In der Schweiz tut sich was. Die Initiative Digitalswitzerland (vormals DigitalZurich2025), gegründet von rund 30 Firmen und verschiedenen privaten, kantonalen und staatlichen Organisationen, will die digitale Transformation vorantreiben: durch Änderung der politischen Rahmenbedingungen, Weiterbildung, Unterstützung von Start-ups, Events und Erfahrungsaustausch.
Und auch die Politik hat sich endlich dem Thema Digitalisierung angenommen. Bundespräsident Johann Schneider-Ammann – mit 64 Jahren wahrlich kein Digital Native – hat es zur Chefsache erklärt. Denn die Schweiz soll bei der digitalen Transformation weltweit eine führende Rolle spielen.
Regulierung muss primär neue Ideen ermöglichen, statt bestehende Geschäftsmodelle schützen: So lautet eine Hauptforderung des «Digitalen Manifests», das in Bern von 50 selbsternannten
«Digital Shapers» und Schneider-Ammann erarbeitet wurde. Einer der «Digtal Shapers», der das Manifest mit ausgearbeitet hat, ist Franz Grüter.
Im Interview erklärt der Luzerner IT-Unternehmer, der seit 2015 für die SVP im Nationalrat sitzt, was das Manifest bewirken wird und warum es mit der Masseneinwanderungsinitiative kompatibel ist.
Franz Grüter, Sie haben mitgeholfen, das «Digitale Manifest» auszuarbeiten, in dem es unter anderem heisst: «Die Schweiz ist auf die besten Talente weltweit angewiesen.» Teilen Sie als SVP-Nationalrat diese Meinung?
Ja, absolut.
Das ist nicht kompatibel mit der Masseneinwanderungsinitiative Ihrer Partei.
Das stimmt eben nicht. Mit der aktuellen Personenfreizügigkeit kann jeder Europäer kommen, bei der weltweiten Rekrutierung sind wir aber sehr restriktiv. Wir wollen nicht alle holen, sondern nur die Besten! Dann aber auch die besten Inder, Chinesen oder Amerikaner. Dafür muss die Drittstaatenregelung gelockert werden.
Das sieht die SVP anders.
Dafür habe ich Verständnis. Doch wenn die Personenfreizügigkeit wegfällt, sollten wir die Kontingente für Drittstaaten erhöhen und so die besten Experten der Welt holen können.
Könnte Ihre Firma Green.ch ohne ausländische Spezialisten funktionieren?
Wir haben einige wenige ausländische IT-Experten, speziell aus Deutschland und Österreich. Wir schauen aber zuerst immer, ob wir nicht Leute im eigenen Land finden. Schweizer, die arbeiten wollen, sollen das dürfen.
Was halten Sie von der Forderung, der Staat solle der ETH und der EPFL über die nächsten fünf Jahre zwei Milliarden Franken für Grundlagenforschung zur Verfügung stellen?
Die Eidgenossenschaft gibt in den nächsten vier Jahren bereits über 26 Milliarden für Bildung, Forschung und Innnovation aus. Davon profitieren namentlich die Hochschulen. Das sollte genügen. Für Innovation sind gute Rahmenbedingungen wichtiger. Diese elende Arbeitszeiterfassung etwa muss weg. Aber einfach Geld vom Staat zu fordern, bringt nichts.
Wie bitte? Das sagen Sie als Vertreter der Partei der Bauern, die wie keine andere Bevölkerungsgruppe Geld vom Staat fordert?
Das ist in jedem Land der Welt so. Wenn wir einen gewissen Eigenversorgungsgrad haben wollen, muss man die Landwirtschaft unterstützen.
Was wird das Manifest bewirken?
Viele Leute haben Angst vor der Digitalisierung, fürchten um ihren Job. Die Leute, die hinter dem Manifest stehen, müssen nun Ängste abbauen, informieren, Chancen aufzeigen. Das war ein Startschuss. Dass sich die Branche jetzt so formiert, ist für die Wirtschaft enorm wichtig.
Sehen Sie in der Bildergalerie unten, eine Auswahl der wichtigsten digitalen Köpfe der Schweiz:
Zehn Köpfe in zehn Kategorien: Das sind die Digital Shapers der Schweiz – eine Auswahl.Die Disruptoren:Urs Hölzle ist nach den Gründern Larry Page und Sergey Brin der Google-Angestellte mit der drittlängsten Amtszeit. Als Technologiechef verantwortet er etwa die 15 Datencenter der Firma. Er hat dazu beigetragen, dass Zürich mit über 1800 Mitarbeitenden aus 75 Ländern zu Googles grösstem Entwicklungsstandort ausserhalb der USA wurde.Web Summit/CC/flickr RMS Die Politiker:Jacqueline Badran, SP-Nationalrätin, zählt zu den «Early Movers»: Selbst Günderin eines Start-ups setzt sie sich heute politisch für Start-ups ein. Etwa gegen das Bundesgesetz zur Besteuerung von Mitarbeiterbeteiligungen, das für Start-ups gravierende Folgen hat. Sie erhält dabei Unterstützung aus allen politischen Lagern.Keystone RMS Die Corporates:Rasoul Jalali von Uber ist manchmal nicht zu beneiden. Taxifahrer protestieren gegen seine Firma und die Suva verknurrt ihn zur Zahlung von Sozialabgaben an die Fahrer. Und in Deutschland, das Jalali neben Österreich und der Schweiz verantwortet, haben die Gerichte in einzelnen Städten Uber sogar schon den Zündschlüssel abgezogen. Die Auseinandersetzungen sind der Preis, den ein Disruptor bezahlen muss.zvg RMS Die Serientäter:Oliver Herren hat zusammen mit den Co-Gründern Florian Teuteberg und Marcel Dobler den Schweizer Onlinehandel durchgeschüttelt, erst mit dem Computerversand Digitec.ch, dann mit dem Web-Warenhaus Galaxus.ch. Jetzt will er Ähnliches in der Finanzbranche machen: mit dem Roboadvisor TrueWealth. Dabei sollen Algorithmen die Arbeit von Anlageberatern erledigen. Bei Digitec amtet Herren weiter als CIO.Hasselblad H3D RMS Die Vordenker:Dirk Helbing betreibt keine Panikmache, wenn er vor dem grössten Umbruch seit der industriellen Revolution redet. Dabei würden etwa 50 Prozent der heutigen Arbeitsplätze verloren gehen. Als Professor für Soziologie an der ETH beschäftigt er sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft – ein ungewöhnliches Forschungsfeld für jemanden, der in theoretischer Physik habilitierte.zvg RMS Die Unternehmer:Daniel Gorostidi ist Verwaltungsratspräsident, früherer CEO und Inhaber der Firma Elca. In 31 Jahren hat er den IT-Dienstleister auf über 100 Millionen Franken Umsatz und 700 Mitarbeiter gepusht. Damit hat er beweisen können, dass seine Idee funktioniert.zvg RMS Die Expats:Lea von Bidder aus Zollikon ZH hat es ins «Fortune»- Magazin geschafft. Mit ihrem Start-up Ava in San Francisco hat sie ein Armband entwickelt, das Frauen die Erfüllung ihres Babywunsches erleichtert, indem es mit Hilfe von Sensoren die fruchtbaren Tage erkennt. «Wären wir in Europa geblieben, wäre die Gefahr viel grösser, von Konkurrenten überrollt zu werden», sagt von Bidder. Dort sei auch das unternehmerische Denken viel weniger verbreitet.zvg Keystone Die Enabler:Patrick Burkhalter ist Ex-CEO und VR-Präsident von
Ergon Informatik. Den Softwaredienstleister Ergon führte er 24 Jahre lang und
setzt sich stark für die Informatikbildung der breiten Bevölkerung ein.zvg RMS Die Geldgeber:Kein Schweizer Grosskonzern mischt in der Start-up-Szene so aktiv mit wie die Swisscom. Die Suche nach digitalen Businessmodellen ist ein wichtiger Strategiepfeiler. Die Fäden laufen bei Dominique Mégret zusammen. Pro Jahr investiert die Swisscom in fünf oder sechs Firmen. Auch wenn Mégret immer wieder Schweizer mit seinem Geldsegen beglückt: Die Hälfte der bisher mehr als 80 Millionen investierten Franken ging an ausländische Start-ups.zvg RMS Die Forscher:Ohne Markus Gross wäre der erfolgreichste Film aller Zeiten, «Avatar», so nicht möglich gewesen. Gross hält über 30 Patente im Bereich Computergrafik, die für die Filmindustrie essenziell sind. Der gebürtige Saarländer ist seit 2008 CEO von Disney Research in Zürich – mit 45 Mitarbeitern einer von weltweit zwei Forschungsstandorten des Unterhaltungskonzerns.Giulia Marthaler RMS Alle 100 Köpfe finden Sie in der aktuellen Ausgabe der «Bilanz».Die 100 Digital Shapers wurden von einer hochkarätigen Jury erkoren: Stefan Arn, Fabian Hediger, Matthias Kaiserswerth, Marc Kowalsky, Ruedi Noser, Philipp Stauffer, Martin Vetterli, Marc Walder und Claude Zellweger.Mirko Noser RMS