Dreimal die Woche hatte der Parco Sempione im Herzen von Mailand einen frΓΌhen Besucher: Bereits morgens um fΓΌnf, bei jedem Wetter, spulte Carsten Schloter im 38 Hektar grossen Park seine Joggingkilometer herunter, dann erst machte er sich auf den Weg zum zweieinhalb Kilometer entfernten BΓΌro. Es war in der Zeit, als Schloter zusΓ€tzlich zu seinem Amt als Swisscom-CEO auch noch den Chefposten bei der Tochter Fastweb bekleidete. Manche der italienischen Kollegen schΓΌttelten den Kopf ob so viel Tatendrang.
Doch alle Anstrengungen Schloters reichten nicht, um bei Fastweb das Ruder herumzureissen: Ende letzten Jahres musste die Swisscom einen Abschreiber von 1,2 Milliarden Franken auf ihrer Auslandbeteiligung verkΓΌnden. Das bescherte dem Schweizer Telekomriesen erstmals seit fast zehn Jahren einen Quartalsverlust und drittelte den Jahresgewinn. Die Finanzkrise habe die Konsumenten verschreckt und die BΓΆrsen einbrechen lassen, liess die Swisscom verlauten. Die hohe Staatsverschuldung und das schwache Wirtschaftswachstum hΓ€tten den Wert der grΓΆssten Auslandbeteiligung ihrer Geschichte um 35 Prozent reduziert. Und tatsΓ€chlich hatte ja der MailΓ€nder BΓΆrsenindex in der gleichen Zeit sogar 65 Prozent verloren, tatsΓ€chlich hatten auch Telecom Italia und Vodafone Italia Milliarden abschreiben mΓΌssen, tatsΓ€chlich waren es die explodierenden ZinssΓ€tze in Italien, die den Impairment-Test ausgelΓΆst hatten. Doch die gesamtwirtschaftlichen Turbulenzen sind nur ein Teil der Wahrheit. Der andere, deutlich unangenehmere Teil: handfeste Managementfehler, strategisch wie operativ. Einen guten Teil davon hat Schloter zu verantworten. Seit der Γbernahme im Jahr 2007 amtet er als VerwaltungsratsprΓ€sident der Fastweb; von April bis November 2010 leitete er die Firma auch operativ. Heute beansprucht die MailΓ€nder Tochter rund 20 Prozent seiner Arbeitszeit. Β«Ich bin jede Woche physisch oder per Videokonferenz vor OrtΒ», sagt er.
Das bewahrte Schloter nicht vor Fehlern. Der erste: Swisscom hat die Konkurrenz unterschΓ€tzt. In der Schweiz sind die Margen komfortabel und die Anzahl Mitbewerber gering. Der italienische Markt ist mit vier Mobilfunk- und Dutzenden von Festnetzanbietern deutlich weniger kuschelig. Das musste Schloter ausgerechnet bei einem langjΓ€hrigen VerbΓΌndeten feststellen: Mit Vodafone, der einst ein Viertel von Swisscom Mobile gehΓΆrte, spannte er auch in Italien zusammen. Β«Wir hatten sogar geprΓΌft, ob wir nicht gemeinsam bei Fastweb einsteigenΒ», sagt der Swisscom-Chef.
Der Plan zerschlug sich, aber Fastweb verkaufte die Mobilfunkabos der EnglΓ€nder. Bis Ende 2007 der Fixnetzanbieter Tele2 Italia zum Verkauf stand. Die Swisscom machte zwar eine Kaufofferte, doch sie scheute das Risiko. Vodafone bot satte 40 Prozent mehr und bekam den Zuschlag. Das machte aus den Partnern Konkurrenten: Seither bietet Vodafone ihren Kunden mit grossem Erfolg eigene Fixnetzprodukte an, wΓ€hrend Fastweb UmsatzrΓΌckgΓ€nge verzeichnen muss. Die Folge: Vodafone zog im Markt bald an Fastweb vorbei. Β«Den Vorwurf muss ich mir machen: Da waren wir im Bieterprozess zu konservativ und haben damit die TΓΌre offen stehen lassen fΓΌr VodafoneΒ», sagt Schloter.
Den zweiten grossen Fehler muss man Schloter und seiner Mannschaft im KonsumentengeschΓ€ft ankreiden. Β«Fastweb gewinnt hier nicht genug Neukunden, gleichzeitig sinkt der Umsatz mit den bestehenden KundenΒ», erklΓ€rt Cris-toforo Morandini, Analyst beim Telekominstitut Osservatorio Banda Larga. 150 bis 200 Millionen Euro geben Vodafone, Wind und Telecom Italia jΓ€hrlich fΓΌrs Marketing aus, bei Fastweb sind es nur rund 30 Millionen.
Bei den Verkaufsstellen sieht es noch schlimmer aus: 5000 bis 7000 Points of Sale werfen die Konkurrenten in die Waagschale. Fastweb setzte viel zu lange auf Telemarketing und hat heute erst 15 eigene Filialen. Dabei ist ein hoher Werbe- und Distributionsdruck unerlΓ€sslich: Denn fΓΌr schnelles Internet zahlt der italienische Konsument nur ungern. Erst 50 Prozent der Haushalte haben einen Breitbandanschluss, in den meisten IndustrielΓ€ndern liegt der Anteil bei ΓΌber 80 Prozent. GegenΓΌber den teuren Angeboten von Fastweb ist die ZurΓΌckhaltung noch grΓΆsser β es braucht sie schlicht nicht. Β«Anders als in der Schweiz ist Content, welcher Glasfasernetze erfordert, fΓΌr die italienischen Telcos noch kaum verfΓΌgbarΒ», sagt Piero Galli, Partner und Telekomexperte bei Bain & Company. Irgendwann mag sich das Γ€ndern. Β«Aber bislang konnte die Infrastruktur von Fastweb ihr Potenzial noch nicht richtig ausspielenΒ», so Galli.
Im letzten Quartal war die Anzahl FixnetzanschlΓΌsse in Italien sogar erstmals rΓΌcklΓ€ufig; stattdessen boomen mobile Breitbanddienste. Doch diese kann Fastweb nicht bieten: Die Firma, und das ist ihr dritter grosser Fehler, besitzt kein eigenes Mobilfunknetz, tritt nur als WiederverkΓ€ufer mit wenig GestaltungsmΓΆglichkeiten und tiefen Margen auf. Das Angebot wird nicht einmal zur Neukundengewinnung vermarktet: Β«Wir haben momentan schlicht nicht die Schlagkraft auf der MobilfunkseiteΒ», sagt Schloter. Entsprechend winzig ist der Marktanteil. Dabei ist der Swisscom die strategische Bedeutung des sogenannten Triple Play (Fixnetz, Internet und Mobilfunk) vom Heimmarkt her bestens bekannt.
Ein weiteres Problem haben die Schweizer Manager (neben Schloter sitzen Grosskundenchef Urs Schaeppi und CFO Ueli Dietiker im Fastweb-VR) schon 2007 erkannt: jenes der sΓ€umigen Kunden. Rund 30 Prozent der Abonnenten bezahlten ihre Rechnung nie, in manchen DΓΆrfern waren es sogar 100 Prozent. Und trotzdem ging man das Problem erst 2010 effektiv an und implementierte die Prozesse und Tools der Swisscom dort β der vierte grosse Fehler. Β«Das hΓ€tte man frΓΌher und besser machen kΓΆnnenΒ», kritisiert ein VR-Mitglied. Die Folge all dieser Managementfehler: Fastweb hat die Wachstumshoffnungen enttΓ€uscht und unter Schloter Marktanteile verloren. Bei der Γbernahme war die Firma der grΓΆsste Breitbandanbieter hinter dem Staatsbetrieb Telecom Italia. Heute liegt sie nur noch auf Platz vier.
So erfolgreich Schloter mit der Swisscom im Heimmarkt auch ist: Das Italiendesaster wΓ€re Grund genug, ihn in die WΓΌste zu schicken. TatsΓ€chlich bot Schloter im Dezember seinen RΓΌcktritt an. Doch der Verwaltungsrat hΓ€lt am 48-jΓ€hrigen Deutschen fest: Β«Wir haben in ihm einen der besten, wenn nicht den besten CEO Europas in der TelekombrancheΒ», sagt ein langjΓ€hriges VR-Mitglied. Die Treue hat viel damit zu tun, dass der VR das Italienabenteuer mitzuverantworten hat. Als das Gremium im Januar 2006 Schloter als Nachfolger des zurΓΌckgetretenen Jens Alder bestimmte, gab es ihm zwei klare Aufgaben mit auf den Weg. Zum einen, von Vodafone die 25-Prozent-Beteiligung an Swisscom Mobile zurΓΌckzukaufen β was Schloter noch im selben Jahr fΓΌr 4,25 Milliarden Franken erledigte. Zum anderen, eine Akquisition zu tΓ€tigen, die fΓΌr einige Jahre Wachstum versprach und mit der die Swisscom ihre seit Jahren enorme Eigenkapitalquote auf eine vernΓΌnftige HΓΆhe reduzieren konnte. Aus politischen Γberlegungen durfte es jedoch kein Grundversorger sein β schliesslich hatte der Bundesrat die ΓbernahmeplΓ€ne fΓΌr die irische Eircom genau deshalb abgelehnt, was zu Alders Abgang fΓΌhrte. Und der Kauf musste in die vom Bundesrat vorgegebene Schuldenobergrenze von damals rund acht Milliarden Franken passen.
Die Fastweb-Idee kam vom damaligen Strategiechef Daniel Ritz. Mobilfunkmann Schloter zΓΆgerte zunΓ€chst, einen Festnetzanbieter zu kaufen. Doch die Vorgaben des Strategiegremiums waren klar. Β«Ich habe Schloter damals vor allem als Exekutions-Maschine des VR erlebtΒ», sagt einer, der in jenen heissen Wochen dabei war β Β«er war sehr vorsichtig gegen innen und wollte nicht jene politischen Probleme provozieren, die seinem VorgΓ€nger den Kopf gekostet hatten.Β» Zwar bekam der VR mit Ex-Coop-Chef Hansueli Loosli letztes Jahr einen neuen PrΓ€sidenten. Doch sechs der neun VerwaltungsrΓ€te von damals sind noch heute in Amt und WΓΌrden. Dass sie Schloter damals so klare Vorgaben gemacht haben, schΓΌtzt ihn heute vor dem unmittelbaren Rausschmiss.
Zudem weiss man im Gremium um die ruhmlose Ausland-Historie der Swisscom. Die Expansionen endeten regelmΓ€ssig mit Verlust (siehe Nebenartikel
Β«Sechs blaue AugenΒ») β auch weil man im Schnitt schon nach viereinhalb Jahren die Reissleine zog. Β«In der Vergangenheit haben wir manchmal vielleicht ein bisschen zu frΓΌh zu hektisch reagiertΒ», sagt ein VR-Mitglied, Β«diesmal wird uns das nicht passieren.Β»
Stattdessen lautet die Vorgabe des VR an Schloter: Fastweb wieder auf die Beine bringen, Kosten senken, Kunden gewinnen, Wert genieren. Β«Das wird ein ordentliches StΓΌck Arbeit fΓΌr das Managementteam in Italien, aber es ist umsetzbarΒ», tΓΆnt es aus dem Gremium.
Nicht zuletzt deshalb ΓΌbernahm Schloter den Chefposten in Mailand, als Fastweb nach dem Steuerskandal unter behΓΆrdliche Beobachtung gestellt wurde. Dort verschaffte er sich Respekt durch seine zupackende Art und Beliebtheit durch seine ZugΓ€nglichkeit. Zwar spricht Schloter kein Italienisch. Doch dass der CEO sich nicht hinter seiner SekretΓ€rin verschanzte und E-Mail-Anfragen auch aus den untersten Managementstufen persΓΆnlich beantwortete, war neu fΓΌr die Milanesi. Dass er das Mittagessen in der bescheidenen Haus-Cafeteria einnahm statt in den gediegenen Restaurants der Umgebung, beeindruckte ebenfalls.
Seine wichtigste Massnahme: Er initiierte eine Partnerschaft mit dem Pay-TV-Anbieter Sky, um die TV- und Breitbandangebote zu bΓΌndeln. So kam Fastweb auf einen Schlag zu 3000 zusΓ€tzlichen Verkaufsstellen. 71β000 neue Kunden β das sind viereinhalb Prozent β hat die Partnerschaft bereits gebracht. Auch fΓΌr 2012 ist man bei Swisscom optimistisch: Das Wachstum liege bereits deutlich ΓΌber den Erwartungen. Diese Begeisterung kΓΆnnen nicht alle teilen: Β«Wegen der wirtschaftlichen Situation kΓΌndigen viele Italiener derzeit ihr Pay-TVΒ», sagt ein MailΓ€nder Telekomexperte. Β«Das ist ein unglΓΌcklicher Moment, um ihnen zusΓ€tzlich auch noch einen teuren Breitbandanschluss verkaufen zu wollen.Β»
Seinem Ruf als Zahlenmensch wurde Schloter auch in Mailand gerecht: Er stoppte den Verkauf subventionierter Hardware (TV, PC) und den Grosshandel von LeitungskapazitΓ€t, was beides kaum Marge brachte. Er verschΓ€rfte die KreditwΓΌrdigkeitsprΓΌfung der Kunden und kΓΌrzte das Mahnverfahren, um die Anzahl schlechter Zahler von 30 auf heute 9 Prozent zu reduzieren. Er senkte die Kosten fΓΌr den Anschluss von Neukunden um 70 Prozent. Und er baute 150 Stellen ab.
Schloters Nachfolger als CEO, der 38-jΓ€hrige ehemalige Investment Banker Alberto Calcagno (er ist seit 2000 bei Fastweb), fΓΌhrt den Sparkurs fort: Bis 2015 sollen weitere 120 Millionen an Kosten herausgenommen werden, hauptsΓ€chlich bei den Zulieferern und der IT-Infrastruktur, aber auch durch schlankere AblΓ€ufe und Managementstrukturen. Geht alles gut, soll Fastweb Β«in ein paar Jahren einen schΓΆnen Gewinnbeitrag an die Swisscom abliefernΒ». So zumindest stellt man es sich im VR vor.
Das Problem: Ein Befreiungsschlag sieht anders aus. Doch dafΓΌr fehlt das Geld. Die bundesrΓ€tliche Verschuldungsobergrenze lΓ€sst der Swisscom fΓΌr FirmenkΓ€ufe derzeit einen Spielraum von 1,7 Milliarden Franken. Damit kauft man in Italien keinen Blumentopf. Stattdessen versuchte Schloter das Problem Fastweb andersherum zu lΓΆsen: durch einen Verkauf. Β«Schloter hat sich fast ΓΌberall prΓ€sentiertΒ», sagt ein Unternehmensberater, der in den Prozess involviert war. Β«Aber derzeit zahlt niemand einen fairen Marktwert fΓΌr Fastweb.Β»
Bleibt als letzte Option das Zusammengehen mit einem Konkurrenten. Auch hier gab es mehrmals GesprΓ€che mit verschiedenen Seiten. Mit Sky standen sie letztes Jahr sogar kurz vor dem Abschluss. Doch als Sky-EigentΓΌmer Rupert Murdoch wegen des Bespitzelungsskandals seiner Zeitung Β«News of the WorldΒ» in England unter politisches Sperrfeuer geriet und um die Zukunft seines TV-GeschΓ€fts fΓΌrchten musste, Γ€nderten sich seine PrioritΓ€ten, und er beorderte Schloters Verhandlungspartner Tom Mockridge in die Londoner Firmenzentrale zurΓΌck. Β«Die Option der Kapitalverflechtung war vom ersten Tag an offen und ist es nach wie vorΒ», sagt Schloter. Doch der richtige Zeitpunkt fΓΌr einen Merger ist vorbei. Β«Warum sollen wir von einer mΓΆglichen Wertsteigerung etwas an jemand anders abgeben zu einem Zeitpunkt, wo wir den Tiefpunkt hoffentlich erreicht haben?Β», fragt ein VR.
Kein Weg fΓΌhrt derzeit aus der strategischen Sackgasse. Und die Zukunft wird nicht leichter werden: Der italienische Telekommarkt ist rΓΌcklΓ€ufig. Die bereits niedrigen Margen sinken weiter. Und der Platzhirsch Telecom Italia hat seine jahrelange SchwΓ€chephase ΓΌberwunden: Β«TI hat wieder Tritt gefasst und ist nun deutlich kompetitiverΒ», sagt Piero Galli. So rollt der ehemalige Staatsbetrieb inzwischen sein eigenes Glasfasernetz aus und setzt die Swisscom-Tochter damit weiter unter Druck.
Im Fadenkreuz der Politik
Zwar ist Fastweb kein Fass ohne Boden: Die Firma arbeitet profitabel und zahlt ihre Investments ins Glasfasernetz selber. Doch entgegen allen PlΓ€nen hat sie noch keinen Rappen Gewinn nach Bern ΓΌberwiesen, lediglich die β marktΓΌblichen β Zinsen fΓΌr ein Intercompany-Darlehen von zwei Dritteln des Kaufpreises ΓΌber 6,9 Milliarden. Und mit dem Abschreiber ist genau das eingetreten, was die Swisscom um jeden Preis vermeiden wollte: Ihre AktivitΓ€ten beschΓ€ftigen wieder die Politik. Die Kommission fΓΌr Verkehr und Fernmeldewesen des StΓ€nderates (KVF) lud die Konzernspitze zu einem Hearing und verlangt fΓΌr ihre nΓ€chste Sitzung im MΓ€rz einen ausfΓΌhrlichen Bericht ΓΌber die Konsequenzen des Debakels fΓΌr kΓΌnftige Auslandengagements.
Auch der Verwaltungsrat wird die Entwicklung bei Fastweb genau verfolgen. ZusΓ€tzliche Kompetenz hat er sich schon geholt: An der Generalversammlung Anfang April soll Barbara Frei ins Gremium gewΓ€hlt werden. Die 41-JΓ€hrige ist hauptberuflich Chefin von ABB Italia, ihr BΓΌro in Mailand liegt nur eine Viertelstunde entfernt vom Fastweb-Hauptquartier.
Carsten Schloter steht nun unter verschΓ€rfter Beobachtung.
Mitarbeit: Alessandro Longo