Abo

Karriere und Mutterschaft: Projekt Kind

Eine Generation von gut ausgebildeten Frauen feiert den 40. Geburtstag mit der Kinderfrage im Kopf. Sie begreifen Muttersein nicht als Ende, sondern als Abrundung ihrer Karriere.

03_09_karriere_mutterschaft.jpg
Prisca Forlin (40), Kaderfrau bei der Swiss Re (Cassandra, 7 Monate, und William, 3 Jahre) RMS

Werbung

Als Prisca Forlin Arpagaus die 35 ΓΌberschritt, fand sie es an der Zeit, sich einige grundsΓ€tzliche Gedanken zu machen. Beruflich hatte sie ein einwandfreies Zeugnis vorgelegt, die Stationen des Werdegangs sorgsam geplant. Nach dem Studium und der Promotion an der UniversitΓ€t St. Gallen ergriff sie bei einem internationalen Beratungsunternehmen und dann bei Swiss Re, ihrem heutigen Arbeitgeber, die Jobchancen, die ihren Vorstellungen entsprachen. WΓ€hrend der Assistenz an der Hochschule erkannte sie ihr Flair, Menschen zu motivieren und zu integrieren. Ihre Rolle sah sie daher in einer FΓΌhrungsaufgabe. Viele Jahre fand Forlin das Berufsleben so erfΓΌllend, dass der Gedanke an eine Familie nicht aufkam. Doch dann, mit 35, begann sie, sich ihre Zukunft mit einem Kind auszumalen. Β«Mir fehlte etwasΒ», sagt Prisca Forlin, Β«ich fand, es wΓ€re schΓΆn, das Leben zu komplettieren.Β»
Sohn William kam zur Welt, als sie 37 und gerade befΓΆrdert wurde. Sowohl fΓΌr sie, die heute ein Profit-Center im Account-Management leitet, als auch fΓΌr ihren Ehemann, einen selbststΓ€ndigen Unternehmensberater, stand ausser Betracht, das Arbeitspensum zu reduzieren. Schon wΓ€hrend der Schwangerschaft suchte sie eine Kinderbetreuerin. Β«Wir hatten GlΓΌck, eine Frau zu finden, die von den Wertvorstellungen her perfekt zur Familie passteΒ», sagt Forlin.

Partner-Inhalte

Karrierefrauen gehen das Muttersein hΓ€ufig mit der gleichen Systematik und IntensitΓ€t an wie den Job. So lautet ein Ergebnis einer im Juni dieses Jahres erschienenen Pionierstudie zum Thema Β«SpΓ€te erste Mutterschaft: ein neues biografisches Muster?Β».
Ingrid Herlyn und Dorothea KrΓΌger von der UniversitΓ€t Hannover kommen zum Schluss, dass hinter der spΓ€ten Mutterschaft ein neuartiger Versuch steht, zwei Lebensziele besser zu verbinden. Nicht Kinder statt Karriere ist die Frage, Kinder und Karriere lautet die Forderung. Denn, so haben die Wissenschaftlerinnen herausgefunden, Β«Mutterschaft ist noch immer eine anerkannte gesellschaftliche Norm, fΓΌr die Frauen trotz konkurrierenden PlΓ€nen alles unternehmen, um ihr zumindest noch spΓ€t zu entsprechen.Β»
Statistisch gesehen sind Frauen heute bei der Geburt ihres ersten Kindes markant Γ€lter als frΓΌher (siehe Grafik unten auf dieser Seite). Das Durchschnittsalter betrΓ€gt mehr als 30 Jahre, auch Mutter werden um die 40 ist keine Seltenheit mehr. Dabei handelt es sich meistens um Wunschkinder. GemΓ€ss der Erhebung Β«Mikrozensus SchweizΒ» wΓΌnschen sich 80 Prozent der Frauen Kinder, eine ΓΌber Jahrzehnte relativ konstante Zahl. ZwΓΆlf Prozent sind unsicher, acht Prozent wollen keine.

Werbung

Sie sind qualifiziert, sie halten die spΓ€te Mutterschaft nicht fΓΌr selbstverstΓ€ndlich, der Zeitpunkt der Geburt wird rΓΌckblickend als richtig angesehen, sie sind meist verheiratet oder in stabilen Beziehungen: So lautet das Profil einer typischen spΓ€ten Mutter, das die deutschen Wissenschaftlerinnen aus ihren Interviews herausgefiltert haben.
Es passt genau auf Esther Girsberger, die im April Mutter und im Mai 42 Jahre alt geworden ist. Kaum geboren, hatte Jonathan schon seinen ersten Auftritt am Fernsehen. Friedlich schlummerte er im Arm seiner Mutter, als diese am Muttertag in einer Talkshow auf Tele ZΓΌri auftrat. Die ehemalige Chefredaktorin des Β«Tages-AnzeigersΒ», die sich schon auf ein Leben ohne Kinder eingestellt hatte, verbarg dem Fernsehpublikum ihren Mutterstolz nicht. Ihre Begeisterung wΓ€hrt noch immer: Β«Ich hΓ€tte nicht gedacht, dass ich mich so in mein Kind verlieben kannΒ», sagt sie, Β«frΓΌher war ich viel stΓ€rker auf mich selbst bezogen, heute nehme ich mich zurΓΌck. Das Wichtigste ist, dass es Jonathan gut geht.Β»
Das schliesst nicht aus, berufstΓ€tig zu sein. Mit ihrer 70-Prozent Stelle bei der Β«SonntagsZeitungΒ», dem Lehrauftrag an der ZΓΌrcher Hochschule in Winterthur und mit Moderationen kommt Girsberger auf ein volles Pensum; ihr Ehemann Otmar Hofer, Marketing- und Verkaufsleiter der Migros-BΓ€ckerei Jowa, ist beruflich ebenfalls ausgelastet. Wenn die Eltern arbeiten, wird Jonathan von den Grosseltern oder der HaushΓ€lterin betreut, spΓ€ter wird er voraussichtlich eine Krippe besuchen.

Werbung

Familie und Beruf – fΓΌr Esther Girsberger eine SelbstverstΓ€ndlichkeit. Anders als viele Frauen ihrer Generation hat sie ein Vorbild fΓΌr ihr Modell: die eigene Mutter. Das Berufsleben hatte in der Familie Girsberger immer einen hohen Stellenwert. Am Familientisch wurde mit den Eltern, beide RechtsanwΓ€lte, und den beiden BrΓΌdern ΓΌber Juristerei oder GeschΓ€ftliches diskutiert. Β«Eine Familie zu grΓΌnden, war daher nie das prioritΓ€re Lebensziel, eher einen Beruf zu erlernen und den auch gut auszuΓΌbenΒ», sagt Esther Girsberger. Dennoch habe sie nie Nein gesagt zu einem Kind, doch war klar, dass sie keines Β«ohne den geeigneten Vater haben wollteΒ».
Mit der Doppelrolle manΓΆvrieren sich die Frauen allerdings auch in eine ZwickmΓΌhle; Experten sprechen vom Β«VereinbarkeitsdilemmaΒ». Β«Im Selbstbild der FrauenΒ», schreiben die Autorinnen der Studie Β«SpΓ€te MΓΌtterΒ», Β«ist die Mutterrolle noch immer an FΓΌrsorge, Zuwendung und Verantwortung fΓΌr die Familie geknΓΌpft.Β» Das Bild der UnabhΓ€ngigkeit, das Frauen gerne abgeben, widerspreche dem diametral. Erschwerend wirke, dass die Anforderungen an die Arbeit der Mutter zugenommen haben: Stand frΓΌher die Nahrungsversorgung im Vordergrund, muss eine gute Mutter ihr Kind heute auch noch durch Babymassage oder frΓΌhe Musikerziehung fΓΆrdern. Β«Auf der einen SeiteΒ», schreiben die Expertinnen, Β«stehen hΓΆhere Anforderungen an die Arbeit der MΓΌtter, die anderseits mit stΓ€rkeren AnsprΓΌchen der Frauen an ihre berufliche Laufbahn kollidieren.Β»

Werbung

TatsΓ€chlich erleben die wenigsten Frauen ihren Alltag so, wie ihn die Modemagazine als Idealzustand propagieren: als perfekt auf drei Rollen – Kinder, KΓΌche, Karriere – ausgerichtete Superfrauen. Die meisten VΓ€ter ΓΌbernehmen dabei bestenfalls Hilfs- und Beraterdienste. Prisca Forlin, nach eigenem Bekunden Β«ein perfektionistischer MenschΒ», musste lernen, an den eigenen AnsprΓΌchen Abstriche zu machen, Β«eine schmerzhafte, aber wichtige ErfahrungΒ». Anstatt gleich nach Feierabend zu Hause aufzurΓ€umen, lΓ€sst sie die verstreuten Spielsachen schon mal liegen. Ausserdem ist ihr Ehemann fΓΌr die Zubereitung des Essens zustΓ€ndig, was den Ablauf des Abends vereinfacht.
Obschon sie hΓ€ufig an den Rand ihrer Energiereserven gehen, sind diese Frauen in hohem Masse zufrieden, lautet eine Erkenntnis der deutschen Studie. Offenbar raubt die Mutterschaft nicht nur KrΓ€fte, sie legt auch neue frei. Die Frauen sind sich gemΓ€ss den Expertinnen bewusst, dass sie sich Β«mit ihrer hoch qualifizierten TΓ€tigkeit und der Familie in einer privilegierten Situation befinden. Zudem haben sie die Vorurteile gegenΓΌber MΓΌttern als FΓΌhrungskrΓ€fte widerlegt.Β»
Renate Schubert, Professorin am Institut fΓΌr Wirtschaftsforschung der ETH ZΓΌrich, ist eine von ihnen. Mit 42 bekam sie eine Tochter, die heute fΓΌnf Jahre alt ist. Seit sie einjΓ€hrig ist, besucht die Tochter die Kinderkrippe der ETH, ab Herbst geht sie in eine private Ganztagesschule. Schubert hat sich zudem Β«ein Netz von netten MenschenΒ» geknΓΌpft, die sich um ihre Tochter kΓΌmmern, wenn sie Kongresse besucht, am spΓ€ten Nachmittag Vorlesung hΓ€lt oder abends an der Sitzung des Schweizerischen Nationalfonds teilnimmt. StabilitΓ€t und Konstanz in den Bezugspersonen hΓ€lt sie fΓΌr wichtige Faktoren in der externen Kinderbetreuung. Und Organisationstalent. Wobei dies laut Schubert Β«eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung istΒ». Wenn es das Wohl des Kindes erfordere, brauche es auch die Bereitschaft, beruflich zurΓΌckzustehen: Β«Ich ΓΌberlege mir heute grΓΌndlicher, ob eine Konferenz wichtig ist fΓΌr mich oder nicht.Β» Sie scheut sich nicht, Verpflichtungen unkonventionell nachzukommen: Schon zweimal nahm sie Kind und Babysitter an einen Kongress mit, einmal in die USA, einmal nach Holland. Β«FΓΌr die Tochter war das auch ein GewinnΒ», ist sie ΓΌberzeugt.

Werbung

Gerade Γ€lteren MΓΌttern, die vorher eine straffe Agenda gefΓΌhrt haben, bereitet die Umstellung auf ein Kind Schwierigkeiten. Β«Es ist gar nicht so einfach, das Leben mit einem Kind zu organisierenΒ», sagt Esther Girsberger. Damit Jonathan auf seine Rechnung kommt, sitzt sie heute ΓΆfters spΓ€tabends oder am Wochenende im BΓΌro, um Aufgaben termingerecht zu erledigen.
Der Vorsprung an Lebenserfahrung hilft dabei, PrioritΓ€ten neu zu setzen. Girsberger lebt heute Β«weniger den Erwartungen nach als frΓΌherΒ». Bei unliebsamen Verpflichtungen, die sie frΓΌher angenommen hΓ€tte, tut sie sich keinen Zwang mehr an: Β«Ich hatte ein spannendes und reiches Berufsleben und habe nicht den Eindruck, etwas zu verpassen.Β» Auch Prisca Forlin nimmt sich gefestigter wahr: Β«Mit 25 hΓ€tte ich das Muttersein als EinschrΓ€nkung meiner Freiheit empfunden. Heute freue ich mich, am Abend und an den Wochenenden zu Hause zu bleiben. Ich habe mich darauf eingestellt, meine Freizeit ganz der Familie zu widmen.Β»
Zwar ist es nur ein halber RΓΌckzug ins Heim, aber er wird ganz ausgekostet. Zumal sich die Frauen mit den Kindern auch den Wunsch nach Wahrhaftigkeit im Leben erfΓΌllen, die sie offenbar in der hierarchischen Welt der Grossbetriebe nicht oder zu wenig vorfinden. Dass die Zahl der Frauen, die sich selbststΓ€ndig machen, vor dem 40. Geburtstag einen HΓΆhepunkt erreicht, kommt nicht von ungefΓ€hr. Es lΓ€sst darauf schliessen, dass sich die Frauen vorsorglich auf das MutterglΓΌck einstellen, je lauter die biologische Uhr tickt.

Werbung

Lange vor der Geburt ihres Kindes richtete Esther Girsberger ihr Erwerbsleben unbewusst auf ein Kind aus. In einer Auszeit, die sie nach Topjobs bei Tamedia und Novartis nahm, kam sie zum Schluss, kΓΌnftig auf eine Spitzenposition und die damit verbundene Publicity, die eine Frau im Management gewΓ€rtigen muss, zu verzichten. Verschiedene Pensen bei verschiedenen Arbeitgebern und ein BΓΌro an der Privatadresse erlauben ihr, Kind und Beruf besser zu vereinbaren. Auch Renate Schubert schΓ€tzt den Freiraum, den ihr der Beruf bietet: Β«Als Hochschullehrerin kann ich Arbeit und Arbeitszeit sehr eigenstΓ€ndig disponieren.Β»
Obschon sie voll berufstΓ€tig sind und die Betreuung der Kinder in fremde HΓ€nde geben, haben die Frauen nicht das GefΓΌhl, ihre Kinder zu vernachlΓ€ssigen. Ob diese das auch so sehen, wird sich frΓΌhestens in zehn Jahren zeigen, wenn sich die Wissenschaft den Kindern von Karrierefrauen annimmt. Sicher ist, dass die MΓΌtter beim Nachwuchs nicht mehr Nummer eins sind – das ist der Preis der Karriere. Prisca Forlin hat keine MΓΌhe damit: Β«Mami ist Teil des Ganzen, Papi auch, genauso wie die Kinderfrau oder die GrossmutterΒ», sagt sie, Β«Frauen mΓΌssen lernen loszulassen, sonst entstehen starke AbhΓ€ngigkeiten.Β»

Werbung

Vor sieben Monaten brachte Prisca Forlin ihr zweites Kind, Cassandra, zur Welt. Damals war sie 39, und vor kurzem feierte sie ihren 40. Geburtstag. Der Entscheid fΓΌr das zweite Kind, sagt Forlin, sei noch Β«viel bewussterΒ» gefallen als der fΓΌr das erste. Sie arbeitet noch immer mit vollem Pensum bei der Swiss Re und freut sich jeden Abend, den Tag mit den Kindern nochmals neu anzugehen.

Werbung