Als Prisca Forlin Arpagaus die 35 รผberschritt, fand sie es an der Zeit, sich einige grundsรคtzliche Gedanken zu machen. Beruflich hatte sie ein einwandfreies Zeugnis vorgelegt, die Stationen des Werdegangs sorgsam geplant. Nach dem Studium und der Promotion an der Universitรคt St. Gallen ergriff sie bei einem internationalen Beratungsunternehmen und dann bei Swiss Re, ihrem heutigen Arbeitgeber, die Jobchancen, die ihren Vorstellungen entsprachen. Wรคhrend der Assistenz an der Hochschule erkannte sie ihr Flair, Menschen zu motivieren und zu integrieren. Ihre Rolle sah sie daher in einer Fรผhrungsaufgabe. Viele Jahre fand Forlin das Berufsleben so erfรผllend, dass der Gedanke an eine Familie nicht aufkam. Doch dann, mit 35, begann sie, sich ihre Zukunft mit einem Kind auszumalen. ยซMir fehlte etwasยป, sagt Prisca Forlin, ยซich fand, es wรคre schรถn, das Leben zu komplettieren.ยป
Sohn William kam zur Welt, als sie 37 und gerade befรถrdert wurde. Sowohl fรผr sie, die heute ein Profit-Center im Account-Management leitet, als auch fรผr ihren Ehemann, einen selbststรคndigen Unternehmensberater, stand ausser Betracht, das Arbeitspensum zu reduzieren. Schon wรคhrend der Schwangerschaft suchte sie eine Kinderbetreuerin. ยซWir hatten Glรผck, eine Frau zu finden, die von den Wertvorstellungen her perfekt zur Familie passteยป, sagt Forlin.
Karrierefrauen gehen das Muttersein hรคufig mit der gleichen Systematik und Intensitรคt an wie den Job. So lautet ein Ergebnis einer im Juni dieses Jahres erschienenen Pionierstudie zum Thema ยซSpรคte erste Mutterschaft: ein neues biografisches Muster?ยป.
Ingrid Herlyn und Dorothea Krรผger von der Universitรคt Hannover kommen zum Schluss, dass hinter der spรคten Mutterschaft ein neuartiger Versuch steht, zwei Lebensziele besser zu verbinden. Nicht Kinder statt Karriere ist die Frage, Kinder und Karriere lautet die Forderung. Denn, so haben die Wissenschaftlerinnen herausgefunden, ยซMutterschaft ist noch immer eine anerkannte gesellschaftliche Norm, fรผr die Frauen trotz konkurrierenden Plรคnen alles unternehmen, um ihr zumindest noch spรคt zu entsprechen.ยป
Statistisch gesehen sind Frauen heute bei der Geburt ihres ersten Kindes markant รคlter als frรผher (siehe Grafik unten auf dieser Seite). Das Durchschnittsalter betrรคgt mehr als 30 Jahre, auch Mutter werden um die 40 ist keine Seltenheit mehr. Dabei handelt es sich meistens um Wunschkinder. Gemรคss der Erhebung ยซMikrozensus Schweizยป wรผnschen sich 80 Prozent der Frauen Kinder, eine รผber Jahrzehnte relativ konstante Zahl. Zwรถlf Prozent sind unsicher, acht Prozent wollen keine.
Sie sind qualifiziert, sie halten die spรคte Mutterschaft nicht fรผr selbstverstรคndlich, der Zeitpunkt der Geburt wird rรผckblickend als richtig angesehen, sie sind meist verheiratet oder in stabilen Beziehungen: So lautet das Profil einer typischen spรคten Mutter, das die deutschen Wissenschaftlerinnen aus ihren Interviews herausgefiltert haben.
Es passt genau auf Esther Girsberger, die im April Mutter und im Mai 42 Jahre alt geworden ist. Kaum geboren, hatte Jonathan schon seinen ersten Auftritt am Fernsehen. Friedlich schlummerte er im Arm seiner Mutter, als diese am Muttertag in einer Talkshow auf Tele Zรผri auftrat. Die ehemalige Chefredaktorin des ยซTages-Anzeigersยป, die sich schon auf ein Leben ohne Kinder eingestellt hatte, verbarg dem Fernsehpublikum ihren Mutterstolz nicht. Ihre Begeisterung wรคhrt noch immer: ยซIch hรคtte nicht gedacht, dass ich mich so in mein Kind verlieben kannยป, sagt sie, ยซfrรผher war ich viel stรคrker auf mich selbst bezogen, heute nehme ich mich zurรผck. Das Wichtigste ist, dass es Jonathan gut geht.ยป
Das schliesst nicht aus, berufstรคtig zu sein. Mit ihrer 70-Prozent Stelle bei der ยซSonntagsZeitungยป, dem Lehrauftrag an der Zรผrcher Hochschule in Winterthur und mit Moderationen kommt Girsberger auf ein volles Pensum; ihr Ehemann Otmar Hofer, Marketing- und Verkaufsleiter der Migros-Bรคckerei Jowa, ist beruflich ebenfalls ausgelastet. Wenn die Eltern arbeiten, wird Jonathan von den Grosseltern oder der Haushรคlterin betreut, spรคter wird er voraussichtlich eine Krippe besuchen.
Familie und Beruf โ fรผr Esther Girsberger eine Selbstverstรคndlichkeit. Anders als viele Frauen ihrer Generation hat sie ein Vorbild fรผr ihr Modell: die eigene Mutter. Das Berufsleben hatte in der Familie Girsberger immer einen hohen Stellenwert. Am Familientisch wurde mit den Eltern, beide Rechtsanwรคlte, und den beiden Brรผdern รผber Juristerei oder Geschรคftliches diskutiert. ยซEine Familie zu grรผnden, war daher nie das prioritรคre Lebensziel, eher einen Beruf zu erlernen und den auch gut auszuรผbenยป, sagt Esther Girsberger. Dennoch habe sie nie Nein gesagt zu einem Kind, doch war klar, dass sie keines ยซohne den geeigneten Vater haben wollteยป.
Mit der Doppelrolle manรถvrieren sich die Frauen allerdings auch in eine Zwickmรผhle; Experten sprechen vom ยซVereinbarkeitsdilemmaยป. ยซIm Selbstbild der Frauenยป, schreiben die Autorinnen der Studie ยซSpรคte Mรผtterยป, ยซist die Mutterrolle noch immer an Fรผrsorge, Zuwendung und Verantwortung fรผr die Familie geknรผpft.ยป Das Bild der Unabhรคngigkeit, das Frauen gerne abgeben, widerspreche dem diametral. Erschwerend wirke, dass die Anforderungen an die Arbeit der Mutter zugenommen haben: Stand frรผher die Nahrungsversorgung im Vordergrund, muss eine gute Mutter ihr Kind heute auch noch durch Babymassage oder frรผhe Musikerziehung fรถrdern. ยซAuf der einen Seiteยป, schreiben die Expertinnen, ยซstehen hรถhere Anforderungen an die Arbeit der Mรผtter, die anderseits mit stรคrkeren Ansprรผchen der Frauen an ihre berufliche Laufbahn kollidieren.ยป
Tatsรคchlich erleben die wenigsten Frauen ihren Alltag so, wie ihn die Modemagazine als Idealzustand propagieren: als perfekt auf drei Rollen โ Kinder, Kรผche, Karriere โ ausgerichtete Superfrauen. Die meisten Vรคter รผbernehmen dabei bestenfalls Hilfs- und Beraterdienste. Prisca Forlin, nach eigenem Bekunden ยซein perfektionistischer Menschยป, musste lernen, an den eigenen Ansprรผchen Abstriche zu machen, ยซeine schmerzhafte, aber wichtige Erfahrungยป. Anstatt gleich nach Feierabend zu Hause aufzurรคumen, lรคsst sie die verstreuten Spielsachen schon mal liegen. Ausserdem ist ihr Ehemann fรผr die Zubereitung des Essens zustรคndig, was den Ablauf des Abends vereinfacht.
Obschon sie hรคufig an den Rand ihrer Energiereserven gehen, sind diese Frauen in hohem Masse zufrieden, lautet eine Erkenntnis der deutschen Studie. Offenbar raubt die Mutterschaft nicht nur Krรคfte, sie legt auch neue frei. Die Frauen sind sich gemรคss den Expertinnen bewusst, dass sie sich ยซmit ihrer hoch qualifizierten Tรคtigkeit und der Familie in einer privilegierten Situation befinden. Zudem haben sie die Vorurteile gegenรผber Mรผttern als Fรผhrungskrรคfte widerlegt.ยป
Renate Schubert, Professorin am Institut fรผr Wirtschaftsforschung der ETH Zรผrich, ist eine von ihnen. Mit 42 bekam sie eine Tochter, die heute fรผnf Jahre alt ist. Seit sie einjรคhrig ist, besucht die Tochter die Kinderkrippe der ETH, ab Herbst geht sie in eine private Ganztagesschule. Schubert hat sich zudem ยซein Netz von netten Menschenยป geknรผpft, die sich um ihre Tochter kรผmmern, wenn sie Kongresse besucht, am spรคten Nachmittag Vorlesung hรคlt oder abends an der Sitzung des Schweizerischen Nationalfonds teilnimmt. Stabilitรคt und Konstanz in den Bezugspersonen hรคlt sie fรผr wichtige Faktoren in der externen Kinderbetreuung. Und Organisationstalent. Wobei dies laut Schubert ยซeine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung istยป. Wenn es das Wohl des Kindes erfordere, brauche es auch die Bereitschaft, beruflich zurรผckzustehen: ยซIch รผberlege mir heute grรผndlicher, ob eine Konferenz wichtig ist fรผr mich oder nicht.ยป Sie scheut sich nicht, Verpflichtungen unkonventionell nachzukommen: Schon zweimal nahm sie Kind und Babysitter an einen Kongress mit, einmal in die USA, einmal nach Holland. ยซFรผr die Tochter war das auch ein Gewinnยป, ist sie รผberzeugt.
Gerade รคlteren Mรผttern, die vorher eine straffe Agenda gefรผhrt haben, bereitet die Umstellung auf ein Kind Schwierigkeiten. ยซEs ist gar nicht so einfach, das Leben mit einem Kind zu organisierenยป, sagt Esther Girsberger. Damit Jonathan auf seine Rechnung kommt, sitzt sie heute รถfters spรคtabends oder am Wochenende im Bรผro, um Aufgaben termingerecht zu erledigen.
Der Vorsprung an Lebenserfahrung hilft dabei, Prioritรคten neu zu setzen. Girsberger lebt heute ยซweniger den Erwartungen nach als frรผherยป. Bei unliebsamen Verpflichtungen, die sie frรผher angenommen hรคtte, tut sie sich keinen Zwang mehr an: ยซIch hatte ein spannendes und reiches Berufsleben und habe nicht den Eindruck, etwas zu verpassen.ยป Auch Prisca Forlin nimmt sich gefestigter wahr: ยซMit 25 hรคtte ich das Muttersein als Einschrรคnkung meiner Freiheit empfunden. Heute freue ich mich, am Abend und an den Wochenenden zu Hause zu bleiben. Ich habe mich darauf eingestellt, meine Freizeit ganz der Familie zu widmen.ยป
Zwar ist es nur ein halber Rรผckzug ins Heim, aber er wird ganz ausgekostet. Zumal sich die Frauen mit den Kindern auch den Wunsch nach Wahrhaftigkeit im Leben erfรผllen, die sie offenbar in der hierarchischen Welt der Grossbetriebe nicht oder zu wenig vorfinden. Dass die Zahl der Frauen, die sich selbststรคndig machen, vor dem 40. Geburtstag einen Hรถhepunkt erreicht, kommt nicht von ungefรคhr. Es lรคsst darauf schliessen, dass sich die Frauen vorsorglich auf das Mutterglรผck einstellen, je lauter die biologische Uhr tickt.
Lange vor der Geburt ihres Kindes richtete Esther Girsberger ihr Erwerbsleben unbewusst auf ein Kind aus. In einer Auszeit, die sie nach Topjobs bei Tamedia und Novartis nahm, kam sie zum Schluss, kรผnftig auf eine Spitzenposition und die damit verbundene Publicity, die eine Frau im Management gewรคrtigen muss, zu verzichten. Verschiedene Pensen bei verschiedenen Arbeitgebern und ein Bรผro an der Privatadresse erlauben ihr, Kind und Beruf besser zu vereinbaren. Auch Renate Schubert schรคtzt den Freiraum, den ihr der Beruf bietet: ยซAls Hochschullehrerin kann ich Arbeit und Arbeitszeit sehr eigenstรคndig disponieren.ยป
Obschon sie voll berufstรคtig sind und die Betreuung der Kinder in fremde Hรคnde geben, haben die Frauen nicht das Gefรผhl, ihre Kinder zu vernachlรคssigen. Ob diese das auch so sehen, wird sich frรผhestens in zehn Jahren zeigen, wenn sich die Wissenschaft den Kindern von Karrierefrauen annimmt. Sicher ist, dass die Mรผtter beim Nachwuchs nicht mehr Nummer eins sind โ das ist der Preis der Karriere. Prisca Forlin hat keine Mรผhe damit: ยซMami ist Teil des Ganzen, Papi auch, genauso wie die Kinderfrau oder die Grossmutterยป, sagt sie, ยซFrauen mรผssen lernen loszulassen, sonst entstehen starke Abhรคngigkeiten.ยป
Vor sieben Monaten brachte Prisca Forlin ihr zweites Kind, Cassandra, zur Welt. Damals war sie 39, und vor kurzem feierte sie ihren 40. Geburtstag. Der Entscheid fรผr das zweite Kind, sagt Forlin, sei noch ยซviel bewussterยป gefallen als der fรผr das erste. Sie arbeitet noch immer mit vollem Pensum bei der Swiss Re und freut sich jeden Abend, den Tag mit den Kindern nochmals neu anzugehen.