Jahrelang kannte Rainer E. Gut nur den Erfolg. 1977 in der Folge des Chiasso-Skandals an die Spitze der SKA gekommen, gelang es ihm, die Trรผmmer der Krise zu beseitigen und in den Achtzigern Jahr fรผr Jahr den Gewinn der Bank zu steigern. Kaum etwas konnte das unternehmerische Glรผck des Bankiers trรผben.
Bis das verflixte Jahr 1990 kam. Es sollte nicht nur zum schwierigsten Jahr der Karriere von Rainer E. Gut werden, sondern ihn auch in finanzielle Zwรคnge bringen, aus denen er sich nie mehr ganz zu befreien vermochte.
Die dramatischen Ereignisse jenes Jahres beginnen im Februar mit einer veritablen Krise. An der Wall Street kursieren seit Tagen Gerรผchte, dass der Credit Suisse First Boston das Geld ausgehen kรถnnte, weil sich die Trader mit Junk-Bonds und Risikokrediten verspekuliert hรคtten. Das ist auch Gesprรคchsthema, als am 23. Februar 1990, einem kalten Freitag in New York, der CS-First-Boston-Verwaltungsrat zusammentritt. Die fรผnf Mรคnner treffen nach und nach ein; einer von ihnen ist Rainer E. Gut, Prรคsident der CS First Boston.
Kurz zuvor ist Konkurrent Drexel Burnham Lambert in einer der spektakulรคrsten Pleiten der amerikanischen Wirtschaftgeschichte zusammengebrochen. Die Frage fรผr Rainer E. Gut ist nun: Besteht die Gefahr, dass auch First Boston implodieren kรถnnte? Schliesslich ist der amerikanische Arm der CS First Boston hinter Drexel der fรผnftgrรถsste Player im Geschรคft mit Junk-Bonds, den hochverzinslichen Billiganleihen, mit denen vor allem รbernahmen finanziert werden.
Rainer E. Gut weiss, was auf dem Spiel steht. Seine CS Holding besitzt seit knapp zwei Jahren 44,5 Prozent an der CS First Boston. Ein Zusammenbruch der amerikanischen Investment-Bank wรผrde die Schweizer Grossbank nicht nur Hunderte von Millionen kosten. Bei einem Crash wรคre Rainer E. Gut auch mit seiner Strategie im globalen Investment-Banking gescheitert โ eine ungemรผtliche Vorstellung fรผr den Mann, der die Zusammenarbeit mit First Boston seit รผber zehn Jahren persรถnlich vorantreibt und sich als der Architekt eines komplizierten Beteiligungsgeflechts zwischen der Schweizer Credit Suisse und der US-Bank sieht.
Hitzig ist die Diskussion im Board-Room an diesem Freitag. Die Frage ist: Wie ernst ist die Lage, und kann die Bank die hartnรคckig kursierenden Gerรผchte widerlegen? Nach Stunden formulieren die Verwaltungsrรคte eine Mitteilung, die Ruhe ins Haus bringen soll. Darin heisst es: Der Vorstand der CS First Boston teile mit den Mitarbeitern ยซdie Frustration รผber die Flut unbegrรผndeter Gerรผchteยป und versichere, dass das Unternehmen sich in einer ยซgesunden Finanzlageยป befinde. Untermauert wird die Argumentation mit einigen Kennzahlen. Unterzeichnet wird das Dokument von Rainer E. Gut. Die Verwaltungsratskollegen sind sich bewusst, dass die Unterschrift des Schweizer Bankiers und die Finanzkraft, die er vertritt, Vertrauen schaffen โ mehr noch als die erstmals publizierten Zahlen, die sich bald als zu optimistisch herausstellen sollten. Rainer E. Gut jedoch ist gar nicht begeistert, dass seine Person derart in den Vordergrund gedrรคngt wird. Der Prรคsident ist hochgradig verschnupft, dass er mit seinem Namen gewissermassen eine Bรผrgschaft abgeben muss. Der Ernst der Lage lรคsst dem Schweizer jedoch keine andere Wahl.
Die Situation ist in der Tat wenig erfreulich: Die CS First Boston sitzt auf wackligen Krediten von รผber einer Milliarde Dollar gegenรผber Kunden, die nahe an der Pleite agieren. So hat die Bank den Angriff des kanadischen Investors Robert Campeau auf die Firma Federated Department Stores finanziert, eine Kaufhausgruppe, der unter anderem klingende Namen wie Bloomingdaleโs oder Macyโs angehรถren. Kurz danach ging der Kanadier Bankrott.
First Boston wurde in den Achtzigerjahren unter den Wall-Street-Legenden Bruce Wasserstein und Joe Perella zur bestimmenden Kraft im Geschรคft mit Firmenรผbernahmen und Fusionen. Spรคter finanzierte CS First Boston mehr und mehr riskante Geschรคfte, etwa die รbernahme der Restaurantkette Jerrico oder den รbernahmekampf um den Matratzenhersteller Ohio Mattress, eine Transaktion, die als der ยซbrennende Bett-Dealยป in die Geschichte der Wall Street einging.
Diese Geschรคfte, wie viele andere auch, sind Junk-Bond-finanziert. Als diese Bonds keine Kรคufer mehr finden, offeriert First Boston รberbrรผckungskredite (ยซbridge loansยป), um Geschรคfte dieser Art dennoch finanzieren zu kรถnnen. Alle diese Deals machen die Amerikaner, ohne den Grossaktionรคr CS zu konsultieren.
Als Rainer E. Gut Ende Februar 1990 die Problematik mit seinen Verwaltungsrรคten diskutiert, gibt sich das Gremium dennoch optimistisch: Von 1,2 Milliarden Dollar an รberbrรผckungskrediten seien nur gerade die 257 Millionen an Campeau und seine Kaufhรคuser notleidend, betont Gut in der Mitteilung. Diese Aussage findet Echo in den Medien, und die Situation beruhigt sich etwas. Doch die Skepsis bleibt. Vor allem bei den Mitarbeitern der CS First Boston.
Die Gerรผchtekรผche brodelt erneut, als im Mรคrz 1990 zum zweiten Mal eine hochkarรคtige Delegation von CS First Boston im Board-Room zusammentritt. Diesmal sind es die neun Mitglieder der obersten Geschรคftsleitung. Thema des Meetings: der 257 Millionen Dollar teure Kredit an Kaufhauskรถnig Campeau.
Nun steht William Mayer im Zentrum des Interesses. Der CEO von First Boston hat im Januar auf Grund der Krise der Bank seinen Posten rรคumen mรผssen und ist jetzt Chef einer Arbeitsgruppe, die sich um die wackligen ยซbridge loansยป zu kรผmmern hat. Mayer ist aufgerรคumter Stimmung. Er erwarte dieses Jahr einen guten Weihnachtsverkauf und sei optimistisch. Nach diesen Worten Mayers herrscht Stille im Raum. Es ist Mรคrz, und Mayer spricht รผber Weihnachtsverkรคufe! Das Schicksal der gloriosen Investment-Bank First Boston soll davon abhรคngen, ob die New-Yorker Damen beim Christmas-Shopping bei Bloomingdaleโs oder Macyโs in guter Kaufstimmung sind? Es braucht eine gute Portion Fantasie, um das zu glauben. Dagegen sprechen schon allein die harten Fakten: Die US-Wirtschaft steht am Rande einer Rezession. Als kurze Zeit spรคter, im August 1990, der irakische Diktator Saddam Hussein den Nachbarstaat Kuwait รผberfรคllt, ist die Konsumentenstimmung vollends am Boden.
Nach diesem denkwรผrdigen Auftritt Mayers ist allen klar, dass die Probleme der CS First Boston nicht nach dem Prinzip Hoffnung lรถsbar sind. Es ist Rainer E. Gut, der nun das Heft in Hand nimmt und nach einem Weg sucht, das Problem der Investment-Tochter im Sinne der CS Holding in den Griff zu bekommen. Es jagen sich die Meetings in New York, London, Zรผrich und selbst im sรผdlichen Spanien, wo Rainer E. Gut unter normalen Umstรคnden hรถchstens Golf zu spielen pflegt.
Das Motto, unter dem Gut diese Meetings fรผhrt, lautet: Krise als Chance. Gut sucht den Befreiungsschlag aus der dramatischen Situation. Wenn die CS schon nicht darum herumkommen wird, Geld fรผr die CS First Boston in die Hand zu nehmen, wollen die Schweizer wenigstens etwas zu sagen haben. Der Bankier mit dem Instinkt fรผr den schnellen Schachzug erkennt, dass ihm die Schwรคche der First Boston die Chance zu einem einzigartigen Deal erรถffnet: die mehrheitliche รbernahme einer US-Investment-Bank durch seine CS Holding. Es wรคre das erste Mal รผberhaupt, dass ein europรคisches Bankeninstitut sich eine US-Investment-Bank einverleiben kรถnnte. Eine solche รbernahme widerspricht zwar dem Prinzip, das die Trennung von Kommerzbankgeschรคft und Investment-Banking vorschreibt โ der so genannten ยซGlass Steagall Actยป, die von den US-Aufsichtsbehรถrden nach dem Bรถrsencrash von 1929 verabschiedet wurde.
Rainer E. Gut versucht nun, dieses Gesetzeswerk zu umdribbeln. Zusammen mit Peter Kรผpfer, dem diplomierten Treuhรคnder in den Diensten der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA), einem seiner engsten Mitarbeiter, jettet er in diesen Monaten wiederholt รผber den Atlantik nach New York zu Gesprรคchen mit den Verantwortlichen des Federal Reserve Board (Fed), der US-Notenbank. Gut will den Amerikanern klar machen, dass die CS Holding weit und breit die einzige Aktionรคrin ist, die der First Boston die รผberlebensnotwendige Kapitalspritze zur Verfรผgung stellen kann. Aber Rainer E. Gut will eine Gegenleistung: die Zustimmung des Fed, die Kontrolle รผber die First Boston ausรผben zu dรผrfen.
Das Fed ringt um einen Entscheid, beugt sich aber schliesslich dem Sachzwang. Am 7. November 1990, einem Mittwoch, hat Gut die Bewilligung der US-Notenbank in seinen Hรคnden. Er weiss: Damit ist die wichtigste Hรผrde genommen. Die First Boston hat nun, da selbst das Fed grรผnes Licht gegeben hat, keine andere Wahl, als die rettende Hand von Gut zu ergreifen.
Inzwischen ist auch offensichtlich, dass Campeau mitnichten der einzige Problemfall der First Boston ist. Die Bank steckt bis zum Hals im Kredit- und Junk-Bond-Sumpf und braucht dringend Geld. Viel Geld. Das wird deutlich, als die Aktionรคre kurz danach, am 10. Dezember 1990, ein milliardenschweres Restrukturierungsprogramm bewilligen mรผssen. Insgesamt macht die CS Holding รผber zwei Milliarden Franken locker: 300 Millionen Dollar in Form von Kapitalzuflรผssen, weitere knapp 1,2 Milliarden Dollar durch die รbernahme aller notleidenden รberbrรผckungskredite sowie der Junk-Bonds, fรผr die eine Auffanggesellschaft gegrรผndet wird.
Doch die Bรถrse beurteilt die Angelegenheit weniger optimistisch. Ende 1990 erreicht der Aktienkurs der CS Holding einen neuen Tiefststand. Der Kurs halbiert sich von รผber 100 Franken Mitte 1989 auf noch knapp 50 Franken im Dezember 1990. Doch Gut selber ist zufrieden. Ihm ist mit der mehrheitlichen รbernahme der CS First Boston โ die CS Holding besitzt nun 64,2 Prozent des Kapitals โ ein strategischer Quantensprung gelungen. Mehr noch: Rainer E. Gut hat damit ein wichtiges Versprechen eingelรถst. 1972 gab der damalige Prรคsident der Generaldirektion der SKA, Eberhard Reinhardt, dem soeben von Lazard Frรจres zur Schweizer Grossbank gestossenen jungen Banker Rainer E. Gut den Auftrag: ยซPut Credit Suisse on the map in international business.ยป Genau dies hat Gut nun erreicht. Die Schweizerische Kreditanstalt, die Bank fรผr den Zรผrcher Industrieadel, die Bank der Protestanten und die zweitรคlteste Grossbank der Schweiz, hat die Fesseln der engen Schweiz endgรผltig gesprengt und sich im modernen Investment-Banking in den USA verankert.
Die รbernahme der CS First Boston markiert den Endpunkt einer jahrelangen Entwicklung. Ausgangspunkt ist eine auf die Sechzigerjahre zurรผckgehende Partnerschaft der SKA mit der US-Investment-Bank White Weld New York. 1962 รผbernimmt die SKA die Zรผrcher Private-Banking-Dรฉpendance von White Weld. Die Amerikaner schlagen den Schweizern vor, den bisherigen Namen White Weld Zรผrich durch Clariden Finanz zu ersetzen. In der Folge vertieft sich die Zusammenarbeit. Als Clariden Finanz 1965 mehr Kapital braucht, wenden sich die Amerikaner einmal mehr an die SKA. Im Gegenzug gewรคhren sie den Schweizern eine Minderheitsbeteiligung am europรคischen Arm der White Weld. Der Anteil der Schweizer wรคchst bis 1974 auf 19,9 Prozent an.
Im gleichen Jahr รผbernimmt Rainer E. Gut innerhalb der SKA das Dossier ยซWhite Weldยป. Gut ist Anfang der Siebzigerjahre stellvertretender Generaldirektor und zustรคndig fรผr das Bรถrsen- und Wertpapiergeschรคft der Bank. Es ist die Zeit, in der ein Markt an Bedeutung gewinnt, der fรผr die Finanzwelt zu einer sprudelnden Geldquelle werden sollte: der Euro-Bond-Markt, das Geschรคft mit den Papieren europรคischer Schuldner. Und White Weld ist in dieser Welt der Bonds und Emissionen schon frรผh bestens positioniert.
Angesichts der sich abzeichnenden Geschรคftschancen reicht Rainer E. Gut ein knapp zwanzigprozentiger Anteil am White Weld Trust nicht. Er will mehr. In dieser Zeit setzt er sich mit Robert L. Genillard, Partner bei White Weld, in Verbindung. Genillard โ auch er ein Schweizer โ und Gut treffen sich in Genf. Beim Meeting fรคllt Gut mit der Tรผr ins Haus. 19,9 Prozent am White Weld Trust seien entweder zu wenig oder zu viel, lรคsst er Genillard wissen. Er wolle eine bestimmende Minderheitsbeteiligung, sonst mache die Sache wenig Sinn fรผr die SKA. Die Banker finden schnell eine gemeinsame Sprache. Bereits kurze Zeit spรคter stockt die SKA ihren Anteil von 19,9 auf 40,9 Prozent auf. Rainer E. Gut stellt eine Bedingung fรผr dieses Investment: Die Credit Suisse muss in der Firmenbezeichnung des Gemeinschaftsunternehmens an erster Stelle stehen.
Diese Beteiligung erweist sich als guter Schachzug. Mit der 40-Prozent-Beteiligung hat sich Rainer E. Gut in eine Gesellschaft eingekauft, die fortan den lukrativen Euro-Bond-Markt an vordersten Front mitprรคgen wird. In den kommenden Jahren hebt das Geschรคft mit den Emissionen europรคischer Schuldner so richtig ab.
Und Robert Genillard wird รผber die Jahre zu einem engen Vertrauten, ja zu einem persรถnlichen Freund von Rainer E. Gut. Genillard gehรถrt zu jenem handverlesenen Kreis von Mitstreitern, die Gut in praktisch alle wichtigen unternehmerischen Entscheide einbezieht. Zu diesen engs-ten Vertrauten gehรถren auch Leute wie der langjรคhrige Nestlรฉ-Chef Helmut Maucher oder der Roche- und ยซZรผrichยป-Prรคsident Fritz Gerber. Genillard, neben Gut der einzige Banker in diesem Mรคnnerbund, hat eine einzigartige Stellung inne: Mit ihm kann sich Gut fachlich auf hรถchstem Niveau austauschen. Er wird spรคter auch Vizeprรคsident des Verwaltungsrats der Credit Suisse Group (CSG).
Jahrelang verdienen beide Seiten gutes Geld im Euro-Bond-Markt; die starke Marktstellung der Credit Suisse White Weld sticht auch dem grรถssten US-Brokerage-Haus, Merrill Lynch, ins Auge. Die Broker wollen verstรคrkt ins Investment-Banking einsteigen und lancieren ein attraktives Kaufangebot. Die Fusionsverhandlungen fรผhren schliesslich zum Schulterschluss beider US-Banken.
Beim Kauf von White Weld ist Merrill Lynch im Glauben, auch deren Anteil am erfolgreichen europรคischen Arm, der Credit Suisse White Weld, zu erwerben. Ein Irrglaube. Gut-Intimus Robert Genillard hat nรคmlich in kluger Voraussicht fรผr das CS-White-Weld-Management ein Vorkaufsrecht fรผr den Fall eines Besitzerwechsels eingebaut. Als Don Regan, Chairman von Merrill Lynch, beim vermeintlichen Partner CS anruft und Gut mit den Worten ยซWelcome in the Merrill Lynch familyยป begrรผsst, lรคsst der Schweizer den Amerikaner hรถflich, aber bestimmt abblitzen. Drei Wochen hat das Management nun Zeit, diese Option auszuรผben. รber 40 Millionen Franken dรผrfte das 31-Prozent-Paket kosten โ Geld, รผber das die White-Weld-Manager nicht verfรผgen. Es ist Rainer E. Gut, der in die Bresche springt und diese Aktien vorerst einmal รผbernimmt.
Fรผr Gut stellt sich nun die Frage, was mit dem Aktienpaket langfristig geschehen soll, mehr noch: Der Schweizer Bankier muss nun einen Weg finden, wie er die Credit Suisse im amerikanischen Investment-Banking weiter verankern kann. Es ist der Moment, in dem die First Boston, eine der fรผnf grรถssten US-Investment-Banken, auf dem Radar des Rainer E. Gut aufscheint. Nun macht er den ersten einer ganzen Reihe von Schachzรผgen. Und nur wenige Monate spรคter hat er die Schweizer Grossbank mit First Boston verbandelt.
Dabei legt sich Gut mit wichtigen Widersachern an: mit Managern der CS White Weld, die von einem Zusammengehen mit First Boston gar nichts halten. Sir John Craven etwa, CEO der CS White Weld in London, angesehener Banker und einer der Pioniere am Euro-Bond-Markt (er steigt spรคter in den Vorstand der Deutschen Bank auf). Oder John F. Cattier, Verwaltungsratsprรคsident der CS White Weld, ein Mann mit viel Gespรผr fรผr kommende Trends โ er hatte mit Goldoptionen Mitte der Siebzigerjahre ein neues Produkt kreiert, das CS White Weld viel Geld in die Kassen spรผlte.
Im Frรผhling 1978 erhรคlt Gut ein Schreiben seiner Kontrahenten Craven und Cattier. In bestimmtem Ton weisen die beiden Manager Gut darauf hin, dass ihre Firma keinesfalls zum verlรคngerten Arm eines Schweizer Bankkonglomerats oder einer US-Investment-Bank werden darf. Unternehmerischer Freiraum, lassen die CS-White-Weld-Manager Gut wissen, sei eine Bedingung, um auch in Zukunft erfolgreich geschรคften zu kรถnnen. Gut muss das Schreiben als wenig kooperativ empfinden.
Auch wird klar, dass in der gesetzten Frist keine definitive Lรถsung fรผr das Aktienpaket gefunden werden kann. Rainer E. Gut bietet dem Management an, dass die SKA die Option ausรผben und das Paket vorรผbergehend รผbernehmen solle. 47,5 Millionen Franken legt Gut schliesslich auf den Tisch, Geld, welches das Management selber nicht aufzubringen im Stande ist.
Craven und Cattier wissen sehr wohl um den Auftrag, den Rainer Gut seinerzeit gefasst hat: die SKA zu einer Top-Adresse im US-Investment-Banking zu machen. Sie sind auch Profis genug zu erkennen, dass Gut die Chance wittert, eine Geschรคftsverbindung zu einer Investment-Bank aus der ยซbulge bracketยป aufzugleisen โ so nennt man die Gruppe der fรผnf grossen Investment-Hรคuser Merrill Lynch, Morgan Stanley, Salomon Brothers, Goldman Sachs und First Boston. Diese Banken vereinigen rund achtzig Prozent aller Deals im Investment-Banking auf sich. Doch Craven und Cattier wollen nicht zum verlรคngerten Arm einer Grossbank werden. Sie bevorzugen kleine, aber feine Investment-Banken, wie Dillon Read eine ist. Im Frรผhsommer 1978 sprechen sie bei deren Chef Nick Brady vor.
Was die beiden Topmanager nicht wissen: Inzwischen macht Gut mit einem der Ihrigen gemeinsame Sache โ einem Mann namens Michael von Clemm, Vize der Geschรคftsleitung der CS White Weld. Von Clemm ist es auch, der den ersten Kontakt zur First Boston herstellt. Er kennt deren Topmann Jack Hennessy persรถnlich, und er berichtet Gut, da bahne sich mรถglicherweise ein lukrativer Deal an. Damit ist First Boston im Spiel.
Das Management von CS White Weld wird umgehend darรผber informiert, dass eine Zusammenarbeit mit First Boston nun eingehend geprรผft werde. Zur selben Zeit gibt Gut Craven sein Wort, dass bis nach den Sommerferien mit dem Aktienpaket nichts Definitives geschehen soll. Diese Zeit solle genutzt werden, um grundsรคtzlich zu evaluieren, in wessen Hรคnde die Titel schliesslich kommen sollten.
Es ist Hochsommer 1978, als im spanischen Feriendomizil von Craven das Telefon klingelt. Am Apparat meldet sich Cattier. Der Prรคsident der CS White Weld fordert seinen Kollegen Craven auf, sich wegen einer dringlichen Angelegenheit umgehend in New York einzufinden. Dieser steigt sofort in ein Flugzeug. In New York wartet hoher Besuch auf ihn: Rainer E. Gut erรถffnet dem verdutzten Craven, der neue Partner der CS White Weld sei definitiv bestimmt. First Boston. Craven ist empรถrt. Er erinnert den Schweizer an sein Versprechen, mit einem Entscheid bis zum September zuzuwarten. Doch Rainer E. Gut will von einer derartigen Abmachung nichts mehr wissen. Und fรผr langatmige Diskussionen ist ohnehin keine Zeit: Die Vertrรคge mit First Boston mรผssen umgehend unterzeichnet werden. In einer Limousine fahren die Bankiers zum Hauptsitz der First Boston. Die Atmosphรคre im Wagen ist eisig. Einen derartigen Entscheid fรคlle Gut also, ohne ihn zu konsultieren, beklagt sich Craven beim Schweizer. Gut erwidert trocken, dass er ihn soeben konsultiert habe. Und Cattier hat mit seiner Einschรคtzung wohl Recht. ยซWas du planst, ist vielleicht gut fรผr die Credit Suisseยป, meint er, ยซaber nicht fรผr uns.ยป
Am 26. Juli 1978 wird der Vertrag mit First Boston unterschrieben, einen Monat spรคter tritt er in Kraft. Die รผbergangenen Topmanager handeln konsequent: Craven kรผndigt, auch Cattier kehrt spรคter der Firma den Rรผcken. Michael von Clemm dagegen wird mit Unterstรผtzung von Rainer E. Gut zum starken Mann im Gemeinschaftsunternehmen CSFB.
Der Infight zwischen Gut und Craven รผberdeckt eine grundsรคtzlichere Problematik. Die Frage nรคmlich, ob First Boston ein adรคquater Partner fรผr die CS sei. Dillon Read geniesst an der Wall Street einen tadellosen Ruf als Institut von Gentleman-Bankern mit erstklassiger Kundschaft. Die Investment-Banker von First Boston dagegen gelten als aggressive, hemdsรคrmlige Dealmaker.
Eine Top-Position in den internationalen Rankings der Investment-Banken, davon ist Gut รผberzeugt, wirkt langfristig geschรคftsfรถrdernd. Dort spielt die Musik, und dort will einer wie Rainer E. Gut hin. Wichtige Mitstreiter wie Gut-Intimus Robert Genillard, der ehemalige Partner bei White Weld, sind in diesem Punkt gleicher Meinung. Gegen diese Grossmachtsplรคne erscheint eine Dillon Read schlicht als zu klein und zu unbedeutend. Zum ersten Mal wird beim CSFB-Deal sichtbar, was sich auch zu spรคteren Zeiten wie ein roter Faden durch die Akquisitionspolitik des Rainer E. Gut zieht: Er kauft lieber Grรถsse als teure Qualitรคt.
Gut ringt dem Partner First Boston zudem ein entscheidendes Zugestรคndnis ab. Die New-Yorker gestehen dem Schweizer zu, dass das Kรผrzel CS fรผr Credit Suisse auch in Zukunft am Anfang des Firmennamens stehen soll. Das Gemeinschaftsunternehmen wird in Financiรจre Credit Suisse First Boston umbenannt. Rainer E. Gut hat sich auf der ganzen Linie durchgesetzt. Die Warner verstummen. Das Joint Venture kann abheben.
Und es hebt ab. Das Jahrzehnt bis 1988 wird die erfolgreichste Phase in der Geschichte des Unternehmens. Financiรจre Credit Suisse First Boston mausert sich zum wichtigsten Player im Euro-Bond-Markt. Praktisch jedes Jahr schraubt das schweizerisch-amerikanische Gemeinschaftsunternehmen, an dem die SKA nun 46, First Boston 31 und das Management 23 Prozent hรคlt, die Gewinne in immer neue Hรถhen.
Die Firma legt nochmals an Tempo zu, als Michael von Clemm, der Statthalter Guts bei der CS First Boston, im Jahre 1980 einen aufstrebenden Banker bei der Brokerfirma Kidder Peabody abwerben kann: Hans-Jรถrg Rudloff, Spross einer Berner Bankierfamilie, dessen Grossvater einst die Familienbank Marcuard & Cie an die SKA verkaufte und der als junger Trainee bereits einmal kurzzeitig fรผr die CS tรคtig war.
Der von Bankiers wie Craven angeschobene Euro-Bond-Markt gewinnt durch das Wirken von Rudloff neue Dynamik. Fachlich versiert, mehrsprachig und ein ausgezeichneter Contacter, zieht Rudloff einen Deal nach dem anderen an Land.
Die Stimmung ist gut in London, wo noch ein weiterer Banker Spuren hinterlรคsst: Oswald Grรผbel, Chef des Wertpapierhandels bei der CS First Boston. Auch er wird innerhalb der CS eine kometenhafte Karriere machen. Der gebรผrtige Ostdeutsche hat ein einzigartiges Gespรผr fรผr das Geschehen an den Bรถrsen. Lange vor anderen setzt er auch gezielt die Technik ein: Unter der straffen Fรผhrung von Grรผbel baut der Chefinformatiker der CS First Boston eines der ausgeklรผgeltsten Informatiksysteme in der Branche auf โ ein entscheidender Wettbewerbsvorteil im schnellen Bรถrsengeschรคft.
Grรผbel ist schon seit White-Weld-Zeiten bei der Bank, zunรคchst als Trader und nach 1978 als CEO der Tochtergesellschaft White Weld Securities in London. Er ist aus einem รคhnlichen Holz geschnitzt wie Rainer E. Gut. Die beiden verstehen sich blind in geschรคftlichen Belangen. Gut schรคtzt an Grรผbel zudem dessen ausgeprรคgtes Risikobewusstsein: In keinem einzigen Jahr verliert dieser per saldo Geld.
Rudloff, Grรผbel und auch die anderen Bankiers der CS First Boston London verdienen schรถnes Geld fรผr die CS Holding. Es gibt Jahre, in denen erwirtschaftet die Crew der Financiรจre Credit Suisse First Boston mit kaum mehr als hundert Mitarbeitern รผber ein Drittel des Gewinns der Schweizerischen Kreditanstalt. 1982 sind zum Beispiel 92 von insgesamt 303 Millionen Franken Reingewinn, 1983 dann 116 von 352 Millionen. Und Rainer E. Gut kann sich dank den herausragenden Leistungen seiner Truppe in London daheim in Zรผrich als erfolgreicher Bankier feiern lassen.
Bis 1987 lรคuft alles wie geschmiert. Dann kommt der Motor der sprudelnden Geldvermehrung ins Stottern. Der Bรถrsencrash vom Oktober 1987 trifft nicht nur die CS, sondern vor allem die First Boston empfindlich. Damit nicht genug: 1988 verlassen die Wall-Street-Legenden Bruce Wasserstein und Joe Perella die Firma nach einem Streit um die Strategie โ die beiden haben wesentlich zur Marktausweitung der First Boston in New York beigetragen.
Im gleichen Jahr schiesst Rainer E. Gut erstmals 300 Millionen Dollar in die First Boston ein und erhรถht damit den Anteil seiner CS auf rund 44 Prozent des Aktienkapitals. Gut sichert sich damit noch stรคrkeren Einfluss, kann auf Grund regulatorischer Bestimmungen jedoch zumindest vorerst keine Mehrheit an der CS First Boston รผbernehmen. De facto aber ist er am Drรผcker, und das dรผrfte fรผr den global denkenden Schweizer Bankier eine persรถnliche Genugtuung sein. Als sich Rainer E. Gut nach diesen jรผngsten Verhandlungen mit First Boston in einer weissen Stretchlimousine zum Flughafen in New York chauffieren lรคsst, meint er zu der mitgereisten Delegation โ CS-Verwaltungsrat Hugo von der Crone, SKA-Generaldirektor Hans-Ueli Doerig und Pressemann Jรถrg Neef โ, ab jetzt sei ยซonly the sky the limitยป.
Zu den Sternen zu greifen, erweist sich jedoch als zu ambitiรถses Ziel. Das Investment verliert nรคmlich in der Folge rapide an Wert: 1989 erwirtschaftet CS First Boston noch einen mageren Gewinn von elf Millionen Dollar. Ein Jahr spรคter rutscht die Firma gar in die roten Zahlen und weist einen Verlust von knapp 600 Millionen Dollar aus. Und 1990 platzt der Skandal um die ยซbridge loansยป.
Ende 1990 kommt es zudem zu internen Auseinandersetzungen, die an den Streit Rainer E. Guts mit Craven und Cattier zwรถlf Jahre zuvor erinnern. Wiederum fรผhlen sich die Leute an der Front von Gut รผbergangen. Diesmal geht es um mehr als strategische Differenzen. Diesmal geht es um Geld. Um viel Geld. Wรคhrend des Aufbaus der CS First Boston im Jahre 1988 hatte der Verwaltungsrat das Management aufgefordert, Aktien des eigenen Unternehmens zu erwerben. Kadermitarbeitern wurde sogar bis zu einer Million Dollar an Krediten gewรคhrt, um Aktien zu kaufen. In den Krisenjahren 1989 und 1990 stรผrzt der Kurs jedoch um die Hรคlfte ab. Zahlreiche Frontleute, die als Aktionรคre eingestiegen sind und massgeblichen Anteil am Erfolg der CS First Boston fรผr sich in Anspruch nehmen kรถnnen, haben nun das Nachsehen. Einzelne Kaderleute geraten angesichts der weiterlaufenden Kredite gar an den Rand eines persรถnlichen Konkurses.
Vielen platzt der Kragen, als sie erfahren, dass der Mann, dessen strategischer Wurf die CS First Boston darstellt, selber seine Schรคfchen lรคngst im Trockenen hat. Unterlagen der US-Bรถrsenaufsicht SEC zeigen auf, dass sich Rainer E. Gut 1988 โ im Zuge des Deals also, als die CS 44,5 Prozent an der First Boston erwarb โ ein ansehnliches privates Vermรถgen hat aufbauen kรถnnen: 13,51 Millionen Dollar, umgerechnet also rund 20 Millionen Franken. Dieser Betrag steht dem CS-Chef per saldo, unter Berรผcksichtigung aller Ansprรผche gegenรผber der Financiรจre Credit Suisse First Boston, persรถnlich zu. Dieses 20-Millionen-Vermรถgen geht auf eine Beteiligung von Rainer E. Gut an der Financiรจre Credit Suisse First Boston zurรผck. Es hat sich in den guten Jahren von 1978 bis 1988 tรผchtig vermehrt.
In den Gรคngen der Londoner CSFB wird nun hitzig diskutiert. Besonders zu reden gibt: Wรคhrend sich Kaderleute zum grossen Teil mit Aktien eindeckten, tauschte Rainer E. Gut seine รผber die Jahre gesammelten Aktien und Genussscheine der Financiรจre Credit Suisse First Boston in Obligationen um, in 101/4-prozentige ยซsubordinated loansยป, nachrangige Anleihen also, mit Fรคlligkeit 1998. Gut im Glรผck: Der Kurssturz der CS-First-Boston-Aktien tangiert sein eigenes Vermรถgen nicht, wรคhrend diejenigen, die auf Aktienpaketen sitzen, bรถse er-wischt werden.
Bei der Grรผndung der CS First Boston 1988 sind auch institutionelle Investoren begrรผsst worden โ sie halten seit Anfang 1989 rund 30 Prozent an CSFB. Es sind neben dem saudiarabischen Geschรคftsmann Suliman Olayan vor allem japanische Versicherungsgesellschaften. Auch sie sind mit der Performance der CSFB-Papiere im hรถchsten Masse unzufrieden. So sehr, dass Rainer E. Gut nicht umhin kommt, ihnen spรคter, bei der mehrheitlichen รbernahme der CS First Boston im Jahre 1990, auf ihrem Aktienbesitz eine Prรคmie auszubezahlen.
Im Frust um entgangene Aktiengewinne stellen viele nun ketzerische Fragen: Ist First Boston jenes lohnende Investment, als das es Rainer E. Gut immer gepriesen hat, oder hรคtte die Firma gar nie รผbernommen werden dรผrfen? Und wenn schon: Hรคtte man First Boston in der Krise nicht in Konkurs gehen lassen, das Investment abschreiben und stattdessen mit der erfolgreichen Arbeit im Euro-Bond-Markt weiterfahren sollen? Auf diesem Wege hรคtte die CS mรถglicherweise aus eigener Kraft ein Investment-Banking aufbauen kรถnnen, meinen viele. Wichtige CSFB-Leute wie Hans-Jรถrg Rudloff hatten Rainer E. Gut wiederholt vor First Boston gewarnt. Die aggressive Kultur der Firma, so sein Argument, passe nicht zum Stil einer Schweizer Bank. Sie berge erhebliche Risiken.
Im Verwaltungsrat der CS Holding in Zรผrich wird die gleiche Frage diskutiert. Ob der mit dem Kauf der First Boston verbundene strategische Quantensprung das Risiko aufwiege oder ob Rainer E. Gut nicht in der Not dem schlechten Geld gutes Geld hinterhergeworfen habe, das fragen sich vor allem die traditionellen Schweizer Vertreter im Verwaltungsrat. Rainer E. Gut jedoch, der Spiritus Rector dieser Expansionsstrategie in den USA, macht sich unermรผdlich stark fรผr seine First Boston. Es gelingt ihm, die Zweifler umzustimmen. So sehr รผberzeugt der Prรคsident, dass der Verwaltungsrat der CS Holding Ende 1990 sogar die รbernahme einer weiteren Tranche der First Boston bewilligt โ die Schweizer sind nun Mehrheitsaktionรคr.
Das allerdings hat seinen Preis. Die Credit Suisse kommt nicht darum herum, von den gesunden Teilen der Bank Substanz in die krรคnkelnde CS First Boston zu verschieben. Typisch fรผr dieses Ansinnen ist eine Aktion im Jahr 1990: Rainer E. Gut bringt in diesem Jahr die Clariden Bank in die kurz zuvor gegrรผndete Leu Holding ein. Seine Absicht ist, unter dem Dach der Leu Holding eine Gruppe von Privatbanken zu bรผndeln, die nach der kurz zuvor erfolgten รbernahme der Bank Leu auch die Bank Hofmann und die Clariden Bank umfassen soll. Diese Clariden Bank verkauft Rainer E. Gut in einer internen Transaktion an die Leu Holding, eine Subholding der CS Holding. Kostenpunkt: rund 200 Millionen Franken. Diese Millionen werden gebraucht, um Finanzlรถcher bei CS First Boston zu stopfen. ยซIm Verlust von CS First Boston ist ein Gewinn vor Steuern von 140 Millionen Dollar aus dem Verkauf der Clariden Bank an die Leu Holding enthaltenยป, entnehmen die Aktionรคre einer Fussnote im Geschรคftsbericht 1990/91 der CS Holding. Auch der Staat kassiert an dieser Transaktion: Da die Clariden Bank wegen des Verkaufs stille Reserven auflรถsen muss, fallen tรผchtig Steuern an.
Die finanziellen Zwรคnge, die aus dem Kauf der First Boston resultieren, sind das eine. Ebenso schwer wiegen fรผr Rainer E. Gut aber die Herausforderungen an die Fรผhrung und die Kontrolle der First-Boston-Leute. Die Kulturen von den traditionsbewussten Schweizer Bankiers der alten Kreditanstalt und den hemdsรคrmligen US-Investment-Bankern wollen nicht so richtig zusammenpassen.
Im Krisenjahr 1990 fรคllt Rainer E. Gut einen wichtigen Personalentscheid: Er holt den angesehenen Wall-Street-Banker Archibald Cox junior als Chef des amerikanischen Arms der CSFB. Den bisherigen CEO Jack Hennessy befรถrdert Gut nach oben โ an die Spitze der CS-First-Boston-Gruppe. Cox, der gross gewachsene Mann mit dem akkurat gescheitelten Haar und dem markanten Kinn, ist Sohn des Watergate-Staatsanwalts Archibald Cox senior, der durch seine Ermittlungen mitgeholfen hat, US-Prรคsident Richard Nixon zu Fall zu bringen. Gut und Cox junior kennen sich aus New-Yorker Zeiten โ gemeinsam pflegten sie vom Villenvorort Long Island mit der Island Rail Road in den Big Apple zur Arbeit zu fahren.
Cox krempelt die รrmel hoch fรผr Rainer E. Gut: Bereits 1991 macht CS First Boston wieder Gewinn, nachdem sich der Verlust 1990 noch auf eine halbe Milliarde Dollar summiert hat. Cox und seine ยซTruppe scharfer Hundeยป โ so nennen sich seine Front-Boys, die er von Morgan Stanley zur CSFB mitnahm โ mischen nun den Markt auf und ziehen 1991/92 heisse Deals an Land: die Aktienemissionen des Automobilherstellers Chrysler in Hรถhe von zwei Milliarden Dollar etwa oder auch die Emission des Automobilkomponenten-Herstellers Tenneco รผber rund eine Milliarde Dollar. Cox und sein Team sind derart erfolgreich am Markt, dass sie diesen Einsatz belohnt sehen wollen. Cox ist sich bewusst, dass seine Mitstreiter von den Schweizern hรถhere Bonuszahlungen erwarten.
Am 4. Mรคrz 1993, einem Donnerstag, lรคdt Cox seine Direktoren zu einem Dinner in den Links Club an der 62nd Street in New York. Das Treffen wird zur Krisensitzung, angesichts der Tatsache, dass immer mehr Schlรผsselfiguren der CS First Boston zur besser zahlenden Konkurrenz wechseln. Es ist in dieser fiebrigen Branche, zumal in Goldgrรคberzeiten, durchaus รผblich, dass Investment-Banker dem Ruf des schnellen Geldes folgen. First-Boston-Star Bruce Wasserstein pflegte zu witzeln, dass er jeden Abend Angst habe, seine Leute kรถnnten nach Bรผroschluss in den Lift steigen und nie wieder auftauchen. Doch Abgรคnge in einer Zahl, wie sie jetzt First Boston zu verzeichnen hat, sind ein Alarmzeichen. Dessen ist sich Cox bewusst.
Auch in Zรผrich ist man beunruhigt. Rainer E. Gut nimmt an diesem Meeting nicht teil, er schickt stattdessen Jack Hennessy, seinen Vertrauten, der bei der Partnerschaft zwischen CS und First Boston einst als Tรผrรถffner fungierte. Champagner und Wildlachs stehen bereit, als Hennessy die Sitzung erรถffnet โ noch bevor CSFB-Chef Cox รผberhaupt anwesend ist. Hennessy รคussert ein paar einfรผhrende Worte, lobt den Erfolg der Firma und gibt dann das Wort frei. Das hรคtte er vielleicht besser nicht tun sollen. Die versammelten Investment-Banker nehmen kein Blatt vor den Mund und lassen ihrem Frust freien Lauf. Lautstark geht es nun zu und her im Links Club, und einige der Direktoren sind derart aus dem Hรคuschen, dass sogar geballte Fรคuste auf den Tisch knallen.
Als der akustische Pegel Dezibel um Dezibel im Steigen begriffen ist, erscheint endlich Cox, schnappt sich einen Stuhl und rรผckt diesen weg von Hennessy โ als wolle er Distanz markieren zum Abgesandten des Rainer E. Gut. Und ein Seniorpartner spricht nun auch aus, was alle denken: ยซJack Hennessyยป, meint ein altgedienter Investment-Banker, ยซdu begreifst das Problem nicht. Die Leute in diesem Raum werden in den nรคchsten Wochen die Firma verlassen.ยป
Die Kรผndigungswelle rollt weiter. Die Sache kocht derart hoch, dass sich Rainer E. Gut nun doch persรถnlich involviert. Am 25. Mรคrz 1993 treffen sich die verbliebenen Spitzenleute mit dem Prรคsidenten der CS Holding im New-Yorker Union Club. Zur grossen Verwunderung der Anwesenden zeigt sich Gut von der Kรผndigungswelle kaum beeindruckt. Angesprochen auf die jรผngsten Abgรคnge, meint Gut schulterzuckend, auch diese seien ersetzbar. Nach dem Meeting werfen weitere Mitarbeiter den Bettel hin. Die gesamte Abteilung Mergers & Acquisitions droht mit dem Abgang. Eine delikate Situation: Investment-Banking ist ein People-Business. Zieht ein Topmann weiter, verliert die Bank Umsatz und Provisionen.
Wohl versucht Hennessy Ende Mai 1993 nochmals, die Wogen zu glรคtten, und macht fรผr die CS teure Zugestรคndnisse. Absprungwillige Mergers-&-Acquistions-Spezialisten handeln in einzelnen Fรคllen garantierte Salรคrerhรถhungen von bis zu hundert Prozent aus. Doch auch mit diesen Zugestรคndnissen ist die Krise nicht ausgerรคumt.
Das Verhรคltnis zwischen Cox und seinem Vorgesetzten Hennessy verschlechtert sich immer mehr. Fรผr Cox wรคre es das Beste, Hennessy zรถge sich gรคnzlich aus den operativen Belangen zurรผck โ so kรคme mรถglicherweise wieder Ruhe ins Team. Doch er sieht keinerlei Anzeichen, dass Gut seinen Protรฉgรฉ Hennessy fallen lassen will. Cox hat genug vom internen Gerangel: Er teilt Hennessy mit, er wolle die Firma verlassen. Am 10. Juli 1993 kommt es zwischen Cox und Gut im Dinner-Raum des CS-eigenen Hotels Savoy in Zรผrich zum finalen Meeting. Gut macht keinerlei Anstalten, seinen Topmann umzustimmen. Drei Tage spรคter reicht Cox seine Demission ein.
Von dem personellen Aderlass in dieser Zeit erholt sich die CS First Boston nie mehr wirklich. Der Abgang von Cox und weiteren Topspezialisten setzt einen Personalwechsel in Gang, der keine gute Wirkung entfaltet fรผr die Bank. Nun kommen Investment-Banker ans Ruder, unter denen sich die CSFB fast gรคnzlich aus der Kontrolle der Schweizer Besitzer zu lรถsen vermag.
Als Nachfolger von Cox setzt Rainer E. Gut einen Mann ein, der innerhalb der CS als Shooting Star gilt. Allen D. Wheat, Chef der erfolgreichen Derivatetochter CS Financial Products, ist ein erklรคrter Liebling von Gut, weil dessen Abteilung Jahr fรผr Jahr Hunderte von Millionen in die Kassen der CS-Gruppe spรผlt. Der aus dem Wรผstenstaat New Mexico stammende Wheat gilt an der Wall Street als ยซEisenfresserยป und als begeisterter Trader. Fรผr die konservativen Schweizer Bankiers hat der stets braun gebrannte Harley-Davidson-Fahrer meist nur ein mรผdes Lรคcheln รผbrig. Wheat amtiert bis 1998 offiziell lediglich als Chief Operating Officer (COO), fรผhlt sich aber von Anfang an als der starke Mann bei CSFB. Und ist es auch. Rainer E. Gut ist beeindruckt von der Erfolgs-Aura, die Wheat umgibt; Guts Nachfolger Lukas Mรผhlemann fรผhrt den Amerikaner ebenfalls an der langen Leine. Weder der Wheat lange als CEO von CSFB vorgesetzte Jack Hennessy noch der zwischenzeitlich eingesetzte Hans-Ueli Doerig vermรถgen den dynamischen Banker wirklich zu kontrollieren.
Genรผsslich zitieren die Medien die forschen Sprรผche des Allen D. Wheat, etwa jenen, sein Ziel sei es, ยซviel Geld zu verdienenยป. Das gefรคllt den Investment-Bankern, und es gefรคllt vor allem jenen, die im Spiel mit dem schnellen Dollar schon mal ein Auge zudrรผcken und denen der Profit รผber alles geht โ nicht zuletzt auch รผber Kontrolle. Die CSFB-Topleute verdienen fortan gut, allen voran Wheat selber, der sich 1995 rund neun Millionen Dollar Jahresgehalt in die Lohntรผte stecken lรคsst. Was der beruflichen Reputation nicht immer gut tut.
In der Branche geht das Wort, die CSFB-Starbanker seien ยซunguided missilesยป, unkontrollierbare Geschosse. Altgediente Mitarbeiter finden sich in diesem aggressiven Umfeld immer weniger zurecht. 1994 kรผndigt der gegen seinen Willen von London zurรผck in die Schweiz beorderte Rudloff. 1998 drรคngt
Wheat den langjรคhrigen CSFB-Mann Grรผbel aus der Firma โ ihn platzieren Rainer E. Gut und Lukas Mรผhlemann an die Spitze des Private Banking. Oswald Grรผbel, bis dahin Chef des globalen CSFB-Wertschriftenhandels, ist der letzte von insgesamt 13 Generaldirektoren der CS, die von der verschworenen Truppe von Amerikanern verdrรคngt werden. Der Einfluss altgedienter CS-Leute innerhalb der CS First Boston sinkt rapide.
Mรถglicherweise ist es kein Zufall, dass nun ein Skandal den nรคchsten jagt: 1998 straucheln gleich zwei von Wheats Wonder-Boys. Immobilienchef Andrew Stone belehnt seine Objekte bis unters Dach: 250 Millionen Dollar an Rรผckstellungen sind die Folge. Andy Ikpendanz agiert als Debt-Trader in Russland โ es klafft eine Lรผcke von 1,3 Milliarden Dollar.
Ein Jahr spรคter stรผrmen japanische Polizisten das CS-Hochhaus auf den Shiroyama Hills in Tokio, um bei der Tochtergesellschaft CS Financial Products eine Razzia durchzufรผhren. Der Abteilungsleiter Japan hatte bei einer Untersuchung der japanischen Aufsichtsbehรถrden versucht, Akten zu vernichten. Die CS Financial Products verliert daraufhin die japanische Bankenlizenz wegen Behinderung der polizeilichen Ermittlungen. Im gleichen Jahr bรผsst die schwedische Bรถrse die CS-Tochter. Ein paar feuchtfrรถhliche Londoner CSFB-Hรคndler, die sich nach ihrem Lieblingsdrink ยซFlaming Ferrarisยป nennen, haben unautorisierte Bรถrsengeschรคfte getรคtigt. Im Jahre 2001 wird die CSFB wegen Kursmanipulationen von der indischen Bรถrse verbannt. Und der 1998 von der Deutschen Bank mit seinem Team fรผr ein Rekordsalรคr von รผber 200 Millionen Dollar abgeworbene Technologiebanker Frank Quattrone verheddert sich mit IPO-Geschรคften und muss sich wegen Behinderung der Justiz verantworten. Die CS zahlt daraufhin im Rahmen eines Industrievergleichs รผber 200 Millionen Franken an Bussen und Abfindungen. Quattrone selber muss zurรผcktreten und findet sich im Jahr 2003 vor den Schranken des Gerichts wieder.
Allen D. Wheat, der forsche CSFB-Frontmann, legt โ im Wissen von Rainer E. Gut allerdings โ der CS-Gruppe auch jenes Ei ins Nest, das der Firma um ein Haar das finanzielle Rรผckgrat brechen sollte. Dealmaker Wheat trรคumt von Grรถsse im Investment-Banking, und er schlรคgt vor, die amerikanische Bank Donaldson, Lufkin & Jenrette (DLJ) zu kaufen. Das Projekt lรคuft bankintern unter dem Codewort ยซDiamantยป. Der Vorschlag, sich mit DLJ zusammenzutun, wird erstmals 1998 diskutiert, drei Jahre vor dem Kauf und zur aktiven Amtszeit von Prรคsident Rainer E. Gut. Im Rahmen der jรคhrlich stattfindenden CS-Strategiesitzung ist das Topmanagement rund um Rainer E. Gut damals der Ansicht, dass diese Option weiter-zuverfolgen sei. Die CS-Fรผhrung kommt zum Schluss, dass diese Firma perfekt zur CSFB passen wรผrde. Lukas Mรผhlemann, nach dem Ausscheiden von Rainer E. Gut im Frรผhling 2000 neuer Prรคsident der CS Group, bespricht sich in der Angelegenheit DLJ spรคter mehrmals mit seinem Vorgรคnger. Gut ist fรผr den Kauf. CS-intern existieren kaum Vorbehalte, und auch im Verwaltungsrat der CS-Gruppe gibt es niemanden, der sich gegen diese Akquisition ausspricht. Im August 2000 รผbernimmt die CS schliesslich die DLJ und legt dafรผr rund 20 Milliarden Franken auf den Tisch.
Als die Bรถrse kurz darauf abstรผrzt und das eng mit den Aktienmรคrkten verknรผpfte Investment-Banking mit in die Krise reisst, wird der Kauf plรถtzlich als strategischer Fehler gewertet. Das Geschรคft mit Fusionen, Akquisitionen und Bรถrsengรคngen sowie der Wertschriftenhandel kommen zum Erliegen, und die mit der DLJ teuer eingekaufte Marktausweitung wird fรผr die CS zum doppelten Handicap.
Die Lage bei der CSFB ist ungemรผtlich, und ungemรผtlich wird es nun auch fรผr deren Spitzenmann Allen D. Wheat. Es ist nicht mehr Rainer E. Gut, der nun handelt, sondern sein Nachfolger im Prรคsidium: Lukas Mรผhlemann. In einem Manรถver, welches das Magazin ยซEuromoneyยป mit dem bildhaften Titel ยซEin Mord an der Madison Avenueยป umschreibt, setzt Mรผhlemann Wheat im Sommer 2001 Hals รผber Kopf ab. Der Titel der Blattmacher macht durchaus Sinn, schliesslich befindet sich an der Madison Avenue Nummer 11 in New York der neue Hauptsitz der CSFB. Und dort nimmt nun der ehemalige Morgan-Stanley-Topmanager John Mack auf dem Chefsessel Platz, ein Mann mit tadelloser Reputation.
Unter John Mack beginnt bei der Investment-Bank in jedem Fall eine neue Zeitrechnung. Der Amerikaner ist der erste CSFB-Chef รผberhaupt, der keine persรถnlichen oder geschรคftlichen Verbindungen mehr pflegt zu Rainer E. Gut, dem Vater dieses transatlantischen Konstrukts. Die Aufrรคumarbeit von Mack bei der Investment-Bank sowie die Anpassung an die verรคnderten Mรคrkte kosten in den Jahren 2001 und 2002 insgesamt 6500 Arbeitsplรคtze.
Gekรผrzte Wiedergabe des Kapitels ยซGlobale Ambitionยป aus dem Buch ยซRainer E. Gut: Bankier der Machtยป. In der nรคchsten Ausgabe: Wie das System Gut funktioniert.