Die britische Premierministerin Theresa May ist mit ihrem Brexit-Abkommen im Parlament krachend gescheitert. Nun muss sie sich am heutigen Mittwoch einem Misstrauensvotum stellen.
Am Abend entscheidet das Parlament, ob es der konservativen Regierung das Vertrauen entzieht. Schon am Morgen berรคt das Europaparlament in Strassburg รผber die Situation.
Das britische Unterhaus votierte am Dienstagabend mit 432 zu 202 Stimmen gegen den รผber Monate mรผhsam mit der EU ausgehandelten, 584-Seiten langen Ausstiegsvertrag. Es ist die schwerste Niederlage fรผr eine britische Regierung in der jรผngeren Geschichte und das erste Mal seit 1864, dass das Parlament ein Abkommen der Regierung zu Fall bringt.
Vรถllig unklare Situation
Der Ausgang war erwartet worden, weil auch viele Abgeordnete von Mays konservativer Partei gegen das Abkommen waren. Unmittelbar nach der Abstimmung beantragte Oppositionsfรผhrer Jeremy Corbyn von der Labour-Partei ein Misstrauensvotum. Wenige Wochen vor dem geplanten Austritt aus der EU am 29. Mรคrz steckt Grossbritannien damit in der schwersten politischen Krise seit einem halben Jahrhundert. Wie es mit dem Brexit weiter geht, ist unklar. EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker warnte, das Risiko eines ungeordneten EU-Austritts sei gestiegen.
May sagte nach dem Votum, es sei nun deutlich, dass das Parlament die Vereinbarung ablehne. ยซAber die Abstimmung von heute sagt uns nichts darรผber, was das Parlament unterstรผtzt.ยป Nun mรผsse deutlich gemacht werden, ob die Regierung immer noch das Vertrauen der Abgeordneten habe. Corbyn sagte, es handle sich um die grรถsste Niederlage einer britischen Regierung seit den 1920er Jahren. Er glaube nicht, dass May ein gutes Abkommen mit der EU aushandeln kรถnne. Besonders umstritten war im Parlament die sogenannte Backstopp-Regelung, eine Notfall-Absicherung, die eine harte Grenze zwischen der britischen Provinz Nordirland und dem EU-Land Irland verhindern soll.
Suche nach Ausweg
Unklar war zunรคchst das weitere Vorgehen. Vor der Abstimmung waren weitere Verhandlungen mit der EU und ein neuer Anlauf im Parlament, ein ungeregelter Austritt ohne Auskommen am 29. Mรคrz, eine zweite Volksabstimmung รผber den Brexit oder ein Rรผcktritt von May diskutiert worden.
Die Premierministerin kรผndigte an, sich mit Vertretern aller Parteien zu treffen, um einen Ausweg zu suchen. Bereits am kommenden Montag wolle sie dem Parlament einen Plan B vorlegen, um einen chaotischen EU-Austritt Grossbritanniens doch noch zu verhindern, sagte sie. May kรผndigte zudem eine Erklรคrung bis Montag an. ยซEs ist meine Verpflichtung, beim Brexit zum Ziel zu kommen.ยป
Einem Sprecher von May zufolge lehnt die Regierungschefin einen Rรผcktritt ab. Zudem kรถnne der Vertragsentwurf noch immer die Grundlage fรผr ein Abkommen mit der EU bilden, sagte er.
Mays Gegner waren da anderer Meinung: ยซDieser Deal ist totยป, sagte Ex-Aussenminister Boris Johnson, der prominenteste Brexit-Hardliner und May-Kritiker in der konservativen Partei. Er forderte May auf, nach Brรผssel zurรผckzukehren, um bessere Bedingungen auszuhandeln. Immerhin schien es so, dass May bei dem anstehenden Misstrauensvotum auf eine Unterstรผtzung ihrer internen Kritiker zรคhlen kann. Sowohl die nordirische Partei DUP, die Mays Minderheitsregierung toleriert, aber gegen den Brexit-Vertrag gestimmt hatte, als auch Gegner des Ausstiegsabkommens in der eigenen Partei kรผndigten an, sich hinter die Premierministerin zu stellen.
Das Britische Pfund schnellte nach der Ablehnung um einen US-Cent auf 1,28 Dollar nach oben.
Keine Nachverhandlungen
EU-Kommissionschef Juncker bedauerte den Ausgang des Votums. Das Risiko eines ungeordneten EU-Austritts des Landes sei damit gestiegen, sagte er. Man hoffe den Weg zu vermeiden, bereite sich aber darauf vor. Das Vereinigte Kรถnigreich mรผsse nun seine Absichten so bald wie mรถglich klar machen: ยซDie Zeit ist beinahe abgelaufen.ยป EU-Ratsprรคsident Donald Tusk erklรคrte, dass die einzige gute Lรถsung fรผr Grossbritannien ein Verbleib in der EU sein kรถnnte: ยซWenn ein Abkommen unmรถglich ist und keiner einen Austritt ohne Abkommen will, wer wird dann letztlich den Mut haben, zu sagen, was die einzige positive Lรถsung ist?ยป
Die Hoffnung, dass die EU nun die Auffanglรถsung fรผr Nordirland aus dem Brexit-Vertrag streicht oder zumindest zeitlich befristet, dรผrfte aber etwas verfrรผht sein. ยซEs wird jedenfalls keine Nachverhandlungen zum Austrittsabkommen gebenยป, bekrรคftigte รsterreichs Kanzler Sebastian Kurz die bisherige EU-Linie.
Britische Abgeordnete erwรคgen einem Insider zufolge nun einen Antrag, um das Ausstiegsverfahren nach EU-Artikel 50 zu verlรคngern. Regierungsminister hรคtten solche Planspiele fรผr einen Brexit-Aufschub gegenรผber Spitzenvertretern der Wirtschaft geรคussert, sagt eine an den Gesprรคchen beteiligte Person.
Verschiebung des Austritts?
In Brรผssel wird frรผheren Angaben von EU-Vertretern seit einigen Wochen hinter den Kulissen eine Verschiebung des Austritts durchgespielt. Der Weg sei aber keinesfalls die bevorzugte Option. Durchaus mรถglich wรคre eine Ausweitung um wenige Wochen aber nur dann, falls der Abschluss des Ausstiegsvertrags unmittelbar bevorstรผnde. Kompliziert wรผrde die Sache durch die Wahlen zum EU-Parlament Ende Mai. Grossbritannien ist dann eigentlich nicht mehr dabei. Die Sitze der Parlamentarier von der Insel fielen weg.
Grossbritannien will die EU nach gut 45 Jahren Mitgliedschaft verlassen. Bis Ende 2020 gibt es eine รbergangsphase, in der dort noch EU-Recht gilt. Die Zeit, die notfalls um zwei Jahre verlรคngert werden kann, gilt aber nur, falls London vor dem Austritt den Scheidungsvertrag mit Brรผssel unterzeichnet.