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Milberg Weiss: Erst schmieren, dann klagen

Wegen Bestechung droht der US-Kanzlei Milberg Weiss das Ende. Ein beliebtes Ziel von ihr waren Schweizer Firmen wie CS und UBS.

Peter Hossli

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Sorgfรคltig gebรผndelt lag das Geld in einem diskreten Kassenschrank. Lediglich zwei Anwรคlte kannten die Kombination zur Stahltรผr. Nachts holten sie die frisch gedruckten Dollarnoten jeweils aus dem Tresor und trugen sie in braunen Papiertรผten unbeachtet weg.
Was an einen billigen Finanzkrimi gemahnt, ist die unterhaltsamste Passage einer Anklageschrift, die in der US-Geschรคftswelt derzeit Wellen schlรคgt. Die Staatsanwรคltin von Kalifornien klagte Mitte Mai die Anwaltskanzlei Milberg Weiss sowie zwei von deren Partnern wegen Betrugs und Bestechung an. Zwanzig Jahre lang soll die Firma systematisch Klรคger geschmiert haben. So auch im Fall der bรถrsenkotierten Biotechfirma Genentech, die der Basler Roche gehรถrt. Diese Klage dรผrfte fatale Folgen haben fรผr die einflussreichste Kanzlei Amerikas. ยซMilberg Weiss wird untergehenยป, sagt Daniel Becnell, ein prominenter Anwalt aus Louisiana, der unter anderem die Vioxx-Klagen gegen Merck koordiniert.
Und so droht ausgerechnet Milberg Weiss die Pleite, dem Giganten des juristisch-industriellen Systems der USA.
Niemand hat in den letzten vierzig Jahren das Rechtswesen nachhaltiger geprรคgt. Mehr als die Hรคlfte aller amerikanischen Aktionรคrsklagen gingen รผber die Tische der Kanzlei. Sie trieb die Vergleichssumme in diesem lukrativen Bereich von 145 Millionen Dollar im Jahr 1997 auf รผber 20 Milliarden Dollar im Jahr 2005 hoch. Umso grรถsser fรคllt nun die Schadenfreude in den Chefetagen von kotierten Konzernen aus.

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Horrende Betrรคge rang ihnen die Kanzlei ab. Allein 2004 und 2005 schloss Milberg Weiss Vergleiche im Umfang von 1,5 Milliarden Dollar. Fast ebenso viel โ€“ 1,4 Milliarden โ€“ umfasst ein einziger Vergleich mit Investmentbanken, die beschuldigt werden, die Internetblase widerrechtlich angeheizt zu haben. Die Busse, unter anderem beglichen von der Credit Suisse, soll heuer ausbezahlt werden. Im Mรคrz war ein weiterer Schweizer Konzern betroffen: Die Versicherungsgesellschaft Zurich North America zahlte 100 Millionen Dollar in einem Vergleich, den Milberg Weiss angestrengt hatte.
Weltweit berรผhmt wurde die Kanzlei durch die Holocaust-Klage gegen Schweizer Banken. Grรผndungspartner Melvyn Weiss agierte damals als einer der fรผhrenden Klรคgeranwรคlte โ€“ und zwar unentgeltlich.
Weniger generรถs springen seine Anwรคlte mit Firmen um, deren Aktienkurse rasant fallen. Wie Geier stรผrzen sie sich auf jedes erdenkliche Fehlverhalten, seien es nun Mรคngel in der Buchfรผhrung, eine aufgeblรคhte Gewinnprognose oder eine nicht ausgesprochene Warnung. ยซNiemand geht aggressiver vor als Milberg Weissยป, sagt der Sprecher einer grossen Bank hinter vorgehaltener Hand. ยซIhre Beweislage ist aber meist sehr dรผnn.ยป
Und nicht nur dies. Oft fehlen anfรคnglich gar die Klรคger. Die Anwรคlte warten nรคmlich nicht darauf, bis ein Geschรคdigter um Hilfe nachsucht. Viel eher, so die kalifornische Klageschrift, sucht die Kanzlei aktiv nach mรถglichst aussichts- und ertragsreichen Zielen. Um die passenden Klรคger bemรผht sie sich dann spรคter. Solche sind indes nicht immer einfach zu finden, denn Investoren, die ihre eigene Firma verklagen, profitieren selten. Klagen und Vergleich trรผben den Kurs ihrer Aktien. Und: Den Klรคgern bleibt meist nur ein Bruchteil der Verdiktsumme, wรคhrend das Gros an die Anwรคlte geht.

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Den Mangel an Geschรคdigten behob Milberg Weiss schamlos mit dem gezielten Griff in den geheimen Tresor โ€“ und kaufte sich welche. Rund elf Millionen Dollar gab die Kanzlei dafรผr zwischen 1984 und 2005 aus. Eine happige Investition, die sich aber auszahlte, sicherte sich die Firma damit doch 216 Millionen Dollar an Honoraren.
Oft ging das Schmiergeld an dieselben Personen. Etwa an Howard Vogel aus New Jersey, seine Frau oder den Stiefsohn. Zusammengezรคhlt erschienen sie vierzig Mal zuoberst auf Klageschriften von Milberg Weiss. Gar siebzig Mal klagte die Familie von Seymour Lazar aus Palm Springs in Kalifornien. Betroffen waren Konzerne wie British Petroleum, United Airlines oder die Waffenschmiede Lockheed.
Keineswegs zufรคllig besassen Vogel und Lazar eine derartige Menge Aktien von Firmen, deren Kurse dann einbrachen. Gezielt kauften sie gefรคhrdete Wertschriften, angeleitet von den vifen Milberg-Weiss-Anwรคlten. Ein klarer Verstoss. Ebenso strafbar sind die Schmiergelder, die Vogel โ€“ 2,4 Millionen Dollar โ€“ jahrelang bezog.
Der pensionierte Anwalt Seymour Lazar seinerseits erhielt insgesamt 210 000 Dollar Bargeld, um Genentech zu verklagen. Die in San Francisco ansรคssige Biotechfirma schloss 1991 einen Vergleich in Hรถhe von 29 Millionen Dollar.

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