Es ist eine verblüffende Zahl: Je nach Quelle produziert das indische Unternehmen Titan 15 bis 18 Millionen Uhren pro Jahr – sämtliche Schweizer Uhrenmarken, zum Vergleich, exportierten 2025 zusammengenommen 14,6 Millionen Stück.
Und das ist längst nicht die einzige Überraschung, die Titan bereithält.
Angefangen beim Chef: Geführt wird die gigantische Uhrendivision von einem Mann, der so gar nicht dem Bild entspricht, das man sich in der westlichen Welt von einem CEO macht: Lange silbergraue Haare fallen ihm auf die Schulter, er trägt eine markante dunkle Brille, informelle Kleidung, Dreitagebart und ein Kreuz an einer Kette um den Hals – Kuruvilla «Diny» Markose, so heisst er, könnte gut als Künstler, Architekt oder Universitätsprofessor durchgehen.
Dazu passt sein Auftreten: Markose wirkt freundlich, kultiviert und zurückhaltend. Er spricht klar, präzise, beinahe leise. Keine Spur von Selbstinszenierung, keine Allüren, kein schneidender Kasernenton.
Titan-CEO Kuruvilla «Diny» Markose: «Indien steht heute dort, wo China vor 20 Jahren war.»Aurélien Bergot
Titan-CEO Kuruvilla «Diny» Markose: «Indien steht heute dort, wo China vor 20 Jahren war.»Aurélien Bergot
Dabei befehligt «Diny», wie er sich vorzustellen pflegt, gewissermassen Bataillone: Rund 13’400 Personen stehen auf der Lohnliste der Titan-Uhrensparte. Das Unternehmen zählt elf Produktionsstandorte, erzielt einen Umsatz von rund 7,5 Milliarden US-Dollar und erwirtschaftete zuletzt einen Gewinn nach Steuern von etwa 550 Millionen Dollar.
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Gigantisches Wachstum erwartet
Und dabei soll es nicht bleiben. Markose ist überzeugt, dass die eigentliche Wachstumsphase erst begonnen hat: «Indien», sagt er «steht heute dort, wo China vor 20 Jahren war.»
Mit anderen Worten: Man darf sich auf ein gigantisches Wachstum gefasst machen. Titan wird dabei dank seiner wirtschaftlichen Potenz eine zentrale Rolle spielen. Und nicht unbedeutend ist diesbezüglich auch dessen Detailhandelssparte Helios sowie der Premium-Ableger Helios Luxe. Mehr darüber an späterer Stelle.
Tatsache ist: Indien boomt schon jetzt. «Der Markt wächst ausgesprochen dynamisch», sagt Philippe Pegoraro, Leiter der Wirtschaftsabteilung des Schweizerischen Uhrenverbands. Rückenwind erhält die Entwicklung durch das jüngst abgeschlossene Freihandelsabkommen zwischen Indien und der Schweiz. Vor allem aber wächst die indische Mittelschicht rasant, und der Wohlstand steigt.
Davon profitiert auch die Schweiz. In Zahlen: Im Jahr 2000 exportierte das Land Uhren im Wert von rund 22 Millionen Franken nach Indien, 2010 waren es 102 Millionen, letztes Jahr stolze 296 Millionen.
Das klingt beeindruckend – relativiert sich jedoch bei genauerem Hinsehen ein bisschen. «Man darf nicht vergessen, dass wir von einer sehr tiefen Ausgangsbasis gestartet sind», sagt Pegoraro. Trotz der hohen Wachstumsraten machen die Exporte nach Indien heute lediglich rund ein Prozent der gesamten Schweizer Uhrenexporte aus. Noch.
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Der Schlüssel zum Luxussegment
Kuruvilla «Diny» Markose kennt die Zahlen. Und er weiss auch, dass Titan den Schweizern in Bezug auf Uhren noch nicht das Wasser reichen kann – man mag mehr Uhren produzieren, man ist aber von der Pricing Power des Made in Switzerland noch weit entfernt: «Lange haben wir praktisch ausschliesslich Quarzuhren produziert», sagt Markose. «Aber die Zukunft gehört den mechanischen Zeitmessern.» Sie seien der Schlüssel zum Luxussegment. Und die Zahl der Inder, die sich Luxus leisten können, steige Jahr für Jahr.
Da will Titan mitspielen. Und irgendwann auch hochstehende Uhren exportieren. Dass auf dem Weg dazu noch einiges zu tun sei, verdeutlicht der Chef mit einer Zahl: Titan beschäftigt derzeit nur gerade acht «skilled watchmakers», also acht ausgebildete Uhrmachermeister.
Man tut allerdings gut daran, das Unternehmen nicht zu unterschätzen. Schliesslich hat die Tata-Gruppe, unter deren Dach Titan firmiert, mit Jaguar und vor allem Land Rover bewiesen, dass man sehr wohl auf der Klaviatur des Luxusgeschäfts zu spielen weiss.
Das Vorzeigestück Jalsa: Mit Miniaturkunstwerk und Tourbillon.Shivadeep Baruah
Das Vorzeigestück Jalsa: Mit Miniaturkunstwerk und Tourbillon.Shivadeep Baruah
Und einen Vorgeschmack darauf, was das für die Uhrenbranche bedeuten könnte, gab es im vergangenen Jahr: Die Akademie des Grand Prix d’Horlogerie de Genève nominierte mit dem Titan-Modell Jalsa erstmals ein Uhrenmodell «Made in India». Dessen wichtigste Merkmale: ein von Hand gemaltes Miniaturkunstwerk auf dem Zifferblatt, geschaffen vom indischen Meistermaler Shakir Ali, ein hauseigenes Flying-Tourbillon-Kaliber mit 144 Komponenten sowie ein Gehäuse aus 18-karätigem Roségold. Die Uhr versteht sich als Hommage an den Hawa Mahal von Jaipur – der «Palast der Winde» ist eines der bekanntesten Wahrzeichen Indiens – und verbindet traditionelle indische Handwerkskunst mit den Ansprüchen moderner Haute Horlogerie.
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Die Rückseite des Titan-Modells Jalsa.zVg
Die Rückseite des Titan-Modells Jalsa.zVg
Für einen Preis reichte es noch nicht, für mehr als nur einen Achtungserfolg indes sehr wohl. Und Kuruvilla «Diny» Markose liess es sich nicht nehmen, kürzlich am Rande der Uhrenausstellung Watches and Wonders der Presse die Uhr nochmals zu zeigen. Sowie dazu das Uhrenuniversum von Titan und seinen Sub-Marken zu präsentieren. Und ganz nebenbei sprach er dabei auch diesen Satz: «Wir sehen uns ebenfalls als Retailer.»
Was der CEO damit meint, wurde wenig später deutlich. Nur etwa zehn Autominuten weiter, in einem Privathotel, sass wie zum Beweis ein zweiter wichtiger Titan-Mann. Grünes Hemd, Jeans, eine dicke schwarze Brille und ein akkurat geschnittener kurzer Bart: Rahul Shukla, Vice President und Chief Sales & Marketing Officer von Titan Watches, des Unternehmens. Und mithin oberster Chef der 2024 gegründeten Boutiquen-Kette Helios Luxe, die luxuriöse Schwester der ebenfalls zu Titan gehörenden Helios-Kette.
Rahul Shukla lehnte sich entspannt zurück, lächelte, und sagte einen dieser Sätze, die selbst in der wachstumsverwöhnten Uhrenbranche aufhorchen lassen: «Wir sind im vergangenen Jahr um 46 Prozent gewachsen.» Das Erfolgsrezept fasste er in drei Worten zusammen: «We celebrate brands.» Marken und ihre Geschichten zu zelebrieren, sei der Schlüssel zum Erfolg.
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Der Chef von Helios Luxe Rahul Shukla: «We celebrate brands.»zVg
Der Chef von Helios Luxe Rahul Shukla: «We celebrate brands.»zVg
Helios Luxe ist die Speerspitze von Titans Retail-Ambitionen im Luxussegment. Während die seit 2007 aktive klassische Helios-Kette ein breites Angebot internationaler Uhrenmarken führt, konzentriert sich Helios Luxe auf Import-Uhren im sogenannten «Accessible Luxury»-Segment – mit Uhren zu Preisen zwischen etwa 1000 und 5000 Franken – und darüber hinaus. Zehn Boutiquen gibt es heute in Bengaluru, Mumbai und Delhi, «unser Ziel sind 100», sagt Rahul Shukla. Im Angebot sind Uhren von Marken wie Frederic Constant, Tissot, Rado oder U-Boat. Neuerdings, Shukla betont es, auch Alexander Shorokhoff, eine deutsche Nischenmarke, die mit farbenfrohen Designs, künstlerischen Zifferblättern und eigenständiger Gestaltung punktet.
Indien, sagt Rahul Shukla, sei heute nicht mehr ein Randmarkt, «sondern ein zentraler Wachstumsmotor der globalen Luxusuhrenindustrie» – getrieben von einer jungen, international orientierten Kundschaft mit steigender Affinität zu Luxusmarken. Mit Folgen: Helios Luxe geht davon aus, dass der indische Uhrenmarkt bis 2030 ein Volumen von rund fünf Milliarden Dollar erreichen werde.
Zurück zu Titan, mit einem kurzen historischen Rückblick. Als das Unternehmen Mitte der 1980er-Jahre gegründet wurde – ein Joint Venture zwischen der staatlichen Tamil Nadu Industrial Development Corporation (TIDCO) und der Tata Group –, hatte Indien keine moderne Uhrwerkproduktion. Es gab zwar eine mechanische Uhrenindustrie, doch man liebäugelte mit der Quarztechnologie. Die sollte dann aus Frankreich kommen: France Ébauches unterstützte Titan beim Aufbau der Werkefertigung, mit Transfer von Produktions-Know-how, Training von Mitarbeitern etc. Indirekt war damit die Schweiz am Rande auch beteiligt – die Uhrenregionen Besançon und die Schweizer Jurabogen-Region waren historisch eng verflochten.
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Das ist heute zwar nur noch eine historische Anekdote, doch wer weiss: Vielleicht kehren eines Tages ein paar Impulse, die einst aus dem Jurabogen nach Indien gelangten, in Gestalt hochwertiger indischer Uhren auch nach Genf zurück. Einer hat die Ambitionen wohl auf jeden Fall: Titan-CEO Kuruvilla «Diny» Markose.
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