Vor einem Monat haben drei Golfstaaten die Grenzen zu Katar geschlossen. Die Blockade setzt die Wirtschaft des Landes unter Druck. Das Emirat treibt jetzt die Produktion eigener Produkte voran.
Die Arme vor der Brust verschrΓ€nkt, aufrechte Haltung, Bauhelm auf dem Kopf - Ramis Al Chajat sieht in seinem langen weissen Gewand, dem katarischen Thub, aus wie ein Feldheer, als er die sieben Bagger bei der Arbeit beobachtet. Tack, tack, tack. UnaufhΓΆrlich meisseln die Maschinen den harten Boden auf. Tack, tack, tack.
Das Thermometer ist auf 45 Grad gestiegen, seit Tagen weht ein WΓΌstenwind ΓΌber Katar, der wie ein riesiger FΓΆhn den Sand in die Augen treibt, der LΓ€rm der Bagger schmerzt in den Ohren. Aber Ramis Al Chajat macht einen zufriedenen Eindruck an diesem frΓΌhen Nachmittag. Denn die Bagger setzen ein Projekt um, mit dem das Emirat der Golf-Krise trotzen will. Sie bauen einen Kuhstall.
Tausende KΓΌhe importiert
Es ist ein ehrgeiziges Vorhaben, das Al Chajat als Vize-PrΓ€sident der Firma Baladna mit zu verantworten hat. Schon jetzt hΓ€lt das Unternehmen nΓΆrdlich der Hauptstadt Doha mitten in der WΓΌste mehr als 20'000 Schafe und Ziegen, aus deren Milch es Molkerei-Produkte herstellt, eine gepflegte Anlage. Auch Kuhmilch fΓΌllt es schon ab.
Innerhalb kΓΌrzester Zeit will Baladna nun StΓ€lle fΓΌr 4000 neue und eigene KΓΌhe aus dem Boden stampfen. Allein 1000 sollen aus Deutschland eingeflogen werden, die restlichen aus den USA und Australien. Β«Wir arbeiten sieben Tage die WocheΒ», sagt Al Chajat.
Katars Wirtschaft steht unter Druck
Seine Worte klingen fast trotzig, doch solche Reaktionen sind in diesen Tagen immer wieder in Katar zu hΓΆren. Vor vier Wochen haben die Golfnachbarn Saudi-Arabien, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) alle Kontakte zu dem Emirat abgebrochen und die Grenzen geschlossen. Aus Γrger ΓΌber Katars angebliche UnterstΓΌtzung fΓΌr Terrorgruppen und seine guten Kontakte zum schiitischen Iran.
Diese Blockade setzt Katars Wirtschaft unter Druck. Milchprodukte sind dafΓΌr ein gutes Beispiel, von denen das Emirat bisher rund 80 Prozent vom grossen Nachbarn Saudi-Arabien importierte. Vor allem der Konzern Al-Marai versorgte die katarischen SupermΓ€rkte mit Milch, Joghurt und KΓ€se. Das Logo der Firma ist zwar immer noch als Werbung in KΓΌhlregalen zu sehen - doch seit Saudi-Arabien jeden Export nach Katar untersagt, haben vorerst tΓΌrkische Milchprodukte die LΓΌcken geschlossen, die kurzfristig die Kataris erschreckt hatten.
Selbstversorgung angestrebt
Geht es nach Al Chajat, soll aber auch das nur eine vorΓΌbergehende LΓΆsung bleiben. Β«In neun MonatenΒ», prophezeit der GeschΓ€ftsmann, Β«kann sich Katar autark versorgen.Β» Schon jetzt werben HΓ€ndler in Doha fΓΌr einheimische Waren: Β«Ja zu katarischen ProduktenΒ», steht an den EingangstΓΌren vieler GeschΓ€fte in der Hauptstadt.
Aber selbst wenn Al Chajats Vorhersage eintreten sollte, wΓ€re nur eines der Probleme gelΓΆst, die Katars Wirtschaft drohen. Das Emirat gilt als reichstes Land auf der Erde. Das grΓΆsste Gasfeld der Welt vor der KΓΌste, das sich Katar mit dem Iran teilt, beschert Einheimischen ein Durchschnittseinkommen von fast 130'000 Dollar.
Mit Tankern nach Asien
Von den Einnahmen aus dem Verkauf des FlΓΌssiggases hΓ€ngt in dem Land so ziemlich alles ab. Der Wohlstand, der Etat, die Fussball-Weltmeisterschaft 2022, die Katar ausrichten wird.
Rund zwei Drittel seines FlΓΌssiggases liefert Katar mit Tankern nach Asien. AbgefΓΌllt wurde es bisher vor allem im emiratischen Hafen Fudschaira. Die Blockade kΓΆnnte Katar in Verhandlungen mit seinen Abnehmern in eine schwΓ€chere Position bringen, die Einnahmen drΓΌcken und seinen Anteil auf dem Weltmarkt gefΓ€hrden. Wegen des niedrigen Gaspreises war das Land schon in den vergangenen Jahren gezwungen, einige ambitionierte Infrastruktur-Projekte zurΓΌckzufahren.
Auch ansonsten ist Katar vom Ausland abhΓ€ngig, nicht nur wegen der fast zwei Millionen Arbeiter und Angestellten aus aller Welt, die in dem Land neben den nur rund 300'000 Einheimischen ihr Geld verdienen.
Grosse AbhΓ€ngigkeit von Ausland
Die Handelsketten der Region laufen vor allem ΓΌber die benachbarten VAE, von wo viele internationale Unternehmen aus das Emirat versorgen. Ein Grossteil der Waren wurde bisher ΓΌber den emiratischen Hafen Dschabal Ali verteilt. Katar ist nur ein vergleichsweise kleiner Markt. Internationale Unternehmen, vor die Wahl zwischen den Kontrahenten gestellt, kΓΆnnten ihn im Zweifelsfall vernachlΓ€ssigen.
Ramis Al Chajat jedenfalls sagt der Konkurrenz aus dem Nachbarland den Kampf an. Die Saudis, stΓΆhnt er, hΓ€tten bis zur Blockade den Markt mit billigen Produkten ΓΌberschwemmt: Β«Aber was sie verloren haben, werden sie nicht wieder zurΓΌckgewinnen.Β»