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Verschiebung

Was sich durch den Gotthard-Basistunnel verändert

Durch den Basistunnel wird die Fahrzeit durch den Gotthard um 30 Minuten verkürzt. Und dies ist erst der Anfang. Daraus resultieren Chancen, aber auch neue Risiken und Herausforderungen.

Gabriel Knupfer

Mit dem Fahrplanwechsel am 11. Dezember wird der Gotthard-Basistunnel in Betrieb genommen. Wie er sich im Eisenbahnnetz bewährt, wird sich nun zeigen. Bereits am 1. Juni 2016 wurde der längste Eisenbahn-Tunnel der Welt feierlich eröffnet. Ein Mammutprojekt sondergleichen findet damit seinen Abschluss.
Das neue Vorzeigebauwerk der Schweiz im Überblick:
1992 gab das Schweizer Volk seine Zustimmung zur NEAT-Vorlage und machte damit auch den Weg frei für Bau des Gotthard-Basistunnel. Drei Jahre später wurde entschieden, wie die Linienführung des neuen Gotthard-Tunnels aussehen würde. Mit dem Ja der Schweiz 1998 zur LSVA und der Vorlage zur Modernisierung der Bahn war auch die Finanzierung gesichert, so dass...
... am 4. Dezember 1999 der Tessiner Regierungspräsident Marco Borradori in Faido die erste Sprengung auslösen konnte. Damit begann die 17 Jahre lange Bauzeit des Gotthard-Basistunnels.
Mit seiner Länge von 57 Kilometern ist der vollendete Gotthard-Basistunnel der längste Eisenbahntunnel der Welt. Der bisherige Rekordhalter, der Seikan-Tunnel in Japan, wird um drei Kilometer übertroffen.
Den Rekord wird das Bauwerk allerdings nicht lange halten können. Am Brenner-Basistunnel zwischen Österreich und Italien wird bereits gebaut. Am Ende wird dieser zwar nur 55 Kilometer lang werden, mit der bestehenden Umfahrung von Innsbruck zusammen, kommt er aber auf eine Länge von 64 Kilometern.library_mistress
Die Fahrt durch den Gotthard wird für Personenzüge knapp 20 Minuten dauern. Insgesamt werden Reisende dank dem neuen Tunnel zwischen Zürich und Lugano 25 Minuten Reisezeit einsparen. Ab 2020 nach Eröffnung des Ceneri-Tunnels dauert die Fahrt gar 45 Minuten weniger lang.
Die beiden einspurigen Röhren des Basistunnels sind alle 325 Meter durch Querschläge verbunden. Insgesamt beträgt die Gesamtlänge aller Röhren, inklusive Sicherheits-, Lüftungs- und Querstollen, 152 Kilometer.
Das Schema des Tunnels zeigt, welche Gipfel der neue Tunnel unterquert. Die maximale Felsüberdeckung beträgt 2300 Meter. Der Scheitelpunkt des Tunnels liegt bei 550 Meter über Meer, damit...
... weist er praktisch keine Steigung auf. Die Personenzüge können schneller fahren als heute und Güterzüge brauchen weniger Lokomotiven. Die Strecke zwischen Altdorf (UR) im Norden und Bellinzona (TI) im Süden verkürzt sich zudem um 30 Kilometer.
In Spitzenzeiten waren rund 2400 Arbeiter mit dem Bau des Tunnels beschäftigt. In drei Schichten wurde rund um die Uhr und an verschiedenen Abschnitten gebaut.
Teilweise betrugen die Temperaturen im Berg bis zu 50 Grad. Neun Menschen verloren bei den Arbeiten ihr Leben.
Die Tunnelbohrmaschine mass 410 Meter, war also so lang wie vier aneinandergereihte Fussballfelder.
Insgesamt wurden 28,2 Millionen Tonnen Material aus dem neugebauten Basistunnel befördert und damit ein künstlicher Hügel aufgeschüttet. Im Urnersee entstand ein kleines Insel-Archipel mit drei Naturschutz- und drei Badeinseln.
Die Kosten für den Gotthard-Basistunnel betragen 12,2 Milliarden Franken. Die gesamte NEAT, inklusive der Lötschberg- und Ceneri-Basistunnels, kommt auf Gesamtkosten von gut 23 Milliarden Franken.
Nach Inbetriebnahme werden pro Tag bis zu 260 Güterzüge sowie 65 Personenzüge den Tunnel befahren können. Während die Güterzüge nach Fahrplan mit 100 Kilometern pro Stunde unterwegs sein werden (Maximum: 160 Kilometer pro Stunde), werden Personenzüge mit einer Geschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde ins Tessin oder zurück brausen (Maximum: 250 Kilometer pro Stunde).
Bevor der Gotthard-Basistunnel Passagier-bereit ist, wurden bis Ende Mai 2016 insgesamt 5000 Testfahrten durchgeführt. Getestet wurden...
... mittels Übungen auch die Sicherheitskonzepte.SBB/Glan Valti
Am 4. und 5. Juni 2016 eröffnete der Gotthard-Basistunnel mit einem Volksfest. Wer die Chance nicht gepackt hat und bei einer der Erstfahrten dabei war,...
... muss sich bis zum Fahrplanwechsel und zur fahrplanmässigen Eröffnung im Dezember gedulden.
Die Crème de la Crème der europäischen Nachbarschaft war an der Eröffnung anwesend. Angela Merkel, Matteo Renzi und François Hollande gaben Bundesrat Johann Schneider-Ammann die Ehre.
Der Bundespräsident zerschnitt an der Seite von Verkehrsministerin Doris Leuthard und SBB-Chef Andreas Meyer das traditionelle Band.Bilder: Keystone/ Quelle: Gottardo 2016
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RMS

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Der 11. Dezember 2016 wird als grosser Tag für die Zugreisenden in die Geschichte eingehen. Mit der Inbetriebnahme der Neat auf der Gotthardstrecke rücken das Tessin und Norditalien näher an die Deutschschweiz und insbesondere den Grossraum Zürich. Durch den Basistunnel wird die Fahrzeit durch den Gotthard um 30 Minuten verkürzt. Und dies ist erst der Anfang.

Dank weiteren Projekten auf der Nord-Süd-Achse soll die Fahrt von Zürich nach Mailand ab 2019 weniger als drei Stunden dauern. Das ist in erster Linie gut für die Reisenden. Besonders Tages- und Wochenendtouristen, Geschäftsreisende, Pendler und Bildungsreisende dürften profitieren, so eine Studie des Beratungsunternehmens Ecoplan. Daraus resultieren Chancen für die Gebiete im Gotthardkorridor – aber auch neue Risiken und Herausforderungen.

Für Ecoplan ist klar, dass Firmen und Privatpersonen auf die neuen Bedingungen reagieren werden. Damit stehen auch Wirtschaft und Gesellschaft der verschiedenen Räume auf der Nord Süd-Achse vor grossen Veränderungen. Das sind die wichtigsten Prognosen:



Bessere Erreichbarkeit aber höhere Anforderungen

Das primäre Ziel des Gotthard-Basistunnels ist die bessere Erreichbarkeit der Zentren mit Neat-Anschluss. Geschäfts- und Bildungsreisen werden schneller – Zürich, Lugano und Mailand rücken zusammen.

Dennoch bleibt das Gotthardmassiv eine Barriere zwischen Norden und Süden. Die Reisezeitgewinne werden durch die fehlende Anbindung vieler Ortschaften an die Neat zunichte gemacht. Der regionale und lokale ÖV muss sich an die neuen Bedingungen anpassen, was teilweise schwierig umzusetzen ist.

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Verschiebung vom Mehrtages- zum Tagestourismus

Für Reisende mit wenig Gepäck wird der Trip in den Süden attraktiver. So werden wegen der Zeitersparnis Tagesausflüge – beispielsweise von Zürich nach Mailand – zu einer echten Alternative zum Mehrtagestourismus.

Einerseits dürfte der Tourismus durch die neue Nähe zunehmen. Andererseits bedeutet die Hin- und Rückfahrt am selben Tag auch das Wegfallen der lukrativen Übernachtung. Zudem steigt die Chance, dass Reisende aus der Deutschschweiz direkt nach Mailand fahren, anstatt einen Zwischenhalt im Tessin einzulegen. Auch Uri droht die Entwicklung zum «Transitkanton».

Grössere Einzugsgebiete und mehr Standortkonkurrenz

Der effizientere Geschäftsreiseverkehr vergrössert das Einzugsgebiet der Firmen im Gotthard-Korridor. Kontakte zu Zulieferern oder Kunden auf der anderen Seite des Gebirges werden einfacher. Mit Zürich und der Lombardei werden zudem zwei grosse Fachkräftepools zusammengeschlossen.

Der Wegfall der physischen Barriere des Gotthards ändert indes nichts an der sprachlichen Barriere. Und auch ein echtes Zusammenwachsen hätte nicht nur positive Folgen. Durch die neue Nähe könnte die Konkurrenz zwischen Mailand, Lugano und Zürich im Finanz- und Bildungssektor zunehmen. Firmen dürften aus den ländlichen Regionen in diese drei Agglomerationen einwandern.

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Verdichtung in den Städten, Überalterung im ländlichen Raum

Die verbesserte Erreichbarkeit gilt wie erwähnt vor allem für die Städte. Diese werden auch als Wohnorte attraktiver, die Zersiedelung des Raumes nimmt durch Verdichtung in den Agglomerationen ab.

Die negativen Effekte der Konzentration sind schwer abschätzbar. Durch die Zentralisierung könnte der Druck auf den Wohnungsmarkt zunehmen. Durch Stadtflucht droht schlimmstenfalls eine verstärkte Überalterung und Entleerung des ländlichen Raums.

Jahrhundertprojekt ist ein Experiment

Wie jedes grosse Infrastrukturprojekt hat auch die Neat auf der Gotthard-Achse zahlreiche wirtschaftliche und soziale Auswirkungen, die sich teilweise erst in vielen Jahren voll entfalten werden. Damit bleibt glücklicherweise noch Zeit, die Risiken abzuwägen und problematische Entwicklungen aufzufangen.
Über die Autoren
Gabriel Knupfer
Gabriel Knupfer
Gabriel Knupfer ist Redaktor Wirtschaft-Desk RMS für Blick und die Handelszeitung, für die er seit zehn Jahren arbeitet.

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