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Holcim: Graues Gold in neuem Glanz

Der Zementriese Holcim startet kraftvoll in die Nach-Schmidheiny-ร„ra. Die neue Crew setzt auf den Zukunftsmarkt Dritte Welt, auf globales Branding und tadellose Reputation.

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Tรคglicher Kampf gegen den Strassenstau: Holcim-Transportbetonzentrale im Sรผden von Mexico City. RMS

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Wenn Rafael Alducin Pรฉrez seine Kolonnen in Bewegung setzt, ist hรถchste Prรคzision angesagt. Im Minutentakt rollen die schweren Lastwagen heran, werden mit ihrer zรคhflรผssigen Fracht voll gepumpt und brausen nach einem kurzen Zwischenstopp wieder in alle Himmelsrichtungen davon.
Mit dem Walkie-Talkie, das permanent an seinen Lippen klebt, und dem faserverstรคrkten Plastikschutzhelm auf seinem gelockten Schรคdel รคhnelt Pรฉrez einem General, allerdings einem der freundlichen Sorte: Das Aufmarschgebiet seiner Genietruppen โ€“ รผber 600 rotierende Transportbeton-Trucks โ€“ liegt in Zentralamerika und umfasst eine Flรคche, die rund 50-mal so gross ist wie das Territorium der Schweiz. Allein in der Hauptstadt Mexico City sind 90 rollende, mit dem neuen Holcim-Logo verzierte Betonmischaggregate beinahe Tag und Nacht unterwegs.
An einer sechsspurigen Einfallsstrasse im Sรผden der nach allen Seiten hin wuchernden Megalopolis befindet sich eine der wichtigsten Betonmischzentralen, die Rafael Pรฉrez landesweit unterstellt sind. Mit Hilfe eines computergestรผtzten Leitsystems und aktueller Verkehrsmeldungen aus dem lokalen Rundfunk werden die mobilen Transporteinheiten von hier aus durch das Hรคusermeer der mexikanischen Kapitale gelotst. Nicht selten werden die Camionneure per Funk angewiesen, von ihrer vorgegebenen Route abzuweichen, um spontan eine schneller erreichbare Lieferadresse anzusteuern. Maximal anderthalb Stunden stehen ihnen pro Wegstrecke zur Verfรผgung. Falls diese Limite von einem der Driver aus verkehrstechnischen Grรผnden nicht eingehalten wird, sind acht Kubikmeter Transportbeton futsch โ€“ weil bereits zu Klumpen erstarrt.

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Mit einem Verstรคndnis erheischenden Lรคcheln deutet der Cheflogistiker der mexikanische Holcim-Tochter Apasco auf einen riesigen Stadtplan hinter sich an der Wand. In verschiedenen Farben sind darauf die aktuellen Einsatzschwerpunkte sowie alternative Zufahrtsrouten im Strassengewirr der 20-Millionen-Metropole markiert, vor allem Grossbaustellen, die ยซjust in timeยป mit hohen Betonvolumen versorgt werden mรผssen. ยซUnsere Kapazitรคten sind genรผgend gross, um sรคmtliche Auftrรคge zu erfรผllenยป, beruhigt Pรฉrez. ยซKritisch sind nur das hohe Verkehrsaufkommen und die zahlreichen Staus.ยป
Obschon das Geschรคft mit dem Transportbeton boomt, entfallen nur zwรถlf Prozent von insgesamt 7,3 Millionen Tonnen Zement, die Holcim in ganz Mexiko absetzt, auf diesen Absatzkanal. Vier Fรผnftel des vielseitigen Baumaterials werden in 50-Kilo-Sรคcken vertrieben und landen grรถsstenteils im so genannt informellen Sektor der Wirtschaft โ€“ mit ein Grund dafรผr, warum in der Heimat von Taco und Tequila bisweilen auch leicht euphemistisch vom ยซgrauen Goldยป die Rede ist. ยซIn den Industrielรคndern gilt Zement als Rohstoff, รคhnlich wie Kupfer oder Baumwolleยป, erklรคrt HSG-ร–konom Markus Akermann (57), der den Schweizer Zementmulti Holcim (vormals: Holderbank) seit zweieinhalb Jahren fรผhrt. ยซHier in Mexiko ist Zement hingegen ein Konsum-produkt, fast schon wie Zahnpasta.ยป

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Fรผr Holcim mit administrativem Hauptsitz in Zรผrich Oerlikon und Tochtergesellschaften in รผber 70 Lรคndern rund um den Erdball ist der mexikanische Markt fรผrwahr eine Goldgrube:
20 Prozent des letztjรคhrigen Betriebsgewinns stammten aus dem aufstrebenden Schwellenland im Sรผden der USA, obschon der Umsatz im gleichen Zeitraum keine acht Prozent der weltweiten Zementverkรคufe von Holcim ausmachte. Gemessen am Reingewinn des Konzerns, sprudelte 2003 sogar mehr als jeder vierte Franken aus dem lukrativen Tequila-Markt. Kurz: Nirgends auf der Welt verdient der Schweizer Zementgrossist so รผppig wie in Mexiko, was sich unter anderem an einer traumhaften Gewinnmarge (Ebitda) von 44 Prozent ablesen lรคsst.
Erklรคrungsansรคtze fรผr die ausserordentliche Profitabilitรคt gibt es verschiedene. Sie reichen von straffer Kostenkontrolle, cleverem Vertriebskanalmanagement und ausgeklรผgelter Logistik bis hin zum Verdacht, der Preismechanismus im mexikanischen Zementmarkt spiele nur sehr eingeschrรคnkt. Nicht zu vernachlรคssigen ist mit Sicherheit der Einfluss von Marktfรผhrer Cemex, der รผber 50 Prozent der nationalen Zementverkรคufe kontrolliert und eine ausgeprรคgte Hochpreispolitik verfolgt. Gleichsam im Windschatten von Cemex segelnd, bringt es Holcim/Apasco in Mexiko derzeit auf einen Marktanteil von rund 23 Prozent (siehe ยซIch bin nicht gern die Nummer eins im Marktยป).

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Das war nicht immer so. Bis Mitte der Achtzigerjahre dominierte Cemex die nรถrdliche Landeshรคlfte als eigentlicher Monopolist. Doch damit wollten sich die expansionshungrigen Schweizer nicht abfinden. ยซWir gingen sehr aggressiv vor und begannen im Norden, also quasi im Feindesland, mit dem Bau eines brandneuen Werks. Cemex hat dies damals gar nicht gern gesehenยป, erinnert sich Holcim-CEO Akermann an diese wettbewerbsintensive Phase. Als Ende der Achtzigerjahre mit Tolteca ein grosser nationaler Mitbewerber zum Verkauf stand, spitzte sich die Lage zu: Cemex blรคtterte fรผr Tolteca รผber 800 Millionen Dollar auf den Tisch, entschied die Ausmarchung damit fรผr sich und gebot auf ihrem Heimmarkt fortan รผber einen Marktanteil von รผber 60 Prozent. ยซDass wir von Cemex ausgestochen wurden, hat uns in Mexiko alle sehr geprรคgtยป, resรผmiert Akermann, der als Bereichsleiter fรผr Lateinamerika seinerzeit direkt in den รœbernahmekampf involviert war.
Was blieb den Schweizern รผbrig, als nach anderen Mitteln und Wegen zu suchen, um Cemex auf deren angestammtem Terrain die Stirn bieten zu kรถnnen? In rascher Kadenz fuhr Holcim/Apasco damals die Produktionskapazitรคten hoch, รผbernahm ein Werk in Acapulco, baute ein weiteres an der Pazifikkรผste und erweiterte zielstrebig bereits bestehende Ofenlinien.

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ยซDas waren gewaltige Kรคmpfe um die besten Tonnenยป, erinnert sich Markus Akermann, der seit zweieinhalb Jahren nicht nur den ganzen Konzern mit weltweit 48 000 Mitarbeitern fรผhrt, sondern gleichzeitig auch noch die Zeit findet, die mexikanische Tochtergesellschaft mit 2500 Angestellten persรถnlich zu betreuen. ยซDie strategisch geschickte Positionierung unserer Werke in den lukrativen Hauptmรคrkten der Cemex erlaubt es uns, von der guten Preislage zu profitierenยป, verrรคt der langjรคhrige Holderbank-Delegierte Max Amstutz und charakterisiert damit trefflich die spezifische Wettbewerbslage im mexikanischen Hochland.
Max Amstutz ist nicht nur Mentor und Lehrmeister des heutigen Konzernchefs, sondern gilt auch als der eigentliche Architekt einer starken Holcim-Prรคsenz in ganz Lateinamerika. Im Auftrag von Thomas Schmidheiny baute Amstutz in den Sechziger- und Siebzigerjahren in der gesamten Region strategische Brรผckenkรถpfe auf โ€“ ein lรคnderรผbergreifendes Beteiligungsnetzwerk an lokalen Zementfirmen, das sukzessive verstรคrkt und erweitert wurde und Holcim heute in der Region eine eigentliche Vormachtstellung garantiert. ยซDa wir praktisch โ€นfreie Jagdโ€บ hatten โ€“ Lafarge war mit sich selber, Europa und Nordamerika beschรคftigt, und Cemex existierte als Konzern noch nicht โ€“, konnten wir ein Netzwerk aufbauen, das Holcim zum wichtigsten Zementkonzern in Lateinamerika machtยป, erinnert sich der Holderbank-Veteran.

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รœber seinen ehemaligen Assistenten Markus Akermann sagt Amstutz: ยซEr ist kein sprรผhender Geist mit โ€นbrillantenโ€บ Ideen, die schon manchen Unternehmensfรผhrer mit seiner Gesellschaft ins Elend gefรผhrt haben. Seine Stรคrke ist solide durchdachte, pragmatisch abgestรผtzte รœberzeugungskraft. Er ist ein eher nรผchterner Mensch, der nicht viele Worte braucht, ja manchmal sogar schroff wirkt, aber immer รผberzeugt.ยป Max Amstutz muss es wissen, bereisten die beiden doch gemeinsam nicht nur die halbe Welt, sondern arbeiteten in der welschen Holderbank-Zentrale in Cรฉli-gny wรคhrend Jahrzehnten aufs Engste zusammen. ยซEr ist ein harter Schafferยป, attestiert Amstutz dem neuen CEO: ยซRegelmรคssig haben wir beide am Samstag gearbeitet, manchmal auch am Sonntag, die einzigen Tage, an denen wir einigermassen Ruhe hatten und Ideen entwickeln und durchdiskutieren konnten.ยป
Unter anderem wรคlzten die beiden Kรคmpen schon damals den Plan, die mexikanische Cash-Cow nach Mรถglichkeit noch stรคrker an den helvetischen Mutterkonzern zu binden โ€“ eine Idee, die keineswegs neu ist und sich nahtlos in die bewรคhrte Holderbank-Strategie eines schrittweisen Beteiligungsausbaus im Ausland fรผgt. Als Markus Akermann 1993 in die Konzernleitung aufstieg (zustรคndig fรผr Lateinamerika und das weltweite Handelsgeschรคft) und mithin auch die oberste Linienverantwortung fรผr Apasco รผbernahm, betrug die Beteiligungsquote an der mexikanischen Tochtergesellschaft 53 Prozent. Zielstrebig kaufte er in der Folge Apasco-Aktien zurรผck und liess die รผbernommenen Titel vernichten, wodurch sich die Beteiligungsquote sukzessive auf gegen 70 Prozent erhรถhte. ยซNiemand sagte mir, ich solle jetzt investieren oder jenes tun oder lassen. Ich hatte meine Ideen und trug diese der Konzernleitung und dem Verwaltungsrat vorยป, erklรคrt Akermann.

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Dass die Aktienrรผckkรคufe vorab betriebswirtschaftlicher Logik zu gehorchen hatten, versteht sich dabei quasi von selbst. Nach Abschluss der Expan-sionsphase gegen Mitte der Neunzigerjahre liessen sich die stolzen Gewinne vor Ort kaum mehr sinnvoll verwenden. Bei modernster Ofentechnologie und erheblichen รœberkapazitรคten in den sechs mexikanischen Werken musste ein neues Outlet fรผr den freien Cashflow gefunden werden.
Einen Ausweg glaubte Akermann zunรคchst in den Anrainerstaaten im Sรผden gefunden zu haben. Von 1997 an akquirierte er Zementbeteiligungen in Lรคndern wie Honduras, El Salvador, Guatemala, Haiti sowie in der Dominikanischen Republik und brachte diese, zusammen mit bereits bestehenden Positionen in Costa Rica und Nicaragua, in eine neu formierte Zentralamerika-Holding ein. An dieser hรคlt Apasco 46 Prozent, wรคhrend die รผbrigen 54 Prozent direkt unter dem Holdingdach deponiert wurden.
Mit anderen Worten: Akermann kreierte einen Konzern im Konzern โ€“ ein finanztaktisch motiviertes Hilfskonstrukt, das mit der bevorstehenden Absorption des Apasco-Kapitals durch die Schweizer Mutter hinfรคllig werden dรผrfte.
Jetzt, da er selbst der oberste Boss ist, kann sich der ausgewiesene Dealmaker schon einmal die Freiheit herausnehmen, รถffentlich und ohne imaginรคre Zensurschere im Kopf รผber sein Verhรคltnis zum langjรคhrigen Mehrheitseigner des Zementmultis, Familienunternehmer Thomas Schmidheiny, zu sprechen: ยซIn Cรฉligny waren wir immer etwas voneinander separiert. Ich habe deshalb eine grosse Unabhรคngigkeit genossen. Und dafรผr bin ich ihm dankbar.ยป Schmidheiny besitze ยซprofundes Branchenwissenยป, lobt Akermann den nach einer Serie von Fehltritten im Januar 2002 von der Kommandobrรผcke abgetretenen Zementerben. ยซMan konnte sich bei ihm gut entwickelnยป, weiss sein Nachfolger an der operativen Konzernspitze.

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In Apaxco, einem staubigen Flecken rund 80 Kilometer nordรถstlich der mexikanischen Kapitale, hatte die berufliche Laufbahn von Thomas Schmidheiny, Nachkomme einer der einflussreichsten Industriedynastien der Schweiz, ihren Anfang genommen. Hier, wo die Kalksteinvorkommen reich und die Fabrikschlote hoch und zahlreich sind, verbrachte er wรคhrend des Ingenieurstudiums an der ETH Zรผrich verschiedentlich die Semesterferien. Nach dem Diplom kehrte der รคlteste Sohn von Max Schmidheiny und designierte Lenker der familiรคren Zementinteressen erneut ins mexikanische Hochland zurรผck und lernte als technischer Leiter des Werks in Apaxco in den Jahren 1970/71 die Zementherstellung von der Pike auf kennen. Noch heute erinnert man sich im Umkreis der Fabrik โ€“ in unmittelbarer Nachbarschaft sind hier mittlerweile auch Cemex und der franzรถsische Lafarge-Konzern mit dem Kochen des ยซgrauen Goldesยป beschรคftigt โ€“ an den nachhaltigen Eindruck, den der spรคtere Holderbank-Boss dort offenbar schon als Mittzwanziger hinterlassen hat. ยซEr war sehr fleissig, menschlich und bescheidenยป, gibt Josรฉ Alvarado (59), ehemaliger Maschinist im Zementwerk, zu Protokoll.
Seit Einfรผhrung einer Holcim-Einheitsaktie im vergangenen Jahr, die Thomas Schmidheiny seiner angestammten Stimmrechtsprivilegien beraubte, hat der pannengeschรคdigte Dynast seine Beteiligung am Konzern von 27,1 Prozent auf 23,6 Prozent des Kapitals reduziert (siehe ยซWie in einer Monarchieยป).

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Vom relativen Bedeutungsverlust des Hauptaktionรคrs, der allerdings nach wie vor im VR vertreten ist, dรผrften sich die รผbrigen Holcim-Aktionรคre kaum beirren lassen. Im Gegenteil, denn die bevorstehende Kapitalerhรถhung in Hรถhe von 1,5 Milliarden Franken, รผber welche die Generalversammlung vom kommenden 14. Mai zu befinden hat, ist mit einer hervorragenden Story unterlegt: Ohne den Konzerngewinn zu verwรคssern, schafft die Integration der margengewaltigen Zentralamerika-Tochter langfristigen Mehrwert, weil die Ertragskraft auf Konzernstufe dadurch zweifellos steigt.
Im Zuge der Transaktion werden beachtliche Barmittel freigesetzt. So betrug der auf die mexikanischen Drittaktionรคre entfallende Cashflow-Anteil im vergangenen Jahr immerhin 85 Millionen Franken โ€“ ein jรคhrlich wiederkehrender Budgetposten, den Holcim kรผnftig fรผr die Realisierung ihrer weltweiten Expansionsziele, etwa den Positionsaufbau in den asiatischen Zukunftsmรคrkten China und Indien, einsetzen kann. ยซWenn Apasco einmal voll integriert istยป, muss sich denn auch Finanzchef Guillermo Garcia Manrique am Firmensitz in Mexico City eingestehen, ยซhat Holcim mehr Freiheit, auch global mit den finanziellen Ressourcen zu spielen.ยป

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Der Aktienrรผckkauf sei ยซmit zementtypischer Prรคzisionยป erfolgt, kommentiert der frรผhere Sandoz-Manager und professionelle Mehrfachverwaltungsrat Rolf Soiron (59). ยซSo wie das Image von Apasco in Mexiko ist, will sich Holcim in Zukunft weltweit prรคsentieren: solid, intelligent und vertrauenswรผrdigยป, so der Doyen im Aufsichtsgremium des Zementriesen, der das VR-Prรคsidium im Mai letzten Jahres รผbernommen hat. Bei einem Material wie Zement von Produktdifferenzierung zu sprechen, klinge zwar etwas verwegen, sagt der promovierte Historiker. Gleichwohl sieht Rolf Soiron genau darin fรผr den Konzern eine gewaltige, fast schon historische Chance. Nur wenn es gelinge, die Prรคferenzen unterschiedlicher Verbrauchersegmente rechtzeitig zu erkennen und mit differenzierten Angeboten darauf zu reagieren, diktiert er, kรถnne verhindert werden, dass sich Holcim in Richtung eines Rohstofflieferanten mit sinkenden Gewinnmargen bewege. ยซUm dieser Drohung aktiv entgegenzuwirken, mรผssen wir lernen, den Weg bis zum Endkunden wie auch dessen Motive besser zu verstehenยป, sagt der brillante Rhetoriker. ยซDies hilft uns, der Commodity-Falle zu entgehen โ€“ vielleicht die grรถsste Falle fรผr einen Konzern wie Holcim.ยป

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Gerade dem mexikanischen Markt mit seinem hohen Anteil an ยซSackwareยป, argumentiert Rolf Soiron, komme in dieser Beziehung Modellcharakter zu: ยซEs ist etwas vรถllig anderes, zu denen zu gelangen, die vorfabrizierte Teile fรผr den Brรผckenbau herstellen, als in die Suburbs von Mexico City zu gehen, wo es diese Baumรคrkte gibt, in denen Private, die jetzt รผber etwas Kleingeld verfรผgen, ein paar Sรคcke kaufen, um ein Mรคuerchen um ihr privates Hรคuschen zu ziehen.ยป Lรคsst sich das Tequila-Modell am Ende gar exportieren? Auf dass Holcim dereinst auch in anderen Mรคrkten der so genannt Dritten Welt vergleichbare Traummargen winken?
Fakt ist, dass nicht nur in Mexiko, sondern auch in vielen aufstrebenden Entwicklungslรคndern Millionen von Familien den dringenden Wunsch verspรผren, ihre Wellblech-, Eternit- oder Palmwedelbehausungen gegen ein stabiles Eigenheim mit einem soliden Fundament einzutauschen. Da sie sich aber in den seltensten Fรคllen gleich ein komplettes Haus leisten kรถnnten, gehen sie schrittweise vor, erwerben โ€“ sobald wieder etwas Bargeld verfรผgbar wird โ€“ einen Sack Zement, um das nรคchste Zimmer anzubauen oder einen Vorplatz zu giessen. Genau dieses Phรคnomen, sagt der oberste Konzernaufseher und Strategiechef, erklรคre, warum Holcim so gerne in den Emerging Markets tรคtig sei. ยซDas Entscheidende an der Produktdifferenzierung ist nicht, dass man im Schnitt vielleicht hรถhere Preise erzielt, sondern das Entscheidende ist, in bestimmten Nischen Reputationsfรผhrerschaft zu erwerben, die Kundentreue schafft, die nachher auch in andere Nischen exportiert werden kann.ยป

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Mรผsste sich Holcim vor diesem Hintergrund nicht schleunigst an Baumรคrkten, Abholzentralen fรผr den informellen Sektor und Do-it-yourself-Shops fรผr Hobbyhandwerker beteiligen? Fรผhrt der von Soiron skizzierte Weg aus der Rohstofffalle konsequenterweise in die vertikale Integration? Es gehe nicht darum, Distributionskanรคle und Absatzpunkte zu erwerben, sondern diese vermehrt zu beeinflussen, repliziert Rolf Soiron mit der fรผr ihn typischen Schlagfertigkeit: ยซNestlรฉ muss auch nicht den ganzen Weg bis hinunter zum Regal im Warenhaus akquirieren.ยป
Als vor zweieinhalb Jahren anlรคsslich eines Kadermeetings in Bangkok erstmals das Konzept eines weltweiten Brands zur Debatte gestellt wurde, witzelt der VR-Prรคsident, hรคtten sich noch alle am Kopf gekratzt und gesagt, hรถrt doch auf mit diesem Schwachsinn. Inzwischen sehen das bei Holcim offenbar nicht wenige anders, befassen sich eingehend mit Marketingfragen und รผberlegen sich, wie die Distributionskanรคle bis hin zu den Endverbrauchern von Mรถrtel, Beton, Kies und Zement besser verstanden und letztlich auch beeinflusst werden kรถnnten. ยซDas ist ein Riesenthema, eine Art Evangelium, das in den letzten Monaten gepredigt wurde und jetzt โ€“ vom CEO รผber die 950 Kadermitglieder bis hinunter an die Basis โ€“ seine Wirkung zu entfalten beginnt, sagt Soiron. ยซHolderbank war eine vรถllig dezentrale Organisation, und Holcim soll dies auch heute noch sein. Was wir hingegen vereinheitlichen mรผssen, ist die Interpretation des Geschรคftsgeschehens.ยป

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Dazu gehรถren eine Reihe von globalen Standards โ€“ etwa in Bezug auf IT, Rechnungswesen, Management-Informationssysteme und die Umwelt โ€“, deren konzernweite Durchsetzung auf der Agenda von Markus Akermann derzeit ganz oben steht. Viel Energie verwendet der CEO auch auf Fragen so genannter Good Governance und Corporate Social Responsability, das heisst unter anderem der Implementierung einer einheitlichen Auffassung von fairem Wettbewerb und Geschรคftsethik im weitesten Sinn. ยซDer Konzern prรคsentiert sich heute anders als vor zwei Jahrenยป, sagt Akermann nicht ohne Stolz. ยซBezรผglich Corporate Governance haben wir einen gewaltigen Sprung gemacht. Jetzt geht es darum, die erzielten Fortschritte in unserer Organisation bis wirklich tief hinunter zu verankern.ยป
Mit dem per 1. April 2004 in der Schweiz in Kraft getretenen Antikorruptionsgesetz verfรผge der Konzern jetzt auch auf diesem Gebiet รผber ยซeine klare Richtlinieยป, so Akermann. Im รœbrigen stelle sich das Problem bei Holcim auch im Ausland bei weitem nicht in dem zuweilen vermuteten Ausmass: ยซWir werden kaum je mit Korruption konfrontiert, weil wir ein Baumaterialzulieferer sind und deshalb nicht an รถffentlichen Ausschreibungen teilnehmen.ยป Selbst im Rรผckblick auf die Phase forcierter Markteroberung in Lateinamerika gibt sein Lehrmeister Max Amstutz Entwarnung: ยซIch erachte es als ein Meisterstรผck unseres lokalen Fรผhrungsteams, dass wir die zahlreichen notwendigen Bau- und anderen behรถrdlichen Bewilligungen ohne jede dubiose Honorarzahlung an die Regierungsstellen, wie es damals รผblich war, bekommen haben.ยป

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ยซEs gibt andere Firmen, die glรคnzen mehr durch rasche und hรถchst umfangreiche Philosophieerklรคrungen. Da ist Holcim relativ zurรผckhaltendยป, resรผmiert VR-Obmann Rolf Soiron. ยซWenn man aber einmal eine Philosophie als richtig erkannt hat โ€“ bei Zementern geht das im Allgemeinen relativ lang โ€“, dann wird diese auch implementiert. Schliesslich handelt es sich um Ingenieure.ยป Dass man fรผr Projekte in der Dritten Welt zuweilen lokale Berater benรถtigt, ist in den Augen seines CEO Markus Akermann sonnenklar. Ebenso klar ist fรผr ihn allerdings auch, dass derartige Beratungsleistungen mรถglichst ยซeng definiert und schriftlich festgehaltenยป werden mรผssen. ยซWas dahinter passiert, weiss ich nicht und kann ich auch nicht wissenยป, deklariert der Konzernchef ohne falsche Sentimentalitรคt. Das sei auch gar nicht seine Aufgabe.
Selbst bei einem der momentan grรถssten und wichtigsten Bauvorhaben in Mexico City, der Errichtung eines neuen Highway-Abschnitts im Sรผden der Stadt, sei es trotz notorischer Korruptionsanfรคlligkeit der Mexikaner bisher zu keinerlei Schmiergeldzahlungen gekommen, beteuern nicht zuletzt die Mitarbeiter vor Ort.
Auf einer Lรคnge von zehn Kilometern werden gegenwรคrtig beidseits der zu errichtenden Schnellstrasse massive, eisenverstรคrkte Betonpfeiler in den Boden gerammt. Auf diese Stelzen kommen sodann riesige Fertigbetonelemente zu liegen. Fรผr den Guss von Hunderten solcher Tragpfeiler sind gewaltige Mengen der Spezifikation CPO 40R von Apasco gefragt โ€“ ein Spezialbeton, der bereits nach 24 Stunden abbindet und einem Druck von bis zu 450 Kilogramm pro Quadratzentimenter standhรคlt: 126 000 Kubikmeter der grauen, schnell zu verarbeitenden Masse, die auf dem mexikanischen Markt sonst keiner anbietet, kann Apasco allein fรผr den aktuell in Bau befindlichen Highway-Abschnitt liefern. Macht 15 750 Lastwagenladungen oder 30 nigelnagelneue, mit dem Holcim-Logo bepinselte Transportbeton-Mischer, die, randvoll mit dem margentrรคchtigen Baustoff beladen, theoretisch ohne jeglichen Stau und ohne Verzรถgerung รผber einen Monat lang ununterbrochen zur Baustelle pendeln wรผrden.

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ยซUnsere Wettbewerbsvorteile sind Zuverlรคssigkeit und Qualitรคtยป, รคussert der Transportbeton-Chef von Apasco mit breitem Grinsen und schiebt sich den weissen Schutzhelm aus der schweissnassen Stirn. Von freien Verkehrswegen kann Rafael Alducin Perรฉz bisher nur trรคumen.

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