Harte Zeiten fΓΌr Tidjane Thiam und seine Bank: Die Credit-Suisse-Anleger sind seit Thiams Amtsantritt vor einem Jahr scharenweise aus dem Titel geflΓΌchtet,
der Aktienkurs erreichte jΓΌngst ein Rekordtief. Ein Befreiungsschlag tut not.
Thiam ficht das alles nicht an. Er hat schon ganz anderes erlebt. Als Minister in seinem Heimatland, der ElfenbeinkΓΌste, wurde er im Zuge eines Staatsstreichs unter Hausarrest gestellt. Als Chef des britischen Versicherers Prudential ΓΌberstand er eine AktionΓ€rsrevolte.
Er habe ein Faible dafΓΌr, unter Druck zu sein, scherzte er kΓΌrzlich bei einem Abendessen. Doch mitten im grΓΆssten Umbau der Credit Suisse seit fast 30 Jahren fragen sich viele, ob der Branchen-Aussenseiter sich selbst und der Bank nicht zu viel zumutet.
Grosse Zweifel
Β«Am Anfang haben alle gedacht, dass er ΓΌber Wasser gehen kannΒ», sagt Andreas Brun, Analyst bei der ZΓΌrcher Kantonalbank. Β«Inzwischen denken alle, dass er sich schon mit dem Schwimmen schwer tut.Β»
Zweifel an der Strategie, Zweifel an den Zielen, Zweifel an seiner Eignung - wie konnte der zu Beginn von vielen als Heilsbringer bejubelte Thiam so schnell auf Normalmass schrumpfen? Und wie stehen die Chancen, dass die viertgrΓΆsste Privatbank der Welt die Kurve kriegt?
Bei seinem ersten Auftritt vor den Medien hatte er das Publikum mit seinem Charme und klaren Worten schnell auf seiner Seite. Nur bei einer Frage reagierte der ΓbernΓ€chtigte gereizt - der nach seiner mangelnden Erfahrung als Investmentbanker. Er wolle nicht angeben, erklΓ€rte er spitz, aber als McKinsey-Berater habe er schon viele Investmentbanken reorganisiert und er verstehe, wie Optionspreise zustande kΓ€men.
Β«Ich habe Physik und Mathematik studiert und offen gesagt ist die Mathematik, die hinter Derivaten steht, relativ primitiv.Β» An diesen SΓ€tze sollte er ein Jahr spΓ€ter, in der schwersten Krise seiner Amtszeit, noch erinnert werden.
TT, wie viele Thiam nennen,
ist mΓΆglicherweise die grΓΆsste Wette, die Rohner als PrΓ€sident der Credit Suisse je eingegangen ist. Denn nach einer Rekordbusse in den USA wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung musste sich der Jurist gegen RΓΌcktrittsforderungen verteidigen. Mit der Ernennung Thiams nahm Rohner sich selbst aus der Schusslinie, kettete aber sein eigenes Schicksal bei der Bank an Thiam. Β«Beide wissen: Wenn die Zahlen nicht stimmen, mΓΌssen beide gehenΒ», sagt ein Insider.
Wachstum statt Sparzwang
ZunΓ€chst zahlte sich die Wahl Thiams voll aus: Am Tag seiner Ernennung schoss die CS-Aktie acht Prozent hoch, das Institut war an der BΓΆrse auf einen Schlag 3,5 Milliarden Franken mehr wert. Im Oktober stellte der Risikoexperte sein Programm vor: Die von seinem VorgΓ€nger hinterlassene dΓΌnne Kapitaldecke aufpolstern und den Gewinn krΓ€ftig steigern. Das will er mit dem Ausbau der VermΓΆgensverwaltung schaffen, die den Launen der FinanzmΓ€rkte weniger ausgesetzt ist.
Vor allem im GeschΓ€ft mit Superreichen Asiaten sieht Thiam ein riesiges Potenzial. Der riskante Anleihehandel kam dagegen auf das Abstellgleis, wie die UBS das schon vor Jahren vorexerziert hatte.
Angesichts der kriselnden FinanzmΓ€rkte hat zwar auch Thiam sein Kostensenkungsprogramm verschΓ€rft. Trotzdem setzt die Credit Suisse im Gegensatz etwa zur Deutschen Bank, wo Sparen und Schrumpfen ΓΌber allem steht, noch immer mehr auf Wachstum. Und Thiam kann schon erste Erfolge vorweisen - im ersten Quartal sammelte die Bank deutlich mehr neues Geld in der VermΓΆgensverwaltung ein.
Regionale Aufstellung
Doch die vielen Baustellen machen dem Konzern zu schaffen. Statt der in der Bankenbranche ΓΌblichen Gliederung nach Sparten stellte Thiam den Konzern regional auf. Neu besteht das Institut aus dem Schweizer GeschΓ€ft, dem asiatischen GeschΓ€ft und dem GeschΓ€ft in Europa, dem Nahen Osten und Lateinamerika.
Dazu kommen eine Handels-Division und eine Sparte fΓΌr die Beratung bei ZukΓ€ufen und anderen Kapitalmarkt-Transaktionen, die US-lastig sind. In diesem Modell kΓΆnnen die Bereichschefs ihr Geld selber ausgeben und PrioritΓ€ten setzen, statt AntrΓ€ge in der Zentrale in ZΓΌrich einzureichen.
Vorbild Versicherung
Die regionale Aufstellung ist in der Versicherungsbranche, aus der Thiam kommt, weit verbreitet. Mit dem Regionen-Modell hat Thiam jedoch nicht einmal in seinem eigenen Management alle ΓΌberzeugt. Aus seiner Sicht ermΓΆgliche die neue Struktur ein vereinfachtes Berichtswesen und klare Verantwortlichkeiten, sagt eine FΓΌhrungskraft.
Β«Aus der Sicht aller anderen ist es verwirrend und viel komplexer.Β» Es sei eine sehr komplizierte Weise, eine Bank im TagesgeschΓ€ft zu betreiben.
Doch Kritik hatte es oft schwer, bis zu Thiam vorzudringen, wie mehrere gegenwΓ€rtige und ehemalige Manager berichten. Thiam umgebe sich mit einem inneren Kreise von Vertrauten, die den Zugang zum Chef kontrollieren.
Investmentbanker spΓΌren den Bedeutungsverlust
Es ist kein Zufall, dass Thiam besonders oft in New York anzutreffen ist. Denn dort ist ein bedeutender Teil des Investmentbankings angesiedelt. In dem GeschΓ€ft fallen die von Thiam angeordneten Stellenstreichungen und BonuskΓΌrzungen besonders drastisch aus. Die Investmentbanker, die unter Thiams VorrgΓ€nger Brady Dougan im Konzern lange Jahre das Sagen hatten, spΓΌren ihren Bedeutungsverlust. Entsprechend mies sei die Stimmung im Handel in London und New York, sagen Insider.
Besser sei die Moral in den VermΓΆgensverwaltungs-Einheiten, beobachtet Headhunter Matthias Schulthess. Β«In den GeschΓ€ftsfeldern, in denen verstΓ€rkt investiert wird, herrscht Aufbruchstimmung.Β»
Enormer Abschlag
Der Aktienkurseinbruch von fast 60 Prozent, seit Thiam das Ruder ΓΌbernommen hat, alarmiert aber viele Mitarbeiter und Anleger. Mit einem BΓΆrsenwert von 22 Milliarden Franken ist die Bank noch gut halb so viel wert, wie bei einer Liquidation des Konzerns ΓΌbrig bliebe.
Diesen enormen Abschlag erklΓ€rt Barclays-Analyst Jeremy Sigee mit den drohenden Milliarden-Kosten fΓΌr Rechtsstreitigkeiten. Obwohl Thiam schon sechs Milliarden Franken an Kapital aufgenommen hat und der Konzern inzwischen wetterfester ist, befΓΌrchten Anleger, dass das nicht genug sein kΓΆnnte.
Β«Thiam braucht einen BefreiungsschlagΒ», sagt ein ehemaliger Spitzenmanager der Bank. Wenn er bis im Herbst keine besseren Zahlen zeige, dΓΌrfte der Druck der AktionΓ€re auf ihn massiv zunehmen.
Sehen Sie in der Bildergalerie oben, welche Aktienbesitzer zu den grΓΆssten CS-Verlierern zΓ€hlen.