Plรถtzlich weiss auch Nathalie Wappler nicht mehr weiter, verliert selbst sie kurz die รbersicht im Gang-Labyrinth von Leutschenbach, wo alles neu gruppiert wird โ respektive nรคher zusammenrรผckt. Doch dann findet die SRF-Chefin die gesuchte Tรผre zum mehrstรถckigen Newsroom fรผr TV und Online, dem Herzstรผck des Medienhauses, wo auch die neuen Fernsehstudios untergebracht sind, aus denen kรผnftig die ยซTagesschauยป, ยซ10vor10ยป und weitere Informationssendungen ausgestrahlt werden sollen. Gleich nebenan entsteht die neue Radiohall, wo die Crew des Radiostudios Zรผrich 2021 hinzรผgeln muss.
Beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) bleibt kein Stein auf dem anderen. Gezwungenermassen. Der Bundesrat hat die Gebรผhrengelder fรผr die SRG nach dem ยซNo Billagยป-Abstimmungskampf auf jรคhrlich 1,2 Milliarden Franken gedeckelt, die Werbeeinnahmen schmelzen stรคrker als prognostiziert. Und so jagt ein Sparprogramm das nรคchste: Das erste Massnahmenpaket mit einem angepeilten Sparvolumen von 100 Millionen Franken ist noch nicht ganz abgeschlossen, schon liegt das nรคchste vor, diesmal mit einem Sparauftrag von 50 Millionen Franken. Und trotzdem: Die SRG wird das abgelaufene Geschรคftsjahr mit einem Defizit von schรคtzungsweise 20 Millionen Franken abschliessen.
Als grรถsstes SRG-Kind muss SRF jeweils den grรถssten Sparbeitrag der sprachregionalen Unternehmenseinheiten leisten: Beim ersten Sparpaket waren es 20 Millionen, beim zweiten sind es nun 16 Millionen Franken. Kaum im Amt, hat Nathalie Wappler Sendungen gestrichen und den Personalbestand weiter reduziert. Doch den Sollwert hat sie damit noch nicht erreicht, der Abbau geht weiter. Und sie schliesst auch Entlassungen nicht aus.
Von Halle an der Saale nach Zรผrich
Wappler spricht langsam, bedacht, unsentimental. Und sehr leise. So leise, dass Techniker die Mikrofone jeweils nachjustieren mรผssen, wenn sie vor grossem Publikum etwas sagen will. Ins Bรผro kommt sie mit dem Tram oder Velo โ vom Zรผrichberg, wohin sie vor knapp einem Jahr aus Halle an der Saale gezogen ist, einer Grossstadt in Ostdeutschland, die hierzulande hรถchstens mit rechten Aufmรคrschen fรผr Schlagzeilen sorgt, aber auch Sitz des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) ist, wo Wappler von 2016 bis Ende 2018 Programmdirektorin war. Doch der bescheidene, fast sanfte Auftritt sollte nicht darรผber hinwegtรคuschen, dass die 52-jรคhrige Historikerin und Germanistin durchaus harte Entscheide zu fรคllen bereit ist.
So hat sie kurz nach ihrem Amtsantritt die sogenannte ยซMatrix-Organisationยป abgeschafft, mit der die Verantwortlichkeiten bei SRF auf eine vertikal-hierarchische und eine horizontal-fachorientierte Fรผhrungsriege verteilt wurden. Und bei der man den Verdacht nie richtig loswurde, dass ihre Einfรผhrung bei der Zusammenfรผhrung von Radio und Fernsehen vor allem dazu diente, allen Chefs ein Pรถstchen zu sichern. ยซIn den ersten drei Monaten habe ich vor allem zugehรถrtยป, sagt Wappler, ยซdabei habe ich am hรคufigsten gehรถrt, dass es an der Schnittstelle immer geklemmt habeยป.