Bis zur Genfer Uhrenmesse Watches and Wonders dauert es noch rund zwei Monate, und doch scheinen viele Uhrenmarken (und ganze Luxusgruppen) so ungeduldig zu sein, dass sie die Presse im Wochentakt an verschiedenste Orte entführen, um ihr das Neuheitenprogramm für das laufende Jahr zu präsentieren.
So diese Woche Audemars Piguet, eine der letzten Uhrenmanufakturen in Familienbesitz, die für manche synonym ist mit dem achteckigen Modell Royal Oak. Die Luxusmarke wählte als Kulisse für die Präsentation die Alpen und stellte die Neuheiten in Form eines Workshops vor, in dem Journalistinnen und Journalisten in die Geheimnisse der hohen Uhrmacherkunst eingeführt wurden.
Selbstverständlich spielt die Royal Oak bei den Neuheiten auch 2026 eine zentrale Rolle, und auch die beiden anderen Modellfamilien – Royal Oak Offshore und Code 11.59 – haben einiges Neues. Aber es gab auch eine echte Überraschung: AP wagt diesmal etwas komplett anderes und bedient sich einer Idee aus der bewegten Geschichte und dem reichhaltigen Archiv der Manufaktur.
Schatz aus dem Archiv
Das neue Modell heisst Neo Frame Jumping Hour und ist eine Neuinterpretation einer rechteckigen Uhr mit digitaler Anzeige der Stunden und Minuten in Fenstern, wobei die Stunden schlagartig springen, während die Minuten in einem sektorförmigen Fenster vorbeiziehen.
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Diode SA - Denis Hayoun
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AP ist nicht die erste Marke, die dieses Design aus den zwanziger Jahren aufgreift. Cartier hatte den Trend vor zwei Jahren mit der Tank à Guichet eingeläutet. Es folgten Modelle von Louis Vuitton und Bremont.
Anders als beim historischen Vorbild befinden sich die Fenster der Neo Frame nicht in einer ins Gehäuse integrierten Metallblende. Stattdessen besteht die Oberseite der Uhr aus einem gewölbten Saphirglas, dessen Unterseite mit Ausnahme der Sichtfenster schwarz PVD-beschichtet ist, sodass eine einheitlich polierte Oberfläche in Klavierlack-Optik entsteht. Das massive Goldgehäuse übernimmt die gerillte Oberfläche des Vorbilds aus dem hauseigenen Museum. Die Rillen helfen, das Gehäuse schlanker erscheinen zu lassen, was bei der Bauhöhe von 8,8 Millimetern Sinn ergibt. Die ungewöhnliche Dicke rührt daher, dass man auf den automatischen Aufzug des Basiskalibers 7121 nicht verzichten wollte und dieses auf der Zifferblattseite mit einem Modul für die numerische Zeitanzeige mit springender Stunde ergänzte. Damit ausgestattet nennt sich das Werk 7122.
Diode SA - Denis Hayoun
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Muskelspiel
Audemars Piguet gehört zu den Uhrenherstellern, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts einen Ruf für besonders komplizierte Uhren erarbeiteten. Zu diesem erlauchten Kreis, der von ehrgeizigen Millionären aus den USA zu Höchstleistungen angespornt wurde, gehören ferner Patek Philippe und Vacheron Constantin. Es erstaunt deshalb nicht, dass diese Tradition bei AP (wie auch bei den anderen) hochgehalten wird, und die zu diesem Zweck engagierten Spezialisten beschäftigt sein wollen.
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Bei Audemars Piguet ist einer davon Giulio Papi, dessen einst unabhängige Entwicklungsfirma Renaud & Papi seit Jahren in die Manufaktur integriert ist und in einem separaten Gebäude in Le Locle eine gewisse Narrenfreiheit bei der Entwicklung neuer Funktionen geniesst.
Der Beitrag seines Teams zum 150-Jahr-Jubiläum ist die hochkomplizierte Taschenuhr 150 Heritage, die etliche von AP patentierte Komplikationen und Innovationen in sich vereint. Sie soll zeigen, wozu man im Vallée de Joux imstande ist.
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Mit ihren rund 30 Komplikationen bricht die Uhr zwar keinen Rekord. Doch das ist laut Papi auch gar nicht das Ziel. Vielmehr arbeitet sein Team beharrlich an der Ergonomie, indem es die Bedienung einer so komplexen Mechanik möglichst narrensicher gestalten will. So lassen sich die umfangreichen Funktionen von Kalender, Schlagwerk und Stoppuhr allesamt über drei Kronen mit integrierten Drückern einstellen. Fehlmanipulationen, die bei herkömmlichen Komplikationen schnell mal zu Beschädigungen führen können, sollen laut Giulio Papi unmöglich sein.
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Als besonderes Schmankerl verfügt die Uhr in ihrem Deckel über einen von Hand bedienbaren universellen Kalender, der für die Zeitspanne von 1900 bis 2099 sämtliche gebräuchlichen Kalendersysteme in sich vereint und deren Feste und Feiertage für jedes dazwischenliegende Jahr ablesbar macht. Da dieser Kalender nicht an das Uhrwerk gekoppelt ist, kann man damit nach Belieben durch die Jahre zappen und im Handumdrehen nachsehen, welche Gestalt der Mond am eigenen Geburtsdatum hatte – und Ähnliches.
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So anachronistisch die mechanische Uhrmacherei auch anmuten mag, sie ist doch ein Handwerk, das in der heutigen digitalisierten Welt selbst junge Menschen von einer Zeit träumen lässt, in der Technik noch einigermassen durchschaubar war. Marken wie Audemars Piguet haben ihre Daseinsberechtigung nicht, weil sie notwendige Güter herstellen, sondern weil sie Träume bedienen. Damit sichern sie Arbeitsplätze und bewahren Handwerkskünste unserer Vorfahren vor dem Aussterben.