Uni-Cluster erhalten Millionen von der Pharmaindustrie
Rund 15 Millionen Franken bezahlte die Pharmaindustrie 2025 an das Umfeld der Unikliniken in Zürich, Basel, Bern und Lausanne. Der Spitzenbezüger erhielt von einem Unternehmen fast 90’000 Franken.
Oliver Distler hat einen persönlichen Sponsor. Der Zürcher Uniprofessor und Direktor der Klinik für Rheumatologie am Universitätsspital Zürich wurde im vergangenen Jahr zwar von verschiedenen Organisationen unterstützt, den mit Abstand grössten Check schickte ihm jedoch das deutsche Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim. Nicht weniger als 87’000 Franken zahlte es ihm gemäss den Daten, die das Unternehmen im Rahmen einer Branchenvereinbarung offenlegt.
Dazu kamen 9703 Franken von vier weiteren Pharmaunternehmen, die diesen Kodex unterschrieben hatten. Kein Schweizer Arzt verbuchte eine grössere Unterstützung, wie die gemeinsame Auswertung der insgesamt rund 14’000 einzelnen Zahlungen durch Handelszeitung, «Beobachter» und «Blick» ergab. Die Auswertung basiert auf nun publizierten Dokumenten, die aufzeigen, wen die Pharmaunternehmen 2025 in welchem Ausmass gesponsert haben.
Beim Spitzenbezüger legt Boehringer Ingelheim Details offen
Die hohen Zahlungen an Distler dürften Boehringer Ingelheim zu einer Massnahme bewogen haben, die es bei kaum einem anderen Empfänger gibt: In einem separaten Dokument publiziert das deutsche Pharmaunternehmen weitere Details zu seinem Engagement.
Demnach wurde Distler 2025 für Vorträge – unter anderem in Japan und Südkorea – gebucht, weshalb überdurchschnittlich hohe Reisespesen von insgesamt rund 30’000 Franken allein durch Boehringer Ingelheim vergütet wurden. Für solche «speaker activities» erhielt er zudem Honorare von insgesamt 54’000 Franken vergütet. Die Pressestelle verweist zudem darauf, dass die Zahlungen auch für Aktivitäten im Jahr 2024 geleistet worden sein können.
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Distler ist schon lange für Boehringer Ingelheim tätig. In den zehn Jahren, in denen die Zahlen publiziert werden, erhielt Distler persönlich insgesamt gut eine halbe Million Franken von der Pharmaindustrie, davon gut 300’000 Franken von Boehringer Ingelheim. Der Universitätsprofessor wollte sich auf Anfrage nicht zu seinen Pharmakooperationen äussern. Das Unispital Zürich als Arbeitgeberin hält fest, dass sämtliche Tätigkeiten bekannt, ordnungsgemäss gemeldet und bewilligt sowie mit Compliance abgestimmt waren und keine Beeinträchtigung seiner unabhängigen ärztlichen Funktion vorliege.
2025 bezahlte die Branche 234 Millionen Franken
Distler ist nur ein Beispiel von vielen. Insgesamt wurden 2025 Zahlungen an 3670 Einzelpersonen – meist Ärzte und Ärztinnen – und 1606 Organisationen deklariert, wobei das meiste Geld an Organisationen ging (siehe Grafik). 234 Millionen Franken flossen so im vergangenen Jahr in der Schweiz für Sponsoring und Kooperationen ans Gesundheitswesen oder an Fachorganisationen der Branche – rund 11 Prozent weniger als im Vorjahr.
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Der Rückgang sei vor allem bei den grossen Forschungskooperationen zu verbuchen, sagt Jürg Granwehr, der für den Branchenverband Science Industries das Transparenzprojekt betreut. Der Ärzteschaft direkt gezahlt wurden knapp 8,7 Millionen Franken – in Form von Reisespesen, Auftrittshonoraren oder bezahlten Kongressteilnahmen.
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Ein guter Teil des Geldes insbesondere für einzelne Ärztinnen und Ärzte landete im Umfeld der Universitäten und grossen Unikliniken. Das zeigt eine Auswertung der Handelszeitung, die nicht nur die Zahlungen an Organisationen wie das Unispital Zürich berücksichtigte, sondern auch Zahlungen an Einzelpersonen und weitere Organisationen, die diesen Institutionen zugeordnet werden können – wie etwa medizinisches Personal oder Branchenorganisationen mit Postadresse am gleichen Ort.
15 Millionen für Unis und Unikliniken in Zürich, Basel, Bern und Lausanne
Der Cluster Zürich kam 2025 so auf 4,9 Millionen, Basel auf 3,6 Millionen, Bern auf 3,2 Millionen und Lausanne auf 3,1 Millionen Franken. Insgesamt gingen 2025 knapp 15 Millionen Franken an diese vier Uni-Ökosysteme. Zwar floss ein grosser Teil davon direkt an die Kliniken und Universitäten. Im Fall von Zürich wurden jedoch auch Einzelpersonen mit zusammen knapp einer Million Franken unterstützt. Distler ist also in guter Gesellschaft.
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An der Spitze der Uni-Sponsoren steht das Basler Pharmaunternehmen Novartis mit insgesamt 1,7 Millionen Franken, wovon aus naheliegenden Gründen überproportional viel im Umfeld der Uni Basel landet. Auch Astra Zeneca und Novo Nordisk gehören zu jenen Pharmaunternehmen, welche die meisten Zahlungen an die Uni-Medizin leisten. Insbesondere Novo Nordisk, das in den letzten Jahren ein steiles Wachstum mit seinen «Schlankmachern» verbuchen konnte, hat sein Engagement im Universitätsumfeld ausgebaut und 2025 auf etwas mehr als eine Million Franken verdoppelt.
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Für die Universitäten sind diese Kooperationen Fluch und Segen zugleich. Segen, weil über gemeinsame Studien Wissen generiert und ausgetauscht werden kann und weil die Pharmaindustrie so Drittmittel für den Unibetrieb bereitstellt. Auch werden mit den Geldern der Industrie Fachtagungen finanziert, die sonst allenfalls nicht zustande kämen – oder deren Teilnahme die Ärzte oder deren Kliniken selbst finanzieren müssten.
Fluch sind die Gelder, weil sie ein latentes Gefühl der Käuflichkeit des universitären Betriebs und der Medizin entstehen lassen. Aus diesem Grund haben sich die im Verband Science Industries vereinten Unternehmen auch vor rund zehn Jahren dazu verpflichtet, entsprechende Zahlungen so weit wie möglich transparent zu machen – dies ist die Grundlage der jährlichen Auswertungen.
Transparenzregeln erfassen nur einen Teil
Auch die Universitäten haben Transparenzregeln erstellt und teilweise Meldeschwellen oder Obergrenzen für Dritthonorare festgelegt. Allerdings ist diese Transparenz beschränkt. So publiziert etwa das Unispital Zürich zwar Interessenbindungen seiner obersten Kaderärzte und Kaderärztinnen, listet aber jeweils nur die gerade laufenden Mandate auf. Damit lässt sich schwer feststellen, wofür beispielsweise Professor Distler das Geld im Jahr 2025 erhalten hat, wenn die entsprechenden Mandate beendet sind. Zudem verpflichtet das Unispital Zürich nur Ärzte ab Stufe Oberarzt zu dieser Transparenz, obwohl auch tieferrangiges Personal teilweise hohe Zuwendungen erhält.
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Die Organisationen haben oft keinen Gesamtblick. Die Handelszeitung bat die Universitäten Basel und Zürich beziehungsweise die angegliederten Spitäler um eine eigene Schätzung der insgesamt von der Pharmaindustrie erhaltenen Zuwendungen. Beide lassen ausrichten, dass eine solche Statistik nicht existiere.
Die Universität Zürich teilt mit, sie führe «keine separate Gesamtstatistik darüber, in welchem Umfang sie selbst und einzelne Fachpersonen finanzielle Mittel aus der Pharmaindustrie erhalten». Das habe auch damit zu tun, dass das Uni-eigene Transparenzregister keine Zuordnung nach Branchen erlaube. Das Universitätsspital Zürich konnte auf Anfrage keine Angaben zu den erhaltenen Drittmitteln machen.
Die pharmanahe Universität Basel verweist in einer Stellungnahme ebenfalls auf Abgrenzungsprobleme. Eigene Zahlen der Uni, in welche die Handelszeitung Einsicht hatte, zeigen zudem, dass neben den von der Pharmaindustrie deklarierten Zahlungen noch deutlich mehr Geld an die Universität fliesst – mutmasslich über Programme, die nicht im Rahmen des Pharmakodex offengelegt werden.
Nicht alle Ärzte willigen in die Offenlegung ein
Und so bieten die von der Industrie offengelegten Einzelangaben, die mühsam zu einer Gesamtübersicht zusammengefügt werden müssen, auch weiterhin ein unvollständiges Bild. Einerseits, weil es noch immer Ärzte gibt, die sich der Transparenz widersetzen. Zwar werden insgesamt 99,6 Prozent der Zahlungen an Ärztinnen und Ärzte namentlich offengelegt. Bei einzelnen Pharmaunternehmen ist dieser Anteil jedoch deutlich tiefer; bei Almirall etwa beträgt er 30,3 Prozent oder bei Eli Lilly 65,9 Prozent. Da fliesst ein grosser Teil des Geldes an Ärzte, die nicht dazu stehen wollen.
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Viel gravierender ist allerdings, dass ein Grossteil der 234 Millionen Franken gar nicht namentlich adressiert wird. Dabei handelt es sich um die 84,3 Millionen Franken, die die Unternehmen mit Verweis auf Betriebsgeheimnisse pauschal als Kooperationen in Forschung und Entwicklung verbuchen. Niemand weiss, welche Ärzte oder Institutionen von diesen Millionen profitieren.
Es ist zu vermuten, dass auch hier viel Geld ins Umfeld der grossen Kliniken fliesst, die sich beispielsweise an klinischen Studien beteiligen. Zwar bemüht sich der Verband, seine Mitglieder dazu zu bringen, möglichst wenige der Zuwendungen unter diesem Kapitel zu verbuchen. Der Anteil dieser Kategorie am Gesamttotal verharrt aber seit Jahren bei rund 36 Prozent.
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Die absolut wichtigsten Empfänger von Pharmageldern sind und bleiben die grossen Veranstalter von Kongressen und Organisationen, die sich der Aufklärung oder dem Marketing – je nach Betrachtungsweise – in einzelnen medizinischen Disziplinen verschrieben haben.
Seit Jahren grösster Bezüger ist die European Society for Medical Oncology (ESMO), welche einen jährlichen, europaweiten Krebskongress veranstaltet, aber hierzulande erfasst wird, weil sie ihren Sitz im Tessin hat. Weitere Spitzenbezüger waren 2025 die International Aids Society und die European Association for the Study of the Liver. Als erste und einzige Klinik erscheint das Berner Inselspital in der Top-10-Liste der Organisationen mit den höchsten Beträgen im Jahr 2025 (siehe Tabelle).
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In der Rangliste der grössten Sponsoren hat die schwedische Astra Zeneca unlängst die hiesigen Pharmaunternehmen von der Spitze der Sponsoren verdrängt. Mit zuletzt 27,4 Millionen Franken hat kein Pharmaunternehmen so viel Geld an Organisationen oder Ärzte bezahlt. Novartis (26,4 Millionen) und Roche (25,6 Millionen) landen dahinter auf den Rängen 2 und 3. Boehringer Ingelheim liegt mit 7,8 Millionen Franken auf Rang 10.
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Oliver Distler dürfte auch in der 2026er-Statistik wieder ganz oben anzutreffen sein. Das hat einen einfachen Grund: Als einer der führenden Forscher in seinem Bereich, der Rheumatologie, ist er ein gesuchter Partner der Industrie. Nicht nur bietet er sich als Betreuer für klinische Forschung an, die bei der Entwicklung von Wirkstoffen notwendig ist. Er ist auch ein Meinungsmacher in seinem Fachbereich. Empfiehlt er eine Behandlung, ist das umsatzrelevant für die Hersteller entsprechender Produkte. Ein Geben und Nehmen zwischen Industrie und Wissenschaft.
RMS
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Projekt Pharmagelder
Jedes Jahr zahlen Pharmafirmen in der Schweiz deutlich über 100 Millionen Franken an Ärzte, Ärztinnen, Organisationen und Spitäler. Mit diesem Geld laden die Unternehmen Ärztinnen und Ärzte zu Kongressen ein, bezahlen Beraterhonorare, kommen für Reisen, Übernachtungen oder Essen auf. Manche Gelder fliessen als Spenden an Spitäler und Vereine oder als Sponsorings an Apotheken. Mit anderen werden Honorare für Vorträge bezahlt. Und alljährlich veröffentlichen die Firmen diese Zahlungen gemäss dem Pharma-Kooperations-Kodex (PKK) – jedes Unternehmen für sich, teilweise unübersichtlich und schlecht strukturiert.
Pharmagelder.ch ist ein Rechercheprojekt von Ringier Medien Schweiz (RMS). Journalistinnen und Journalisten von «Beobachter», «Blick», «Sonntagsblick» und Handelszeitung strukturieren die von den Pharmaunternehmen publizierten Daten und bereiten sie so auf, dass sie unter www.pharmagelder.ch für alle Interessierten einsehbar sind.