Die Automobilindustrie ist im Wandel, Verkaufszahlen sinken, und die Modelle von Fiat Chrysler - kurz FCA - sind nicht mehr auf dem neuesten Stand. FCA baut serienmรคssig bisher weder Elektroautos noch Hybrid-Modelle, und dass eines seiner fรผhrenden Modelle, der Fiat 500 City Car, das erste Mal vom Band rollte, ist nun auch schon zwรถlf Jahre her.
ยซDie FCA-Gruppe hat sich finanziell stabilisiert. Trotzdem ist FCA immer noch ein zweitrangiger Autobauerยป, sagt der Direktor des Instituts fรผr Automobilwirtschaft (IFA) im baden-wรผrttembergischen Geislingen, Stefan Reindl. Als Hauptprobleme des Autoherstellers sieht er dessen begrenztes Verkaufsvolumen, eine fehlende Globalisierungsstrategie sowie sein Zaudern bei neuen Technologien.
Zusammenarbeit mit Google-Schwesterfirma Waymo
Doch Fiat Chrysler bemรผht sich, den Rรผckstand aufzuholen: Vergangene Woche begann die Firma, ihr historisches Mirafiori-Werk in Turin fรผr die Herstellung eines Fiat-500-E-Autos auszurรผsten. Bei fahrerlosen Wagen arbeitet FCA mit der Google-Schwesterfirma Waymo zusammen.
Weltweit verkauft FCA weniger als 5 Millionen Autos pro Jahr. Dank einer starken Nachfrage nach seinen Jeep-Gelรคndefahrzeugen und Ram-Pick-ups stammen mehr als 90 Prozent seines Gewinns aus dem Nordamerika-Geschรคft. In China, dem grรถssten Automarkt weltweit, ist FCA dagegen so gut wie gar nicht prรคsent. In Europa schwรคchelt das Geschรคft, und seine sagenumwobene Marke Alfa Romeo hat das Unternehmen bisher nicht sichtbar wiederbeleben kรถnnen.
Im ersten Halbjahr 2019 fielen die Verkaufszahlen von Alfa Romeo in Europa um mehr als 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Marke Fiat, die weitgehend von ihrem Kult-Modell 500 abhรคngt, verkaufte 10 Prozent weniger. ยซMeiner Meinung nach kรถnnen sie nicht lange so weitermachenยป, sagt der Mailรคnder Zeithistoriker und ehemalige Direktor des Fiat-Archivs Giuseppe Berta.
Gewaltiges Erbe
Als Chef von Fiat (ab 2004) und Chrysler (ab 2009) belebte Marchionne zwei ehemalige Problemfรคlle neu und fรผhrte sie als FCA zu einem globalen Unternehmen zusammen. Wichtiger als Investitionen in neue Modelle waren ihm dabei seine beiden Hauptziele: die Schulden von FCA loszuwerden und einen neuen Fusionspartner zu finden. Sein erstes Ziel hatte er erreicht, nicht aber das zweite.
Bei einem inzwischen legendรคren Vortrag aus dem Jahr 2015 mit dem Titel ยซConfessions of a Capital Junkieยป (etwa ยซBekenntnisse eines Kapitalsรผchtigenยป), hatte Marchionne beklagt, dass Autobauer zuviel Geld in Forschung und Entwicklung steckten. Er forderte, dass Unternehmen fusionieren mรผssten, um durch Massenproduktion wirtschaftlicher zu werden und ihre Profite zu verbessern.
Fiat braucht eine Fusion
Laut dem Fiat-Historiker Berta ist eine Fusion oder eine Allianz mit einem anderen Autobauer der einzige Weg fรผr FCA, um die dringend notwendigen Ressourcen zur Entwicklung neuer Technologien und Produkte aufzubringen. Andernfalls mรผssten die Aktionรคre - einschliesslich der Fiat-Grรผnderfamilie Agnelli - die Investitionen selbst finanzieren. Bisher seien sie dazu nicht bereit gewesen, sagt Berta. Als FCA im vergangenen Mai mit dem Verkauf seiner Tochterfirma Magneti Marelli rund zwei Millionen Euro verdiente, wurde der Erlรถs aus dem Autoteile-Zulieferer als Dividende an die Aktionรคre verteilt, statt sie in Forschung und Entwicklung zu investieren.
ยซUm eine Metapher zu benutzen: FCA ist wie ein Auto, das sehr schnell fahren kรถnnte, aber nicht genug Benzin hatยป, sagt der Autoindustrie-Experte Francesco Zirpoli von der Universitรคt Ca' Foscari in Venedig.
Auch wenn noch nicht klar ist, wer als nรคchster potenzieller Partner fรผr eine Fusion mit FCA in Frage kommen kรถnnte - einige Experten sind der Meinung, dass eine Zusammenarbeit mit einem Autobauer aus China dem Unternehmen helfen kรถnnte, endlich auch auf dem chinesischen Markt Fuss zu fassen. In jedem Fall muss FCA sich in einem schwierigen Umfeld behaupten.
Mit strengeren Emissions-Standards, dem Einzug selbstfahrender und elektrisch betriebener Autos, der Ausbreitung von Car-Sharing und dem Trend weg vom eigenen Auto komme einiges auf die Branche zu, sagt Zirpoli. Sein Kollege Ferdinand Dudenhรถffer an der Universitรคt Duisburg-Essen sieht das รคhnlich: ยซDie nรคchsten fรผnf bis zehn Jahre werden die schwerste Zeit seit der Erfindung des Autos werdenยป, sagt der Grรผnder und Direktor des Centers Automotive Research. ยซEntweder man fusioniert oder kooperiert, oder man verlรคsst den Automarkt.ยป