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Stracke kommentiert – Folge 16

Zu viel Musik in Genf?

Was 2020 als Pandemie-Notlösung begann, ist heute ein Pflichttermin: Die Geneva Watch Days boten 2026 ein Festival mit 71 Marken, 400 Neuheiten und einer wachsenden Fangemeinde.

Tim Stracke

«Aus dem Club-Gig wird langsam ein Festival, bei dem man sich immer öfter zwischen zwei Acts entscheiden muss, die gleichzeitig auf verschiedenen Bühnen spielen», schreibt Tim Stracke von Chrono24.
«Aus dem Club-Gig wird langsam ein Festival, bei dem man sich immer öfter zwischen zwei Acts entscheiden muss, die gleichzeitig auf verschiedenen Bühnen spielen», schreibt Tim Stracke von Chrono24.PR

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Der September ist für die Uhrenindustrie ein strategisch interessanter Monat. Das Weihnachtsgeschäft rückt näher, der grosse Messetrubel des Frühjahrs ist vorbei. Genau in diese Lücke haben sich die Geneva Watch Days (GWD) in den vergangenen Jahren erstaunlich erfolgreich geschoben. Was 2020 aus der Not entstand, ist heute ein fester Termin im Uhrenkalender. Vielleicht sogar so fest, dass inzwischen eine neue Frage auftaucht: Wie viel Wachstum verträgt ein Format, dessen Charme immer auch darin lag, kleiner, persönlicher und etwas improvisierter zu sein?
Die Zahlen sprechen jedenfalls dafür: 71 Marken von Alpina über Breitling bis Zenith nahmen in diesem Jahr teil, fast 400 Neuheiten wurden vorgestellt. Mehr als 500 internationale Medienvertreter und Content Creators waren dabei, dazu tummelten sich über 300 Händler und über 2500 Sammler, Kunden und Enthusiasten in Genf.
Die Geneva Watch Days entstanden 2020 aus einer ziemlich pragmatischen Notlösung. Mitten in der Pandemie taten sich Breitling, Bulgari, De Bethune, Girard-Perregaux, H. Moser & Cie. und MB&F zusammen und entwickelten ein dezentrales Format mit zunächst gerade einmal rund drei Handvoll Marken, verteilt auf Hotels, Boutiquen und andere Orte in Genf.

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Was damals vor allem funktionieren musste, hat sich erstaunlich schnell etabliert. Und so wurde aus dem Pandemie-Provisorium binnen weniger Jahre einer der festen Termine im Uhrenkalender.
Und zwar einer, der sich bis heute angenehm von Watches and Wonders unterscheidet. Wenn Watches and Wonders der Kopf des Genfer Uhrenjahres ist, würden die Fans der Geneva Watch Days ihrem Septembertermin wahrscheinlich gern das Herz zuschreiben. Oder, wie mein Sohn sagen würde: Den Vibe Check bestehen die Geneva Watch Days eher als der grosse Bruder im Palexpo.
Watches and Wonders kämpft allerdings in der Schwergewichtsklasse. Fast 60’000 Besucher, 1750 Journalisten und 65 Aussteller zog es in diesem Jahr – fünf Monate früher – nach Genf. Auch die Gerüchten zufolge mittleren bis hohen zweistelligen Millionenbeträge, die von einigen Marken für die Messepräsenz aufgebracht werden, bleiben bei den Geneva Watch Days wohl eher in der Firmenkasse.

«FOMO ist mittlerweile ein ständiger Begleiter, da 71 Marken in fünf Tagen einfach zu viel sind.»

Die Geneva Watch Days machen ihrem Namen ziemlich konsequent alle Ehre: Genf selbst wird zum Teil der Messe. Vom Dreh- und Angelpunkt am See geht es weiter in Hotels, Boutiquen und Showrooms quer durch die Stadt. Das ist weniger effizient als eine Messehalle, aber eben auch charmanter. Dieser Charme färbt inzwischen auch immer mehr auf Watches and Wonders ab, und so wächst auch der grosse Bruder aus dem Palexpo ein Stück weiter hinein in die schöne Stadt am Genfersee.

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FOMO ist mittlerweile ein ständiger Begleiter, da 71 Marken in fünf Tagen für den enthusiastischen Uhrenfan mit starken Beinen irgendwann einfach zu viel sind. Meine Freunde von Fratello haben die Geneva Watch Days einmal mit einem Club-Gig verglichen – im Gegensatz zum Palexpo-Stadionkonzert. Das Bild gefällt mir. Nur passen inzwischen schlicht zu viele Bands in den Club. Aus dem Club-Gig wird langsam ein Festival, bei dem man sich immer öfter zwischen zwei Acts entscheiden muss, die gleichzeitig auf verschiedenen Bühnen spielen.
Auf diesen Bühnen sind in den letzten Jahren aber auch einige Stars entstanden – gerade unter den kleineren und unabhängigen Marken. Namen wie Ming und Chaykin sind heute einem viel breiteren Uhrenpublikum ein Begriff als noch vor einigen Jahren. Man sieht inzwischen, wie stark grosse Häuser Teile dieser Independent-Kultur übernehmen. Bulgari arbeitet mit Vianney Halter. LVMH führt Daniel Roth und Gérald Genta bewusst fast wie kleine Ateliers. Independent ist zur Ideenschmiede der Industrie geworden, und die Geneva Watch Days sind dafür ein wichtiger Gatekeeper.

«Das ist strategisch viel interessanter als eine sechsstellige Tourbillon-Limited-Edition.»

Wenn das Festival in diesem Jahr einen Headliner hatte, dann wohl GWD-Mitgründer Georges Kern. Mit seinem House of Brands nutzte er die Bühne für die Wiederbelebung von Gallet – und die war, wie mir berichtet wurde, in Genf kaum zu übersehen. Die fast 200 Jahre alte Marke wird von Kern als günstigere Schwestermarke positioniert, wobei Produktion und Infrastruktur von Breitling mitgenutzt werden. Das ist strategisch viel interessanter als eine sechsstellige Tourbillon-Limited-Edition. Ausserdem haben sich viele Marken, zum Unmut vieler Konsumenten, aus dem Einsteigersegment herausgepreist. Genau in diese Lücke will Gallet hinein.

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Daneben gab es natürlich genügend Uhren, über die man reden konnte. Die M.A.D.3 von Vincent Calabrese und M.A.D.Editions bringt ziemlich verrückte mechanische Uhrmacherei für knapp 3000 Franken in eine erreichbare Preisregion. Ming zeigte mit der 57.05 Comet einen Worldtimer, der ein reales Problem mit Sommer- und Winterzeit überraschend clever löst. Und ganz oben zeigte Bulgari mit Vianney Halter wiederum, wie fliessend die Grenzen zwischen Konzern und Independent inzwischen geworden sind.
Natürlich kann man sich fragen, ob die Uhrenwelt inzwischen zu viele kostentreibende Messen, Side-Events und Anlässe produziert – gerade in einem Markt, der noch nicht wieder so floriert wie vor fünf Jahren. Und ob bei so vielen Marken aus Aufmerksamkeit irgendwann Aufmerksamkeitsinflation wird.
Aber macht es nicht viel mehr Spass, sich auf die positiven Signale zu fokussieren? Denn fast alle Händler, mit denen ich nach den Geneva Watch Days gesprochen habe, beschrieben eine erstaunlich ähnliche Stimmung: Der Aufschwung, den wir seit einigen Monaten auf dem Uhrenmarkt sehen, fühlt sich stabil an. Weniger Hype, mehr Substanz. Nicht euphorisch, aber deutlich gesünder. Und die Vielfalt an Marken, die in Genf zu sehen war, spiegelt sich offenbar auch im Appetit der Kundschaft wider – das sehen wir im Übrigen auch bei Chrono24.

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Und vielleicht ist genau das die schönste Nachricht aus Genf. Nach ein paar ziemlich wilden Jahren scheint der Markt wieder auf einem solideren Fundament zu stehen.
Da darf man sich dann auch einmal über einen zu vollen Terminkalender beschweren.

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