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Marine Lemonnier

Sie führt die einflussreichste PR-Agentur der Schweizer Uhrenwelt

Wie die ­Kommunikationsberaterin selber tickt. Und wie sie Uhrenmarken Schub verleiht. Ein Porträt.

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Marine Lemonnier ist die führende Kommunikationsberaterin in der Schweizer Uhrenbranche. PR

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Es war eine Episode, die rasch zum genialen Coup mit weltweitem Echo geriet. Und an die sich die prominente PR-Frau Marine Lemonnier gerne erinnert – nicht zuletzt, weil sie federführend daran beteiligt war. Man schrieb das Jahr 2010, in London wurde der 80-jährige Formel-1-Zampano Bernie Ecclestone von einem Räuber zusammengeschlagen und seiner Hublot-Armbanduhr beraubt. Ecclestone informierte Jean-Claude Biver, der damals gerade dabei war, die etwas verschnarchte Marke Hublot zu einem globalen Erfolgsbrand umzubauen. Und Biver wäre nicht Biver gewesen, hätte er die Geschichte – inklusive eines Bildes des prominenten Opfers mit blauem Auge – nicht als Steilpass verstanden. Und diesen umgehend in ein spektakuläres Tor verwandelt.
Er tat es mit tatkräftiger Hilfe von Marine Lemonnier. Sie war es, die mit ihrem PR-Know-how dafür sorgte, dass Bivers Idee weltweit Schlagzeilen machte – in über 1500 Artikeln. Lemonniers Dreh: Sie kommunizierte auch über die Entstehung des Hublot-Inserats zum Raub. Dessen provokativer Titel: «Da können Sie mal sehen, was Leute für eine Hublot tun.»
15 Jahre später sitzt Marine Lemonnier in einem bequemen Sessel in der Lounge des Lausanner «Beau-Rivage Palace». Und lacht wieder fröhlich über die Geschichte.

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Damals war sie in der Uhrenbranche ein noch eher unbeschriebenes Blatt, heute leitet sie mit 289 Consulting die einflussreichste PR-Agentur der Schweizer Uhrenwelt – und zwar, wie es der prominente Uhrenkenner und publizist Wei Koh formuliert, als Persönlichkeit, die «improvisatorische Genialität mit taktischer Brillanz verbindet».
Fest steht: Marine Lemonnier ist zur Strippenzieherin Nummer eins der Uhrenindustrie avanciert; wer Aufmerksamkeit für seine Marke sucht, wendet sich mit Vorteil an sie. Nicht nur, weil in ihrem Adressbüchlein alle Namen stehen, auf die es wirklich ankommt, und sie die Menschen dahinter bestens kennt. Sondern vielmehr, weil sie weiss, wie man einer Marke in der Medienwelt und bei Influencern Schub verleiht – egal ob es um ganz grosse Fische oder noch verkannte Nischenmarken geht.

«Geht es allein um das Ego des Chefs, bin ich nicht die richtige Ansprechpartnerin.»

«Wenn man mich ruft», sagt sie, «höre ich zunächst sehr genau zu.» Sie wolle verstehen, wo eine Marke wirklich stehe, weshalb sie die Expertise ihrer PR-Agentur suche und an welchen Punkten sich ihr Profil verfeinern liesse. Dann gehe es darum herauszufinden, ob Produkte prägnanter positioniert, die Vision überzeugender vermittelt oder die Strahlkraft des CEO akzentuiert werden sollte. In einem Punkt sei sie kompromisslos: «Geht es allein um das Ego des Chefs, bin ich nicht die richtige Ansprechpartnerin. Mich interessiert der nachhaltige Aufbau einer Marke.»

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Keine Geschichte, kein Deal

Manchmal brauche das seine Zeit, manchmal gehe es auch sehr schnell. Die Newcomermarke Dennison zum Beispiel mit ihren von Designer Emmanuel Gueit gestalteten Zeitmessern kam rasch zum Fliegen. Bei Doxa ging es ein Weilchen, bis die Geschichte rund um Jacques-Yves Cousteau und seine Taucheruhren wirklich wahrgenommen wurde. Dann aber hob die Marke ab.
Dafür gebe es, das sagt Marine Lemonnier jedem Kunden, eine Bedingung: «Die Grundlage jeder Kommunikation ist eine gute Geschichte. Wenn keine echte Geschichte vorhanden ist, nehmen wir ein Mandat nicht an.» Denn der wesentliche Erfolgsfaktor ihrer Agentur liege im Vertrauensverhältnis zu Journalisten und Influencern. Und dieses könne man nicht mit Fake-Storytelling aufs Spiel setzen.
Am Anfang, dies zu ihrer Biografie, stand die Liebe zu Pferden. Sehr früh hatte Marine Lemonnier zu reiten begonnen und den Sport intensiv betrieben. Diese Leidenschaft ebnete ihr den Weg zum Job der PR-Verantwortlichen für den französischen Pferdesportverband, wo sie unter anderem die Kommunikation rund um internationale Wettbewerbe und Olympische Spiele betreute. Doch den Umgang mit den Pferden – «heute ist das viel besser» – fand sie mit der Zeit zu problematisch und beschloss deshalb, sich beruflich neu zu orientieren.Zweite Etappe war die Medienwelt, der TV-Sender Canal+ konkret, wo sie für die Sportkommunikation zuständig sein sollte. Im ersten Gespräch mit dem legendären Sportchef Charles Biétry war sie entwaffnend ehrlich. Sie liebe zwar den Sport, sagte sie, vor allem die Atmosphäre des Spitzensports, «aber ehrlich gesagt – vom Fussball verstehe ich nichts, vom Rugby verstehe ich nichts, und vom Radsport verstehe ich schon gar nichts».

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Womit der Chef überzeugt war. Und für Lemonnier eine bemerkenswerte Karriere begann. Aus dem Sportressort wechselte sie bald in die Corporate-Kommunikation, in einer Phase dynamischen Wachstums: Mit Universal Studios sowie den Expansionen nach Belgien, Italien, Spanien und Marokko entwickelte sich Canal+ zu einem Medienkonzern von aussergewöhnlicher Strahlkraft mit über 300 Sendern.
In die Uhrenwelt führte sie die Liebe – diesmal zu ihrem Mann. Sie hatte frisch geheiratet, und das Paar beschloss, in die Schweiz zu ziehen. Dort kontaktierte sie Darius Rochebin, Starjournalist des welschen Fernsehens, der ihr nahelegte, sich in der Uhrenbranche umzuschauen – ein Rat, der sie nach einem Abstecher bei Vacheron Constantin zum charismatischen Jean-Claude Biver brachte. Sie werde sich wohl, so fragte er frech am Telefon, nicht länger bei Vacheron langweilen wollen?

Schnell und agil

Von «Monsieur Biver» – sie siezt ihn bis heute – habe sie vor allem zwei Dinge gelernt: Agilität und Schnelligkeit. «Bei Hublot ging alles extrem schnell. Es konnte durchaus sein, dass morgens ein Plan geändert wurde – und am Mittag die neue Strategie bereits stehen musste. Zeit zu verlieren, war keine Option.»
Biver profitierte umgekehrt ebenso: «Marine war für die Marke von grosser Bedeutung», sagt er, «sie hat entscheidend zu ihrem Erfolg beigetragen.» Und zwar mit einer ebenso klaren wie wirkungsvollen Herangehensweise, die weit über klassische PR-Arbeit hinausgehe.

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Das Tempo hat die quirlige PR-Frau beibehalten – und nach der Gründung ihrer Agentur damit Dutzende Marken begleitet, Testimonials auf der Homepage sprechen Bände: Sie reichen von Marken wie Urban Jürgensen über Jacob & Co., Corum, Bulgari Horlogerie, Philippe Dufour, Raimond Weil, Christie’s, ID Genève, Greubel Forsey, Maurice Lacroix, Zenith bis zu Gerald Charles und vielen anderen. «Ich schätze besonders ihre schnellen Reaktionszeiten sowie ihren pragmatischen, konkreten und direkten Ansatz», schreibt etwa Patrik Hoffmann, CEO von Favre Leuba.
Sieben Personen stehen auf der Lohnliste, sie sind täglich mit Partnern in Asien, Europa und den USA in Kontakt. Bis auf eine Ausnahme sind es Frauen – nicht aus Überzeugung, wie sie betont, sondern weil es in der Branche kaum Männer gebe. Aber vielleicht hätten Frauen auch einen kleinen Vorteil: Sie seien oft besonders konsensorientiert. Hilfreich, wenn es darum geht zuzuhören, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen und tragfähige Lösungen zu entwickeln.

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