Am Anfang dieser Geschichte steht ein bemerkenswerter Verzicht: Federico Ziviani, Spross einer italienischen Unternehmerfamilie, war 23 Jahre alt, als er seinem Vater Franco seinen Herzenswunsch eröffnete: Er würde gerne, so sagte er ihm, die Uhrenmarke Gerald Charles führen, die sich im Familienbesitz befand.
«Du willst das wirklich machen? Dann leg los!», lautete die Antwort. Er, der Vater, habe jedoch weder die Zeit, sich gross um die Sache zu kümmern, noch werde er finanzielle Unterstützung leisten. Das Kapital zum Loslegen müsse Federico selbst beschaffen.
Also verkaufte der Sohn seine Uhrensammlung: einige schöne Patek-Philippe-Modelle sowie mehrere grossartige Star-Wheel-Modelle und alte Taschenuhren von Audemars Piguet. Der Verzicht bildete sein persönliches Gründerkapital, ein Ticket zum Abenteuer ohne Retourbillett.
Wurde als 23-jähriger CEO: Federico Ziviani.RMS
Wurde als 23-jähriger CEO: Federico Ziviani.RMS
Sieben Jahre später sitzt Federico Ziviani in seinem Tessiner Büro und blickt mit Stolz zurück: «Am Anfang waren wir zu dritt. Ich habe alles gemacht, Pakete verschnürt, Lieferscheine geschrieben, den Verkauf organisiert. Dazu die Strategie, das Marketing, die Administration, das Produktionsmanagement – alles.»
Ein grosser Name und Hunderte Entwürfe als Familienerbe
Heute stehen 40 Mitarbeiter auf der Lohnliste, 1500 bis 2000 Uhren werden gebaut, 2019 waren es noch knapp 50. Und wo am Anfang kein einziger Verkaufspunkt existierte – «wir verkauften nur online» – hat Gerald Charles derzeit 70 Retailpartner mit 110 Verkaufsstellen. In Japan, in den Vereinigten Staaten, Europa, in der Schweiz, im Mittleren Osten, in Asien und Südamerika.
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Ein schönes Wachstum. Geholfen hat als geistiger Vater ein Mann, der zu den ganz Grossen der Uhrengeschichte gehört: Gérald Charles Genta (1931–2011). Genta, oft als «Picasso des Uhrendesigns» bezeichnet, schuf einige der grössten Uhrenklassiker überhaupt: die Royal Oak von Audemars Piguet, die Nautilus von Patek Philippe, die Neuinterpretation der IWC Ingenieur, die Pasha von Cartier und viele weitere.
Im Jahr 2000 gründete er seine letzte eigene Marke, Gerald Charles, benannt nach seinem ersten und zweiten Vornamen. Drei Jahre später übertrug er deren Führung und Eigentum der Familie Ziviani, zu der er seit Jahrzehnten ein enges Vertrauensverhältnis pflegte. Aber bis zu seinem Tod blieb er der künstlerische Leiter.
Mit Genta erbte die Familie nicht nur einen grossen Namen, sondern auch Hunderte von Entwürfen, Ideen und Skizzen. Darunter jener Entwurf, auf den Federico Ziviani bis heute alles setzt: die Maestro.
64 Gramm schwer: Das Modell Maestro GC Sport Tennis White.RMS
64 Gramm schwer: Das Modell Maestro GC Sport Tennis White.RMS
Im Prinzip ist das Maestro-Gehäuse ein an den Ecken stark abgerundetes Quadrat mit einer markanten Ausbuchtung an der Unterseite, einer Art Lächeln, die der Uhr eine barocke Anmutung verleiht. Gérald Genta liess sich dafür von der Kirche San Carlo alle Quattro Fontane in Rom inspirieren, einem Meisterwerk des aus dem Tessin stammenden Architekten Francesco Borromini. Borromini geniesst in der Schweiz noch heute einen besonderen Bekanntheitsgrad: Von 1976 bis 2019 zierte sein Porträt die Schweizer 100-Franken-Note.
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Genta bleibt Richtschnur für die Marke
Wie es zum Gehäuse kam, erzählt die Familie gerne. 2005 war es, als Gérald Genta mit Federicos Onkel Giampaolo durch Rom spazierte und die Fassade der Kirche sah. «Schön», sprach Genta, «ich werde ausgehend von diesem Monument eine neue Uhr kreieren.» – «Unmöglich» erwiderte der Onkel. Doch schon am nächsten Morgen habe Genta erste Skizzen präsentiert.
Die Besitzerfamilie: Onkel Giampaolo (l.), Vater Franco (M.) und Sohn Federico Ziviani.RMS
Die Besitzerfamilie: Onkel Giampaolo (l.), Vater Franco (M.) und Sohn Federico Ziviani.RMS
Genta gehörte damals praktisch zur Familie. Und Federico erinnert sich an eine weitere Anekdote: Gemeinsam mit Onkel Giampaolo präsentierte der Designer im Genfer Hotel des Bergues einem Kunden seine neuste Uhr – samt Skizzen und Prototypen. Der Kunde war begeistert und fragte nach dem Preis. «Eine halbe Million», antwortete Genta trocken.
«Zu viel», meinte der Kunde, «da müssen Sie noch etwas runter.» Gentas Replik kam wie aus der Pistole geschossen: «Wenn Sie sich meine Uhren nicht leisten können, ist es vielleicht besser, wenn Sie keine tragen.» Wenig später rief der Kunde zurück – und kaufte die Uhr.
Nach wie vor ist Gerald Genta die Richtschnur für die Marke – auch technisch: Eigene Kaliber entstehen in enger Zusammenarbeit mit einem Netzwerk spezialisierter Zulieferer, die Komponenten wie Spiralen, Federhäuser, Brücken, Platinen oder Schrauben nach Vorgaben der Marke entwickeln und fertigen. Gelegentlich anderem arbeite man mit der renommierten Manufaktur Vaucher zusammen.
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Nur 97 Gramm schwer: Ewiger Kalender im «Maestro»-Gehäuse.RMS
Nur 97 Gramm schwer: Ewiger Kalender im «Maestro»-Gehäuse.RMS
Ein eigenes Werk hat zum Beispiel die Uhr, die Federico Ziviani auch selbst gerne trägt: ein Ewiger Kalender im Titangehäuse, der gerade einmal 97 Gramm wiegt, nur zehn Millimeter hoch baut und bis 100 Meter wasserdicht ist. «Für mich ist genau das entscheidend», sagt er. «Eine hochkomplizierte Manufakturuhr, die man immer tragen und mit der man sogar schwimmen gehen kann.» Denn eines sei für ihn klar: «Luxus bedeutet heute auch Komfort.»
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