CHF 198.00 โ Karte bitte, zeigt das Kassenterminal. Doch der junge Mann im Elektronikmarkt zรผckt nicht das Portemonnaie, um seine neuen Kopfhรถrer zu bezahlen, sondern das Handy und hรคlt es an den Kartenleser. Ein Druck auf den Fingerabdrucksensor, das Terminal piepst zufrieden, dann rattert die Quittung aus dem Drucker. Und ausser dem Hรคndler freut sich auch Apple รผber den Kauf. Denn abgewickelt wurde die Transaktion รผber Apple Pay.
รberraschender Blitzstart
Seit 7.โJuli sind diese kontaktlosen Zahlungen
in der Schweiz mรถglich. Der Blitzstart von Apple Pay hat alle รผberrascht. Denn jahrelang ging hierzulande fast gar nichts in Sachen Mobile Payment โ und das, obwohl die Schweiz mit ihrer starken Bankenszene fรผr eine Vorreiterrolle prรคdestiniert gewesen wรคre.
Dann positionierten sich innert weniger Wochen gleich drei Player: Die beiden Newcomer
Twint und Paymit gaben ihre Fusion bekannt und wollen sich als Schweizer Standardlรถsung etablieren. Bis Ende 2017 peilt man hierzulande eine Million Nutzer an. Wenige Tage spรคter prรคsentierte Swatch die Bellamy. Die nach einem Schriftsteller benannte
Plastikuhr fungiert als kontaktlose Visa-Karte. Die Ziele setzt Swatch-Group-Chef Nick Hayek bescheiden: ยซVon einer normalen Swatch verkaufen wir weltweit 300'000 bis 500'000 Stรผck. Wenn wir von einer Payment-Uhr 50'000 Stรผck verkaufen, ist das schon gut. Design ist wichtiger als Funktionalitรคt.ยป
Immer griffbereit
Noch steckt der Markt fรผr kontaktlose Zahlungen weltweit in den Kinderschuhen. Doch das Potenzial ist gewaltig: Allein in den USA werden jรคhrlich 4000 Milliarden Dollar an den Ladenkassen umgesetzt, in der Schweiz sind es 88 Milliarden Franken. ยซWer das Smartphone immer dabeihat, braucht mittelfristig kein anderes Bezahlverfahren mehrยป, sagt Ingolf Zies, Partner bei der Unternehmensberatung Bain & Company. Zahlungen per Smartphone sind schneller und bequemer als per Kreditkarte oder Bargeld. ยซDas Handy hat man sowieso immer dabei und griffbereit, man ist vertraut mit dem Umgangยป, sagt Tobias Trรผtsch, Experte fรผr Mobile Payment und รkonom an der HSG: ยซDann ist es nur noch ein kleiner Schritt, um es auch fรผr Zahlungen zu benutzen.ยป
So verwenden in Dรคnemark bereits รผber 50 Prozent der Bevรถlkerung das lokale System Mobile Pay; 45 Prozent der Schweden nutzen das dortige Pendant Swish. Nun drรคngen gleich mehrere IT-Giganten in den Markt. In den achtziger Jahren herrschte der Kampf der PC-Systeme, in den Neunzigern der Kampf der Suchmaschinen, in den nuller Jahren der Kampf der Smartphones. Nun entscheidet sich, wer bei Mobile Payment die Oberhand gewinnt.
Am Ende zahlt immer der Kรคufer
Dem Gewinner winken Milliardeneinnahmen. Apple etwa verrechnet dem Kreditkartenherausgeber (Issuer) in den USA 0,15 Prozent auf jede Transaktion mit Apple Pay; in China sind es 0,07 Prozent. Schweizer Zahlen sind nicht erhรคltlich. Twint belastet die andere Partei, den Kreditkartenpartner der Hรคndler (Acquirer), mit einem gestaffelten โ und gรผnstigeren โ Tarif: Bei Transaktionen bis 5 Franken etwa sind es 2 Rappen, bei Kรคufen รผber 100 Franken sind es 20 Rappen. Bellamy holt sich das Geld direkt vom Kunden: Die Aktivierung der Uhr kostet 5 Franken, das Aufladen mit einem Geldbetrag 3 Franken, jede Saldoabfrage 60 Rappen etc. Doch egal wo die Kosten anfallen: Am Ende zahlt immer der Kรคufer.
Akzeptanz als wichtigster Erfolgsfaktor
Wer hat die besten Karten im Kampf der Systeme? Wichtigster Erfolgsfaktor ist die Akzeptanz im Handel. Hierzulande treffen Apple und Bellamy auf gut vorbereitetes Terrain. Zwar ist
die Schweiz noch mehrheitlich ein Bargeldland. Doch zwei Drittel der Kassenterminals sind bereits fรผr kontaktlose Zahlungen eingerichtet; im internationalen Vergleich ist das sehr viel (in den USA etwa sind es nur fรผnf Prozent). 2020 werden es alle sein.
Das hilft Apple und Bellamy, die auf der bestehenden Kreditkarteninfrastruktur aufbauen. Fรผr Twint muss der Handel nachrรผsten: Das sogenannte Beacon, ein auf der Funktechnologie Bluetooth basierender Kontaktpunkt, kostet den Hรคndler 150 bis 200 Franken und muss in die Kassensoftware integriert werden. Twints Trumpf: Das System lรคuft auf Apple- und auf Android-Gerรคten. Apple Pay hingegen ist nur auf den eigenen Gerรคten verfรผgbar. Das sind in der Schweiz immerhin 53 Prozent aller Smartphones โ allerdings sind nur die jรผngeren Generationen (ab iPhone 6) zahlungsfรคhig. Bellamy benรถtigt gar kein Handy.
5 bis 10 Millionen Marketingbudget
Beide Systeme kรถnnen an jedem kontaktlosen Terminal der Welt genutzt werden. Twint hingegen ist eine rein schweizerische Lรถsung. Fรผr Auslandseinsรคtze mรผsste mit anderen lokalen Anbietern eine Art Roaming-Vertrag abgeschlossen werden, รคhnlich wie dies Telekomanbieter tun fรผr ihre Handykunden. Derzeit ist das nicht geplant. Dafรผr geniesst die Lรถsung die Unterstรผtzung der meisten namhaften Schweizer Geldinstitute und Kreditkartenherausgeber. Apple Pay und Bellamy haben mit der Cornรจr Bank derzeit nur den kleinsten der vier Schweizer Kreditkartenanbieter im Rรผcken. Das Ungleichgewicht freilich dรผrfte nur eine Frage der Zeit sein. In den USA begann Apple Pay mit sechs Partnerbanken, inzwischen sind es 2500. Und das, obwohl der Konzern von jedem Kreditkartenherausgeber fรผnf bis zehn Millionen Franken Marketingbudget fรผr Apple Pay verlangt. Denn: ยซIn England haben die Kreditkartenantrรคge zugenommen bei jenen Herausgebern, die Apple Pay anbietenยป, sagt Paymit-Chef Armin Schmid.
So benutzerfreundlich wie mรถglich
Zweites Killerkriterium im Kampf um das Zahlungsmittel der Zukunft ist die Benutzerfreundlichkeit. Eine Zahlung ist dann am angenehmsten, wenn sie fรผr den Kunden vรถllig in den Hintergrund tritt โ wie etwa beim Fahrtenvermittler Uber. ยซEin bis zwei Klicks kรถnnen schon zu viel seinยป, sagt Bain-Mann Zies. Hier haben Bellamy und Apple Pay die Nase vorn: Die Uhr bzw. das Smartphone ans Terminal halten reicht, bei Apple Pay muss man die Zahlung zudem noch mittels Fingerabdruck autorisieren. Fรผr Twint muss man hingegen erst eine App installieren, allenfalls Guthaben aufladen, an der Kasse die App รถffnen, falls kein Beacon vorhanden ist, einen QR-Code scannen und schliesslich die Zahlung autorisieren.
Twint mit Zusatzfunktionen
Dafรผr wirbt Twint mit Zusatzfunktionen: So ersetzt die App die Kundenkarte aus Plastik und schreibt etwa Treuepunkte automatisch gut. Auch elektronische Coupons mit Sonderangeboten sind denkbar. Die Bezahlung in Onlineshops ist bereits mรถglich, ebenso die รberweisung zwischen Privatpersonen. Bis Ende Jahr will Twint zudem in ersten Restaurants ihre Zahlfunktion anbieten: Die Tische sind dann mit einem QR-Code ausgestattet, den der Kunde nach dem Essen mit der App scannen kann. Auch Apple Pay bietet zahlreiche Zusatzanwendungen โ in den USA etwa Barabhebungen am Geldautomaten. Aber Twint gehe im Anwendungsbereich deutlich darรผber hinaus, sagt Urs Rรผegsegger, CEO des Finanzdienstleisters SIX Group. Auch weil Twint Zugang zu den Einkaufsdaten hat, was der Benutzer aber untersagen kann. Apple wirbt aktiv mit Datenschutz als Verkaufsargument und erhebt die Transaktionsdaten gar nicht erst.
Daten statt Gebรผhren
Am Horizont lauern bereits mรคchtige Herausforderer. Google ist mit Android Pay in den USA und Grossbritannien aktiv. Die Funktionen sind Apple Pay sehr รคhnlich, Gebรผhren werden nicht erhoben. Dafรผr wertet Android Pay, typisch fรผr Google, die Einkaufsdaten zu Werbezwecken aus. ยซAlleine deswegen werden manche User diese Lรถsung nicht wollenยป, sagt der Schweizer Fintech-Experte Marc Bernegger. Demnรคchst soll Android Pay in weiteren Lรคndern lanciert werden. ยซFรผr die Schweiz haben wir momentan noch nichts anzukรผndigenยป, heisst es bei Google. Samsung, der weltgrรถsste Hersteller von Smartphones, setzt nicht auf das Zahlungssystem des Verbรผndeten Google, sondern hat ein eigenes lanciert. Auch Samsung verlangt keine Transaktionsgebรผhren. Die Sรผdkoreaner betrachten die Zahlungsfunktion vielmehr als ein zusรคtzliches Verkaufsargument fรผr ihre Smartphones. Samsung Pay ist bereits in acht Mรคrkten aktiv, allein diesen Juni wurde in Sรผdkorea damit รผber eine Milliarde Dollar umgesetzt. Eine Lancierung ist auch in der Schweiz geplant. ยซWir sind diesbezรผglich zurzeit in Gesprรคchen mit mรถglichen Partnernยป, sagt Gordon Mรผller, Pressesprecher Samsung Schweiz. ยซMomentan steht noch kein Termin fest.ยป
Geringe Marktchancen
Jรผngst ist auch Microsoft in den Markt eingestiegen. Vorerst gibt es die Wallet nur in den USA, und die Marktchancen dรผrften ebenso mikroskopisch sein wie der Marktanteil der Windows-Smartphones (weltweit 0,7 Prozent). Bereits etabliert sind hingegen die chinesischen Lokalgrรถssen WeChat (200 Millionen verbundene Bankkonti) von Tencent und Alipay (300 Millionen) von Alibaba. Auch andere Uhrenhersteller mischen mit: Mondaine etwa hat einen Universal-Chip entwickelt, der sich an jedes Armband anclippen lรคsst. Auf dem Weltmarkt dรผrfte das ebenso wenig Chancen haben wie die verschiedenen Schweizer Start-ups, die ihr Glรผck versucht haben: Klimpr und die Swisscom-Tochter Tapit haben bereits wieder aufgegeben, auch die Genfer Mobino hat sich nicht durchgesetzt.
Bellamy hat gravierende Nachteile
Das droht auch Bellamy, denn die Kreditkartenuhr hat einige gravierende Nachteile: Neben der Zahlung bietet sie keine weiteren Funktionen. Das Billig-Design des Plastiktickers ist Geschmackssache. Vor Benutzung muss die Bellamy mit Geld aufgeladen werden, danach sind die Transaktionen auf 1000 Franken pro Zahlung und 2500 Franken pro Jahr beschrรคnkt. Wenn die hinterlegte Kreditkarte nach zwei Jahren ablรคuft, muss man fรผr 105 Franken eine neue Uhr kaufen. Auch sonst ist die Bellamy fรผr den Kunden die teuerste Bezahllรถsung: ยซDie Einschrรคnkungen und Gebรผhren durch die Banken sind eine Katastropheยป, sagt auch Swatch-Group-Chef Nick Hayek. ยซAber das haben wir leider nicht in der Hand.ยป
Nรคchstes Jahr will Hayek eine Version 2.0 der Bellamy lancieren, die flexibler ist und bei der die Kunden ihre gewohnte Kreditkarte hinterlegen kรถnnen. Doch vorerst dรผrfte das Portemonnaie am Handgelenk eine Nischenanwendung bleiben: ยซWir sehen in China, dass viele Eltern die Uhr als Notgroschen fรผr ihre Kinder verwendenยป, sagt Carlo Giordanetti, Creative Director bei Swatch.
Keine Chance fรผr Twint
Twint hat international ebenfalls keine Chance. Bestenfalls als lokale Alternative zu den IT-Giganten kรถnnte man sich positionieren โ auch weil die Grossbanken hierzulande noch immer einen Vertrauensbonus geniessen, wenn es um die Abwicklung von Zahlungen geht. Langfristig dรผrfte alles auf den alten Zweikampf Apple vs. Google hinauslaufen โ mit Startvorteil fรผr Apple. Vergangenes Jahr wurden รผber Apple Pay bereits Transaktionen im Wert von 10,9 Milliarden Dollar abgewickelt. ยซWir gewinnen jede Woche eine Million Userยป, sagte Apple-Pay-Chefin Jennifer Bailey im Mรคrz der US-Website TechCrunch. Langfristig aber hat Googles Android mit einem weltweiten Marktanteil bei den Smartphones von 84 Prozent die besten Chancen, auch den Payment-Markt zu dominieren.
Zukunft ohne Banken
Experten spinnen den Gedanken zum Zahlungssystem der Zukunft schon weiter. Irgendwann kรถnnten die grossen IT-Player die Kreditkarte umgehen und ein eigenes Apple- oder Google-Konto anbieten. Dazu brauchen sie eine Banklizenz. Google hat eine solche bereits fรผr Europa. ยซDas wรคre auch fรผr Apple ein sehr kleiner Schrittยป, sagt Paymit-Chef Schmid. Vorerst will Apple nichts davon wissen: Man baue lieber auf Partnerschaften mit den Banken, die die Kunden kennen, verkรผndete Jennifer Bailey kรผrzlich in einem Interview. Doch das kann sich jederzeit รคndern. ยซDie Kreditkartenherausgeber mรผssen ihre Rolle findenยป, sagt Alexander Schultz-Wirth, Advisory Partner bei PwC: ยซIn fรผnf bis sechs Jahren kรถnnte es kritisch werden.ยป
Und die nรคchste Kundengeneration, die Millennials, wird vielleicht gar kein Bankkonto mehr haben, sondern alle ihre Geldgeschรคfte mit Hilfe eines rein digitalen Players erledigen. Entsprechende Start-ups wie Number26 in Deutschland oder das englische Revolut sammeln derzeit viel Risikokapital ein; PayPal ist bereits seit lรคngerem in diesem Markt aktiv. ยซDie primรคre Bankverbindung lรคuft dann รผber das Smartphoneยป, erwartet Fintech-Experte Bernegger.
Bis dahin freilich werden noch viele Kassenterminals beim Anblick eines Smartphones zufrieden piepsen.