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Kirche: Die Jesus AG

Wie einst in den heidnischen Kolonien verbreiten heute Geistliche in der Welt des Materialismus ihre Lehre. Mit grossem Erfolg: Die Berater Gottes sind in den Teppichetagen so gefragt wie heisse BΓΆrsentipps von Insidern.

Oliver Klaffke

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Pater Hermann-Josef Zoche sieht seinen Arbeitgeber, wenn man die Kirche so nennen darf, ganz klar als Wirtschaftsunternehmen: Β«Wir sind eine 2000 Jahre alte Firma auf WachstumskursΒ», sagt er. Und prΓ€zisiert: Β«Eine Firma mit einer dezentralen Verwaltung, einem funktionierenden Wechsel auf dem Posten des CEO und einer unternehmerischen Vision.Β»
An Sonntagen predigt Hermann-Josef Zoche als Pfarrer in Waldkirch, einem nur einen Steinwurf von der Schweizer Grenze entfernten Dorf. Unter der Woche aber liest er Wirtschaftsleuten die Leviten. Und zwar als Unternehmensberater. Seine Botschaft im Namen des Herrn ist im Grundsatz eine frohe Kunde fΓΌr die AnhΓ€nger des Mammons: Christentum und Unternehmertum sind durchaus vereinbar. Zum Thema hat er auch ein Buch geschrieben. Titel: Die Jesus AG.
Β«Ethisches Verhalten ist in der Wirtschaft notwendig, und es zahlt sich ausΒ», sagt er. Jesus und Marktwirtschaft gehΓΆren fΓΌr den Pfarrer zusammen. Der Mann, der dem Orden der Β«BrΓΌder vom gemeinsamen LebenΒ» angehΓΆrt, ist quirlig und wirkt weltlich; das Erste, was man von ihm sieht, ist sein Jagdhund namens Birke, der um die Hausecke biegt. Man sitzt am Kachelofen im Pfarrhaus in Waldkirch im Schwarzwald, und Pfarrer Zoche erklΓ€rt, dass das Christentum fΓΌr einen erfolgreichen Unternehmer so wichtig sei wie die vernΓΌnftige LiquiditΓ€tsplanung. Die Wirtschaft boome dann erst richtig und nachhaltig, wenn man sich ethisch korrekt verhalte.

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Die Zehn Gebote seien eigentlich ein Leitfaden, der ein gutes Auskommen der Menschen miteinander regle und deshalb auch fΓΌr Firmen wichtig sei. Die Gebote lassen sich in dieser Lesart auch fast eins zu eins im unternehmerischen Alltag umsetzen. Kaum einer wird dem Gebot widersprechen, dass man seine Gewinne redlich erwirtschaften muss (siebtes Gebot: Du sollst nicht stehlen). Oder dass man nicht mit Tricks, List und KonkurrenzschmΓ€hung zum Erfolg kommen soll (achtes Gebot: Du sollst nicht falsches Zeugnis reden).Wichtig fΓΌr die Work-Life-Balance wiederum ist das dritte Gebot (Du sollst den Feiertag heiligen). Und so weiter.
Β«Wer sich daran hΓ€lt, handelt eigentlich nur vernΓΌnftigΒ», meint Zoche. Denn tatsΓ€chlich stecke hinter den meisten moralischen Regeln eine ziemlich rationale Überlegung, die helfen soll, das menschliche Zusammenleben so harmonisch und nachhaltig wie mΓΆglich zu gestalten. Γ–konomisch klug handelt der, der die SΓΌnde vermeidet, denn diese verursacht nur Konflikte und zieht Kosten nach sich. SΓΌndigen, so das Fazit, ist eigentlich ein ziemlich dummes Verhalten. Wer hingegen die Zehn Gebote befolge, wirtschafte nicht nur profitabler, sondern auch nachhaltiger. Sie sind nach dem VerstΓ€ndnis der christlichen Lehre kein Freibrief fΓΌr kapitalistisches Raubrittertum nach den Regeln des Manchester-Liberalismus, sondern ein ethisches Fundament fΓΌr rationales Handeln, das fast automatisch Gewinn nach sich zieht.

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Immer mehr Unternehmer und Manager erkennen den Fundus, aus dem sie dort schΓΆpfen kΓΆnnen. Β«Gerade in einer Zeit wie der unsrigen, in der die Wirtschaft als Selbstzweck den Status einer Ersatzreligion angenommen hat, muss man sich wieder auf die wirklichen Werte konzentrierenΒ», sagt Pater Zoche.
Die Meldung kommt an: Wie einst die Missionare in die heidnischen Kolonien ziehen derzeit katholische und reformierte Geistliche aus, die Welt des Materialismus in den Teppichetagen der Firmen zu bekehren. TatsΓ€chlich sind mittlerweile Priester als Management- und Unternehmensberater in vielen Firmen tΓ€tig: Brauereien, Pharmakonzerne oder Familienunternehmen lassen sich von ihnen beraten oder die Mitarbeiter coachen. Die Kundenlisten behandeln die Berater im Namen des Herrn freilich so vertraulich wie die gewisperten SΓΌnden bei der Beichte – und umgekehrt halten sich auch die Firmen bedeckt.
Im Laufe von 2000 Jahren haben es die Kirchen geschafft, eine Organisationsform und ein Wertesystem zu entwickeln, die als Anleitung zur guten UnternehmensfΓΌhrung taugen. In der christlichen Lehre und der kirchlichen Liturgie ist alles vorhanden, was auch ein Wirtschaftskonzern braucht, um erfolgreich zu sein: eine Vision, fest gefΓΌgte Werte, Rituale und eine flache Hierarchie, mit der man global fΓΌhren kann.

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Der Vorbildcharakter zeigt sich besonders in der Organisationsstruktur und strategischer Weitsicht, in der zumindest die katholische Kirche der Wirtschaft um Jahrhunderte voraus ist. Was ist schon eine 200-jΓ€hrige Privatbank oder ein fΓΌnfzig Jahre alter Konzern gegen das christliche Unternehmen, wenn man KontinuitΓ€t, Expansion und Corporate Identity betrachtet?
Angefangen hat das Christentum, wie es sich fΓΌr einen Grosskonzern gehΓΆrt, in der damaligen Version einer Garage. Aus den ersten AnhΓ€ngern, drei Weisen und ein paar Hirten in PalΓ€stina, ist ein weltumspannendes Netzwerk geworden. Heute gibt es knapp 2,1 Milliarden Christen auf der Welt. Das entspricht einem Marktanteil von etwa 30 Prozent. Dem halben Dutzend protestantischen Kirchen gehΓΆren weltweit 800 Millionen Menschen an; knapp die HΓ€lfte aller Christen bekennt sich zum Katholizismus. Trotz dem RΓΌckgang in Europa: Der Glaube an den Herrn ist weltweit weiter auf Wachstumskurs.
Es gibt wohl kaum ein anderes Unternehmen, das eine so klare Corporate Identity besitzt. Egal ob man in Santiago, Solothurn oder Soho in ein katholisches Gotteshaus geht: Die Ausgestaltung der GotteshΓ€user ist immer gleich und das Personal gleich gewandet, obschon lokale Traditionen aufgegriffen werden. Der Kunde weiss immer genau, wo er sich befindet und was ihn erwartet.

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Die strategische Weitsicht reicht weit ΓΌber die in der Wirtschaft ΓΌblichen ZeitrΓ€ume von ein paar Jahren hinaus. Die Kirche denkt langfristig. Β«Nehmen Sie etwa die GlobalisierungΒ», sagte Herr Augustinus. Die BILANZ traf den wohl profiliertesten und prominentesten Vertreter der katholischen Unternehmensberatung kurz vor dessen Tod Ende August zu seinem letzten Interview. Was er sagte, ist von Belang, weil der Mann viele heutige Unternehmensberater in Soutane oder Priesterkleid massgebend beeinflusst hat.
Β«Die KircheΒ», pflegte Herr Augustinus zu sagen, mit vollem Namen hiess er ΓΌbrigens Heinrich Graf Henckel von Donnersmarck, Β«die Kirche hat die Globalisierung ernst genommen, als sie von der Wirtschaft noch gar nicht erkannt war.Β» WΓ€hrend das Kardinalskollegium, also die Konzernleitung, ein bunt gemischter Haufen ist, in dem die EuropΓ€er und Nordamerikaner lΓ€ngst eine Minderheit sind, wartet man noch auf eine ebenso multikulturelle Zusammensetzung der Chefetagen etwa bei NestlΓ©, Novartis oder der Credit Suisse. Β«Das ist das Ergebnis einer strategischen EntscheidungΒ», sagte Herr Augustinus. Papst Pius XI. kam 1929 zum Schluss, dass das Zeitalter der Kolonialisierung in spΓ€testens fΓΌnfzig Jahren vorbei sei und seine Organisation nicht in den Strudel der untergehenden KolonialmΓ€chte Frankreich, England und Spanien gerissen werden solle. Deshalb bestimmte er, dass alle BischofsstΓΌhle, egal ob in Afrika, SΓΌdamerika oder Asien, immer mit Einheimischen zu besetzen sind. WΓ€hrend sich Unternehmen mit Diversity-Strategien bemΓΌhen, bei den Mitarbeitern einen Multikulti-Mix zu erreichen, ist das in den Kirchen lΓ€ngst umgesetzt. Personalmangel in der Zweigstelle Europa wird halt durch KrΓ€fte aus anderen LΓ€ndern behoben: Der schwarze Priester im Entlebuch ist lΓ€ngst Alltag, und an den indischen Diakon hat man sich auch im Aargau gewΓΆhnt.

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Schlank und deshalb zukunftweisend ist auch die Hierarchie: Auf lokaler Ebene gibt es den Pfarrer, auf der ΓΌbergeordneten die BischΓΆfe und danach bei der katholischen Kirche den Papst und bei den evangelischen Kirchen eine Bischofsversammlung ohne eigentlichen Chef. WΓ€hrend die katholische Kirche mit einem Β«top-downΒ»-Ansatz ihre Organisation steuert, versuchen es die evangelischen Kirchen mit einem lutherischen, zwinglianischen oder calvinistischen Β«bottom-up approachΒ». Erfolgreich sind beide damit, denn sie verfolgen strikt das SubsidiaritΓ€tsprinzip: Entscheidungen werden auf der mΓΆglichst niedrigsten Hierachiestufe getroffen, und die Verantwortung wird nach unten delegiert. Das hat sich ΓΌber Jahrhunderte bewΓ€hrt; schliesslich konnte das Personal in den fernen Provinzen weitab von Rom nicht per Handy und E-Mail gesteuert werden.
So weit der Hintergrund, sozusagen die unternehmerische Legitimation. Das wirklich Besondere an der TΓ€tigkeit der kirchlichen Berater im Gegensatz zu ihren smarten und zurechtgebΓΌgelten Kollegen aus dem Rest der Consultingbranche ist ihre Konzentration auf die Ressource Mensch. Sie kΓΌmmern sich nicht um Prozesse und Organisationen, sondern um die Menschen und die Werte, die ein Unternehmen hat. Das seelsorgerische KerngeschΓ€ft, das sich sonst auf die SchΓ€flein in der Gemeinde konzentriert, findet so in der Wirtschaft Anwendung.

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Da werden ganze Abteilungen schon einmal fΓΌr ein Coaching in ein Kloster verfrachtet und stehen plΓΆtzlich statt dem erwarteten Trainer einem Pfarrer in Ornat gegenΓΌber. Doch in der Regel beraten die Pfarrer in Zivil, und die christliche Profession ist Γ€usserlich bestenfalls durch ein goldenes Kreuz am Revers zu erkennen.
Entscheidend dabei sind die christlichen Werte. Denn diese bestimmen, wie in einem Unternehmen mit Mitarbeitenden, AktionΓ€ren, Kunden und Lieferanten umgegangen wird. Dabei muss der Mensch im Mittelpunkt aller Betrachtungen stehen. Die Einsicht, dass der Mensch das Mass aller Dinge ist, fusst weniger in der Theologie als in der Philosophie des Abendlandes, etwa in den Schriften der Ethiker Aristoteles und Seneca. Ethik ist die philosophische Disziplin, in der vernΓΌnftige Regeln fΓΌr das menschliche Zusammenleben aufgestellt werden: Ethisch richtig ist das, was langfristig vernΓΌnftig ist. Das ist – im Gegensatz zu vielen Managementtheorien – oft verblΓΌffend einfach.
Ein Beispiel? Wenn etwas zwischen den Mitarbeitenden in der Firma nicht stimmt, gibt es Probleme. Wer erfolgreich sein will, muss dafΓΌr sorgen, dass es auf der menschlichen Ebene keine Konflikte gibt, so der Rat der geistlichen Berater. Verantwortung ΓΌbernehmen, sich um seine Mitarbeiter kΓΌmmern und sie ernst nehmen heisst die Devise. JahresendgesprΓ€che reichen da nicht aus, und Feedback-Prozesse oder Vorschlagswesen kann man auch einfacher haben: Β«Manager mΓΌssen mit ihren Leuten reden, sie fragen und zuhΓΆren.Β» Diese Einsicht wΓΌrden zwar die meisten FΓΌhrungskrΓ€fte unterschreiben, doch wie so oft hapert es bei der Umsetzung. In Wirklichkeit wissen viele nicht, was in ihren Abteilungen oder Firmen wirklich los ist. Wer etwas erreichen will, muss sich engagieren. Wie macht man das? Herr Augustinus blickte kurz vom Essen auf und zitierte den Talmud: Β«Die Augen des Herrn machen die KΓΌhe fett.Β» Will heissen: Man darf die Dinge nicht schleifen lassen, wenn man will, dass sie sich gut entwickeln.

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Einen grossen Nutzen, den Manager aus der Erfahrung der Kirchen ziehen kΓΆnnen, bildet deren christlicher Beistand beim Aufstieg und in Krisen. Β«Dabei geht es eigentlich immer um WerteΒ», sagt Benno Kuppler. Den Jesuiten trifft die BILANZ zum GesprΓ€ch im Sonnenschein an der ZΓΌrcher Bahnhofstrasse, nachdem er am Abend zuvor eine Veranstaltung zum Thema Work-Life-Balance bestritten hat. Pater Benno ist diplomierter Kaufmann, Theologe und promovierter Sozialwissenschaftler, wie alle Jesuiten ist er in Zivil; ein freundlicher Herr, etwas untersetzt und als Ordensmann nur am kleinen Kreuz auf der Weste zu erkennen. Zu ihm kommen Manager, die entweder Probleme haben, wie etwa nach einer Entlassung, oder solche, die sich ΓΌber grundlegende Fragen der Lebens- und UnternehmensfΓΌhrung Gedanken machen. Β«Die kommen oft, wenn wichtige Karriereschritte gemacht sind und sie plΓΆtzlich ΓΌberfordert sindΒ», sagt er. Stehen bis zu einer bestimmten Stufe fachliche Qualifikationen im Vordergrund, sind in den Top-Positionen die Β«soft skillsΒ» gefragt. Da geht es um FΓΌhrung, menschliches EinfΓΌhlungsvermΓΆgen, emotionale Intelligenz, und viele Manager sind dann schnell an ihren Grenzen, weil sie nicht wissen, nach welchen Werten sie fΓΌhren und welche sie befolgen sollen. Β«Ich versuche den Menschen zu helfen, ihren Weg zu findenΒ», sagt er.

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Aber auch ganze FΓΌhrungsteams kommen auf der Suche nach Werten, die sich dann in der Unternehmensphilosophie niederschlagen, zu Kuppler. Β«FΓΌhren ohne Werte geht nichtΒ», sagt er. Im Dialog mit dem Jesuiten entwickeln Topmanager ihr WertgefΓΌge und diskutieren ΓΌber ihre gemeinsamen ethischen Grundlagen im GeschΓ€ft.
Dabei helfen ihnen oft Exerzitien weiter. Diese Übungen gehen auf den Ordensgründer der Jesuiten, Ignatius von Loyola, zurück, der sie als «geistliche Übungen» in der Mitte des 16. Jahrhunderts entwickelt hat. Die Exerzitien sind in ihrer ursprünglichen Form eine 30-tÀgige Meditation und Reflexion über die Leidensgeschichte Christi. Sie dienen nach den Worten Loyolas dazu, «sich selbst zu überwinden und sein Leben zu ordnen». Fast 500 Jahre spÀter kânnen auch Manager mit ihnen eine Standortbestimmung vornehmen.
Die Jesuiten sind besonders offen fΓΌr die Probleme der Wirtschaftsleute; sie gelten als bodenstΓ€ndig und praxisorientiert. Immerhin waren sie in ihrer Geschichte so beΓ€ngstigend erfolgreich, dass sie in der Schweiz lange verboten waren. Β«Wir gehen hinaus und wollen vor Ort helfen.Β» Das kΓΆnne im Ghetto oder eben in einer Firma sein. Ausserdem sind Ordensleute kompetent in unternehmerischen Fragen, denn ein Kloster oder Orden ist immer auch eine wirtschaftliche Institution, die nach den gleichen Regeln funktioniert wie eine Firma.

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Dass sich die Kirchen mit Wirtschaftsfragen beschΓ€ftigen, hat Tradition. Vor allem in der Industrialisierung mussten sie zu sozialen Fragen Farbe bekennen. Die Arbeiter wandten sich der sozialistischen Arbeiterbewegung zu und gingen der Kirche von der Fahne. Vor allem die katholische Kirche versuchte den Konflikt zwischen Arbeitern und den Unternehmern zu entschΓ€rfen, indem sie die Wirtschaft an ihre ethische Verantwortung erinnerte. In der Enzyklika Β«Rerum novarumΒ» zur Sozialethik aus dem Jahr 1891 legte Papst Leo XIII. die Grundlagen der katholischen Auffassung von einer moralischen Wirtschaft. Β«Nach der Vorstellung dieser Enzyklika kommt der Mensch vor der Arbeit und die Arbeit vor dem KapitalΒ», sagt Lukas Niederberger.
Den Jesuiten, der das Lassalle-Haus Bad SchΓΆnbrunn oberhalb von Zug leitet, trifft die BILANZ in der Halle des Β«Baur au LacΒ» in ZΓΌrich. Er trΓ€gt Zivil, und das einzige Zeichen, das auf seine geistliche Profession hinweist, ist eine Swatch-Uhr, die SchΓ€fchen auf dem Zifferblatt zeigt. Niederberger spricht oft mit Unternehmern, die wissen mΓΆchten, wie sie mit ihrem Erfolg umgehen sollen. Dabei bieten die Theologen mit ihren klaren Vorstellungen einen Leitfaden. Aussteigen und der Jagd nach dem Mammon entsagen sollen sie nicht. Β«Ich mΓΆchte, dass die Leute in ihren Unternehmen christlich handelnΒ», sagt Niederberger.

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Manager, die sich an christlichen Werten orientieren, geraten schnell in Verdacht, nicht hart genug zu sein. Doch mangelnde Konsequenz bei der Durchsetzung der unternehmerischen Ziele wird sich wohl niemand aus dem Kreis der geistlichen Berater nachsagen lassen. Einige der Herren mit dem weissen Kragen gelten in der Branche im Gegenteil als ziemlich Β«toughΒ», weil sie auch vor unpopulΓ€ren Entscheidungen wie Entlassungen nicht zurΓΌckschrecken. Bei schwierigen Entscheidungen sei es wichtig, dass das ethische Fundament stimme, auf dem sie getroffen werden, sagen sie. Wer als Unternehmer oder Manager Leute entlasse, um die Firma zu retten, mΓΌsse das tun. Hier kennen die Theologen die PrioritΓ€t der Gerechtigkeitspflicht vor der Liebespflicht. WΓ€hrend die Liebespflicht, frei ΓΌbersetzt, jemanden zur allgemeinen Hilfe und zum Beistand an den Mitmenschen verpflichtet, ist die Gerechtigkeitspflicht die Verpflichtung, sich vorrangig um diejenigen zu kΓΌmmern, mit denen man eine besondere Beziehung unterhΓ€lt, wie etwa die Mitarbeitenden.
Gerade Menschen mit Erfolg sehen sich selbst oft als «insecure overachievers», also verunsicherte Überflieger, und brauchen Beistand. «Bei vielen gibt es eine grosse Unsicherheit darüber, was ihre Rolle im Leben überhaupt ist», sagt Peer-Detlev Schladebusch. Der evangelische Pfarrer betreibt mit seinem Kollegen Ralf Reuter «spiritual consulting», Coaching und Training für FührungskrÀfte. Pfarrer Schladebusch, studierter Theologe und Betriebswirtschaftler, empfÀngt in einem schlichten Büro in der hannoverschen Kirchenverwaltung die BILANZ zum GesprÀch bei Pulverkaffee. Die Anschubfinanzierung von «spiritual coaching», einem bisher einmaligen Projekt in der evangelischen Kirche Deutschlands, wird von der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und der Klosterkammer Hannover als speziellem Sponsor getragen. Mittelfristig soll sich das Projekt selbst refinanzieren und weiter ausgebaut werden. Entstanden ist die Initiative aus einem GesprÀchskreis evangelischer Unternehmer, in denen es immer wieder um Themen wie christliche Unternehmensführung oder persânliche Werte ging. Die beiden Pfarrer bieten Coaching, Training und SpiritualitÀt an. «FührungskrÀfte haben es schwer, mit Misserfolgen umzugehen und sich auch Scheitern einzugestehen», sagt er. Für sie ist ein Versagen oft der Weltuntergang. Gerade wenn sie Personal entlassen oder eine Familienfirma schliessen müssen und selbst dabei die letzte Person in einer langen Traditionslinie sind.

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«Viel schlimmer als der wirtschaftliche Niedergang kann die spirituelle Insolvenz quÀlen», sagt Schladebusch. Die beiden Pfarrer geben Hilfestellung frei nach dem Ausspruch des Reformators Martin Luther: «Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe.» Mit ihrer Hilfe soll man auch in Zeiten grosser VerÀnderungen nicht den roten Faden im Leben verlieren und auch stürmische Zeiten überstehen. Für die überwiegend evangelischen Unternehmer und FührungskrÀfte, die sich vom Duo coachen lassen, sind der Rückhalt im Glauben und die feste Überzeugung, dass Gott sie nicht fallen lassen wird, eine wichtige Stütze im Berufsalltag.
Anders gesagt: Neben einem Bankkredit braucht ein Unternehmen bisweilen auch Gottvertrauen.
Manchmal mΓΌsse man die Menschen daran erinnern, wozu sie auf der Welt seien und was wirklich zΓ€hle. In vielen Unternehmen findet der christliche Glaube der Inhaber oder der FΓΌhrungskrΓ€fte denn auch Eingang in die Firmenkultur. Β«Die christlichen Werte wie Achtung und Respekt vor dem anderen mΓΌssen sich auch in der Firma wieder finden.Β» Unternehmer, die diese Ansicht teilen, treffen sich beim Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer (AEU) und kommen auch zu den regelmΓ€ssigen Retraiten fΓΌr Unternehmer ins evangelische Zisterzienserkloster Loccum in der NΓ€he von Hannover.

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Für agnostische Teilnehmer von geschlossenen Firmenseminaren wird der Ausflug bisweilen zu einer Art Überraschungscoup. Denn sie sind von ihren Vorgesetzten nicht immer darüber informiert, wohin die Reise gehen soll, und finden sich dann unvermittelt vor der Klosterpforte wieder, begrüsst von zwei Pfarrern. «In diesen Retraiten wollen wir, dass die Teilnehmer die Mâglichkeit haben, sich zu besinnen und sich über ihren Weg wieder klar zu werden. Sie lernen bei uns, VerÀnderungsprozesse aktiv zu gestalten», sagt Schladebusch. Dabei spielen SpiritualitÀt und christliche Rituale, für die auch Nichtchristen empfÀnglich sind, eine wichtige Rolle. «Menschen haben heute wieder eine grosse Sehnsucht nach Sinnstiftung und Besinnung», meint er. Das gelte auch für nicht christliche Menschen. Gemeinsame freiwillige Gebete, Andachten oder liturgische GesÀnge, denen sich auch agnostische Kaderleute nicht verweigern, gehâren zum Programm. Meditationen und GesprÀche sorgen für die Bodenhaftung und die Orientierung, die vielen im hektischen Berufsalltag verloren gegangen sind. «Wer sich einmal pro Jahr so zurückzieht, kann Power und Werte entwickeln und sich als authentische Persânlichkeit im Berufsleben wesentlich besser entfalten», sagt Schladebusch.

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BΓΌcher fΓΌr Manager von Geistlichen
Helmut Geiselhart: Das Management-Modell der Jesuiten.
Ein Erfolgsrezept fΓΌr das 21. Jahrhundert, Gabler Verlag.

Lukas Niederberger: Am liebsten beides.
Entscheidungen sinnvoll treffen. Scherz Verlag.
Hermann-Josef Zoche: Die Jesus AG.
Zu beziehen ΓΌber www.jesusag.com.
Hermann-Josef Zoche: Jesus und die Marktwirtschaft.
Alber Verlag.
Oliver Klaffke, freier Mitarbeiter der BILANZ

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