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Christian Selmoni

Wie ein Quereinsteiger Vacheron Constantin zur Luxusuhrenmacht formte

Der Style and Heritage Director hat die Genfer Luxusuhrenmarke weit gebracht – und geprägt wie kaum ein anderer. CEO sein wollte er nie.

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Christian Selmoni, Director Style & Heritage von Vacheron Constantin.
Christian Selmoni, Director Style & Heritage von Vacheron Constantin.Roderick Aichinger

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Wer Christian Selmoni einmal gesehen hat, vergisst ihn nicht: Er ragt aus der Menge heraus. Weil er einerseits 1,92 Meter gross ist und andererseits stets ausgesprochen fein gewandet in Massanzüge und Hemden, die er – wie er gern verrät – bei einem Schneider in Lausanne aus exquisiten, vorzugsweise nicht schwarzen oder dunkelblauen Stoffen herstellen lässt. Selmonis Look ist sein Markenzeichen. Und Selmoni selbst ist das Gesicht von Vacheron Constantin, einer der Luxusuhrenmarken unter dem Dach der Richemont-Gruppe. Ihr hält er seit 36 Jahren die Treue.
Selmoni ist weder ausgebildeter Uhrmacher noch Designer oder Kunsthistoriker. Dennoch hat er die Genfer Edelmarke wesentlich geprägt: Er hat die Produktentwicklung aufgebaut, die gestalterische Richtung mitbestimmt und die Firmenhistorie zu einem Instrument der Markenführung gemacht. «Es war nötig, wieder einen roten Faden aufzubauen, damit die Geschichte nicht einfach als Storytelling-Untersatz dient», sagt Oliver Müller, Inhaber von LuxeConsult. «Da hat Selmoni sehr gute Arbeit geleistet.»
So extrovertiert im Auftritt, so zurückhaltend ist Selmoni, wenn es um seine Verdienste geht. Die These, er sei eine treibende Kraft hinter dem Aufstieg des Hauses, schüttelt er ab: «Wirklich? Keine Ahnung.» Und gegen die Frage nach seinem wichtigsten Beitrag wehrt er sich mit: «Ich fühle mich nicht wohl mit dem Wort ‹Beitrag›. Erfolg ist Teamarbeit.» Dass Teams jemanden brauchen, der eine Richtung vorgibt und Entscheidungen verteidigt, lässt er immerhin so stehen.

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Quereinsteiger mit Grenzen

Der 67-Jährige ist seit 1990 bei Vacheron Constantin und hat vier CEOs erlebt: Claude-Daniel Proellochs, Juan-Carlos Torres, Louis Ferla und Laurent Perves, der seit September 2025 im Amt ist. Die Chefs wechselten, Selmoni blieb. Ob ihm der CEO-Posten nie angeboten worden sei? «Doch, doch. Aber ich kenne meine Grenzen.» Er habe seine Kinder kaum aufwachsen sehen, «mehr davon wollte ich nicht.» Ohnehin finde er Design, Technik, Kunsthandwerk und Geschichte weit interessanter als das rein Geschäftliche.
Sein Karriereverzicht war Win-win-win: gut für die, die den Chefposten wollten, gut für Selmoni, gut für die Marke, da sich jemand voll und ganz darauf konzentrierte, was eine Vacheron Constantin unverwechselbar macht – und wie sich das bewahren lässt, ohne stehen zu bleiben.
Die Uhrmacherei lag in Selmonis Wiege. Er wuchs im Vallée de Joux auf, sein Grossvater war Skeletteur, sein Grossonkel Horloger. Als er selbst vor der Berufswahl stand, galt die mechanische Uhr wegen der Quarzkrise aber als Auslaufmodell, das Métier als tot. So wurde Selmoni Finanzanalyst in Genf. Als er 1989 aber mitbekam, dass Vacheron Constantin junge Leute für den Wiederaufbau suche, zögerte er nicht. «Ich dachte, wenn es mir nicht gefällt, bin ich nach drei Monaten wieder weg.»

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Damals beschäftigte das Haus rund 70 Personen und fertigte etwa 5000 Uhren jährlich. In der Rangliste mit den 50 grössten Uhrenherstellern der Schweiz von Morgan Stanley und LuxeConsult rangiert Vacheron dieses Jahr auf Platz acht mit geschätzten 900 Millionen Franken Umsatz und 30’000 verkauften Zeitmessern.

Der Aufstieg

Selmoni koordinierte zunächst Kundenaufträge und Produktion, übernahm den Einkauf und 1996 die Produktionsleitung und lernte so die Manufaktur von innen kennen. Als 2001 der externe Designpartner Dino Modolo sein Unternehmen an PPR Gucci verkaufte, fasste Selmoni den Auftrag, eine interne Designabteilung aufzubauen. Er stellte Kreative und Techniker ein.
Die erste Feuerprobe erlebte sein Team 2005: zum 250-Jahr-Jubiläum. Vacheron Constantin trumpfte auf mit der Tour de l’Île mit 16 Komplikationen und 834 Einzelteilen – damals die komplizierteste Armbanduhr der Welt. Zwei Jahre später wagten sich Selmoni und sein Designchef auf neues Terrain: «Les Masques», eine Kollektion mit dreidimensionalen Miniaturmasken auf dem Zifferblatt – traditionelles Kunsthandwerk traf auf modernes Design. Selmoni nennt das rückblickend «ein grosses Risiko». Noch 48 Stunden vor der Präsentation habe er gedacht: «Die Leute werden uns auslachen.» Taten sie nicht. Es gab Applaus. Und Auftrieb.

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Gelegentlich wird Selmoni als «Guardian of the Temple», Hüter des Tempels, bezeichnet. «Ein Klischee», winkt er ab. Er wolle Tradition ja nicht konservieren, sondern weiterentwickeln. Sein Credo: Die Marke muss erkennbar bleiben, ihre Gestaltung aber zeitgemäss sein. Das sei gar nicht immer leicht durchzusetzen, sagt er und erzählt von der ersten grossen Überarbeitung der Overseas 2004. Von intern und extern habe es unzählige Wünsche gegeben, so Selmoni, «aber wir haben nicht nachgegeben, denn so entstehen nur ‹Komitee-Uhren›, die am Ende niemanden überzeugen.» Die Overseas ist heute eine der wichtigsten Kollektionen der Marke.
Overseas
Die Overseas-Dual-Time-Kollektion von 2026.PR
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Was Selmoni packt, lässt ihn nicht mehr los, und zwar keineswegs nur bei Uhren. Ein Musikstück, das ihn begeistert, kann er 3000 Mal hören. Als Musikliebhaber ist er ein wandelndes Lexikon zu Audiotechnik und Klang. Und um seiner Flugangst Herr zu werden, vertiefte er sich in Flugzeugtriebwerke und Aerodynamik – und begriff schliesslich, dass das Fliegen sicher ist. «Das ist wohl das Drama meines Lebens», philosophiert er über seinen Tick, den Dingen auf den Grund gehen zu müssen.
In seiner Laufbahn sorgte Selmoni auch selbst für neue Wendungen. 2010, damals war er zuständig für Produktgestaltung und -marketing, kam er «auf einer 17-tägigen Weltreise» zum Schluss, dass er sich auf die kreative Arbeit beschränken wollte – und wurde Artistic Director. 2017 schlug er vor, Vacheron-Markenbotschafter zu werden – und wurde Style & Heritage Director sowie offizieller Sprecher. Seither erklärt der Mann, der die Uhren über Jahre mitentwickelt hat, wofür sie stehen und wie sie funktionieren. Das ist mitunter eine herkulische Aufgabe, auch für ihn: Drei Wochen habe er sich 2024 mit der Berkley Grand Complication mit ihren 63 Komplikationen herumgeschlagen, bevor er sich bereit fühlte, dieses mechanische Wunderwerk zu präsentieren, erzählt er.

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BERKLEY
Die Berkley Grand Complication von 2024.PR
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Die Berkley Grand Complication von 2024.PR
Als Heritage-Verantwortlicher vertiefte er sich systematisch in die Geschichte des Hauses. Er entwickelte das bereits bestehende Angebot restaurierter historischer Uhren zum Programm «Les Collectionneurs» weiter, mit Zeitmessern aus den Jahren 1901 bis 1990. Christian Selmoni erklärt: «Diese Uhren können die Geschichte besser erzählen, als ich es könnte.» Auch die beispiellose Partnerschaft von Vacheron Constantin mit dem Pariser Louvre war seine Initiative. Gemeinsam mit Laurent Perves, damals Marketingchef, schmiedete er aus der Idee eine Kooperation. All das passt zu seiner Überzeugung, dass eine gute Uhr allein nicht genügt. «Man muss ein Universum um sie herum schaffen.»

Auf Rückzug

Nun beginnt Selmoni kürzerzutreten. Offiziell arbeitet er zu 60 Prozent. Zunehmend tritt er mit Morgan Maillard an seiner Seite auf, einem jüngeren ausgebildeten Uhrmacher, den er seit zehn Jahren kennt. Dessen technische Kenntnisse überträfen seine eigenen bei Weitem, sagt Selmoni. Also sein Nachfolger? Er überlegt, sagt, seine Funktion sei über die Jahrzehnte gewachsen und auf ihn massgeschneidert. Das bedeutet: Selmoni ist teilunersetzlich. Seine Aufgaben lassen sich übertragen, sein Auftritt imitieren, sein Wissen dokumentieren. Das gilt jedoch nicht für seine Expertise, seine Produktkenntnis, sein historisches Verständnis und sein sicheres Gespür dafür, was Vacheron Constantin ist. Und vor allem: was nicht.

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KUNST OHNE ZEIGER

Seit 2023 arbeitet Vacheron Constantin mit dem Metropolitan Museum of Art in New York zusammen. Drei Kunsthandwerker erhielten während 18 Monaten Zugang zu den Sammlungen und Experten des Museums. Und sie reisten nach Genf, lernten in den Ateliers der Uhrenmanufaktur Graveure, Emailleure und Guillocheure und deren Savoir-faire kennen. Im September 2026 präsentierten sie ihre Werke im Met. Die amerikanische Möbelkünstlerin Aspen Golann schuf, inspiriert von der Email- und Graviertechnik, «Vessel» – ein monumentales Holzgefäss. Die britisch-italienische Goldschmiedin Joy Harvey entdeckte die Guillochierung für sich und übertrug die Technik, mit der unter anderem Zifferblätter verziert werden, auf ihr bronzenes Diadem «Ruined Splendour». Der ägyptisch-amerikanische Keramikkünstler Ibrahim Said wiederum fühlte sich von den verborgenen Arbeitsschritten in der Uhrmacherei inspiriert und schuf die Skulptur «Shaping Time», die sich mit Zeit und Unendlichkeit beschäftigt.
Christian Selmoni seinerseits war Mitglied der Jury, welche die drei Künstler aus über 500 Bewerbern auswählte, und begleitete das Projekt. Es verkörpert die Überzeugung, die er seit Jahren vertritt: Traditionelles Kunsthandwerk habe nur dann eine Zukunft, wenn es nicht bloss bewahrt, sondern weiterentwickelt werde. Dass dabei keine einzige Uhr entstanden ist, gehört zum Konzept.
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Aspen Golann, Ibrahim Said, Joy Harvey (v.l.)PR
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Aspen Golann, Ibrahim Said, Joy Harvey (v.l.)PR

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