Es ist zwar bald 20 Jahre her, aber das erste Treffen mit Philippe Stern hat sich unvergesslich in mein Gedächtnis eingegraben: Mir gegenüber sass ein Mann, der alles erreicht hatte – und trotzdem ganz offensichtlich keinerlei Bedürfnis verspürte, dies zur Schau zu stellen. Er strahlte diese unaufgeregte Aura von Männern aus, die Grosses geschaffen haben, denen das aber nie in den Kopf gestiegen ist. Keine Arroganz, im Gegenteil: Philippe Stern wusste, was Demut ist. Irgendwie erinnerte er mich an einen vornehmen britischen Offizier alter Schule: verbindlich im Auftreten, stilsicher, klar, gewinnend.
Am 14. Juni 2026 ist er von uns gegangen. Und damit verliess uns der Mann, der nicht nur der Architekt des Erfolgs von Patek Philippe war, sondern vielmehr auch eine ganze Branche geprägt hat. Weil er Patek Philippe in der Haute Horlogerie zum Massstab gemacht hat.
Und weil er stets genau wusste, was er wollte.
Er war der Kapitän, der das Ruder sicher in der Hand hielt und das Schiff durch die stürmischen Wogen der Quarzkrise führte. Mit der Nautilus lancierte er ein Monument – eine der erfolgreichsten und begehrtesten Uhren überhaupt. Dann, 1989, brachte er mit der Calibre 89 die Uhr heraus, die mit 33 Komplikationen mehr als 25 Jahre lang die komplizierteste tragbare Uhr der Welt bleiben würde. Und den Ruf der Marke massgeblich befeuerte.
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Viel wichtiger als einzelne Uhren war etwas anderes: Philippe Stern hielt Patek Philippe unabhängig. Als viele Traditionsmarken in Konzernen aufgingen, sorgte er dafür, dass die Manufaktur unbeirrt ihren eigenen Weg ging – mit langfristiger Vision und ohne fremde Aktionäre. Dazu gehörte der Neubau einer Manufaktur im Genfer Quartier Plan-les-Ouates, die alle Genfer Ateliers der Marke unter einem Dach vereinte.
«Wir sind einerseits sehr traditionell und konventionell», sage er mir im Interview, «auf der anderen Seite haben wir auch die Tradition der Innovation». Das sagen andere ebenso, bei ihm aber stimmte es.
Philippe Stern verstand die Geschichte als Auftrag, dies belegen beredt das 2001 eröffnete Patek-Philippe-Museum sowie die Uhren, die altes Savoir-faire hochhalten. Aber eben nicht nur: Patek Philippe investierte in moderne Fertigung und mit der Swatch Gorup sowie Rolex früh in die Silizium-Technologie – Philippe Stern glaubte daran. Auch an die Nautilus übrigens, obwohl er die Briefe empörter Markenfans im Dutzend erhielt. Eine Uhr aus Stahl sei doch kein Luxus, rümpften sie entsetzt die Nase. Er blieb standhaft.
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Die für mich schönste Geschichte über Philippe Stern erzählte mir einmal sein Sohn Thierry, heute in vierter Generation Patron der Manufaktur.
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Wenige Jahrzehnte ist es her, so erzählte er, da hatten sich die sogenannten Dom-Tischuhren nach und nach zu Ladenhütern entwickelt. Niemand wollte die Preziosen mit Kuppeldach kaufen, die es zum Beispiel in einem Gehäuse aus Baccarat-Kristall oder kunstvoller Holzintarsien-Arbeit gibt. Trotzdem: Philippe Stern wollte sich nicht zu einem Produktionsstopp durchringen, zu sehr liebte er diese handwerklich aufwendig gemachten Stücke, zu stark glaubte er an ihre Zukunft. Am Schluss war das Lager voll: 80 Stück standen auf den Regalen. Anderswo würde der Finanzcontroller langsam die Reissleine gezogen oder verzweifelt die Kündigung geschrieben haben – bei Patek Philippe liess man sich Zeit.
Philippe Stern sollte recht behalten: Plötzlich waren die Dom-Tischuhren wieder gefragt: Manchmal, erzählte mir Thierry Stern, standen für zehn Stück 600 Käufer an.
Für Philippe Stern standen zwei Dinge im Mittelpunkt: die Produkte und die Menschen, die sie schufen. Er wusste, wo welche Maschinen standen. Und wer in der Manufaktur was für ihn machte. Und er liebte die Uhren. Keine Minutenrepetition durfte versandfertig verpackt werden, bevor er sie sich nicht ans Ohr gehalten, getestet und für gut befunden hatte. Nicht alle bestanden den Test auf Anhieb.
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Typisch Philippe Stern ist auch diese hübsche Szene, beschrieben auf der Internet-Uhrenplattform Uhrenkosmos: Wo andere CEOs sich nach Messeschluss in Basel von Taxis oder Limousinen abholen liessen, bestieg er das überfüllte Tram. Ganz einfach.
So tickte er eben. Und so tickte wohl auch sein Vater, der ihn 1963 nach New York schickte. Da sollte er, sozusagen als Praktikant, bei der Henri Stern Watch Agency erste Erfahrungen im Uhrengeschäft sammeln. Anschliessend folgte die Ochsentour durch verschiedene Abteilungen des Unternehmens, bevor er 1977 als Generaldirektor das Ruder übernahm.
Bei Patek Philippe lässt man sich Zeit. Das war die Lektion, die Philippe Stern damals lernte. Und die ihn zu jenem Grandseigneur werden liess, der Patek Philippe zu einem strahlenden Juwel machte. Mit einer ganz eigenen Stimme.
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