Michel Parmigiani und Guido Terreni verbindet eine Uhrenphilosophie – und die Frage, wie man ein Lebenswerk erneuert, ohne es zu verändern. Ein Get-together.
Michel Parmigiani hat 1996 dank der Sandoz-Familie seine eigene Uhrenmarke gründen können – und sie nach sich benannt. Heute gibt dort Guido Terreni Takt und Richtung vor. Ein Gespräch mit zwei Männern, die ausser einer ziemlich genauen Vorstellung davon, was gute Uhrmacherei ausmacht, nicht viel gemeinsam haben.
Michel Parmigiani sitzt auf dem Sofa, wägt seine Worte ab und spricht schliesslich so leise, dass man die Ohren sehr spitzen muss. Neben ihm ist Guido Terreni, der schnell, wort- und gestenreich auf Fragen antwortet. Auch die CVs der beiden Männer sind höchst verschieden: Parmigiani machte sich 1976 als Restaurator selbstständig, mitten in der Quarzkrise, als die mechanische Uhr vielen bereits als Auslaufmodell galt. Sein Können brachte ihn mit der Familie Sandoz zusammen, deren bedeutende Sammlung historischer Uhren und Automaten er betreute. Daraus entstand 1996 die Uhrenmarke Parmigiani Fleurier. Die Marke gehört der Sandoz-Familienstiftung, wie auch ein Netz spezialisierter Manufakturen, die unter anderem Uhrwerke, Gehäuse und Zifferblätter herstellen.
Terreni ist seit 2021 CEO der Marke. Davor war der Italiener zwanzig Jahre bei Bulgari, elf davon an der Spitze der Uhrendivision. Er war wesentlich daran beteiligt, Bulgari als ernst zu nehmende Uhrenmanufaktur zu etablieren. Mit der Serpenti und der Octo Finissimo entstanden unter seiner Ägide zwei Kollektionen, die das Uhrengeschäft der Marke bis heute prägen. Mit Parmigiani Fleurier übernahm er eine ungleich kleinere Marke, deren uhrmacherisches Renommee grösser war als ihre Bekanntheit. Und er legte sofort Hand an: Bereits in seinen ersten Tagen stoppte er laufende Produktentwicklungen, später gab er der Kollektion eine neue gestalterische Richtung. Ein beträchtlicher Eingriff in das Werk eines Mannes, der noch immer im Unternehmen präsent ist. Dass daraus kein Konflikt wurde, dürfte unter anderem daran liegen, dass Terreni nicht nur einen neuen Stil eingeführt hat, sondern dies mit dem Anspruch tat, die Gedanken des Gründers besser sichtbar zu machen.
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Herr Parmigiani, wie oft haben Sie schon gesagt: Nein, Guido Terreni, das geht nicht?
Michel Parmigiani: Das muss ich ihm nicht sagen.
Im Ernst?
MP: Ja. Guido versteht meine Philosophie sehr gut und bringt zudem einen ausgesprochen kritischen Blick auf die Dinge mit.
Was verbindet Sie beide in gestalterischer Hinsicht?
MP: Es geht um einen Stil, der zu den Menschen spricht, weil in ihm die Proportionen des Goldenen Schnitts stecken. Das hat mich immer fasziniert. Und es findet sich auch in meiner Arbeit, in meinen Uhren wieder.
Ist das etwas, worüber Sie mit Guido Terreni diskutieren?
MP: Darüber müssen wir nicht reden, das ergibt sich ganz natürlich. Guido hat dieses Gespür ebenfalls. Vielleicht liegt es an unserer gemeinsamen lateinischen Sensibilität, sie verbindet uns.
Guido Terreni: Und doch, man muss sich vorstellen: Man kommt als CEO zu einer Marke, die den Namen ihres Gründers trägt, und dieser Gründer ist noch da. Das ist etwas völlig anderes, als wenn er nicht mehr da wäre. Michel zu begegnen, seine Persönlichkeit zu erleben und seine Art, die Uhrmacherei zu betrachten, hilft natürlich sehr zu verstehen, worum es geht. Er verkörpert, was er tut.
Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
GT: Michels Werte, die er der Marke gegeben hat, müssen bleiben. Man muss sie allerdings immer wieder neu interpretieren. Bei Michel sind diese Werte sehr klar: Wissen, Tiefe, Geschmack und eine aussergewöhnliche Qualität der Ausführung …
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MP: … und die Leidenschaft.
GT: Also ich finde das Wort Leidenschaft heute tendenziell überstrapaziert. Es geht doch um mehr. Um Liebe zu dem, was man tut. Um eine Berufung. Michel hat sein Leben der mechanischen Uhrmacherei gewidmet. Mehr als fünfzig Jahre.
Und was haben Sie von ihm verinnerlicht?
GT: Erstens, dass jede ästhetische und jede technische Entscheidung einen guten Grund braucht. Und zweitens, dass man die Vergangenheit nicht einfach kopiert. Michel hat sein Leben lang historische Uhren restauriert. Aber dieses Wissen war für ihn nie etwas, in dem er sich eingeschlossen hat. Es war stets die Grundlage, um Neues zu schaffen. Das ist die Leitlinie.
Was faszinierte Sie eigentlich zeitlebens so an historischen Uhren?
MP: Sie sind Meisterwerke von Menschen, die Geschichte geschrieben haben. Alte Uhren sind Zeugnisse ihrer Zeit. Die Uhrmacherei der Renaissance beispielsweise war ausgesprochen dekorativ. In Genf begannen Goldschmiede, Uhren herzustellen. Die calvinistischen Regeln schränkten die Schmuckherstellung ein, also wandten sie sich der Uhrmacherei zu. Solche Zusammenhänge sind faszinierend. Die Restaurierung öffnet einem den Blick für die Geschichte.
Die beiden Männer haben eine klare Vorstellung davon, was gute Uhrmacherei ausmacht.Anoush Abrar
Die beiden Männer haben eine klare Vorstellung davon, was gute Uhrmacherei ausmacht.Anoush Abrar
Die Uhr Ihrer Träume?
MP: Ich mag sehr einfache, ausgewogene Uhren. Uhren, die sorgfältig hergestellt und von Hand vollendet wurden. In denen eine Seele steckt. In denen man spürt, dass ein Mensch daran gearbeitet und etwas von sich selbst in dieses Objekt übertragen hat. Von daher bin ich mit Guidos Arbeit sehr zufrieden. Die Uhr meiner Träume ist eine mechanische Uhr, die über Jahrhunderte funktioniert, ohne dass man eingreifen muss. Heute können mechanische Uhren zweihundert, dreihundert Jahre überdauern, wenn man sie pflegt, reinigt und die Öle ersetzt. Mein Traum wäre eine Uhr, bei der all das überflüssig ist.
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Und das ist schwierig?
MP: Ja, wegen der Schmierung. Seit es die Uhrmacherei gibt, versucht man, immer bessere Öle zu entwickeln. Aber am Ende muss man sie doch reinigen und ersetzen. Man müsste Materialien und technische Lösungen finden, mit denen ein Mechanismus dauerhaft ohne Schmierung funktioniert.
Glauben Sie denn, dass man das Rad in der Uhrmacherei immer weiter drehen kann – und soll?
MP: Natürlich. Durch neue Materialien, neue technische Lösungen, neue Erkenntnisse. Es gibt Mechanismen, die revolutionär sein könnten, ohne dass man ihnen das von aussen ansieht.
Was hat Sie Ihre lebenslange Arbeit gelehrt?
MP: Bei der Restaurierung kann man sich nicht selbst verwirklichen. Man ist an das gebunden, was bereits existiert. Man reinigt, setzt instand, rekonstruiert manchmal. Aber ganz wichtig: Man darf nichts Irreversibles tun.
Das klingt fast wie eine Ermahnung an einen CEO, der vieles verändern möchte.
GT: Für mich ist das kein Widerspruch. Man muss die Vergangenheit verstehen, um Neues schaffen zu können.
MP: Genau.
Hat sich Ihre Vorstellung davon, was Parmigiani sein soll, in den vergangenen fünf Jahren verändert?
GT: Nein. Wir verfolgen seit fünf Jahren eine sehr konsequente Linie. Natürlich gibt es wirtschaftliche Faktoren, die sich verändern. Aber in hundert Jahren wird sich niemand mehr daran erinnern – jedoch sehr wohl daran, ob die Marke ihren Kurs gehalten und ihre Werte bewahrt hat. Wenn wir unsere Arbeit richtig machen, wird Parmigiani die Werte von Michel ausdrücken. Darin müssen wir unglaublich diszipliniert sein. Sonst verliert die Marke ihre Daseinsberechtigung.
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Sie führen ja nicht nur ein Lebenswerk weiter, sondern auch ein Unternehmen. Und das muss wirtschaftlich erfolgreich sein.
GT: Natürlich. Was ich in meiner Zeit hier als CEO gelernt habe: Eine unabhängige Marke unserer Grösse zu führen, ist kompliziert. Man kann zunächst sehr schnell wachsen. Dann kommt eine Phase, in der sich das Wachstum verlangsamt. Externe Faktoren spielen eine Rolle, und nicht jedes neue Produkt funktioniert gleich gut. Die Stiftung, die hinter Parmigiani steht, war sehr grosszügig. Indes: Kapital ist wichtig, um ein Unternehmen aufzubauen. Aber es ist nicht der entscheidende Erfolgsfaktor. Die eigentlichen Werte liegen in der Marke selbst.
Wie sieht es derzeit denn geschäftlich aus?
GT: Wir sind auf einem guten Weg. Unsere jüngsten Innovationen haben sehr viel Aufmerksamkeit bekommen. Die Menschen beginnen zu verstehen, was wir machen. Das Wachstum wird sichtbar. Aber wir sind keine Marke, die man mit einer neuen Zifferblattfarbe voranbringt und auch nicht mit einem Ambassador. Das Produkt muss für sich selbst sprechen. Die Geschichte muss aus dem Produkt selbst entstehen.
Was für Kunden haben Sie im Visier?
GT: Leute, die sich vom Bedürfnis befreit haben, ihren Status mit einer Uhr zu belegen.
Also very understated und reich?
GT: Es ist mehr als das. Wir nennen es Private Luxury. Es bedeutet, dass man sich von dem Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung gelöst hat. Wir sind das Gegenteil von Hype, wo man sich von dem treiben lässt, was andere für begehrenswert halten. Unsere Kunden haben sich davon weitgehend befreit.
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Und wie macht man sich bei solchen Menschen begehrenswert?
GT: Durch Glaubwürdigkeit. Und es braucht auch Zeit, bis ein Kunde versteht, wofür Parmigiani steht.
Herr Parmigiani, sind Sie zufrieden damit, wie sich Ihre Marke entwickelt?
MP: Ja. Aber: Ich würde mir durchaus wünschen, dass wir noch mehr Aufmerksamkeit bekämen.