Er wollte Investmentbanker werden, lernte bei Rolex das Uhrmacherhandwerk und kündigte, um eine längst verschwundene Familienfirma wiederzubeleben – mit Erfolg. Ein Porträt.
Nicholas Bowman-Scargill ist keiner, der sich gerne in den Vordergrund drängt. Als wir ihn treffen, wirkt der Brite zunächst gar ein wenig schüchtern. Er zeigt seine Uhren, eine nach der anderen, erklärt Details, erzählt von ihrer Entstehung. Es sind eigenwillige, meist schlichte Zeitmesser, die sich durch ihre Formensprache und ihre vergleichsweise moderaten Preise von vielem unterscheiden, was die Schweizer Luxusuhrenindustrie hervorbringt. Das Beste hebt er sich bis zum Schluss auf.
Es ist ein ewiger Kalender. Eine jener grossen Komplikationen der Uhrmacherei, die Monate mit unterschiedlicher Länge und selbst Schaltjahre berücksichtigt. Solange die Uhr läuft, muss ihr Kalender erst im Jahr 2100 wieder korrigiert werden. Die Brunswick 39 Perpetual Calendar ist die aufwendigste Uhr, die Fears in seiner 180-jährigen Geschichte hervorgebracht hat. Und sie ist ein bemerkenswerter Schritt für ein Unternehmen, das vor zehn Jahren praktisch bei null angefangen hat.
Die Fears Brunswick 39.PR
Die Fears Brunswick 39.PR
Dass es Fears überhaupt wieder gibt, ist Nicholas Bowman-Scargill zu verdanken. Sein Urururgrossvater Edwin Fear hatte die Firma 1846 in Bristol gegründet. In ihrer Blütezeit beschäftigte sie über hundert Mitarbeiter und exportierte ihre Uhren in 95 Länder. Nach mehreren Generationen und einem schleichenden Niedergang war 1976 endgültig Schluss. Vierzig Jahre lang existierte Fears nur noch in alten Katalogen, Dokumenten und Erinnerungen.
Partner-Inhalte
Werbung
Dass ausgerechnet Bowman-Scargill die Marke wiederbeleben würde, war keineswegs vorgezeichnet. Er wollte eigentlich Investmentbanker werden. Dafür studierte er Wirtschaft, absolvierte ein Praktikum bei der Deutschen Bank und stellte sich eine Karriere in der Finanzwelt vor. Nicht zuletzt, weil er viel Geld verdienen wollte, um sich schöne Uhren leisten zu können, wie er erzählt. Doch als er 2008 sein Studium abschloss, brach gerade die Finanzkrise aus. Seinen Bankertraum hielt er für ausgeträumt.
Stattdessen landete er in einer Londoner PR-Agentur. Doch: «Ich bin Legastheniker, das ständige Sitzen vor dem Computer und Telefonieren hat mir zudem nicht entsprochen.» Er wollte etwas mit den Händen machen. Zwei Dinge interessierten ihn besonders: Eisenbahnen und Uhren. Also überlegte er, Lokführer oder Uhrmacher zu werden – und entschied sich für die Uhrmacherei.
Er bewarb sich bei den grossen Uhrenwerkstätten in England. Nach sieben Monaten, mehreren Vorstellungsgesprächen und zwei praktischen Prüfungen erhielt er 2011 eine Lehrstelle bei Rolex in London. «Es war ein Glücksfall.» Er lernte das Handwerk von Grund auf und arbeitete für eine der angesehensten Uhrenmarken der Welt. Er hatte einen sicheren Arbeitsplatz, ein gutes Einkommen und eine berufliche Perspektive.
Werbung
Selbstständigkeit – aber womit?
Dann kam der Termin mit dem Berater der Pensionskasse. Dieser erklärte ihm, dass es bis zur vollen Pensionierung noch 39 Jahre dauern würde. Bowman-Scargill erschrak. Die Entwicklungsmöglichkeiten eines Uhrmachers seien begrenzt, sagt er rückblickend. Man werde erfahrener, aber die Hierarchien seien flach. Er begann, über eine Selbstständigkeit nachzudenken. Nur womit?
Die Antwort kam bei einem Sonntagsessen mit seiner Familie. Seine Mutter erinnerte ihn daran, dass seine Vorfahren in Bristol eine Uhrenfirma besessen hatten. Bowman-Scargill wusste zwar, dass es in seiner Familie Uhrmacher gegeben hatte, das Ausmass des einstigen Unternehmens war ihm aber nicht bewusst.
Der Gedanke liess ihn nicht mehr los. Das war 2014. Bowman-Scargill gab sich zwei Jahre Zeit, um das Revival vorzubereiten. Er recherchierte die Geschichte des Unternehmens, suchte nach alten Modellen, nach Zulieferern und nach Wegen, mit wenig Geld eine eigene Uhrenmarke aufzubauen. Denn vom einstigen Familienunternehmen war kaum etwas übrig geblieben. Es gab weder eine funktionierende Produktion noch nennenswerte Lagerbestände.
«Verrückteste Entscheidung meines Lebens»
Das Startkapital war bescheiden. Bowman-Scargill verkaufte einen grossen Teil seiner Uhrensammlung, darunter Stücke von Omega und Ball. Was in seiner Wohnung nicht unbedingt gebraucht wurde, landete auf eBay. Gemeinsam mit seinem Ehemann vermietete er zudem ein freies Zimmer. «Rund 35’000 Pfund kamen so zusammen», sagt er. 2016 kündigte Bowman-Scargill bei Rolex. Er tauschte einen der sichersten Arbeitsplätze der Uhrenindustrie gegen eine höchst ungewisse Zukunft. «Das war eine der verrücktesten Entscheidungen meines Lebens», sagt er leise und fügt an: «Bereut habe ich sie keinen Moment.»
Werbung
Die ersten Fears-Uhren waren schlichte Quarzmodelle. Mehr konnte sich Bowman-Scargill damals nicht leisten. Aber er hatte eine klare Vorstellung davon, was Fears werden sollte: eine britische Uhrenmarke, die sich auf ihre Geschichte stützt, ohne einfach alte Modelle zu kopieren. Die Uhren sollten elegant, zurückhaltend und eigenständig sein. «Elegantly Understated» lautet bis heute das Motto.
Wie fragil das Unternehmen noch Jahre später war, zeigte die Pandemie. Im Frühjahr 2020 brachen die Verkäufe praktisch über Nacht auf null ein. Bowman-Scargill verzichtete vollständig auf sein Gehalt, um seine beiden Mitarbeiter weiterbezahlen zu können. Seine Hypothek musste er trotzdem bedienen. Also bewarb er sich bei Supermärkten und fand einen Job bei Asda.
Nachtschichten retten die Firma
Drei Monate lang begann sein Tag um 23 Uhr. Um Mitternacht trat er die Nachtschicht an, um acht Uhr morgens war Feierabend. Nach ein bisschen Schlaf widmete er sich Fears, um 17 Uhr ging er wieder ins Bett. Die Nachtschichten retteten seine Firma. Als sich der Uhrenmarkt erholte, war Fears bereit. 2020 wuchs der Umsatz nach seinen Angaben um 78 Prozent.
Seither hat sich viel verändert. Fears hat eine Boutique in Bristol eröffnet, ihr Sortiment erweitert und sich eine kleine, aber erkennbare Position in der Welt unabhängiger Uhrenmarken erarbeitet. Bowman-Scargill ist längst nicht mehr der Mann, der alles selbst erledigt. Er hat Mitarbeiter eingestellt, Aufgaben delegiert und Strukturen geschaffen. Dabei musste er auch lernen, Unternehmer zu sein. Er habe sich von einem Businesscoach helfen lassen, erklärte er. Es ging darum, aus einem schnell wachsenden Kleinbetrieb ein Unternehmen zu machen, das nicht mehr vollständig von seinem Gründer abhängt.
Werbung
Wie weit Fears inzwischen gekommen ist, zeigt der ewige Kalender, den Bowman-Scargill an den Geneva Watch Days präsentiert hat. Die ersten Überlegungen dazu entstanden 2021, als Fears gerade einmal zwei Mitarbeiter beschäftigte. Anfang 2022 brachte Designchef Lee Yuen-Rapati erste Entwürfe zu Papier. Vier Jahre später ist die Uhr Realität.
Das 39 Millimeter breite Stahlgehäuse misst lediglich 9,4 Millimeter in der Höhe. Unter dem silbrig schimmernden Zifferblatt arbeitet das Kaliber 55115, eine Kombination aus dem Schweizer Automatikwerk Sellita SW300 und einem angepassten Modul für den ewigen Kalender von Dubois Dépraz. Hinzu kommen eine Mondphasenanzeige mit handbearbeiteten silbernen Monden, aufwendig finissierte Werkteile und ein Rotor aus 18-karätigem Gold.
Die technische Grundlage stammt aus der Schweiz. Die Leistung von Fears besteht darin, die komplexe Mechanik in eine eigenständige, schlanke Uhr zu integrieren. Auch gestalterisch unterscheidet sich die Brunswick 39 Perpetual Calendar von den gerne etwas überladenen Exemplaren dieser Gattung. Trotz der zahlreichen Anzeigen wirkt das Zifferblatt aufgeräumt. Das entspricht Bowman-Scargills Vorstellung davon, wie eine Fears auszusehen hat.
Werbung
Neue Preisklasse
Die Uhr kostet in der Schweiz 26’484.50 Franken. Für Fears ist das eine neue Preisklasse. Bemerkenswert ist allerdings nicht nur die technische Komplexität, sondern auch die Entscheidung, den ewigen Kalender nicht als limitierte 10-Jahres-Jubiläumsedition herauszubringen. Er gehört zur regulären Kollektion, auch wenn die Fertigung auf kleine Stückzahlen ausgelegt ist. Damit macht Bowman-Scargill deutlich, dass Fears künftig auch in der höheren Uhrmacherei mitspielen will.
Dass er darüber die gestalterischen Wurzeln der Marke nicht vergisst, zeigt die jüngste Neuheit. Am Freitag, 16. Oktober, präsentiert Fears an der WatchTime New York die Arnos Opera Black. Sie ist gewissermassen das Gegenstück zum ewigen Kalender: keine technische Demonstration, sondern eine gestalterische.
Die Fears Arnos Opera Black.PR
Die Fears Arnos Opera Black.PR
Das rechteckige Gehäuse misst 33,5 auf 22,6 Millimeter und ist nur 8,4 Millimeter hoch. Auf dem Zifferblatt umschliesst tiefschwarzer, spiegelpolierter Onyx einen weiss lackierten Kreis. Römische Ziffern und schwarz-goldene Zeiger vervollständigen das reduzierte Erscheinungsbild. Sie soll zur klassischen Abendgarderobe passen, zum Kontrast von schwarzem Smoking und weissem Hemd. Im Innern arbeitet ein automatisches Sellita SW1000. Preis: 4432.10 Franken.
Werbung
Auch diese Uhr hat Lee Yuen-Rapati gestaltet. Bowman-Scargills Leistung besteht zunehmend nicht mehr nur darin, selbst Ideen zu entwickeln, sondern die Voraussetzungen zu schaffen, damit andere sie verwirklichen können. Der ewige Kalender und die Opera markieren damit zwei Seiten desselben Unternehmens: hier der Anspruch, uhrmacherisch in höhere Sphären vorzustossen, dort das Bemühen um eine unverwechselbare gestalterische Identität.
Bemerkenswert ist auch, wie Bowman-Scargill seine eigene Rolle versteht. Er bezeichnet sich nicht als Gründer, sondern als vierten Geschäftsführer von Fears. Er hat das Unternehmen schliesslich nicht erfunden, sondern wiederbelebt. Und er denkt bereits an seinen Nachfolger. «There will be a fifth Managing Director», sagt er. Es werde einen fünften Geschäftsführer geben. «Fears is bigger than me.»
Vor zehn Jahren bestand Fears aus einem Namen, einer Familiengeschichte und dem Entschluss eines jungen Uhrmachers, etwas Eigenes zu wagen. Heute gibt es eine Boutique, eine Kollektion und sogar einen ewigen Kalender. Bowman-Scargill hat die Vergangenheit seiner Familie in ein Unternehmen mit Zukunft verwandelt. Sein nächstes Ziel ist anspruchsvoller: dafür zu sorgen, dass Fears eines Tages auch ohne ihn weiterbesteht.