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Dritter Neubeginn

Der König, die Stiefmutter und die gute Fee

Die Marke Corum rappelt sich auf. Sie versucht es jedenfalls. Mit neuem Elan, alten Ikonen – und als wärs ein hübsches Sommermärchen.

Pierre-André Schmitt

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Haso Mehmedović, einst Einwandererkind, ist heute CEO der Schweizer Uhrenmarke Corum. Mit einer neuen Strategie will er die traditionsreiche Marke retten und zurück zu ihren Wurzeln führen. zVg

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Ein bisschen klingt diese Geschichte wie ein Märchen aus «1001 Nacht» – wohlan also: Es war einmal ein kleiner Junge, Sohn von bosnischen Eltern, die 1992 in die Schweiz eingewandert waren. Der Junge hiess Haso Mehmedović, er war fasziniert von allem, was Zahnrädchen, Triebe, Achsen und Federn hatte, und so schloss er 2011 seine Lehre als Uhrmacher ab. Dann schrieb er seine Bewerbung für eine Stelle bei der Uhrenmarke Corum – erhielt sie auf Anhieb und startete im Unternehmen eine bemerkenswerte Karriere: nacheinander Uhrmacher, Quality Manager, Sales Director, Brand Manager, Brand Director. Heute, nachdem das Management das Ruder von der bisherigen Besitzerin, der chinesischen Citychamp, übernommen hat, ist er CEO und Chairman. Mit einer klaren Mission: «Ich muss die Marke retten!»
Damit hat das dritte Leben von Corum begonnen. Doch der Reihe nach.

Erstes Kapitel

Ein König der Uhrenwelt. Vor langer, langer Zeit gab es in Neuenburg eine kleine Marke, sehr fein, sehr teuer – ein kleiner, aber beliebter König in der Uhrenwelt. Die 1955 gegründete Neuenburgische Marke wurde vor allem wegen ihrer drei Ikonen berühmt. Da war erstens die Golden Bridge mit einem feinen Werk in Stabform, dann gab es die Admiral mit ihren bunten, maritimen Wimpeln auf dem Zifferblatt, und schliesslich die Coin-Watch, eine Uhr, deren Werk in einer Geldmünze eingebaut war, zum Beispiel in einer 20-Dollar-Double-Eagle-Goldmünze. Man riss sich um die Uhren, für die der kleine Uhrenkönig stolze Preise verlangen konnte: 25’000 Franken. Und mehr.

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Zweites Kapitel

Die Stiefmutter. Severin Wundermann hiess der Mann, der die feine Marke, die aber ziemlich verblasst war, im Jahre 2000 übernahm – und mächtig Schub gab. Mit Rezepten, die er bei seinem letzten Job als Vertriebspartner und Lizenznehmer bei Gucci gelernt hatte: Lifestyle. Seine Bubble-Uhren waren sehr gross, sie hatten ein extrem gewölbtes Glas, die «Bubble», und oft sehr expressive Zifferblätter und Namen: Skull, Dive Bomber, Casino, Pop-Art etc. Die Uhren gab es für 3000 Franken – und auch günstiger. 2013 verkaufte Wundermann die Marke an die chinesische Citychamp, der auch die Marke Eterna gehörte, die aber eher glücklos agierte.

Drittes Kapitel

Die gute Fee. Letztes Jahr übernahm das Management das Ruder. Und gleiste die Marke neu auf. CEO ist, wie erwähnt, Haso Mehmedović, der ein besonders emotionales Verhältnis zur Marke zelebriert: «Corum», so sagte er, «ist meine Freundin.» Wichtige Persönlichkeit daneben ist der externe Berater Vincent Perriard. Beide präsentierten kürzlich die neue Corum-Strategie. Kernpunkt: Man geht zurück zu den Ursprüngen, positioniert die Uhren in die Preisspanne 10’000 bis 20’000 Franken und setzt auf die Säulen Golden Bridge und Admiral – sie sollen künftig 80 Prozent des Umsatzes ausmachen – sowie auf Heritage-Serien.

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Beispiel Admiral: Die Uhr gibt es im 36- und im 39-Millimeter-Kleid, sportlich schick mit integriertem Armband und Concepto-Manufakturwerk. Aufgefallen ist insbesondere das Modell, auf dem die einst dreieckigen Wimpel raffiniert zu eleganten stäbchenförmigen Indizes verschlankt wurden – ein gelungenes Stück. Aufgefallen ist auch die neue Golden Bridge im Saphir-Gehäuse. Dazu – man schöpft das historische Erbe aus – gibt es ein neues Coin-Modell in einer 50-Dollar-Goldmünze, 36 Millimeter gross, sowie eine Neuauflage der Golden Book, eine buchförmige Uhr mit Hemingway-Zitat im Innern: «Now is no time to think of what you do not have. Think of what you can do with what you have.»
Die Realität indes ist kein Märchen. Und der eigentliche Prüfstein ist klar: Die Marke Corum wird beweisen müssen, dass sie die Strahlkraft und Pricing Power hat, für eine Dreizeiger-Uhr in Stahl 10’000 Franken oder mehr zu verlangen. Gelingt es, könnte die Geschichte tatsächlich ein Märchen werden. Ein Märchen mit Happy End.

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