbranche interessiert, tut gut daran, sich seinen Namen zu merken: Emmanuel Perrin, der dritte CEO der Marke, ist ein profunder Kenner der Materie mit einem bemerkenswerten Rucksack an Erfahrungen. Seine wichtigsten Stationen führten ihn innerhalb des Richemont-Konzerns unter anderem zu leitenden Funktionen bei Cartier und Van Cleef & Arpels; zuletzt verantwortete er als Head of Specialist Watchmakers die Entwicklung mehrerer Uhrenmarken des Hauses. Und er fiel bei Panerai rasch mit einer bemerkenswerten Offenheit auf. Etwa als er gegenüber der Welschschweizer Qualitätszeitung «Le Temps» locker bestätigte, dass die allererste Panerai im Grunde genommen nichts anderes als eine leicht modifizierte Rolex war. «Das gehört zu unserer Geschichte», sagt er. Aber im Grunde genommen, fügt er an, rede er natürlich über Panerai..

Partner-Inhalte

Feinarbeit am Schluss: Ein Panerai-Kaliber wird ins Gehäuse eingeschalt.
Feinarbeit am Schluss: Ein Panerai-Kaliber wird ins Gehäuse eingeschalt.PR
Feinarbeit am Schluss: Ein Panerai-Kaliber wird ins Gehäuse eingeschalt.
Feinarbeit am Schluss: Ein Panerai-Kaliber wird ins Gehäuse eingeschalt.PR
Herr Perrin, fragen wir also, was haben Sie mit der Marke vor? Seine Antwort: «Wir brauchen kein neues Produktkonzept, unser Terrain bietet genügend kreatives Potenzial. Wir müssen deshalb auch keine neuen Ikonen erfinden – wir entwickeln unsere bestehenden konsequent weiter.» Innovation werde künftig die Performance der Uhren in den Vordergrund stellen und nicht die DNA verwässern.
Dazu gehört, man ahnt es, zunächst konkret die Grösse: 42, 44 oder sogar 47 Millimeter Durchmesser. 38 Millimeter gibt es zwar auch im Sortiment, für Panerai sei dies indes bereits «bemerkenswert klein». Dazu gehören ferner die Anmutung als militärische Toolwatch, Adrenalin sowie Performance. Und – sehr wichtig – die italienischen Wurzeln. «Wir vereinen das Beste aus zwei Welten», sagt der Chef: «Italienisches Designverständnis und Schweizer Präzision.» Es ist also kein Zufall, dass der neue CEO als eine der ersten Amtshandlungen vor ein paar Monaten eine «Bronzo» präsentierte. Zwar war Panerai 2011 nicht die erste Marke, die das warm-rotgoldene Material im Gehäusebau einsetzte, aber doch klar ein Pionier, der Bronze richtiggehend inszenierte. Mit Erfolg – das Modell entwickelte sich zum begehrten Sammlerstück.

Werbung

Die aktuelle Nachfolgerin, die neue Panerai Luminor Marina Bronzo, ist mit 44 Millimetern Durchmesser etwas kleiner als ihre Vorgängerin, trotzt aber unbeirrt dem aktuellen Trend zu kleinen Uhren und entspricht konsequent der Design-DNA von Panerai. Hübsches Detail: Auf eine Datumsanzeige wurde verzichtet – wie es sich, so meinen die Puristen, für eine Taucheruhr gehört. Geblieben ist, typisch Panerai, die kleine Sekunde bei 9 Uhr.
Luminor Marina Bronzo: Bronzegehäuse, kleine Sekunde bei 9 Uhr, aber kein Datum.
Luminor Marina Bronzo: Bronzegehäuse, kleine Sekunde bei 9 Uhr, aber kein Datum.PR
Luminor Marina Bronzo: Bronzegehäuse, kleine Sekunde bei 9 Uhr, aber kein Datum.
Luminor Marina Bronzo: Bronzegehäuse, kleine Sekunde bei 9 Uhr, aber kein Datum.PR
Die Fans der Marke waren begeistert. Und der Richtungszeiger gesetzt: Panerai besinnt sich auf ihr Erbe. Zumal der im Schiffsbau gern verwendete Werkstoff maritimen Charakter elegant unterstreicht.

Elite-Kampftaucher

Kleiner Exkurs: Wer eine Marke verstehen will, tut gut daran, sich mit ihrer Geschichte zu befassen. Und bei Panerai ist sie aussergewöhnlich: In den 1930er-Jahren suchte die italienische Marine – schon damals Kundin der Marke – eine Uhr, wie sie es auf dem Markt noch gar nicht gab. Man wollte damit die Eliteeinheit Comsubin ausrüsten, unerschrockene Kampftaucher, die im Zweiten Weltkrieg zu den wagemutigsten Spezialkräften Europas gehörten. Sie ritten unter Wasser auf Torpedos, drangen nachts in feindliche Häfen ein, befestigten Sprengladungen an Kriegsschiffen und verschwanden unbemerkt wieder in der Dunkelheit. Ihr spektakulärster Einsatz gelang 1941 im Hafen von Alexandria: Ein Team von sechs Incursori setzte vier Schiffe der britischen Marine ausser Gefecht. Der Angriff gilt militärhistorisch noch heute als Lehrstück asymmetrischer Seekriegsführung – gemeint ist die Strategie, wenn ungleiche Gegner aufeinandertreffen.

Werbung

Die Marine hatte klare Wünsche an eine Uhr: gross, wasserdicht, gut ­ablesbar.
Die Marine hatte klare Wünsche an eine Uhr: gross, wasserdicht, gut ablesbar.PR
Die Marine hatte klare Wünsche an eine Uhr: gross, wasserdicht, gut ­ablesbar.
Die Marine hatte klare Wünsche an eine Uhr: gross, wasserdicht, gut ablesbar.PR

Design-Gefängnis?

Die Operationen fanden unter extremen Bedingungen statt: nachts, bei schlechter Sicht und unter enormem Zeitdruck. Entsprechend lautete das Pflichtenheft, die Uhr müsse robust, wasserdicht und auch in 16 Metern Tiefe in grünlich-trübem Meerwasser zuverlässig ablesbar sein.
Das Ergebnis, man muss es kaum mehr sagen, war ein Zeitmesser mit Eigenschaften, die bis heute die Quintessenz der Marke ausmachen: gross dimensionierte Gehäuse und stark leuchtende Zifferblätter. Die Uhr war nicht als elegantes Schmuckstück gedacht, sondern ein militärisches Instrument. Radiomir hiessen die ersten Stücke, weil ihr Zifferblatt mit einer radiumhaltigen Leuchtmasse beschichtet war. Später kam die Luminor dazu, bei der Panerai das weniger radioaktive Tritium einsetzte und zugleich den charakteristischen Kronenschutzbügel zur weiteren Verbesserung der Wasserdichtigkeit etablierte. Es gibt daneben auch die Modelle Submersible und Mare Nostrum – aber Radiomir und Luminor sind bis heute die tragenden Säulen von Panerai. Und vor allem: Sie sollen es bleiben.

Werbung

Herr Perrin, fragen wir deshalb, ist das nicht ein bisschen einengend, ein Design-Gefängnis, aus dem man nicht mehr ausbrechen kann? «Gefängnis?», antwortet Emmanuel Perrin. «Im Gegenteil, es ist eine enorme Chance. Alle wollen heute ein ikonisches Produkt. Und Panerai hat das Glück, gleich zwei Ikonen zu haben.» Man müsse sie als Spielwiese verstehen, denn natürlich könne das mit Einschränkungen verbunden sein – «aber häufig stimulierten gerade Einschränkungen die Kreativität. Und zwar im Design, im Engineering und überall.
In der Manufaktur in Neuenburg werden die Uhren erdacht, konstruiert, gebaut und ­getestet.
In der Manufaktur in Neuenburg werden die Uhren erdacht, konstruiert, gebaut und getestet.PR
In der Manufaktur in Neuenburg werden die Uhren erdacht, konstruiert, gebaut und ­getestet.
In der Manufaktur in Neuenburg werden die Uhren erdacht, konstruiert, gebaut und getestet.PR
Eine Panerai sieht immer aus wie eine Panerai. Es war Angelo Bonati, der diesen Satz prägte. Der Italiener übernahm 1997 als erster CEO die operative Führung, kurz nachdem die Marke in den damaligen Richemont-Vorläufer Vendôme integriert worden war. Bonati verstand, dass Panerai nicht im Wettbewerb um klassische Eleganz bestehen konnte – sondern gerade durch Andersartigkeit überzeugen musste. Und dass man auf klare Wiedererkennbarkeit setzen müsse: «Man darf keine Angst davor haben, Uhren zu machen, die den Vorgängermodellen gleichen», sagte er in einem Interview. «Man kann zwar immer etwas Kleines ändern, einmal am Zifferblatt, einmal am Gehäuse, einmal am Band. Aber unsere Uhren müssen zwingend als Panerai erkennbar sein.» Will heissen: italienisch im Stil, schweizerisch in der Präzision, militärisch im Charakter.

Werbung

Emmanuel Perrin ist der Letzte, der dem widersprechen würde. Auch wenn er als «gewisses Extra» dazu stark auf neue Materialien setzt, geschmiedetes Titan zum Beispiel, welches zusätzliche Gestaltungsmöglichkeiten eröffne.

Mit den Navy Seals

Oder – ganz neu – Hafnium. Ein Beispiel, welches die Markenhistorie mit Hightech verbindet. Äusserlich ist die neue Submersible Navy Seals Afniotech Experience PAM01089 im 47 Millimeter grossen Gehäuse klar eine Panerai. Doch das gewisse Extra ist der Werkstoff Hafnium, ein in der Medizin, der Nukleartechnik sowie der Luft- und Raumfahrt verwendetes hartes Material, von den Eigenschaften her irgendwo zwischen Blei und Stahl angesiedelt. 35 Stück werden gebaut, rund 90’000 Euro sind dafür fällig. Wer die Uhr kauft, kann dafür an einer dieser inkludierten, extrem abenteuerlichen und «Money can’t buy»-Panerai-Reisen teilnehmen. «Experience» nennt die Marke das Angebot, dieses Jahr wird man mit den Navy Seals wagemutig im Wasser und zu Land unterwegs sein – unvergesslich bleibt für frühere Teilnehmer die Überlebensexpedition mit Extremabenteurer Mike Horn auf abgelegene Höhen im Königreich Bhutan.
Endlosläufer: 31 Tage Gangauto­nomie bietet die neue Luminor 31 Giorni.
Endlosläufer: 31 Tage Gangautonomie bietet die neue Luminor 31 Giorni.PR
Endlosläufer: 31 Tage Gangauto­nomie bietet die neue Luminor 31 Giorni.
Endlosläufer: 31 Tage Gangautonomie bietet die neue Luminor 31 Giorni.PR

Werbung

Weitere Neuheit ist die an der Watches and Wonders präsentierte Luminor 31 Giorni – eine Uhr mit sagenhaften 31 Tagen Gangautonomie. Möglich machen das vier Federhäuser als Energiespeicher mit einer Federlänge von 3,3 Metern. Das Besondere: Die Uhr kann problemlos ganz normal via leichtgängige Krone von Hand aufgezogen werden, 128 Umdrehungen sind nötig, unwesentlich mehr als üblich.
Die Rückseite der neuen Luminor 31 Giorni.
Die Rückseite der neuen Luminor 31 Giorni.PR
Die Rückseite der neuen Luminor 31 Giorni.
Die Rückseite der neuen Luminor 31 Giorni.PR
Erdacht, konstruiert, gebaut und getestet werden die Modelle hoch über Neuenburg – mit Blick auf den See, dahinter die Alpen. Im modernen, lichtdurchfluteten Glas-Stahl-Gebäude mit hellen Räumen sind 240 Personen beschäftigt, davon allein 33 in der Abteilung für Forschung und Entwicklung. Was notabene, wie Chief Operating Officer Jérôme Cavadini weiss, ein überdurchschnittlich hoher Anteil sei und wohl als «overproportional» bezeichnet werden könne. Es zeige aber den Willen der Manufaktur, mit technischen Ausnahmestücken zu brillieren. Die Produktionsanlage ist hochmodern, zum Einsatz kommen etwa die neusten supereffizienten Mikro-CNC-Maschinen. Derweil die Belegschaft für die Einsatzpläne auf eine witzige, eher Old-School-geprägte Lösung zählt: eine Wandtafel auf grauer Legoplatten-Basis mit fröhlichen Legofiguren für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie farbigen Legosteinen als Balken für ihre Präsenz- und Absenzzeiten.

Werbung

Wer präzise Uhren baut, darf sich bei der Organisation auch mal ein Augenzwinkern erlauben.

Die Markenfans und ihre Sprache

Sie nennen sich Paneristi und sind eine weltumspannende Community, um die viele Marken Panerai beneiden: 30’000 Enthusiasten bilden eine informell organisierte Gemeinschaft, die sich regelmässig trifft und austauscht. Für die Marke ist das eine einzigartige Plattform für Feedback, Diskussion und Markenbotschaft.
IMG_1906 Kopie.jpg
PR
IMG_1906 Kopie.jpg
PR
Die Paneristi pflegen untereinander eine spezielle Sprache. Nachstehend deshalb ein kleines Paneristi-Brevier der Begriffe, die man kennen sollte, wenn man mitreden will.
Tableshot: Findet bei jedem Treffen von Paneristi statt. Alle Teilnehmenden legen ihre Uhr oder ihre Uhren zum Fotografieren auf den Tisch. Jeder darf jede Uhr in die Hand nehmen.
GTG: (auszusprechen «Dschiitiidschii»): Get-together. Treffen von Paneristi, oft spontan via Social Media inszeniert.
P-Day: Jährliches Treffen der Paneristi. Soll dieses Jahr in der Schweiz stattfinden.
Risti: Intern gerne benutzte Abkürzung für Paneristi.
8 Giorni: Auch von Hardcore-Traditionalisten tolerierte Inschrift auf Zifferblättern für die Gangreserve, weil ebenfalls historisch verwendet und verbürgt.
Pre-Vendôme: Zeit vor der Übernahme der Marke durch die Vendôme-Gruppe (später Richemont).

Über die Autoren

Werbung